17.10.2007 · Er ist einfach gegangen und nicht wiedergekommen. Seitdem denkt Petra Hohn jeden Tag an ihren Sohn - und fragt sich, was in ihm vorgegangen ist. Beim „Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland“ betreut sie außerdem Menschen, die in der gleichen Lage sind.
Von Philip EppelsheimDiesen Ort kennt Petra Hohn nur in der Kälte, diesen See bei Meuselwitz, in dessen Wasser sich die Bäume spiegeln, über dessen Wasser im Morgengrauen die Nebelschwaden hängen. An diesem Ort verlor Petra Hohn ihr altes Leben. Einmal im Jahr zündet sie eine Kerze an und legt eine Rose nieder. Sie sieht, dass an diesem See die Zeit weitergeht, dass nichts stehengeblieben ist an jenem kalten Freitagmorgen am 27. November 1998, als ihr Sohn Carsten beschloss, sich das Leben zu nehmen. Doch noch immer versucht Petra Hohn, das zu sehen, was ihr Sohn damals sah, als er seinen Wagen am Uferrand abstellte und die Abgase ins Wageninnere leitete. Sie versucht, zu verstehen.
Die Frage nach dem Warum ist geblieben und immer da in dem kleinen Büro des „Bundesverbands für Verwaiste Eltern in Deutschland“, in einem kleinen Hinterhofgebäude eines Leipziger Bestattungsunternehmens. Im Büro, wo buntes Krepppapier an den Wänden hängt, ist die Trauer allgegenwärtig. Wenn Petra Hohn auf Mütter und Väter wartet, deren Kind gestorben ist und die mit ihrem Verlust nicht zurechtkommen; wenn sie diese Eltern in ihrer Trauer begleitet und versucht, ihnen zu helfen, während die Eltern von ihrem Schicksal erzählen.
Gegangen und nicht wiedergekommen
Am Vormittag jenes kalten Novembertags klingelten zwei Polizeibeamte an Petra Hohns Haustür und überbrachten die Nachricht von Carstens Tod. Kein Tag ist seitdem vergangen, ohne dass sie an jenen Tag dachte, an dem ihre Vorzeigefamilie in sich zusammenfiel, als sei alles nur ein Traum, eine Illusion gewesen und nie die Wirklichkeit. Carsten war einfach gegangen und nicht wiedergekommen. Er werde bei Freunden übernachten, hatte er seiner Mutter zum Abschied gesagt. Und sie hatte ihn gehen lassen. Warum hätte sie es auch nicht tun sollen? Es gab keinen Grund. Keiner hatte kommen sehen, was Carsten vielleicht schon viel länger beschlossen hatte. Drei Wochen vor seinem neunzehnten Geburtstag stieg er ins Auto und fuhr an den See.
Wenn Petra Hohn von jenem kalten Novembertag und den kalten Tagen, die folgten, spricht, dann kommen die Tränen wieder, die die Wangen hinunterlaufen und ihre Spuren auf dem sorgsam geschminkten Gesicht zurücklassen. Dann ist Petra Hohn nicht mehr die starke, selbstbewusste neunundvierzig Jahre alte Frau, die trauernden Eltern Halt geben möchte. In diesen Momenten ist sie wieder die verzweifelte Mutter, die nicht mehr leben wollte, ist sie wie die Eltern, die tagaus, tagein zu ihr kommen - seit sie vor neun Jahren ihren alten Beruf als Bauingenieurin aufgegeben hat.
Getuschel und Vorwürfe
Immer wieder hat sie sich gefragt, was in ihrem Sohn vorgegangen ist, wie zerrissen er gewesen sein muss. Sie hat keine Antworten, wie sie die Menschen in Meuselwitz hatten. Die meinten, sie wüssten mehr als Petra Hohn, die tuschelten, da müsse doch etwas in der Familie vorgefallen sein. Petra Hohn hat keine Antworten wie manche ihrer Verwandten, die vorwurfsvoll sagten: „Du und dein Mann, ihr hättet euch besser kümmern müssen.“ Die ihr die Schuld gaben, Carstens Suizid als Anklage an seine Eltern verstanden. Bis sie irgendwann nicht mehr wusste, ob die getuschelten Anklagen nicht doch stimmten.
War sie eine schlechte Mutter gewesen? War Carstens Suizid ihre Schuld? Petra Hohn erinnert sich an jenen Tag, an dem Carsten seinen Eltern gesagt hatte, dass er sie liebe und er stolz auf sie sei. Dass er aber so nicht weiterleben könne. Sie hatte damals nicht weiter über diesen Satz nachgedacht. „Vielleicht waren wir etwas selbstgefällig“, sagt sie. Aber es schien doch alles perfekt: ein schönes Haus, drei Autos, keine finanziellen Sorgen. „Wir hatten ein gutes inniges Verhältnis.“ Carsten machte gerade eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann. Alles ging scheinbar seinen Weg.
