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FAZ.NET-Spezial Nachrichten aus der Hitzekammer

27.07.2006 ·  Diese Hitze! Nichts ist so wie es immer ist. Während wir uns fragen, ob der Sommer 2006 den angeblichen Jahrhundertsommer 2003 übertrumpfen kann, geschehen Dinge, die so nur bei Backofentemperaturen geschehen. Nachrichten aus der Hitzekammer.

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Diese Hitze! Nichts ist so wie es immer ist. Während wir uns fragen, ob der Sommer 2006 den angeblichen Jahrhundertsommer 2003 übertrumpfen kann, geschehen Dinge, die so nur bei Backofentemperaturen geschehen. Nachrichten aus der Hitzekammer.

Wir sind Südeuropa

Der überfällige Vorstoß, die Mittagspause in der Sommerhitze ein wenig zu verlängern, kommt nun doch nicht von der Gewerkschaft der Straßenarbeiter, sondern aus der Politik: Einzelne Abgeordnete plädieren für eine Siesta - eine Mittagspause wie in Italien oder Spanien. SPD-Politiker Klaus-Uwe Benneter plädiert für eine Siesta von 12 bis 16 Uhr. Seine Begründung rückt die Länder der EU wieder ein wenig näher zusammen: „Auch wir in Mitteleuropa müssen uns langfristig auf ein Klima wie in Südeuropa einstellen“, sagte er in einem Zeitungsinterview. Auch Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele unterstützt den Vorschlag: „Wir sollten künftig mit der Sommerzeit mittags auch eine anderthalb- bis zweistündige Siesta einführen. Die Menschen könnten mittags ein kleines Schläfchen wagen und dann mit besonderer Frische abends länger arbeiten.“

Frauenkirche gut geheizt

Wer glaubt, in diesen Tagen hinter den dicken Mauern der Dresdner Frauenkirche Kühlung zu finden, wird enttäuscht. In dem Barockbau herrschen ähnlich erdrückende Temperaturen wie draußen. Schuld daran sind die bis zu 10.000 Gäste, die den größten Sandsteinbau der Welt jeden Tag kräftig von innen aufheizen. Jeder Besucher, sagt Baudirektor Eberhard Burger, bringe 100 bis 150 Watt Leistung mit in das lutherische Gotteshaus. Weil die Stiftung Frauenkirche den Besucherstrom nicht bremsen möchte, plant sie den Einbau einer Klimaanlage. Für den Winter ist das Haus übrigens besser gerüstet: An den Einbau einer Heizung hatte man rechtzeitig gedacht.

Karpfen mögen's warm

Nach Angaben des Umweltbundesamts kommen Fische besser mit der Hitze zurecht als Menschen. Eine Überraschung ist das nicht, schließlich sind jene den ganzen Tag am Baden, während diese allenfalls mal ins Schwimmen kommen. Fisch ist aber nicht gleich Fisch: Karpfen etwa sollen sich in warmem Gewässer weitaus wohler fühlen als Forellen. Und ehrlich gesagt: So schmecken sie auch.

Training in der Sauna

Wer groß werden will, muß klein anfangen. Wer in der Ebene schnell laufen möchte, muß dafür in der Höhe üben. Und wer für die Kälte gewappnet sein will, muß sich regelmäßig extremer Hitze aussetzen. Diese Dialektik scheint im Hochsommer außer Kraft gesetzt. Wer sich der Hitze zu stellen gedenkt, solle sich darauf nicht im Kühlhaus vorbereiten, sondern - in der Sauna. Das jedenfalls behauptet der Geschäftsführer des Deutschen Sauna-Bundes. In Stralsund, wo jüngst noch Angela Merkel und George Bush schwitzten, hat man schon gehandelt. Im August finden dort die Deutschen Saunameisterschaften statt.

Verreiste Spender

Der Mangel an Blutkonserven ist nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes so dramatisch wie seit Jahren nicht mehr. Ein Grund: Viele wollen wegen der Hitze kein Blut abgeben oder weilen in Urlaubsländern wie Italien oder Spanien. Dabei mangelt es gerade diesen Ländern nicht an Blutkonserven. Italien hat Doktor Ferrari und Doktor Conconi, in Spanien reicht zur Zeit ein Gang zur Guardia Civil, wo man sich sogar mit hämoglobinreichem Sportlerblut eindecken kann: unter anderem von einem deutschen Spender, auf den wiederum hierzulande die Ärzte vergeblich warten.

