21.09.2008 · Zwanziger-Jahre-Partys feiern in Berlin ihre Wiederkehr. Frauen tauschen Fleecejacke gegen Fransenkleid. Und Männer tragen Gamaschen. Mit falschen Namen und Charakteren geht es durch den Abend.
Von Christina HucklenbroichDies sind die letzten sorglosen Tage vor dem großen Börsencrash. Wir schreiben das Jahr 1928. Ein Jahr noch bis zum Schwarzen Freitag. Dann wird unter den Anlegern in New York Panik ausbrechen und die Weltwirtschaftskrise beginnen. Auf den Tischen im Grünen Salon der Volksbühne liegt das "Berliner Tageblatt" vom 18. September 1928 aus. Die Titelgeschichte: "Vereinigte Staaten und Reparationsfrage". Einige Paare tanzen zu Charlestonmusik. Die Männer tragen Frack, Zylinder und schmale Menjou-Bärtchen, die Frauen Fransenkleider, Perlenketten und Federboas. Im Hinterzimmer setzt eine junge Frau mit platinblonder Wasserwelle ein Vermögen beim Roulette. In einem Separee, das ein transparenter Vorhang abteilt, laufen erotische Stummfilme. Conférencier Coco legt auf der Bühne eine Steppeinlage hin.
"Irgendwo muss auch Cocos Halbschwester Chloé herumlaufen", sagt Vincent von Verden, ein vornehm gekleideter Berliner Delikatessenhändler. "Chloé kommt aus Paris", sagt von Verden, und tatsächlich spricht die schwarzhaarige Bohèmedame mit Akzent, als sie vor dem Blackjacktisch auftaucht und aus ihrem Bauchladen Zigarren, Schokolade, Zigarettenspitzen, Hosenträger und Perlen für die Dame feilbietet. "Eigentlich kommt sie natürlich auch aus Berlin", sagt der Feinkosthändler. "Aber so ist halt das Spiel."
Salon im Stil der Zwanziger
Das Spiel? Es ist Samstagabend, der 20. September 2008, im Grünen Salon in Berlin-Mitte. Vincent von Verden heißt im wirklichen Leben Tom Folwarkow und organisiert die Pressearbeit für "Bohème Sauvage", eine Veranstaltungsagentur für Zwanziger-Jahre-Partys. Seit zwei Jahren wird einmal im Monat eine Party in wechselnden Etablissements in Berlin angeboten. Die Gründerin, die 27 Jahre alte Performance-Künstlerin Inga Jacob, begann vor vier Jahren damit, für Freunde und Bekannte in ihrer Wohnung einen Salon im Stil der Zwanziger zu geben. Schon damals nahm die Gastgeberin gerne die Identität von Else Edelstahl an: "Else", so Jacob, "ist eine Lebenskünstlerin, die man kennen muss, wenn man es in der Berliner Bohème-Szene zu etwas bringen will."
Seit die Salons zu "Bohème Sauvage" wurden, muss man mit Else nicht mehr persönlich bekannt sein. 300 bis 600 Gäste kommen zu den Festen, die etwa 12 Euro Eintritt kosten. "Schon während der privaten Salons hatten alle Gäste Spielnamen und Spielcharaktere", sagt Inga Jacob. Das macht für viele Besucher bis heute den Reiz aus. Der 28 Jahre alte Christian, im wirklichen Leben Wirtschaftsprüfer, schlüpft für die Samstagnacht in die Rolle des Berliner Advokaten Christian de Borneo. Der 29 Jahre alte Opernsänger Alexander wird für ein paar Stunden der junge Freiherr von Schlittow aus Mecklenburg-Strelitz: "Der Freiherr bringt das Erbe seines Vaters durch."
