04.08.2009 · Katharina Saalfrank soll das familienpolitische Profil der SPD schärfen. Die Partei will sich mit Hilfe der Fernsehpädagogin aus dem Umfragetief befreien - nebenbei macht die „Super-Nanny“ Werbung für sich selbst.
Von Julia SchaafDie ersten Fans, die schon nach Autogrammen fragen, als sie nur die Straße hinuntergelaufen kommt, werden vertröstet. „Kannst du dir nicht erst noch die Veranstaltung ansehen?“, fragt Katharina Saalfrank ein tumbes blasses Mädel. „Ich sage immer: Erst die Arbeit. Dann das Vergnügen.“ Das Mädchen zückt sein Handy, nuschelt etwas von seiner wartenden Mutter und einer Verabredung, die es verschieben müsse. Aber es ist noch da, als die Prominenz kurz darauf das Mainzer Kinderhaus „Blauer Elefant“ besichtigt. Die offene Küche, Räume für Hausaufgabenhilfe und Jugendtreff, ein Zimmer mit einer richtigen Kletterwand. Ernst und aufmerksam schaut Katharina Saalfrank sich alles an, fast ein wenig streng, so wie man das von ihr aus dem Fernsehen kennt. Als sie sich dann wieder durch die Menge aus Presseleuten und Publikum schiebt, steht vor ihr das blasse Mädel mit dem Handy. Sie fasst es am Handgelenk: „Hast du's geschafft?“, fragt sie und lächelt. Für einen Moment scheint man überbordende Herzlichkeit und Zuwendung zu spüren. Mitten im Wirbel der Öffentlichkeit.
„Ich find' die einfach nur klasse. Die ist Hammer“, sagt das Mädel. „Und wie sie die Kinder aus der Scheiße holt!“, ergänzt ein Vierzehnjähriger. „Ich weiß nicht, warum meine Partei Frau Saalfrank eingeladen hat“, rätselt eine SPD-Frau im Garten des Kinderhauses, wo gleich die Diskussion beginnt. „Das ist ja ein richtiger Star“, staunt eine ältere Genossin mit roter Weste.
„Braucht die SPD eine Super-Nanny?“
„Natürlich besteht die Gefahr, durch den Kakao gezogen zu werden“, sagt SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, Initiator der Veranstaltungsreise mit Katharina Saalfrank zum Thema „Bildung und Familie - Was brauchen unsere Kinder?“, die am Donnerstag zu Ende gegangen ist. Dann wiederholt er selbst die Frage, die ihm seit Wochen um die Ohren gehauen wird: „Braucht die SPD eine Super-Nanny?“
Das Schlimme ist: Egal ob in Mainz, Verden oder in der brandenburgischen Provinz, ob in Kinderkrippen, Grundschulen oder Bürgerhäusern - in wohl jedem Publikum finden sich altgediente Parteimitglieder, die diese Frage mit „ja“ beantworten. Die Partei im Umfragetief, der Kandidat hoffnungslos abgeschlagen. Das klingt nach einer dieser verfahrenen Situationen, wegen derer Katharina Saalfrank auch bei RTL in der Sendung „Die Super-Nanny“ auf den Plan gerufen wird. Wenn keiner mehr weiterweiß, braucht es Hilfe von außen. Kaum naht aber mit resolutem Schritt die Super-Nanny, wendet sich die Lage zum Besseren, und verzweifelte Gesichter werden wieder froh. Die Off-Stimme von RTL könnte bei nur minimaler Variation des Originals im Vorspann sagen: „Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank erlebt bei der vielköpfigen Familie SPD einen ihrer emotionalsten Fälle.“ Kein Wunder, dass die Presse fröhlich ätzt.
Der geborene Gegenpart zur blonden Familienministerin
Seit Ursula von der Leyen als Star des Kabinetts im Namen der CDU eine Politik durchsetzt, mit der sich die SPD in der vorangegangenen Legislaturperiode gerne geschmückt hätte, tun sich die Sozialdemokraten schwer mit ihrem familienpolitischen Profil. Katharina Saalfrank wäre da eine ideale Besetzung. Sie ist klug und kompetent wie von der Leyen. Sie kann reden und kamerawirksam lachen. Sie hat immerhin vier eigene Kinder (von der Leyen: sieben), ist dafür aber erst 37 Jahre alt (von der Leyen: 50) und trägt statt Hosenanzügen Jeans von Miss Sixty. Die Presse rühmte sie schon als „Mutter der Nation“, als die CDU-Ministerin noch Landespolitikerin war. Ein Doppelinterview in der „Bild“ mit großformatigen Fotos auf der Titelseite hat denn auch gezeigt: Während sich die Frauen in der Sache einig sind, wäre Saalfrank mit den dunklen, glatten Haaren, die ihr bis zur Taille reichen, der geborene Gegenpart zur blonden Familienministerin. Schneeweißchen und Rosenrot.
