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Wunschzettelsammlung Nette Brüder, Gelstifte und Regen nur nachts

E-Mails werden nicht beantwortet: Wer mit seinen Wünschen vordringen will zum Christkind oder zum Weihnachtsmann, der muss zu Papier und Stiften greifen. Die Kinder tun das, und zwar in immer größerer Zahl.

© Archiv Vergrößern „Ich freue mich schon auf Weihnachten“: Wunschzettel aus den vergangenen Jahrzehnten

Kinder schreiben keine Briefe mehr. Nicht einander, so wie einst der „lustige Boy, 13“ dem „süßen Girl, 12“, das er in der Brieffreundschaftsspalte der „Bravo“ entdeckt hatte; längst begegnen sich Boy und Girl im Chat-Forum oder bei Facebook. Aber sie schreiben auch anderen nicht mehr, seit sämtliche Teenie-Stars bei Twitter sind und ihrem Anhang das Gefühl intimer Echtzeitkommunikation vermitteln, wie es ein postalisch nach Übersee verschickter Autogrammwunsch mit ungewisser Antwortchance nie vermocht hätte. Und Oma in Detmold? Die ruft man einfach an. Ist ja heute alles Flatrate.

Jörg Thomann Folgen:      

Einmal im Jahr aber, um den Dezember herum, ist alles anders. Landauf, landab setzen sich da Jungen wie Mädchen nieder und erwecken die vergessene Kulturtechnik des handschriftlichen Mitteilung als Massenbewegung zu neuem Leben. Mal in Schönschrift, mal in Geht-so-Schrift, unbedingt aber lesbar bringen sie ihre geheimsten Wünsche zu Papier, zeichnen, malen, schneiden und kleben – und lassen das Ganze einem Adressaten zukommen, den sie noch nie gesehen haben, dessen Existenz sie also höchstens vermuten können. Doch das tun sie, schließlich ist in der modernen Kinderseele nach wie vor ein Eckchen frei für Traditionen – was es den Kleinen erlaubt, den Glauben an Nintendo mit dem an den Nikolaus zu vereinen.

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So schreiben sie dem Weihnachtsmann, dem Christkind oder dem Nikolaus, und sie werden von Jahr zu Jahr fleißiger. Im vergangenen Jahr erreichten stolze 647 000 Briefe eines der neun Weihnachtspostämter, die sich an Orten wie Himmelstadt, Himmelsthür oder Nikolausdorf über Deutschland verteilen, mit klarem Standortvorteil – vier Adressen – für Niedersachsen. Die Dunkelziffer dürfte beträchtlich sein, werden doch viele Schreiben vom erwartungsvollen Nachwuchs auf Fensterbrettern, Fußabtretern oder Kaminsimsen hinterlegt – und von den Eltern hoffentlich rechtzeitig entdeckt und fachmännisch entsorgt.

Die Vorfreude siegt meist über aufkommende Skepsis: Wie eigentlich kriegt der Weihnachtsmann all die Präsente auf einen einzigen Schlitten? Und wie meistert die winterliche Herkulesaufgabe das von der Statur noch weit zartere Christkind? Ihm gehen Engel oder Elfen zur Hand, dem Weihnachtsmann angeblich ein Saisonarbeiterheer williger Wichtel, und dennoch bleibt die punktgenaue Auslieferung an Millionen Haushalte in aller Welt eine kaum fassbare logistische Meisterleistung. Doch auch Renegaten geben sich mit dem Verfassen von Wunschzetteln ab, denn selbst wenn diese letztlich nur niedere Wesen wie Mama und Papa lesen, so kann ein Fingerzeig doch auf keinen Fall schaden.

Früher Glückwünsche, später Wünsche

An die Eltern nämlich, und zwar in vollem Bewusstsein, schrieben die Kinder schon im 18. Jahrhundert, als die Tradition des Weihnachtswunschbriefs begründet wurde, freilich auf dem Fundament eines völlig anderen Welt- und Familienbildes: Nicht sich selbst nämlich durften die Kinder seinerzeit etwas wünschen, sondern ihren Eltern. Und zwar ein frohes Weihnachtsfest. Verbunden mit dem untertänigen Dank der gehorsamst ergebenen Kinder für die Ehre, von so gütigen Eltern aufgezogen werden zu dürfen. Solche Zeiten wünscht sich wohl niemand zurück, obwohl, an manch schwachen Tagen, wenn einem die Gören besonders wild auf dem Kopf herumtanzen, womöglich doch.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich der Wandel bei den Weihnachtsbriefen, durften die Kinder nicht mehr nur Glückwünsche, sondern Wünsche formulieren, kamen erst das Christkind und später der Weihnachtsmann ins Spiel. Mit ihnen machten die Kleinen ihre erste frühkapitalistische Erfahrung, schlossen einen Vertrag mit einem unsichtbarem Gegenüber und traten via Wunschzettel in Vorleistung – hatten im Falle eines erfolgreichen Geschäfts aber noch einen Bonus anzubieten: das Versprechen zum Beispiel, künftig brav zu sein. Oder auch, wie es in einem 2012er Brief die kleine Emma verspricht, nicht mehr „soviel zu meckern“.

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Veröffentlicht: 18.12.2012, 14:55 Uhr