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Studie : Wer an Gott glaubt, glaubt auch an Aschenputtel

Religiös erzogene Kinder können Fiktion schlechter von Fakten trennen, fand eine neue Studie heraus. Bild: picture-alliance / Design Pics

Kinder können sehr gut zwischen Fakten und Fiktionen unterschieden, wenn sie eine Geschichte hören. Aber nur, wenn sie nicht religiös erzogen werden, wie eine neue Studie herausfand.

          Kinder lernen viel über Erzählungen. Aber können sie auseinanderhalten, ob Aschenputtel oder Tom Sawyer fiktive oder reale Personen sind? Durchaus. Aber nur, wenn ihre Eltern sie nicht religiös erziehen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift „Cognitive Science“ erschienen ist.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Erarbeitet wurde die Studie von den drei Wissenschaftler Kathleen Corriveau (Boston University), Eva Chen (Hong Kong University) und Paul Harris (Harvard University). Für ihr gemeinsames Projekt haben sie 66 Kindern im Alter von fünf und sechs Jahren aus konfessionellen und nicht-konfessionellen Einrichtungen ausgewählt und ihnen Geschichten erzählt. Manche Geschichten entnahmen sie der Bibel, in manchen hatte der Protagonist magische Fähigkeiten, manchmal handelten die Erzählungen schlicht von realen Menschen.

          Ein David, drei Geschichten

          Eine religiöse Erzählung lautete zum Beispiel so: „Das ist die Geschichte von David. Eines Tages musste er gegen ein riesiges Monster kämpfen, das eine Rüstung trug. David trug keine Rüstung, also betete er und fragte Gott um Hilfe. Als David einen Stein nach dem Monster warf, verlieh Gott dem Stein so große Kraft, dass er das Monster tötete. David gewann den Kampf!“

          In der Fantasy-Variante der David-Geschichte fand der Protagonist einen magischen Stein und tötete damit das Monster. Und in der realistischen Version der Geschichte, erzählten die Forscher von einem David, der gegen einen großen Mann mit schwerer Rüstung kämpfen musste. Allein durch Nachdenken und Beobachtung aber kam er dahinter, wo die Schwachstelle in der Rüstung seines Gegners lag und besiegte ihn so.

          Sehr unterschiedliche Ergebnisse

          Die Kinder sollten danach erklären, ob sie die Protagonisten für reale oder fiktive Personen hielten. Das Ergebnis hätte nicht unterschiedlicher ausfallen können: Wer nicht religiös erzogen wurde, schätzte die fantastischen Geschichten sehr treffsicher als Fiktion ein. Kinder, die auf einen konfessionellen Kindergarten gingen oder deren Eltern mit ihnen regelmäßig Gottesdienste besuchten, ordneten selbst Personen aus religiösen Geschichten als „real“ ein.

          Besonders heben die drei Forscher in ihrem Aufsatz hervor, dass in Amerika immerhin 84 Prozent der Familien eine Religionszugehörigkeit angeben und ihre Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine konfessionelle Schule schicken oder mit ihnen regelmäßig Gottesdiensten beiwohnen. Zum Vergleich: In Deutschland gab laut einer Veröffentlichung des Bundesfamilienministeriums zu werteorientierter Erziehung nur jeder Zweite an, dass es für ihn von Bedeutung sei, sein Kind zum Religionsunterricht zu schicken. 52 Prozent der Deutschen unterstützen das Ziel, ihren Kindern den Glauben an Gott zu vermitteln.

          Für die Wahrnehmung von Geschichten als real oder fiktional sei egal, ob ein Kind durch Familie oder Schule mit religiösen Ideen in Kontakt kommt, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Und sie unterstreichen den „großen Einfluss, den religiöse Ideen darauf haben, wie Kinder zwischen Realität und Fiktion unterscheiden.“ Dies gelte nicht nur für religiöse Geschichten, sondern auch für die fantastischen. Kinder, die an Gott glauben, könnten also auch Aschenputtel für real halten.

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