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Donnerstag, 16. Februar 2012
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FAZ.NET-Spezial: Der Moshammer-Mord Der Herr mit dem Hündchen

16.01.2005 ·  München leuchtet ein bißchen weniger. Seine sorgsam angelegte Rüstung aus Farbe, Haaren, feinem Stoff und Schmuck wird ihn nun nicht mehr schützen. Erinnerung an Rudolph Moshammer.

Von Eva Demski
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Es war das schrecklich falsche Ende eines sorgfältig inszenierten Lebens. Auch seine Verächter, von denen es viele gab, werden spüren, daß die figurenreiche Bühne München einen ihrer liebenswürdigsten Darsteller verloren hat. Allein sein Anblick! Das entschlossen rabenschwarze König-Ludwig-der-Zweite-Haupt mit den diabolisch eingefärbten Augenbrauen, unter denen sehr blaue Augen herausguckten, der stets elegant verpackte, bajuwarisch gestandene Leib, das kristallig-seidige Interieur seines Ladens auf der Maximilianstraße: wahrscheinlich war Rudolph Moshammer der Mensch mit der deutschlandweit größten Wiedererkennbarkeit.

Man brauchte gar nicht zu wissen, was er tat, und viele wußten es tatsächlich nicht. Für sie war er dieser schräge Typ mit der Frisur und dem Hündchen. Als seine Mutter Else noch lebte, war er der schräge Typ mit der winzigen blauhaarigen Mama und dem Hündchen. Das unvergeßliche Trio wurde im Fasching gern kopiert, mit einem Wischmop als Daisy.

Er liebte das 18. Jahrhundert

Das achtzehnte Jahrhundert sei sein liebstes, sagte der überall bekannte Moshammer, von dem man ziemlich wenig wußte. Gerüchte, die natürlich. Sie hatten mit seiner verborgenen Seite zu tun. In einem Interview sagte er, um eine gute Ehe zu führen, arbeite er zu viel, und dabei schaute er ernst und freundlich drein, und kein Härchen stand ihm zu Berge. Er war ein verblüffend gescheiter und sachlicher Gesprächspartner und hatte eine klammheimliche Freude daran, unterschätzt zu werden. Auf meine Frage, was er denke, wenn man über ihn lächle, sagte er, es könnte doch ruhig viel mehr gelächelt werden, meinen Sie nicht?

Er hatte kräftige Arbeiterhände und ließ den Mokka in winzigen Täßchen servieren, die wie das heftig boudoirartige Interieur des Ladens in der Maximilianstraße nicht recht zu ihm paßten. Die Straße wird jetzt ärmer sein, und der ausgestellte Luxus wird ohne die Anwesenheit des Hauptdarstellers hinter seinen Fenstern banal und fade aussehen.
Die Haute Couture mochte er nicht: Was ham d' Frauen denn vom schönsten Minirock, sagte er milde, wenn halt die Füß' nicht danach sind! Das Zeug macht normale Menschen nur traurig, weil's ihnen nicht paßt. Und Mode muß den Menschen stark machen, ja, das muß sie.

Engagement für Obdachlose

Er hatte Menschen gern, und es gelang mir nie, ihm irgendwelche hübschen und bösen Klatschgeschichten zu entlocken. Noch die unmöglichsten Yellow-press-Bewohner hatten einen Platz in seinem Herzen, und er fand freundliche Worte für sie. Sein Engagement für die Obdachlosen der Stadt, für die auch die patente Mama gesorgt hatte, wird jetzt, nach seinem häßlichen Tod, auf seine Ernsthaftigkeit überprüft werden - und man wird Moshammers weltabgewandte Seiten ausleuchten. So ist es üblich, wenn sich einer nicht mehr wehren kann. Seine täglich sorgfältig angelegte Rüstung aus Farbe, Haaren, feinem Stoff und Schmuck wird ihn nun nicht mehr schützen.

Die Obdachlosen liebte er wirklich und trug damit seinem Vater die Liebe nach. Das sind Menschen, sagte er zu mir, die haben den Schlüssel zum Nest verloren. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Keinen Ort mehr zu haben - dieser Gedanke versetzte ihn in leise Panik. Man braucht Geld, sagte er, damit man sich im Alter Hilfe kaufen kann.

Mit „Original“ nur dürftig beschrieben

Er mochte keine Orden, Bigotterie war ihm verhaßt, und Dünkel fand er eine Todsünde. Sein Hündchen, die Mama und das Leben liebte er sehr. Seine Wohltätigkeit war von jener katholisch-lateinischen Art, die den Bedürftigen ganz und gar nicht ähnlich sein will, sie aber so respektiert, wie sie sind. Evita Peron, die den "descamisados", den Hemdlosen, schöne Häuser nur zum Anschauen baute, imponierte ihm.

Moshammer gehörte zu einer aussterbenden Menschensorte, die mit dem Wort "Original" nur dürftig beschrieben ist. Er war ein Legendenbildner, ein ganz öffentlicher Mensch, der sich hinter seiner Unverwechselbarkeit gut zu verstecken wußte. Ich hoffe, daß die Welt ihm jetzt nicht alle seine Geheimnisse entreißt. Es hätte ihm gar nicht gefallen, daß er am Tag seines Todes in wenigen Stunden fünf Jahre älter geworden ist.

München leuchtet jetzt ein bißchen weniger.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.01.2005, Nr. 2 / Seite 14
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