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Wenn Frauen mehr verdienen : Was bleibt von mir als Mann?

Ich mach das schon: gutverdienende Frauen sind für manche nur schwer zu ertragen Bild: André Laame

Trotz Gleichberechtigung und partnerschaftlicher Beziehung: Wenn SIE mehr verdient als ER, kann das eine Liebe ruinieren.

          Besonders unwohl fühlt sich Thomas Fichtner, wenn er mit seiner Frau shoppen geht und sie an der Kasse ihre Karte zückt, um seine und ihre Sachen zu bezahlen. „Ich will dann unbedingt selbst zahlen und kann es nicht“, sagt er. In diesen Momenten nagt etwas an ihm. Er fühlt sich dann nicht als Mann und Beschützer wie die anderen Männer, die er kennt. „Es ist viel Arbeit, da stabil daneben zu stehen und trotzdem innerlich nicht kleiner zu werden.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit zehn Jahren sind die Fichtners verheiratet. Andrea Fichtner, 45, lange rote Haare, enge schwarze Kleidung und viel Silberschmuck, verdient doppelt so viel wie ihr 48 Jahre alter Mann, der in Hemd und Jeans sportlich und gebräunt daherkommt. Sie ist Unternehmerin, hat vierzig Angestellte in einer württembergischen Kleinstadt. Er ist Lehrer, kümmert sich nachmittags um die beiden Töchter und erledigt den Großteil der Hausarbeit. „Ein Rollentausch“, sagt er. „Es ist nicht immer leicht.“

          Es gab eine Phase in ihrer Ehe, da war es richtig schwer. Da ist er zusammengebrochen und musste psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Wieder und wieder fragte er sich: „Alle anderen Männer kriegen es doch auch hin, der Haupternährer ihrer Familie zu sein - warum kann ich das nicht?“ Die Therapeutin machte ihm klar, dass er nicht finanziell von seiner Frau abhängig ist, sondern die Familie auch von seinem Lehrergehalt ernähren könnte. Und dass er ruhig auch mal was von seiner Frau annehmen kann. Thomas Fichtner sagt jetzt manchmal zu seiner Andrea: „Das musst du bezahlen.“ Er hat gelernt, zu akzeptieren, dass er nicht so viel ausgeben kann wie sie. Und hinzunehmen, dass sie einen Porsche fährt und er einen ihrer Firmenwagen, einen Ford Fiesta oder einen kleinen Opel. „Sie spielt in einer anderen Klasse“, sagt er.

          Keine freiwillige Entscheidung

          Dass ein Mann weniger verdient als seine Frau, ist für die Mehrzahl der Menschen schwer zu akzeptieren. Nur 43 Prozent der Frauen und 37 Prozent der Männer können sich das vorstellen, so das Fazit der Vorwerk-Familienstudie 2013. Und doch kommt es gar nicht so selten vor. In jeder vierten Familie ist die Frau inzwischen die Hauptverdienerin, Tendenz steigend. Das bedeutet: Etwa 2,5 Millionen Haushalte leben ein ähnliches Modell wie die Fichtners, die Mehrzahl von ihnen allerdings auf einem vollkommen anderen Einkommensniveau.

          Mehr als die Hälfte dieser Familien habe monatlich weniger als 2275 Euro netto zur Verfügung, so Ingrid Müller-Münch, Autorin des Buches „Sprengsatz unterm Küchentisch: Wenn die Frau das Geld verdient“. Die meisten Familienernährerinnen seien Frauen, die nicht überdurchschnittlich gebildet, sondern unfreiwillig zur Haupternährerin geworden seien, sagt Ute Klammer, Professorin für Sozialpolitik an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Männer seien arbeitslos, erwerbsunfähig oder prekär selbständig. „Eine freiwillige Entscheidung ist das fast nie. Männer und Frauen haben immer noch andere Wünsche im Kopf.“