Kostümverleihe erste Anlaufstelle
Mit dieser Sehnsucht nach Abenteuer und Überfluss, die man bei der "Bohème Sauvage" eine Nacht lang ausleben kann, ist Alexander nicht allein: Viele Männer stellen sich als junge Adelige vor, die das Geld ihrer Familie verprassen. Zu ihnen gehört auch Stefan, 35, Tischlermeister, der in einem selbst geschneiderten Anzug aus silbernem Seidendamast an der Absinthbar lehnt. "Der Graf ist ein Dandy und lebt von den Apanagen seiner Familie", sagt er über seine Rolle. Stefan ist ein Veteran des Salons, der vor vier Jahren bei Else Edelstahl begann. "Auf den öffentlichen Partys verflacht der eigentliche Gedanke, denn es geht hier nur um Amüsement auf einer breiten Basis", kritisiert er. "Bei den privaten Salons wurde ein Datum gesetzt, zum Beispiel die Eröffnung der Funkausstellung 1924, und alle Gäste hatten sich vorher belesen, um nur über das Konversation zu betreiben, was bis zu diesem Zeitpunkt historisch wirklich passiert war." Dazu gehört auch, zwischen den "Wilden Zwanzigern" der Inflationszeit zu unterscheiden und der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, den "Goldenen Zwanzigern", als zu Exzessen, künstlerischer Blüte und Freiheitsdrang ein leichter Wirtschaftsaufschwung kam. Die Kommerzialisierung wundert Stefan aber auch nicht: "Es gab schon vorher eine große Zwanziger-Jahre-Szene in Berlin, die sich jetzt mit eben mit den familiären Salons von Fräulein Edelstahl vermischt."
Wenn die Zwanziger-Jahre-Szene eine Gesellschaft oder einen Salon plant, merken das vor allem die Kostümverleihe in Berlin. "Die Damen wollen Charlestonkleider, Boas und Kopfreifen mit Federn", sagt Antje Schrader, Kostümmeisterin des DDR-Fernsehfundus in Adlershof. "Für die Herren müssen es gestreifte Anzüge sein. Auch Gangsterhüte und Gamaschen nehmen sie gerne." Bei "Bonnie und Kleid" in Kreuzberg haben die Kunden ähnliche Wünsche. In dem kleinen Laden im Halbparterre suchen die Studentinnen Elisa und Regina nur wenige Stunden vor Beginn der "Bohème Sauvage" ein passendes Ensemble. Noch tragen die Fünfundzwanzigjährigen Fleecejacken, Röhrenjeans und Turnschuhe; damit würden sie aber beim Einlass der "mondänen Gesellschaft" abgewiesen. Die Entscheidung für ein lilafarbenes Charlestonkleid fällt schnell. Bei den Schuhen müssen sie länger überlegen: Man sollte sich auf ihnen auch nach dem zweiten Glas Absinth noch halten können.
Der Absinth - echt oder nicht echt?
Überhaupt, der Absinth. In den Ecken des Grünen Salons hört man die Partygäste raunen: "Das ist ja gar kein echter. Echter Absinth ist doch verboten!" Der, über den Hemingway in Romanen und im Tagebuch schwärmerisch schrieb ("War gestern abend auf Absinth") und mit dem sich viele Künstler um den Verstand soffen, der ist es natürlich nicht. Er wurde schon vor den "Goldenen Zwanzigern" verboten und dann nur noch schwarz gebrannt. Der hohe Gehalt an Wermut, hieß es, könne Wahnvorstellungen auslösen. Verboten ist Absinth heute nicht mehr, aber seine Zusammensetzung wird reglementiert. Bei der "Bohème Sauvage" gibt es ihn mit und ohne Anisgeschmack. Stilecht wird er durch ein Stück Zucker hindurch eingegossen, das auf einem Löffel über dem Glas liegt. Die Bardamen zünden den durchtränkten Zucker an, der in einer blauen Flamme karamellisiert, bevor er in den Absinth eingerührt wird. Dann füllt man das Getränk mit Wasser auf.
Es ist fast eins, als Medizinstudent Baran und Lehramtsstudentin Silja ihre Jacken an der Garderobe abholen. Die letzten sind sie nicht: Bis zum frühen Morgen dauert eine Gesellschaft der "Bohème Sauvage". Dann wird das rote Licht gelöscht, und Stunden später müssen unzählige schwarze, rote und pinkfarbene Federn von der Tanzfläche gekehrt werden, weil sie sich beim Charleston aus den Boas gelöst haben. "War mal was anderes, nicht so eine Mainstream-Party wie sonst in Berlin", sagt Baran. Silja fand es gut, dass es einen Charleston-Einführungskurs gab und so viele Männer getanzt haben. Den Bühnenauftritt von Robert Kreis um Mitternacht haben sie auch noch gesehen. Der Kabarettist schmetterte Schlager und belebte die Verse wieder, mit denen man sich am Ende der Goldenen Zwanziger über die Finanzkrise hinwegtrösten wollte: "Und wenn die Börsen krachen, mach ich aus meinen Aktien Drachen - um sie ein letztes Mal steigen zu sehen."
Christina Hucklenbroich Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“
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