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Familienplanung Der Kinderschreck

01.06.2004 ·  Das Land vergreist, der Nachwuchs fehlt. Aber wer ist schuld daran? Von zögerlichen Männern ist in der Debatte um Kinder-Mangel selten die Rede.

Von Anna v. Münchhausen
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Sabine Christiansen, Maybritt Illner, Sandra Maischberger. Angela Merkel, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Edelgard Bulmahn, Annette Schavan, Heide Simonis - was haben diese Frauen gemeinsam? Genau: Sie sind erfolgreiche Moderatorinnen, Parteifunktionäre und Ministerinnen. Und sie alle haben keine leiblichen Kinder. Das muß nicht unbedingt in einem Zusammenhang stehen. Aber machen wir die Gegenprobe: Fallen uns auf Anhieb ebenso viele bekannte Frauen ein, die auch Mutter sind? Seit einigen Tagen wird, angestoßen durch eine in den Medien frei ausgelegte Bemerkung des SPD-Europa-Kandidaten Vural Öger, die Kinderlosen-Debatte wieder vorangetrieben und beschleunigt durch das Wort von den "gebärfaulen Frauen".

Es gibt keinen idealen Zeitpunkt

Längst ist die Reproduktionsrate in Deutschland eine Zahl, die in Diskussionen mit allen Anzeichen des Entsetzens angeführt wird: Sie liegt bei 1,3. Das bedeutet, daß 100 deutsche Frauen "im gebärfähigen Alter" 130 Kinder bekommen. Weniger als in Dänemark (1,7), weniger als in Frankreich (1,9). Besonders beunruhigt die Demographen, daß 42 Prozent der Akademikerinnen zwischen 35 und 40 keine Kinder haben. In nur sechs Jahren wird diese Zahl bei 50Prozent liegen. Völlig untypisch, wie eine Studie der OECD belegt: In anderen europäischen Ländern entscheiden sich gerade gut ausgebildete Frauen für ein drittes Kind. In Frankreich, einem Land, in dem Kinderlose die Ausnahme darstellen, wird ein Trend zur Großfamilie beobachtet.

Warum nicht bei uns? Aus Egoismus? Sind Frauen, einer Geheimabsprache folgend, in den Gebärstreik getreten? Zunächst hilfreich ist vielleicht der Hinweis, daß die Demographie-Debatte allein noch keine Abhilfe schafft. Schließlich bekommt niemand Kinder, nur um das Rentensystem zu retten. Immer noch ist das "faktische Fertilitätsverhalten" zu allem Unheil von einer Fiktion beherrscht, nämlich der vom "idealen Zeitpunkt". Es gibt ihn aber nicht. "Ein Kinderwunsch ist immer ambivalent", sagt eine erfahrene Therapeutin. Weil eben auch immer viel dagegen spricht, zu einem bestimmten Zeitpunkt schwanger zu werden. Weil eine entscheidende Hürde im Job ansteht. Weil die Partnerschaft noch nicht erprobt ist. Weil man umgezogen ist, eine befristete Stelle ergattert oder sich zu einer Fortbildung durchgerungen hat. Dann braucht Frau nicht nur eigenen Mut oder Entschlußkraft. Dann braucht sie Menschen ringsum, die ihr sagen: Das packen wir schon.

Männer machen sich weniger Gedanken über die Kinderfrage

Die Gießener Familienforscherin Uta Meier schreibt in ihrer Untersuchung über die Gründe von Kinderlosigkeit: "Was bei Männern schon immer akzeptiert wurde, nämlich eine Verbindung von Familien- und Berufsleben, trifft bei Frauen nach wie vor auf ideologische und handfeste materielle Barrieren." Männer machen sich in der Regel um die Kinderfrage nicht halb so viele Gedanken wie Frauen und begründen ihre Vorbehalte auch rundheraus mit eigenen Interessen. Genannt werden im wesentlichen "Scheu vor der finanziellen Verantwortung", Angst vor der Unruhe, die ein Leben mit Kind bedeutet, sowie die Sorge davor, "daß meine Partnerin von mir verlangen könnte, die Hälfte des Alltagskrams zu übernehmen". Diese Einstellung zementiert die innerfamiliäre Arbeitsteilung - laut Zeitbudgeterhebungen werden immer noch circa 80Prozent der Haus- und Fürsorgearbeit in Partnerschaften mit Kindern von den Müttern geleistet. Bekanntlich haben Väter selten Skrupel, von ihnen gezeugte Kinder zurückzulassen und sich einer neuen Beziehung zuzuwenden.

