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Wochenbettdepression : Mutterseelenallein

  • -Aktualisiert am

Du musst überglücklich sein, steht in den E-Mails der Freundinnen; das Gegenteil ist der Fall Bild: Mart Klein und Miriam Migliazzi

Etwa jede zehnte Frau leidet nach der Entbindung an einer Wochenbettdepression. Die ist immer noch ein Tabu - und eine große Belastung nicht nur für die jungen Mütter.

          Diese Augen. Wie sie Susanne anstarren. Dunkel, fast schwarz. Wer ist das denn?, denkt die völlig erschöpfte Frau, als man ihr nach stundenlangen Presswehen und Kaiserschnitt Tochter Lydia hinhält. Diese Augen, sie schienen so allwissend zu blicken, als wüssten sie vom ersten Moment an, was Susanne als Mutter zu tun und zu lassen hat und wo sie versagen wird. „Mein Kind war mir völlig fremd, und ich hatte Angst vor ihm“, erinnert sich die 39 Jahre alte Arbeitsvermittlerin dreieinhalb Jahre und zwei Psychiatrieaufenthalte später.

          Insgesamt drei Monate verbringt sie in der Psychiatrie, weist sich beim zweiten Mal selbst ein, nachdem sie sich an einem kalten Februartag auf einer Brücke wiederfindet - das Baby schon hochgehoben, es wäre so leicht, sie brauchte es nur loszulassen, fallenzulassen in den Fluss. Oder sie könnte es dem Jogger da vorn mitgeben. Oder es in die Mülltonne stopfen. Und sie wäre alle Sorgen los.

          Eine solche Erkrankung muss behandelt werden

          Überströmende Glücksgefühle nach der Geburt ihres Wunschkindes? Darauf warten Experten zufolge zehn bis 15 Prozent aller jungen Mütter jedes Jahr in Deutschland vergeblich, erst mal. Stattdessen liegt ihr Kind wie ein Stück Holz in ihren Armen. Sie mögen nicht mit ihm schmusen, empfinden keine Liebe, sondern Gleichgültigkeit oder Ablehnung. Sie stillen mechanisch, fühlen sich ausgelaugt von der Geburt. Alles wird zu viel, irgendwann können sie kaum noch aufhören zu weinen. Du musst überglücklich sein, steht in den E-Mails der Freundinnen; das Gegenteil ist der Fall. Die Gedanken kreisen permanent darum, keine gute Mutter zu sein, das Kind nicht richtig versorgen zu können. Ein Naturgesetz scheint aufgehoben.

          Plötzlich ist die Mutterliebe einfach da: Irgendwann lichtet sich der Nebel der Überforderung und Selbstanklage

          Was anfangs wie der harmlosere Babyblues aussieht, ein vorübergehendes Stimmungstief nach der Entbindung, kann der Beginn einer postpartalen oder Wochenbettdepression sein, deren Symptome in den ersten Wochen nach der Geburt, manchmal aber auch erst Monate später auftreten.

          Eine solche Erkrankung muss behandelt werden, weiß Babette Laubvogel, Psychologin und Psychotherapeutin in Hamburg, die seit langem mit betroffenen Frauen arbeitet. Die meisten Frauen kämen mit einer ambulanten Therapie aus, manche nehmen Medikamente, manche brauchen auch beides. Ein stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie ist seltener erforderlich, aber zwingend, wenn die Mutter sich selbst töten will oder das Kind - um das Baby von der eigenen, schädlichen Gegenwart zu befreien oder sich selbst von der Last, „lebenslänglich bekommen zu haben“.

          Zu Hause war Chaos

          18 Jahre geht das jetzt so?, mit diesem Gedanken quälte sich auch Susanne in ihren dunkelsten Momenten. Dazu muss es nicht kommen. „Diese Krisen nach der Geburt“, so Laubvogel, „überwinden Frauen meiner Erfahrung nach vollständig, jede in ihrem eigenen Tempo.“ Mitentscheidend ist, wie schnell sie sich ihre Situation eingestehen und Hilfe holen. Das aber kann dauern, denn viele halten durch, bis es einfach nicht mehr geht.

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