29.01.2009 · Wissenschaftler haben herausgefunden: Bessere Luft steigert die Lebenserwartung. Gute Aussichten also für die Menschen in Deutschland, denn 2008 sind die Feinstaub-Werte erneut gesunken. Das liegt jedoch mehr am Wetter als an den neuen Umweltzonen, wie das Beispiel Stuttgart zeigt.
Von Rüdiger SoldtBessere Luft und weniger Feinstaub können die Lebenserwartung steigern - das haben amerikanische Wissenschaftler gerade herausgefunden. Eine Verringerung der Feinstaubemissionen um zehn Millionstel Gramm (zehn Mikrogramm) pro Kubikmeter Luft verlängere die Lebenserwartung um mehr als ein halbes Jahr. Demnach müssten die Deutschen bald noch länger leben, denn die Feinstaubwerte sind 2008 abermals gesunken.
Als Grund nennt das Bundesumweltamt vor allem das Wetter: Windarme Hochdruckgebiete seien seltener, Gewitter und Starkregen häufiger aufgetreten. Bei Inversionswetterlagen schiebt sich eine Warmluft- über eine Kaltluftschicht, so dass die Abgase nur langsam abziehen. Einen geringen Einfluss auf die besseren Werte könnte auch die Modernisierung der Fahrzeuge haben: Die Zahl der Diesel-Fahrzeuge mit Rußfilter hat seit Beginn der regelmäßigen Feinstaubmessungen an 421 Stationen im Jahr 2000 zugenommen.
Keine Entwarnung
Entwarnung wird aber nicht gegeben. Das zeigt das Beispiel Stuttgart: An der Kreuzung Neckartor in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist nun schon im vierten Jahr in Folge der höchste Feinstaubwert in Deutschland gemessen worden. Die Kreuzung im Talkessel ist stark befahren, der Platz ist dicht bebaut. An der Messstelle Neckartor wurde der EU-Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahr 2008 an 89 Tagen überschritten. 2005 war dort der EU-Grenzwert sogar an 187 Tagen überschritten worden. Die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) sagt, die Schadstoffwerte seien „weiterhin besorgniserregend hoch“. Das gelte auch für das ebenfalls ge- sundheitsschädliche Stickstoffdioxid, für das erst von 2010 an ein verbindlicher EU-Grenzwert vorgeschrieben sei.
In 32 deutschen Städten gibt es mittlerweile Umweltzonen. Zu Jahresbeginn kamen Bremen, Karlsruhe, Augsburg, Heilbronn, Herrenberg, Mühlacker, Pforzheim und Ulm hinzu. In Osnabrück, Heidelberg, Freiburg, Düsseldorf und Wuppertal sind Umweltzonen geplant. Diese Zonen dürfen nur dann mit dem Auto befahren werden, wenn an der Windschutzscheibe eine rote, gelbe oder grüne Plakette klebt. Bei Verstoß gegen die Vorschrift droht ein Bußgeld von 40 Euro. Autos mit sehr schlechten Abgaswerten dürfen schon jetzt nicht mehr in die Feinstaubzonen.
Nur selten Fahrverbote
Die Feinstaubbelastung geht aber an Messpunkten wie dem Stuttgarter Neckartor auch deshalb nur langsam zurück, weil die Städte vor drastischen Verkehrseinschränkungen zurückschrecken. So könnten sie etwa die Durchfahrt von Lastwagen oder Autos mit einer roten Plakette verbieten. Zudem sind Ausnahmegenehmigungen für Fahrzeuge ohne Plakette oft großzügig erteilt worden. Nur in Hannover ist Fahrzeugen mit roter Plakette die Fahrt durch die Innenstadt schon jetzt untersagt. Ansonsten wollen das Fahrverbot für Autos mit roter Plakette, das in Baden-Württemberg erst von 2012 an vorgesehen ist, nur wenige Städte vorziehen.
In Stuttgart fordern einige Anwohner am Neckartor jetzt, die Stadt müsse ein Tempolimit und ein Durchfahrtverbot für Lastwagen erlassen. Das Ordnungsamt prüft, ob dann nicht angrenzende Straßen um so stärker belastet würden. Ob im Südwesten die Feinstaubbelastung sinkt und die Lebenserwartung steigt, hängt auch mit anderen politischen Erwägungen zusammen. Es ist nämlich damit zu rechnen, dass sich Kommunalpolitiker in nächster Zeit zurückhaltend für die Einrichtung weiterer Umweltzonen einsetzen werden – im Sommer sind Kommunalwahlen.