Angesichts dieser wenig ermutigenden Auskünfte ist es nicht erstaunlich, daß Frauen die Nachwuchsfrage immer häufiger aufschieben. 1999 war eine Frau bei der ersten Geburt im Durchschnitt 28,9 Jahre alt, 1969 war sie beim ersten Kind vier Jahre jünger.

Elternschaft als einzig unaufkündbare Verpflichtung

Mit 28 Jahren hat eine Frau aber in der Regel nicht nur ihre Berufsbestimmung, sondern auch Gefallen an Erfolgserlebnissen gefunden. Das macht selbstbewußt. Ob sie zusätzlich auch eine "gute Mutter" sein wird, wie es die kollektive Vorstellung verlangt - geduldig, stets liebevoll, Zuwendung und Liebe verströmend? Ärgerlicherweise läßt sich das in der Theorie schlecht klären. Nicht einmal das tageweise Üben mit den Kindern von Freunden oder Geschwistern vermittelt den unabweisbaren Eindruck permanenter Zuständigkeit für ein abhängiges Wesen, das schreit, trinkt und - nach einem zunächst unerforschlich scheinenden Rhythmus - auch mal schläft. Und genau dieses Erlebnis bricht über Eltern in den ersten Lebenswochen ihres Kindes wie ein Naturereignis herein. Der Familiensoziologe Bernhard Nauck nennt Elternschaft "die einzige unaufkündbare Verpflichtung in der modernen Multioptionsgesellschaft". Diese Verpflichtung kann man akzeptieren - oder sich ihr entziehen.

Im ersten Fall bekommt man es mit Nebenbedingungen zu tun, die den Alltag von Eltern nicht gerade erleichtern. Eine Anerkennungsprämie etwa, genannt Erziehungsgeld, die mit 300 Euro weit unter dem Existenzminimum liegt. Ein Steuersystem, das die traditionelle Arbeitsteilung - Mann verdient, Frau betreut - zementiert. Ohne Aussicht darauf, daß das Rentensystem Kindererziehungszeiten angemessen einstuft. Kindergärten, die gerade mal vier Stunden Betreuung durch nicht immer hochqualifiziertes Personal garantieren. Wer einmal die Wickelräume von deutschen Raststätten benutzen mußte, weiß, daß dies kein kinderfreundliches Land ist.

Gebär-Neid hält sich bei Männern in Grenzen

Ein bißchen verrückt nach einem Kind sollte eine Frau schon sein, um das große Wagnis einzugehen - und ein Nein läßt sich allemal rational begründen. Überdies gibt es Frauen, die Kinder sowieso für halslose Ungeheuer halten. Die große Mehrheit aber empfindet die Entscheidung, ohne Kind zu leben, als traurig. "Ich bewahre in mir ein Gefühl, das mir sagt, schade, das habe ich nicht erlebt. Ich lebe besser damit, mich gegen ein Kind entschieden zu haben, wenn ich darum trauern kann", stellt Therese fest, eine Richterin ("Frau ohne Kind", siehe unten). Die einen wollen unbedingt, finden aber für das Projekt nicht den geeigneten Vater. Die anderen haben ihn nach aufwendiger Suche gefunden, beide wünschen sich ein Baby - aber es klappt nicht. Und dann gibt es eine dritte Gruppe von Frauen, die mit 39, halb schuldbewußt, halb fassungslos feststellen: "Für mich hat es sich nicht ergeben." In diesem Augenblick tickt die biologische Uhr bereits so schnell, daß Panik aufkommt. Auf einen Termin in einer gynäkologischen Praxis mit "Kinderwunsch-Sprechstunde" muß man in der Regel zwei Monate warten.

In der Psychoanalyse findet sich hier und da der Begriff vom Gebär-Neid. Er bezeichnet das Äquivalent zum Penisneid, nämlich daß Männer sich ausgeschlossen wissen von elementaren weiblichen Spezifika wie Zyklus, Fruchtbarkeit und der Urerfahrung, Leben zu schenken. Abgesehen von werdenden Vätern, die bei Elternkursen ein deutliches Talent zum Hecheln und damit zur Bewältigung von Preßwehen zeigen, scheint der Gebär-Neid in der männlichen Psyche allerdings eher ein Randproblem geblieben zu sein. Dabei halten Reproduktionsmediziner die Möglichkeit, auch Männer Embryonen austragen zu lassen, nicht mehr für abwegig. Es wäre eine große Lösung.

Literatur: Karen Pfundt: Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben. Argon Verlag 2004, 18,90 Euro.
Viola Roggenkamp: Frau ohne Kind. Gespräche und Geschichten. Europa Verlag 2004, 17,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.05.2004, Nr. 22 / Seite 55
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