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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Topfschlagen ade Die Geburtstagsmacher

 ·  Topfschlagen und Sackhüpfen waren gestern. Heute lassen Eltern lieber Oscar-Partys für ihre Sprösslinge inszenieren. Agenturen kaufen sogar die Geschenke.

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© Rüchel, Dieter Wer bietet mehr? Eltern wollen perfekt sein und bestellen schon für den Einjährigen einen Clown.

Die Gegend ist gut. Hier wohnen zwar nicht die ganz reichen Leute, aber auch nicht die ganz armen. Gleich am Ende der Straße beginnt der Wald. Das Haus steht in einem gepflegten Garten, ein Neubau, nicht hypermodern, sondern handfest. Vater, Mutter und drei Kinder leben hier. Der Vater arbeitet bei einer Bank, die Mutter im Hotel - und zwar den ganzen Tag. Am Gartentor hängt ein Strauß bunter Luftballons. Weiß, hellblau, rosa. Willkommen beim Kindergeburtstag.

Hinter dem Gartentor hüpft die Tochter von einem Bein auf das andere. Sie ist sieben geworden. In einer Viertelstunde, gegen elf, sollen sieben Kinder eintrudeln. Und Laura und Steffi. Laura, eine Lehramtsstudentin, und Steffi, eine angehende Ergotherapeutin, arbeiten für die Agentur „Farbenfroh“.

Seit ihre Tochter mal auf so einem Geburtstag war, bestellt die Familie immer diese Agentur. Die Aufgabenteilung ist klar. Die Eltern richten alles her, sorgen fürs Essen, Laura und Steffi für den Spaß - mit pädagogischem Anspruch. Darauf legt die Agentur Wert. Bestellt ist ein Detektiv-Geburtstag, von elf bis drei, eine Stunde länger als üblich. Er kostet rund 250 Euro.

Der Trend geht zur Motto-Party

Fast jeder Kindergeburtstag hat heute ein Motto. Es richtet sich nach Alter, Geschlecht und Moden, für die Jungs gibt es „Piraten“ oder „Die wilden Kerle“ und für die Mädchen „Prinzessin Lillifee“. Je nachdem, was der Hype vorgibt. Bei den Zehnjährigen ist gerade die „Wellness-Party“ in. Die Einladung kommt auf rosa Papier, das mit Parfum beträufelt ist. Und der große Tag sieht dann so aus: Wir schnuppern zum Entspannen an ätherischen Ölen, rühren ein Handpeeling aus Öl und Zucker an, kriegen eine kleine Rückenmassage mit dem Igelball. Im Hintergrund läuft Meditationsmusik. Zum Schluss gibt es eine Quarkmaske mit Gurkenscheiben, und die Mutter macht einen Obst-Smoothie. All das soll die Sinne wecken.

Früher, da wurde auf Kindergeburtstagen die Reise nach Jerusalem gespielt, hatte die Mutter Schal, Mütze, Handschuhe, Messer, Gabel und Würfel fürs Schokoladenschneiden bereitgelegt, gab es Sackhüpfen, Topfschlagen, Blinde Kuh, jede Menge Negerküsse fürs Wettessen und Kartoffelsalat mit Würstchen für den Hunger. Der Vater kam früher nach Hause, war zuständig für die Überraschungen, führte die Polonaise an oder baute waghalsige Klettergebilde auf. Hinterher war das Wohnzimmer ein Saustall.

Angst vor Allergien, Chaos und Langeweile

Die Maßstäbe haben sich jedoch verschoben. Für eine Feier wie früher ist zumindest unter der Woche keine Zeit mehr, weil viele Mütter arbeiten, die Väter sowieso, und die Kinder auch nicht können. Wattepusten ist unhygienisch. Und bei der Reise nach Jerusalem könnte sich das Kind, das als Erstes ausscheidet, langweilen. Einfach nur Toben ist zu gefährlich, es könnte sich jemand weh tun. Ein Geburtstagskuchen mit Nüssen? Da drohen Allergien. Nur ein kleines Geschenk? In den Spielzeugläden liegen Wunschlisten aus wie bei einer Hochzeit im Geschirrgeschäft.