„Du nimmst dir ein Seil und hängst dich auf“
Nach seinem Tod zerbrach dieses Bild. Petra Hohn fand CDs ihres Sohnes, auf denen Lieder von Suizid handelten; Texte, die sie nie zuvor gehört hatte. Auf Carstens Beerdigung ließ sie zwei dieser Lieder - „W8ing 4 U“ und „Es ist vorbei“ von der Punk-Band Wizo - spielen: „Tränen in deinen Augen / der Brief in der Hand / zerstört ist eine Hoffnung / denn nun weißt du / es ist vorbei . . . Du weißt, was du zu tun hast / es gibt nur den einen Weg / du nimmst dir ein Seil / und du hängst dich damit auf . . .“
Petra Hohn fühlte sich schuldig, redete sich ein, nicht für ihren Sohn da gewesen zu sein, zu viel gearbeitet zu haben. Sie dachte nur an negative Ereignisse, daran, wie sie mit Carsten geschimpft hatte, wenn er mal wieder einen Bußgeldbescheid mit nach Hause gebracht hatte oder wieder einen Unfall gebaut hatte. Carstens Tat wurde immer mehr zu einer Anklage. Petra Hohn hörte auf, zu essen und zu trinken. Ihr Mann musste sie füttern. Sie wollte nicht mehr leben. An jenem kalten Novembertag hatte auch sie ihr Leben verloren. Hatte sie Carsten nicht verstanden, hatte sie sehen können, was in ihrem Sohn vorging?
„Es gibt noch so viele hübsche Mädchen“
Carstens Freundin hatte sich ein Jahr vor seinem Tod von ihm getrennt. „Nach der Trennung hat er sich volllaufen lassen“, erzählt Petra Hohn. Sie sagte ihm, sie könne seinen Schmerz verstehen, aber er müsse es akzeptieren. Es gebe schließlich noch so viele hübsche Mädchen. Immer wieder hatte Carsten versucht, erneut mit dem Mädchen zusammenzukommen. Doch vergeblich. Am Jahrestag der Trennung nahm Carsten sich das Leben. Dort am See, wo er manchmal mit seiner Freundin und seinen Freunden gezeltet hatte. Hatte die Liebe Carsten in den Tod getrieben? Was blieb, waren nur Vermutungen und Zweifel.
Ein Jahr nach Carstens Tod entschied sich Petra Hohn, beim „Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland“ mitzuarbeiten, dessen Erste Vorsitzende sie mittlerweile ist. Es waren Carstens Freunde, die Petra Hohn Halt gaben, die ihr halfen, mit dem Schmerz und der Trauer zurechtzukommen. Sie sagten ihr, dass Carsten es sicher nicht gewollt hätte, dass sie sich Vorwürfe mache. Dass es ihn noch trauriger machen würde, seine Mutter so zu sehen. Und er sei schon zu Lebzeiten so traurig gewesen. Carstens Freunde saßen mit Petra Hohn und ihrem Mann Steffen zusammen. Mit Carstens Freunden konnten seine Eltern über Carsten sprechen. Sie reagierten nicht so wie Arbeitskollegen, die weggingen, sobald Carstens Name fiel. Noch immer feiern sie gemeinsam mit den Eltern Carstens Geburtstag.
In die Offensive gegangen
Dann reden sie über die Zeit mit Carsten. Wie sie sich alle an der Bushaltestelle mit ihren Autos getroffen und Musik gehört haben. Sie lachen über Streiche, die sie angestellt haben. „Dass Carstens Freunde mir beistanden, das, was sie zu mir sagten, hat etwas in mir bewirkt“, sagt Petra Hohn. Es habe sie stolz gemacht, dass ihr Sohn bei diesen Menschen so viel Eindruck hinterlassen habe. Sie fing an, Bücher über Suizid zu lesen, und besuchte Trauerseminare. Ihre Arbeit beim Bundesverband sei Carstens Vermächtnis, sagt sie. „Ich will ein Vorbild für andere Betroffene sein, ihnen zeigen, dass man zurück ins Leben kommen kann.“ Mit Universitäten, Kurkliniken, Schulen und Kindergärten arbeitet sie zusammen. Sie sei in die Offensive gegangen, wollte sich nicht in sich zurückziehen.
„Ich bin wieder im Leben, aber in einem anderen Leben“, sagt Petra Hohn. Carstens Zimmer hat sie sieben Jahre nach seinem Tod neu gestaltet. Ein heller Raum mit Gästebett und Bücherregalen ist entstanden, der als Rückzugsort dienen soll. Petra Hohn und ihr Mann nahmen jedes Teil, das ihrem Sohn gehörte, noch einmal in die Hand. Das meiste räumten sie in Kisten und stellten sie auf den Speicher. Es tat weh, aber für Carstens Eltern war es zugleich ein Loslassen. Dennoch gibt es in ihrem neuen Leben kein Kuchenbacken und kein Weihnachten mehr.
Trauer schweigend mit sich selbst ausgemacht
Ihrem Mann hat Petra Hohn gesagt, er solle seinen eigenen Weg finden. Er hat die Trauer schweigend mit sich selbst ausgemacht. Er bearbeitet Speckstein, drückt so seine Gefühle aus. Früher konnten Petra Hohn und ihr Mann nicht über Carsten sprechen. Sie lebten jahrelang nebeneinander her. Zwischen ihnen standen unausgesprochene Vorwürfe. Jetzt sind sie einander wieder näher, auch wenn sie jeder einen eigenen Weg eingeschlagen haben im Umgang mit Carstens Suizid. Sie sagen sich: Wir sind seine Eltern, wir waren eine glückliche Familie, wir sollten glücklich sein. „Unser Sohn hat uns ein anderes Leben gelehrt“, sagt Petra Hohn. Sein Tod schmerze nicht mehr so sehr, auch wenn sie noch oft um Carsten weint. „Es wäre schrecklich, wenn ich es nicht täte. Er ist immer unser Sohn. Er hat Spuren hinterlassen. Er hat so intensiv gelebt, als hätte er es in seinem tiefsten Unterbewusstsein gespürt.“
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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