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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Wunschzettelsammlung Nette Brüder, Gelstifte und Regen nur nachts

 ·  E-Mails werden nicht beantwortet: Wer mit seinen Wünschen vordringen will zum Christkind oder zum Weihnachtsmann, der muss zu Papier und Stiften greifen. Die Kinder tun das, und zwar in immer größerer Zahl.

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© Archiv „Ich freue mich schon auf Weihnachten“: Wunschzettel aus den vergangenen Jahrzehnten

Kinder schreiben keine Briefe mehr. Nicht einander, so wie einst der „lustige Boy, 13“ dem „süßen Girl, 12“, das er in der Brieffreundschaftsspalte der „Bravo“ entdeckt hatte; längst begegnen sich Boy und Girl im Chat-Forum oder bei Facebook. Aber sie schreiben auch anderen nicht mehr, seit sämtliche Teenie-Stars bei Twitter sind und ihrem Anhang das Gefühl intimer Echtzeitkommunikation vermitteln, wie es ein postalisch nach Übersee verschickter Autogrammwunsch mit ungewisser Antwortchance nie vermocht hätte. Und Oma in Detmold? Die ruft man einfach an. Ist ja heute alles Flatrate.

Einmal im Jahr aber, um den Dezember herum, ist alles anders. Landauf, landab setzen sich da Jungen wie Mädchen nieder und erwecken die vergessene Kulturtechnik des handschriftlichen Mitteilung als Massenbewegung zu neuem Leben. Mal in Schönschrift, mal in Geht-so-Schrift, unbedingt aber lesbar bringen sie ihre geheimsten Wünsche zu Papier, zeichnen, malen, schneiden und kleben – und lassen das Ganze einem Adressaten zukommen, den sie noch nie gesehen haben, dessen Existenz sie also höchstens vermuten können. Doch das tun sie, schließlich ist in der modernen Kinderseele nach wie vor ein Eckchen frei für Traditionen – was es den Kleinen erlaubt, den Glauben an Nintendo mit dem an den Nikolaus zu vereinen.

So schreiben sie dem Weihnachtsmann, dem Christkind oder dem Nikolaus, und sie werden von Jahr zu Jahr fleißiger. Im vergangenen Jahr erreichten stolze 647 000 Briefe eines der neun Weihnachtspostämter, die sich an Orten wie Himmelstadt, Himmelsthür oder Nikolausdorf über Deutschland verteilen, mit klarem Standortvorteil – vier Adressen – für Niedersachsen. Die Dunkelziffer dürfte beträchtlich sein, werden doch viele Schreiben vom erwartungsvollen Nachwuchs auf Fensterbrettern, Fußabtretern oder Kaminsimsen hinterlegt – und von den Eltern hoffentlich rechtzeitig entdeckt und fachmännisch entsorgt.

Die Vorfreude siegt meist über aufkommende Skepsis: Wie eigentlich kriegt der Weihnachtsmann all die Präsente auf einen einzigen Schlitten? Und wie meistert die winterliche Herkulesaufgabe das von der Statur noch weit zartere Christkind? Ihm gehen Engel oder Elfen zur Hand, dem Weihnachtsmann angeblich ein Saisonarbeiterheer williger Wichtel, und dennoch bleibt die punktgenaue Auslieferung an Millionen Haushalte in aller Welt eine kaum fassbare logistische Meisterleistung. Doch auch Renegaten geben sich mit dem Verfassen von Wunschzetteln ab, denn selbst wenn diese letztlich nur niedere Wesen wie Mama und Papa lesen, so kann ein Fingerzeig doch auf keinen Fall schaden.

Früher Glückwünsche, später Wünsche

An die Eltern nämlich, und zwar in vollem Bewusstsein, schrieben die Kinder schon im 18. Jahrhundert, als die Tradition des Weihnachtswunschbriefs begründet wurde, freilich auf dem Fundament eines völlig anderen Welt- und Familienbildes: Nicht sich selbst nämlich durften die Kinder seinerzeit etwas wünschen, sondern ihren Eltern. Und zwar ein frohes Weihnachtsfest. Verbunden mit dem untertänigen Dank der gehorsamst ergebenen Kinder für die Ehre, von so gütigen Eltern aufgezogen werden zu dürfen. Solche Zeiten wünscht sich wohl niemand zurück, obwohl, an manch schwachen Tagen, wenn einem die Gören besonders wild auf dem Kopf herumtanzen, womöglich doch.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich der Wandel bei den Weihnachtsbriefen, durften die Kinder nicht mehr nur Glückwünsche, sondern Wünsche formulieren, kamen erst das Christkind und später der Weihnachtsmann ins Spiel. Mit ihnen machten die Kleinen ihre erste frühkapitalistische Erfahrung, schlossen einen Vertrag mit einem unsichtbarem Gegenüber und traten via Wunschzettel in Vorleistung – hatten im Falle eines erfolgreichen Geschäfts aber noch einen Bonus anzubieten: das Versprechen zum Beispiel, künftig brav zu sein. Oder auch, wie es in einem 2012er Brief die kleine Emma verspricht, nicht mehr „soviel zu meckern“.

