08.05.2006 · Sie sind jung, haben es zu etwas gebracht, engagieren sich in der CDU und sagen zum Elterngeld: nein danke, nicht für uns: Viele moderne Familien leben lieber nach einem tradierten Familienbild.
Von Cornelia von WrangelYvonne Kinet ist es gleichgültig, wenn jemand sie altmodisch findet. Und wenn schon, schließlich war es ihre Entscheidung, so zu leben, wie sie es gerade tut: Zweimal in der Woche geht sie mit Tochter Luise zu Krabbelkreisen und einmal in der Woche zum Kinderturnen. Sie strebt auch schon morgens auf den Spielplatz, wenn es noch schön leer ist, die Ausläufer der Niddawiesen unten an der Höllbergstraße im Frankfurter Stadtteil Eschersheim noch nicht überbevölkert sind.
Konrad ist dann mit dabei. Er zählt knappe acht Monate. Seine Schwester Luise ist zweieinhalb. Yvonne Kinet bezeichnet diese Lebensform als „Luxus“ - als den Luxus, Tochter und Sohn heranwachsen zu sehen. Gäbe es das Elterngeld schon - die junge Mutter würde trotzdem zu Hause bleiben.
Dabei hat sich Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen wahrhaftig ins Zeug gelegt, hat manchen Strauß ausgefochten mit Parteifreunden aus der CDU und Skeptikern aus der CSU, hat für ein Familienbild gestritten, das da heißt: Moderne junge Frauen wollen nach der Geburt schnell wieder in den Beruf zurück, auch die Väter sollen gefälligst ihren Part an der Wickelkommode übernehmen und eine Babypause im Beruf einlegen. Mindestens zwei Monate lang, um in den vollen Genuß des Elterngeldes zu kommen.
„Die Realität ist heute ganz anders“
Sie sind noch jung, haben es zu etwas gebracht, engagieren sich in der CDU und sagen zum Elterngeld: nein danke, nicht für uns. Yvonne Kinet, 32 Jahre, leitet in Frankfurt den Eschersheimer Stadtbezirksverband ihrer Partei, engagiert sich in der Frauenunion, macht mit im Frankfurter Kreisvorstand und im hessischen Landesvorstand. Sie definiert sich nicht übers Muttersein und ist dennoch eine Vollzeit-Mutter. „Das Elterngeld rechnet sich für uns auch nicht“, sagt die Ärztin in der Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin, deren Mann bei einer Bank arbeitet. Ein Klinikjahr und drei Jahre in Praxen fehlen ihr noch. Später einmal möchte sie selbst eine Praxis haben. Denn in ihren Beruf zurückzukehren, das steht für sie außer Frage. Aber jetzt 67 Prozent vom letzten Gehalt - „das wäre eine verschwindend geringe Summe“.
Bruno ist drei Jahre alt und hat den CDU-Landtagsabgeordneten Boris Rhein zum Vater: 34 Jahre, gelernter Anwalt und designierter Frankfurter Ordnungsdezernent. Rhein ist zwar Anhänger des Elterngeldes, wie er sagt, selbst wenn er einen Steuerfreibetrag von 8000 Euro je Kind für eine noch bessere Unterstützung von Eltern hält. Er versteht auch nicht die anfängliche Kritik daran aus Kreisen der Union. „Viele in meiner Partei müssen sich noch daran gewöhnen, daß die Realität heute ganz anders ist“, meint er. Frauen seien nun einmal im Durchschnitt besser ausgebildet, deswegen könne man auf sie wirtschaftlich nicht verzichten. Gesellschaftlich auch nicht, fügt er hinzu.
Und? Würde er seiner Bundesministerin folgen und eine Pause für den Nachwuchs machen? Rhein druckst ein wenig herum. Für jemanden, der hauptberuflich politisch aktiv sei, „ist das ein bißchen schwierig“. Wenn er „nur“ Anwalt wäre, ja, dann würden ihm und seiner Frau sicherlich Wege einfallen. Dann hätten sie es damals nach der Geburt von Bruno auch anders regeln können, glaubt Rhein, dessen Frau Rechtsanwältin ist.