Hier, im Haus am Wald, gilt immerhin noch eine Tradition: Es werden so viele Kinder eingeladen, wie Jahre zu feiern sind. Sie sitzen im Kreis, werfen mit einem riesigen Schaumgummiwürfel, jeder stellt sich vor, Name, Alter, Begrüßung. Zum Teil gehen sie auf die dieselbe, die internationale Schule, reden zwischendurch miteinander Englisch, geben sich auch einen englischen Detektiv-Gruppennamen. Sie sind die „Cheethas“, die Geparde. „Was müssen Detektive können?“ Treffsicher sein, falls sie sich mal zu verteidigen haben. Also ins Schwarze der Zielscheibe treffen. Der Vater fotografiert.

„Solche Geburtstage sind großartig, da geschieht was“, sagt die Mutter. „Die Kinder werden animiert und packen nicht nur Geschenke aus.“ Sie schimpft über die Geburtstage, zu denen wegen der Geschenke möglichst viele Kinder eingeladen werden: „Furchtbar.“ Sie schätzt auch die Geschenktüten nicht, die „Mitgebsel“, die ihre Kinder von anderen Feiern nach Hause tragen. Unter Anleitung bemalte T-Shirts, das ist etwas anderes, hat einen Erinnerungswert. Außerdem: „Wo sollen wir für einen Piraten-Geburtstag die Augenklappen herkriegen, wenn nicht Karnevalszeit ist?“, fragt der Vater.

Pädagogisch soll es sein - und ein echter „Event“

Es gibt Mütter und Väter, die haben keine Zeit, keine Ideen oder beides nicht. Sie fühlen sich überfordert: „Ich krieg die Krise.“ Es gibt Mütter, die haben Zeit, laden aber zum Kindergeburtstag auch die anderen Mütter ein und reden beim Gläschen Sekt darüber, wo es den nächsten Montessori-Kindergarten gibt, während Animateure sich um den Nachwuchs kümmern. Und es gibt Mütter, die möchten perfekt sein, indem sie schon für den Einjährigen einen Clown bestellen.

Tanja ist noch einmal ein anderer Typ. Sie hält sich für pädagogisch unbegabt. Die Berlinerin wohnt mit Mann und zwei Töchtern in einem neuen Reihenhaus an der Grenze der Stadt, managt zwei Möbelläden. Das Wohnzimmer ist modern eingerichtet, klare Linien. Früher hat Tanja den Geburtstag ihrer älteren Tochter selbst ausgerichtet, klassisch mit Topfschlagen und Eierlaufen. Dann kam das „Horror-Erlebnis“. Die Kleine war gerade geboren, Tanja erst ein paar Tage aus dem Krankenhaus, das Baby immer auf dem Arm, acht Kinder, zehn Grad und strömender Regen. „Nach zehn Minuten Topfschlagen gucken die nach dem Motto: Und jetzt?“ Das reichte ihr, zumal abends noch die Verwandtschaft kam. „Das machst du nicht mehr alleine“, beschloss Tanja. Jetzt zahlt sie am Geburtstag 180 Euro für drei Stunden Programm und hat noch nie erlebt, dass ein Kind weint, sich absondert oder sagt: „Nee, das mache ich nicht.“ Selbst die Chaoten nicht. Schrammen in der Wand gibt es auch keine. „Ich will Frieden und Ruhe und keine Flennerei“, sagt Tanja.

Für den letzten Geburtstag ihrer Tochter hat sie sich allerdings etwas anderes ausgedacht. Da haben sie erst Kuchen gegessen und dann die Kinder in ein Tonstudio zu einer CD-Aufnahme gefahren. Zwei Lieder haben die Kinder gelernt und gesungen. „Nur noch kurz die Welt retten“ und „Wovon sollen wir träumen“. Jedes Kind bekam eine CD, ist nun ein Star. Auch das Tonstudio, die Indoorspielplätze, Schwimmbäder, Bowlingzentren, Fußballvereine oder Museen machen mit im Wettbewerb um den aufregendsten Kindergeburtstag, der Eltern die Last abnimmt. Mal abgesehen davon, dass sie darauf hoffen, die Kinder später als Besucher wiederzusehen.