Nun ist Katharina Saalfrank zwar seit zwölf Jahren SPD-Mitglied und nach eigenen Worten ein politischer Mensch. Aber sie ist keine Politikerin. Sie scheidet daher als Konkurrentin für das Ministeramt aus, sie gehört nicht wie Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Manuela Schwesig in das Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten, und ihre Auftritte in der Provinz an der Seite von Generalsekretär Heil sind noch nicht einmal Teil des Wahlkampfs, wie von offizieller Seite immer wieder behauptet wird. Nur: Was soll die Super-Nanny dann da? Es ist nicht sonderlich geschickt, mittels A-Prominenz nach Aufmerksamkeit zu heischen, ohne für angemessene Öffentlichkeitsarbeit zu sorgen. Die Super-Nanny im Dienste der SPD gibt - angeblich aus Zeitgründen - keine Interviews. Das schafft Raum für Spekulationen: Soll die attraktive Pädagogin SPD-Politik verkaufen wie nackte Mädchen, die sich in der Autowerbung auf Kühlerhauben räkeln? Steht sie für eine inhaltliche Wende in der sozialdemokratischen Familienpolitik, weil sie weniger über Betreuungsangebote als über Erziehungsfragen redet? Oder ist sie in erster Linie im Dienste ihrer selbst unterwegs, um Kritiker ihrer Sendung zu bekehren?
Aura von Perfektion und Überlegenheit
Ein Juliabend in Altglienicke, weit draußen im Osten Berlins, wo SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel als Direktkandidat gegen Gregor Gysi auf verlorenem Posten kämpft und deshalb die Diskussion moderieren darf. Neben einem Landespolitiker der Berliner SPD, der in seinem roten Ledersessel hölzern und lebensfern wirkt, wird die Super-Nanny zur Lichtgestalt. Sie trägt ein schulterfreies Stricktop und ungeputzte Stiefel. Sie kniet sich auf den Boden, um den Film zum Auftakt besser verfolgen zu können, und macht damit klar, wie selbstverständlich sie sich auch auf jedem Kinderzimmerteppich niederlässt. Sie gibt zu, dass sie nervös ist, und erträgt peinliche Komplimente von Bezirkspolitikern mit Fassung. In der Sache antwortet sie souverän und differenziert.
Derweil sorgt Kajo Wasserhövel dafür, dass die Diskussion zur Werbeveranstaltung für RTL verkommt. Ausgiebig erkundigt er sich nach der Sendung. Katharina Saalfrank erzählt, wie sie zur Super-Nanny wurde, indem sie sich auf eine Annonce des Senders bewarb. Sie stellt klar, dass sie den Titel oft als Hindernis empfinde, weil er ihr in den Augen der Familien die Aura von Perfektion und Überlegenheit verleihe. Bis zu hundert Stunden halte sie sich in den Familien auf, und anders als Mitarbeiter des Jugendamts, die oft als Bedrohung wahrgenommen würden, erteilten ihr die Familien einen Arbeitsauftrag, was das Eingreifen erleichtere. „Es ist nicht nur so, dass ich Tipps gebe. Es geht wirklich immer um Beziehung“, sagt Saalfrank. Um dem ewigen Vorwurf zu begegnen, die Kinder würden in der Sendung vorgeführt, rühmt sie die psychologische Nachsorge nach Abschluss der Aufzeichnung. Sie sagt aber auch: „Es bleibt und ist kritisch. Das kann man nicht schönreden.“
Bei Bildung und Familie steht die SPD für alles oder nichts
Tatsächlich hat sich die Erziehungshelferin im Privatfernsehen seit Beginn der Ausstrahlung vor knapp fünf Jahren stark gewandelt. Saalfrank trägt keine gouvernantenhafte Kleidung mehr, die berüchtigte „stille Treppe“ zur Bestrafung der Ungehorsamen ist lange verschwunden. Vor laufender Kamera wird zwar immer noch geschlagen, geheult und getobt, dass es Voyeuren eine Freude ist. Aber die Super-Nanny fahndet wirklich nach den Ursachen der Konflikte und versucht, den elterlichen Blick auf die Bedürfnisse der Kinder zu lenken. Dafür zollen inzwischen selbst frühere Kritiker der Fernsehpädagogin Respekt, und bei RTL gibt man sogar gerne zu, dass die Protagonistin das Format ihren Vorstellungen angepasst habe. Anfangs zog der Kinderschutzbund gegen die Sendung zu Felde. Vergangenen Dienstag stand Katharina Saalfrank im Garten des Mainzer Kinderhauses direkt neben Rainer Neubauer, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Mainz. Und der befindet, sie gehe bei ihrer Arbeit „sehr einfühlsam und pädagogisch sinnvoll“ vor.