„Wir würden mit dem Geld nicht hinkommen“
So aber hat er keine Vätermonate genommen, war seine Frau, wie er erzählt, als Teilhaberin einer Kanzlei schon vier Wochen nach der Niederkunft wieder im Büro. Dann hat sie ihre Arbeit reduziert auf drei Tage in der Woche. So etwas sei aber nur möglich, wenn man selbständig sei, sagt Rhein. Die freie Wirtschaft nehme noch viel zuwenig Rücksicht auf die Bedürfnisse von Familien, schimpft er. Aber er hat den Eindruck, daß beim Familienmodell Rhein, das ein Au-pair-Mädchen mit einschließt, alle glücklich sind, das Kind und die Mutter auch, „weil sie arbeiten kann“. Und er sei viel mehr eingebunden in die Erziehung seines Sohnes, weil seine Frau eben nicht 24 Stunden am Tag zu Hause sei.
Bernhard Lorenz, 36 Jahre, Vorsitzender der CDU-Rathausfraktion in Wiesbaden, erwartet gerade sein drittes Kind. Termin ist der 26. Mai. Lorenz lebt ebenfalls nicht das von seiner Ministerin propagierte Familienbild. „Wir könnten das Elterngeld gar nicht in Anspruch nehmen“, sagt er und nennt neben finanziellen Gründen - „Wir würden mit dem Geld nicht hinkommen“ - seinen Beruf. Als Geschäftsführer sei es schwierig, „rauszugehen“. Und er sagt, Eltern müßten sich abstimmen, aber das größte Problem liege bei den Vätern. Viele würden gerne pausieren, hätten aber das Gefühl, das werde wiederum vom Arbeitgeber und den Kollegen nicht gewollt.
Lorenz hat zudem nach seinen Schilderungen eine Frau, für die die Familie an erster Stelle steht. Sie kommt aus der Slowakei, hat mit 23 Jahren ihr Diplom in Volkswirtschaft gemacht und in der IT-Branche gearbeitet. Sie habe von Anfang an gesagt, drei Jahre in Elternzeit gehen zu wollen. Lange hätten sie darüber diskutiert - David Leopold ist mittlerweile vier, seine Schwester Anna Katarina zwei. Seine Frau sei im Kommunismus aufgewachsen, sagt Lorenz, das Mißtrauen in die staatliche Kinderbetreuung sei ein sozialistisches Relikt bei ihr. Jetzt sei es eben so.
„Das mache ich als Vater“
Er sehe es gern, habe es jedoch nicht erwartet. Außerdem füllt Lorenz die Vaterrolle auf seine Weise: Er wecke die Kinder morgens, wasche sie, mache Frühstück und bringe sie in den Kindergarten. An zwei Abenden in der Woche sei er abends zu Hause, und an den Wochenenden nehme er seine Kinder zu Terminen mit. Auch zu Empfängen: „Das mache ich als Vater.“
Yvonne Kinet geht mit ihren Kindern viel raus an die frische Luft - zum Austoben, wie sie es nennt. Natürlich haben auch sie und ihr Mann damals darüber gesprochen, wie sie es nach der Geburt von Luise machen wollen. Aber sie fänden es beide wichtig, Kinder nicht zu früh in fremde Hände zu geben. Kinet will erst voll arbeiten, wenn Konrad im Kindergarten ist. So lange möchte sie ihren „Luxus“ auskosten. Denn daß Kinder auch Spaß machten, etwas Schönes seien, das wird ihrer Ansicht nach in der ganzen Debatte um Elterngeld und Kindermangel in Deutschland vergessen. Deswegen dreht sie sich für ihren Geschmack auch zu schnell ums „Wegorganisieren“ von Kindern.
Wenn schon „wegorganisiert“, dann bitte schön in Einrichtungen, die sich wirklich mit den Kindern beschäftigten und sie förderten, verlangt die Jungpolitikerin. Andererseits glaubt sie, daß in ihrer Partei gerade ein Generationenkampf ausgetragen wird. Weil die „Alten“ sich nicht vorstellen könnten, daß junge Frauen nicht umsonst studiert haben wollen. Wenn nun das dritte Kind käme? Yvonne Kinet würde sich wieder so entscheiden wie bei ihren ersten beiden. Ob das Elterngeld ein Anreiz wäre, dieses dritte Kind zu bekommen? Nein, sagt sie.
Cornelia von Wrangel Jahrgang 1951, redaktionelle Koordination der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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