Das Büchlein „Weihnachtsbriefe und Wunschzettel“ von Torkild Hinrichsen dokumentiert Wunschzettel aus frühen Tagen und heute – und dass sich gar nicht so viel geändert hat. Schon vor hundert Jahren lieferten Warenhäuser und Firmen vorgefertigte Weihnachtsbriefbögen, die man nur noch auszufüllen brauchte – bis auf die erste Zeile, in der etwa die neue Hohner-Mundharmonika längst eingetragen war.

„Teurer sind sie bestimmt nicht“

Gleich geblieben ist auch die profunde Markenkenntnis der Jugend, die genau weiß, was sie will, und dies auch präzise mitzuteilen vermag – vom genauen Typ der Spielkonsole bis zur Seriennummer des Kunststoffpferdes. Und schon 1926 setzte Wulfram Matthias fachmännisch den Baukasten „Stabil N 50“ auf seine Liste – und sein Bruder den Baukasten Nr. 53 auf die seine. Nicht auszuschließen, dass die markenbesessene deutsche Popliteratur der späten neunziger Jahre ihre Wurzeln in den Wunschzetteln hat, welche ihre Protagonisten in Kindertagen verfassten.

Elfriede Hötzel aus Dresden wusste derweil 1935 nicht nur ihren Wunsch „1 Schachtel Mico FARBstifte mit 24 St. Einschl. Gold & Silber“ zu benennen, sondern kannte auch den Preis von „ca. 95-100 oder 100 10 Pf teurer sind sie bestimmt nicht“. Haushalten muss schließlich auch das Christkind. Konsumrauschhafte Exzesse scheinen sich nur auf den wenigsten Wunschzetteln zu finden; selbst die emsigste Kinderhand wird irgendwann müde. Und zu viel Platz ist auf so einem normalen Blatt auch nicht, gerade wenn – was nicht nur unter solchen Kindern verbreitet ist, die noch nicht schreiben können – man es mit bunten Fotos aus dem Spielzeugkatalog beklebt.

Eher befremdlich hingegen mutet es an, wenn Eltern für ihre Sprösslinge deren Wunschzettel nicht nur schreiben, sondern sogar bemalen; schizophrenerweise führen sie so im Grunde einen Dialog mit sich selbst. Anderswo äußert sich der elterliche Einfluss subtiler, etwa wenn sich auf dem reich kolorierten Zettel mit Kinder-iPad und Filly-Haus unten links noch ein „Pollover“ eingeschlichen hat.

Auch für immaterielle Anliegen sind die Wunschzettel seit jeher der richtige Platz. Da wünscht sich Julia in einem Zettel aus diesem Winter nicht nur, dass „meine Lehrer netter werden“, sondern auch, dass „es nur noch Nachts regnet“ – das eine wie das andere fürs Christkind ein ziemlich harter Brocken. Ein Beispiel für die Altruisten unter den jüngsten Wunschzettelschreibern ist Gabi, die sich vom Weihnachtsmann wünscht, „dass du meine Geschenke in Pullover und dicke Strümpfe umwandelst und die dann für die Kriegskinder abwirfst. Aber nicht so wie die aus den USA. Die Kinder sollen nicht frieren.“

Die Antworten sind genormt

Natürlich wird Idealismus und Konsumismus auch munter vermischt, selbst wenn die Wünsche einander entgegenlaufen – so im Fall des kleinen Alf Meyer zum Gottesberge, der 1916 an die erste Stelle seiner Wunschliste „Hindenburg als Soldat und Soldaten“ setzte und an die dritte Stelle „Frieden“.

Neugierige Naturen versuchen auch, Näheres zu erfahren über die Wunscherfüller. Wie Marie, die 2009 in ihrem Brief ans Christkind in Himmelthür versucht, die konkurrierenden Legenden unter einen Hut zu bringen: „Hast du viel mit dem Weihnachtsmann, den Engeln und den Wichteln zu tun?“ Die Antworten der Weihnachtspostämter, deren Mitarbeiter die Deutsche Post bezahlt, sind genormt, nur selten gibt es ein paar Extrazeilen. Geantwortet wird auch in Fremdsprachen, denn erstaunlicherweise verorten selbst Kinder aus Finnland oder Grönland den Weihnachtsmann in Deutschland. E-Mails bleiben unbeantwortet.

Ein bemerkenswerter Brief aus diesem Jahr stammt von Svenja aus der 3b, die dem Weihnachtsmann „ein kleines Problem“ beichtet – „und zwar habe ich keinen Weihnachtswunsch. Aber mir macht das nichts aus.“ Ganz vorweihnachtlich gestimmt, wollen wir in Svenja keineswegs die Vertreterin einer durch jahrzehntelange Wohlstandszeiten saturierten Jugend erkennen – sondern einen gefestigten Geist, der allen materiellen Gütern abgeschworen hat.

Unser Dank geht an das Weihnachtspostamt Himmelstadt, das uns einige Briefe lesen ließ.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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