Ob die SPD-Auftritte der Super-Nanny auch politisch sinnvoll sind, ist eine andere Frage. Da geht es mehr oder weniger gleichzeitig um die ratgeberlesende Mittelschicht, der das erzieherische Bauchgefühl verlorengegangen ist, und um Schulschwänzer aus Alkoholikerfamilien, die kein Frühstück bekommen. Einschlägige SPD-Themen wie Ganztagsschule und Chancengleichheit vermischen sich mit der Diskussion um Väterrechte, Schuldruck, Familienhebammen, Gewalt in der Erziehung und einen Elternführerschein für alle. Und immer wieder dreht das Gespräch zurück zur Fernsehsendung. Hubertus Heil, der Katharina Saalfrank seit längerem persönlich schätzt und als „wichtige Ratgeberin für mich“ bezeichnet, ist trotzdem zufrieden: Mit der Super-Nanny als Impulsgeberin setze die Diskussion endlich einmal bei persönlichen Erfahrungen an, um sich von da aus zu den Rahmenbedingungen zu entwickeln, für die die Politik verantwortlich sei. Außerdem freut sich der Generalsekretär über das große öffentliche Interesse, das weit über die üblichen Parteikreise hinausreiche. Man könnte allerdings auch feststellen: Beim Thema Bildung und Familie steht die SPD für alles oder nichts.
„Es muss nicht alles super sein“
Katharina Saalfrank hingegen profiliert sich als moderne Pädagogin mit Augenmaß. Sie redet davon, wie wichtig Vertrauen für Kinder sei und dass Eltern selbst im Ärger nicht mit dem Entzug des Gute-Nacht-Kusses drohen dürften. Aber sie nimmt auch überforderte Mütter und Väter in Schutz und plädiert dafür, professionelle Hilfe zu beanspruchen, auch ohne sich als Problemfall zu fühlen. „Es muss nicht alles super sein“, sagt die Super-Nanny. Dieser Zeitung hat sie immerhin versprochen, drei Fragen per E-Mail zu beantworten. Da steht dann zum Beispiel: „Ich gehe seit fünf Jahren mit kritischer Presse um und bleibe trotzdem bei meiner Berufung und konzentriere mich auf das, was für mich wesentlich ist: auf die Menschen und den Austausch! Darum geht es mir.“ Vielleicht ist es wirklich so simpel. In Mainz setzt sich Katharina Saalfrank sofort nach dem Abschlussapplaus auf die Wiese und schreibt Autogramme. Sie lässt sich Vornamen buchstabieren und posiert für Handyfotos. Hier stellt sie eine Frage, dort knipst sie ihr herzliches Lachen an. Jedem schaut sie in die Augen. Die Kinder stehen Schlange. Sie sehen glücklich aus.
Pädagogin im Privatfernsehen
Als Pfarrerstochter und Älteste von fünf Geschwistern 1971 in Bad Kreuznach geboren, zog Katharina Saalfrank früh zu Hause aus und bekam eigene Kinder, auch, um es anders zu machen als die eigenen Eltern, wie sie einmal bekannte. Das Abitur holte sie nach und studierte anschließend Pädagogik in Köln und Berlin, wo sie eine Weiterbildung zur Musiktherapeutin absolvierte. Sie arbeitete in der Familienberatung einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie, später dann auf der Intensivstation einer Kinderklinik. Seit September 2004 ist Katharina Saalfrank „Die Super-Nanny“ bei RTL - mit noch immer überdurchschnittlichen Quoten. 2007 wurde die Sendung mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Saalfrank hat auch Erziehungsratgeber veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Söhnen in Berlin.
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Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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