          Auch bei Evelyn Wolter, 42, ist das so. Seit acht Jahren ist die schlanke blonde Frau, die trotz der Kälte mit dem Fahrrad zum Gespräch gekommen ist, mit einem Physiotherapeuten verheiratet. Er hat eine halbe Stelle in einer Praxis, sie ist Abteilungsleiterin in einer hessischen Consultingfirma. Manchmal wünscht sich Wolter einen Mann, der mehr verdient als sie. Meist im Zusammenhang mit der Sommerurlaubsplanung, die sie stets auf einen Zeltplatz führt. Bei der Hochzeit war das Einkommensgefälle noch kein Thema für die beiden. Doch jetzt haben sie Kinder, und je älter die werden, desto größere Wünsche haben sie: Fahrrad, iPod, Skiausrüstung.

          „Solange man keine Familie hat, ist es egal“, findet Wolter. „Aber sobald Kinder da sind, will man, dass sie mit den anderen mithalten können. Und bei uns reicht das Geld oft nicht für alle Wünsche, weil mein Mann kaum was verdient.“ Sie denkt jetzt manchmal: „Er ist genau der Mann, den ich wollte, und es ist genau das Leben, das ich wollte. Aber es ist zu wenig Geld da.“ Sie räumt ein, dass dies ein gewisser Widerspruch ist. Der müsse sich noch auflösen, sagt sie.

          Derweil hat sie das Gefühl, „die ganze Last zu tragen“ und wenig Dankbarkeit zu ernten. „Männer, die wie ich voll arbeiten, legen abends die Füße hoch“, sagt sie genervt. „Aber dass ich die ganze Knete ranschaffe und mich auch noch um Kinder und Haushalt kümmere, ist vielen suspekt.“

          Klassischer Konflikt

          Ein klassischer Konflikt. Paare wie die Wolters sind tatsächlich deutlich unzufriedener als Paare, bei denen Mann und Frau gleich viel verdienen, hat Wissenschaftlerin Klammer herausgefunden. Auch Paare, die eine traditionelle Rollenteilung leben, sind zufriedener. Noch unzufriedener sind bloß die alleinerziehenden Mütter. Das liegt auch daran, dass selbst in jenen Familien, in denen die Frau mehr verdient als der Mann, die Männer nur selten Hausarbeit erledigen - genau genommen nur zu 15 Prozent, wie Hans-Peter Blossfeld, Professor für Soziologie am European University Institute in Florenz, herausgefunden hat.

          Blossfeld hat 2000 deutsche Paare vierzehn Jahre lang beobachtet, um zu sehen, wie sich die Aufteilung der Hausarbeit im Laufe der Beziehung gestaltet. Sein Fazit: Die meisten Paare beginnen relativ gleichberechtigt, aber sobald ein Kind geboren wird, fallen sie zurück „in ganz traditionelle Muster, auch wenn die Frau mehr verdient“, weil sie das Erledigen von Hausarbeit als Angriff auf ihre männliche Identität empfinden.

          Evelyn Wolters Mann behauptet indes, sein geringes Einkommen sei kein Problem für ihn. Mit seiner Frau zu dem Interview kommen wollte er allerdings nicht. Die Frankfurter Personalberaterin Angela Hornberg, die schon einige Frauen wie Wolter vermittelt hat, glaubt: „Egal, was die Partner dieser Frauen erzählen: Für den Mann ist das eine ganz tiefe Wunde, wenn er einkommensmäßig zurücksteht. Job und Statussymbole sind für ihn viel wichtiger als für uns Frauen.“

          Lehrer Fichtner erzählt, er sei „so erzogen worden, dass ich die Frau ernähren muss“. Sein Vater habe „ziemlich geschluckt“, als er von der Einkommensdifferenz erfahren habe. Und er selbst habe im Laufe seiner Ehe irgendwann damit begonnen, mehr Geld auszugeben, als er hatte. Weil er zum Beispiel im Skiurlaub zu stolz war, seine Andrea zu bitten: „Kannst du auch noch die Liftkarten für mich und die Kinder bezahlen, nachdem du schon das Fünfsternehotel bezahlt hast?“ Erst als sein Konto bis zum Limit in den roten Zahlen war, zog er die Notbremse und offenbarte sich seiner Frau. Seitdem zahlt sie die Urlaube allein und deutlich mehr in die Familienkasse ein.

