11.04.2006 · Der intensiven Erforschung der Venus steht nichts mehr im Wege. Die Esa hat ihre Sonde „Venus Express“ erfolgreich in eine Umlaufbahn um den sogenannten Morgenstern gebracht. Nun soll der Planet seine Geheimnisse preisgeben.
Von Dieter Hoß„Next stop: Venus!“ Schon das freche Motto, unter dem die Europäische Raumfahrtagentur Esa im November ihre Mission zum zweiten Planeten des Sonnensystems startete, klang selbstbewußt: „Wir machen das, wir fliegen mal eben zur Venus rüber“, suggerierte der Spruch. Und wirklich: Fünf Monate und 400 Millionen Kilometer Wegstrecke später umrundet der Forschungssatellit „Venus Express“ seinen Zielplaneten - nach einem reibungslosen Flug und einem präzisen Bremsmanöver. „Venus hat uns eingefangen“, jubelte Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain am Dienstag morgen im Missionskontrollzentrum Esoc in Darmstadt. „Das ist ein großer Erfolg!“
Gezweifelt hatte an diesem Erfolg kaum jemand. Selbst die Nervösesten konnten sich kaum vorstellen, daß der 220 Millionen Euro teure Satellit den Planeten wirklich verfehlen und verlorengehen könnte. „Wir sind alle sehr zuversichtlich, wir machen das nicht zum ersten Mal“, sagte „Venus Express“-Flugleiter Manfred Warhaut noch während der kritischen Phase des Abbremsens der Sonde fest - und er sollte recht behalten.
„Wir können nur Gas geben“
Dabei war es kein Kinderspiel, den 1,2 Tonnen schweren Forschungssatelliten so präzise abzubremsen, daß er in eine Umlaufbahn um den Planeten einschwenkte. Der mit 29000 Kilometern in der Stunde dahinrasende „Venus Express“ mußte erst einmal um seine eigene Achse gedreht werden, so daß die Triebwerke nach vorne zeigten. „Wir können nur Gas geben“, sagte Missions-Wissenschaftler Detlef Koschny. „Deshalb müssen wir die Richtung ändern, um zu bremsen.“ Der Gegenschub reichte tatsächlich aus, um die Geschwindigkeit des Raumschiffs um rund 15 Prozent auf etwa 24500 Kilometer in der Stunde zu verringern - gerade genug, daß der Esa-Satellit durch die Schwerkraft der Venus eingefangen und in einen weiten elliptischen Orbit gezwungen wurde. Sobald „Venus Express“ nach weiteren Justierungen seine endgültige Umlaufbahn erreicht hat, kann vom 7. Mai an die eigentliche wissenschaftliche Mission beginnen.
Klären wollen die an der Mission beteiligten Forscher dabei vor allem, warum die Schwesterplaneten Venus und Erde sich im Laufe der Zeit so unterschiedlich entwickelt haben. Warum brachte unser Planet Leben hervor, während die Venus zu einem Vorhof der Hölle wurde? Bei Temperaturen von mehr als 400 Grad Celsius an der Oberfläche mag kaum ein Fachmann an die Existenz von Leben. Erkenntnisse über die weit fortgeschrittene Treibhausatmosphäre der Venus könnten helfen, dem sich in ähnlicher Weise auf der Erde abzeichnenden Klimawandel entgegenzuwirken. „Wir sind allerdings noch weit von Zuständen wie auf der Venus entfernt“, beruhigte Frederic Taylor, Planetenforscher der Universität Oxford, einer der an der Mission beteiligten Wissenschaftler.
Führend bei der Erforschung des Sonnensystems
Rund 500 Tage - etwa zwei Venus-Jahre - wird „Venus Express“ den Morgenstern in einem Abstand zwischen 250 und 66.000 Kilometern umrunden. Die erste Nahaufnahme der milchig-gelben, von einer dicken und sturmzerzausten Wolkendecke umgebenen Kugel wird am Donnerstag erwartet. Solche Fotos sollen unser Bild vom sonnennäheren Nachbarn der Erde grundlegend ändern. „Ich habe keinen Grund anzunehmen, daß die Mission nicht auch wissenschaftlich erfolgreich sein wird“, sagte Esa-Direktor Dordain der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dem technologischen, politischen und planerischen Erfolg will er einen weiteren hinzufügen. Die europäische Raumfahrt sei nun führend in der Erforschung des Sonnensystems.
„Wir sind die einzige Raumfahrtorganisation, die gleichzeitig an fünf Himmelskörpern vertreten ist.“ Möglicherweise erzielten die Europäer bei ihren aktuellen Missionen an Venus, Mars oder Mond sogar einen größeren wissenschaftlichen Fortschritt als die Amerikaner, obwohl die Nasa weitaus mehr Missionen unterhält und, so Dordain, „wunderbare Dinge“ macht. Entscheidend sei aber, betonte der Esa-Direktor, daß die Esa sich zu einem Partner entwickelt habe, an dem man bei Raumfahrt-Vorhaben nicht mehr vorbeikomme. Auch Esa-Wissenschaftsdirektor David Southwood ist zuversichtlich: „Wir sind längst erwachsen!“ Mit solchem Selbstbewußtsein wollen die europäischen Raumfahrer bei den Planeten, unserem Sonnensystem, ja selbst bei unserer Milchstraße nicht haltmachen. Also: „Next stop: Universe?“ Venus sei nur ein Schritt in diese Richtung, sagte Southwood. „Aber der ist spektakulär!“