1400 Euro für die ganz große Party 

In München und Umgebung sorgt Daniela Schreck für eine ganz große Party. Sie ist die Gründerin der Agentur „Tollkids - die Kindergeburtstagsmacher“. Sie hat etwa fünfzig Stammkunden, im Schnitt legen sie 1400 Euro für einen Geburtstag hin. Frau Schreck ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, spielte als Kind am liebsten „Kuhfladen-Wetttreten“. Die Kuhfladen mussten noch warm sein und sich zwischen die Zehen pressen lassen. Frau Schreck sagt, sie wolle bei den Kindergeburtstagen das Bodenständige reinbringen. Wenn „ihre“ Kinder auf Bäume klettern, haben die Mütter aber Angst, dass die Hosen dreckig werden. Diese Mütter seien ja bloß die Spitze der Gesellschaft, sagt Frau Schreck.

Die Geburtstagsmacherin hat in ihrem Angebot, das Geschenk zu besorgen und schön eingepackt zur Feier mitzubringen. Das sei in den vier Jahren, die es ihre Agentur gibt, nur einmal bestellt worden, sagt sie.

Im Haus am Wald packt das Geburtstagskind die Geschenke zusammen mit den Gästen aus. Laura und Steffi machen für die Detektive ein Spiel daraus. Im Garten verteilt liegen Zahlen. Der Mega-Würfel wird geworfen, die Zahl gesucht, das Symbol auf ihrer Rückseite Laura ins Ohr geflüstert. Laura stellt die Quizfragen. Für die richtige Antwort kann das Geburtstagskind ein Päckchen öffnen. Nummer sieben: „Wie nennt man einen Mittäter? Kompilz, Vornblitzer oder Komplize?“ Und welches Gesicht macht das Geburtstagskind bei welchem Geschenk? Laura und Steffi beobachten die Reaktionen, bei jedem Geschenk sagen sie begeistert: „Das ist toll.“

Einmal hat die Mutter einen herkömmlichen Geburtstag veranstaltet, für ihre Älteste. Schon wegen der Zeit gehe das nicht mehr, sagt sie, aber sie wolle es auch gar nicht. „Ich würde es ja gut machen wollen“, sagt sie, „aber so ein Drehbuch für einen Geburtstag mit allen Konsequenzen?“

Das Kind wird zum Star

Bei Daniela Schreck rief einmal ein allein erziehender Vater an und sagte: Meine Tochter wird zwölf. Was machen wir? Daniela Schreck vereinbarte eine Ortsbesichtigung, eine Terminabsprache, dann präsentierte sie ihr Konzept: eine „Hollywood-Party“ für ein Dutzend Kinder. Sie bestellte kleine Oscars, ließ die Namen eingravieren. Der rote Teppich wurde ausgerollt, ein Bekannter mit dunkler Sonnenbrille gab den Bodyguard, Disko-Kugeln an der Decke, goldene Sterne auf dem Boden in Anspielung an den „Walk of Fame“. Die Kinder wurden hergerichtet, ein Make-up-Artist schminkte, ein Hairdresser frisierte sie für den großen Auftritt. Jedes Kind bekam einen Oscar, das Geburtstagskind natürlich den für die beste Hauptrolle. Auf dem roten Teppich durften sie ihre Reden halten, so wie die Filmstars in Hollywood: Ich danke meinen Eltern, meiner Freundin, wem auch immer. Danach stieg die Aftershow-Party. Daniela Schreck nennt das „maßgeschneidert“. Die Feier dauerte von 15 bis 20 Uhr und kostete 2000 Euro, ohne Make-up und Frisur.

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Jahrgang 1951, redaktionelle Koordination der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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