          Vor allem Männer, die sich ihrer Männlichkeit nicht sicher seien, litten unter einer solchen Situation, hat der Frankfurter Paartherapeut Friedhelm Abel beobachtet. Der Mehrverdienst der Frau kränke sie, und sie fragten sich: „Was bleibt von mir als Mann, wenn ich weniger verdiene als die Frau?“ Diese Kränkung könne Auswirkungen bis in die intimsten Bereiche haben, so Abel: „Schlimmstenfalls kann der Mann impotent werden oder sich bei einer anderen Frau Bestätigung holen. Oder er wird vielleicht als Vater besonders autoritär auftreten.“

          „Was macht eigentlich Ihr Mann?“

          Die Fichtners haben es allerdings geschafft, ihre Beziehung wieder in eine gesunde Balance zu bringen. Andrea Fichtner hat aufgehört, „Thomas aufs Brot zu schmieren, dass seine Arbeit nicht so viel wert ist wie meine“. Und sie hat gelernt, dass er andere Prioritäten hat als sie. „Nicht Kleidung, Auto, Auftreten. Sondern wenn er einen Schüler voranbringt, wenn die Schüler ihn mögen.“ Thomas Fichtner erzählt, dass es etliche Schüler gebe, die ohne ihn die Schule nicht geschafft hätten. „Die Eltern bedanken sich bei mir. Das ist nicht in Geld zu bemessen.“ Er gibt den Schülern Nachhilfe, macht unbezahlte AGs. Und im Gegenzug schicken sie ihm Nachrichten wie diese über WhatsApp: „So, ich geh jetzt ins Bett, Herr Fichtner, gute Nacht.“ Er schreibt dann zurück: „Gute Nacht, schlaf gut.“

          Andrea Fichtner sieht, wie beliebt ihr Mann in der Schule ist. „Davor habe ich Respekt“, sagt sie. Dennoch wäre es für sie manchmal einfacher, wenn er genauso viel verdienen würde wie sie - und wenn er genau so viel Sozialprestige hätte. Vor kurzem war sie auf einem Unternehmertag, da fragte jemand sie: „Was macht eigentlich Ihr Mann?“ Und als sie dann sagte: „Der ist Lehrer“, rutschten die Augenbrauen ihres Gesprächspartners ziemlich weit nach oben. Hinzu kommt, dass sie manchmal auf Thomas’ Alltag eifersüchtig ist. Er kann mehr Zeit mit den Kindern verbringen oder nachmittags auf den Golfplatz gehen. Sie hingegen wird von vielen als Rabenmutter angesehen. „Zwischendurch denke ich schon mal: Ich kann niemandem gerecht werden.“

          Robert Peters, 47, hat sich aus Gründen der Work-Life-Balance ganz bewusst gegen eine Fünfzig- bis Sechzig-Stunden-Woche entschieden und arbeitet als Abteilungsleiter bei einem Finanzdienstleister. Seine Frau, zehn Jahre jünger als er, ist hingegen Investmentbankerin, arbeitet deutlich mehr und verdient dreimal so viel wie er. Peters behauptet, er habe damit kein Problem. Woher er dieses Selbstbewusstsein nimmt? Er glaubt, seine Eltern hätten es ihm mit auf den Weg gegeben. Vielleicht trägt zu seiner Entspannung aber auch bei, dass die Peters keine Kinder haben. Stattdessen haben sie einen Ehevertrag, getrennte Konten, und die Möbel in ihrer Wohnung gehören zum Teil ihr und zum Teil ihm.

          Die Namen der Familien wurden geändert.

          Quelle: F.A.S.

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