Beeren-Streß

Abhängen und die Seele baumeln lassen ist nicht das schlechteste, um mit der Hitze zurechtzukommen. Sollte man meinen. Stimmt aber nicht. Die Heidelbeeren etwa, die in und um Potsdam reifen und noch genug haben dürften von dem ganzen WM-Trubel, sind nach Meinung örtlicher Fachleute im Hitzestreß und reiften daher nicht mit gewohntem Tempo nach. Ist Rumstehen also doch besser? Vom Potsdamer Baum hat man in den vergangenen Tagen jedenfalls nichts Negatives gehört.

Wiener Waggons

Die „Wiener Linien“ besitzen zehn neue, vollklimatisierte U-Bahn-Garnituren. Doch die „V-Wagen“ stehen trotz mehr als dreißig Hitzegraden ungenutzt in der hauptstädtischen Remise. Vor einer Woche schon sollten sie eigentlich auf die Gleise geschickt werden, allein: Das Arbeitsinspektorat erhob dagegen Einspruch. Der Verkehrsminister meldete sich höchstselbst zu Wort, weil Kritik daran laut ward: „Evakuierungspläne und Brandschutzmaßnahmen in öffentlichen Transportmitteln sind seit der Kaprun-Katastrophe zu Recht noch mehr in den Mittelpunkt von Genehmigungsverfahren gerückt“, sagte er. Doch nach einem „klärenden Spitzengespräch“ von Vertretern beteiligter Instanzen kommt jetzt Bewegung in den amtlich verordneten Stillstand. Spätestens am 2. September sollen die „V-Wagen“ in Regulärbetrieb übernommen werden. Bis dahin dürften sich alle Hitzewallungen weitgehend verflüchtigen.

„Ernte 06“ wird nichts

Die Zigarettenmarke „Ernte 23“ verdankt ihren Namen einer Tabakjahrhunderternte aus ebendiesem Jahr. Eine Marke „Ernte 06“ wird es wohl nicht geben: Südbadens Tabakpflanzern etwa drohen durch die Hitze dramatische Ernteausfälle von bis zu 50 Prozent. Das paßt auch ins politische Klima.

Kondome kühlen

Väter, die zu ihrem Kind wie die Jungfrau gekommen sind, hätten es gern früher gewußt: Kondome sind temperaturempfindlich. Einige Hersteller warnen deshalb davor, die 0,06 Millimeter dünnen Präservative der Hitze der Nacht oder gar des Tages auszuliefern. Nicht die Hosentasche sei der geeignete Lagerplatz, sondern der Kühlschrank. Den hat man abends nur meistens nicht dabei.

Mehr Wale vor Schottland

Vor der schottischen Küste werden zur Zeit deutlich mehr Wale gesichtet als sonst üblich. Was andernorts Wal-Liebhaber wie Wal-Fänger gleichermaßen verzücken würde, versetzt hier Wissenschaftler in Alarmbereitschaft. Die größere Zahl der Säuger vor Schottland „reflektiert wahrscheinlich die Erwärmung der Meeresoberfläche“, sagt ein Fachmann der „Sea Watch Foundation“. Die paneuropäische Hitzewelle, die auch noch intelligentere Lebewesen in die Ferne treibt, tut ihr übriges.

„Ring“ nicht in Shorts

Seit Christoph Schlingensief in Bayreuth inszeniert hat, dürfte den ohnedies skandalkundigen Herren und Damen des Grünen Hügels nichts Menschliches mehr fremd sein. Christian Thielemann will dennoch nicht in kurzen Hosen den „Ring“ dirigieren, auch wenn er beim Gedanken an die hohen Temperaturen die Lust an seinem Beruf verliere. Schade - er hätte dem modischen Outlaw Thomas Gottschalk die Schau stehlen können.

Kaltblütig

Auf einer der Internetseiten des Deutschen Wetterdienstes werden für die Mitte Deutschlands gefühlte Temperaturen von mehr als 34 Grad prognostiziert. Rechts daneben springt ein Werbebanner auf. Es ist tagesaktuell. Oben stehen Annoncen für Sterbegeldversicherungen. Darunter hat „bestattungsvorsorge.de“ eine Anzeige plaziert und verspricht „günstige Beiträge seit 130 Jahren“. Ziemlich kaltblütig für diese Hitze.

Quelle: cpm. / tifr. / itz. / R.O.
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