Home
http://www.faz.net/-gux-76zkk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Streitgespräch zu „Berlin - Tag & Nacht“ Papa, wen stört das?

 ·  Die Tochter ist, wie viele Teenager, verrückt nach der Seifenoper „Berlin - Tag & Nacht“ auf RTL 2. Der Vater kapiert das nicht. Ein Streitgespräch über Reality-Fernsehen und das wahre Leben.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (9)
© Marcus Kaufhold Was den Geschmack betrifft, sind diese beiden wie Tag & Nacht: Zoé, 14, und ihr Vater Markus.

Tochter (spricht in ihr Smartphone): Siri, wie wird das Wetter morgen?

Vater: Seit du mit deinem Handy auch noch über das Wetter plauderst, reden wir überhaupt nicht mehr miteinander.

Du bist unfair. Du sitzt ja auch den ganzen Tag vor dem Computer. Und über viele wichtige Dinge kann man sich mit dir ja nicht unterhalten, wie man zum Beispiel Wimperntusche wieder abkriegt, ohne die Wimpern auszureißen.

Das stimmt. Davon verstehst du mehr als ich. Aber es geht ja darum, sein Leben miteinander zu teilen. Sich erzählen. Sonst lebt man nur noch nebeneinanderher.

Aber muss das gerade jetzt sein? In zehn Minuten fängt „Berlin - Tag & Nacht“ an.

Und dieser Blödsinn ist wichtiger als ein Gespräch zwischen uns?

Siehst du, so sprichst du dann über die Sachen, die mich interessieren. Da will sich doch keiner mit dir unterhalten.

In den Zeitungen schreiben sie, das wäre Proll-Fernsehen.

Bloß weil da ganz normale Menschen auftreten, die nicht so herausgeputzt sind wie in den anderen Serien, weil die nicht so abgehoben reden, sondern wie in echt, sind das doch nicht gleich Assis. Oder meinst du, weil Joe eine Glatze hat und Tattoos auf seinen Oberarmen?

Wer war noch mal Joe?

Das ist der große Dicke, der Peggy liebt, aber nicht heiraten und keine Kinder will, obwohl er total gut mit kleinen Kindern kann. Der wohnt in der großen WG.

Da gibt es mehrere WGs?

Du hast ja echt keine Ahnung. Zwei WGs gibt es. Früher waren es drei, aber die Mädchen-WG hat sich inzwischen aufgelöst. Dafür gibt es jetzt eine neue WG in Köln. Die hat zwar eine eigene Serie, „Köln 50677“, aber die können trotzdem auch von Berlin nach Köln umziehen. Ist ja beides RTL 2.

Du weißt aber schon, dass das alles nicht echt ist? Das ist „Scripted Reality“, also die Schauspieler spielen vorher festgelegte Geschichten, müssen aber keinen Text lernen, sondern legen ihre Rolle frei aus.

Klar weiß ich das.

Und obwohl die nur so tun, als wäre das das echte Leben, obwohl sich alles genauso holterdiepolter auflöst wie in einer gewöhnlichen Soap - trotzdem findest du das spannend? Daraus kann man doch überhaupt nichts für das richtige Leben lernen.

Was lernst du denn aus einem Champions-League-Spiel fürs richtige Leben? Das schaue ich doch nur, um mich zu entspannen. Fürs Lernen habe ich doch die Schule.

Worüber ich mir Sorgen mache, ist, dass man daraus etwas lernt, ohne es zu wollen. Gerade im Sozialen lernt man das meiste durch Beobachtung und Nachahmung. Und die Figuren in „Berlin - Tag & Nacht“ sind allesamt sehr ichbezogen und zeigen sehr wenig Empathie. Das muss ja auch so sein. Mit Friede, Freude, Eierkuchen kann man kein Fernsehen machen. Die Serie braucht Konflikte.

Papa, du hältst schon wieder Vorträge. Du nimmst das viel zu ernst. Wenn die sich in „Berlin - Tag & Nacht“ danebenbenehmen, dann merke ich das doch. Wenn zum Beispiel die Jessica Drogenprobleme hat, sich total hängenlässt und dem Marcel, ihrem Bruder, dauernd was vormacht, dann finde ich das doch nicht gut. Man sieht ja, was da rauskommt, wenn die sich bescheuert benehmen. Meinst du, ich lerne aus „Berlin - Tag & Nacht“ schlechte Dinge?

Vielleicht übertreibe ich. Im Grunde ist diese Serie ja ganz brav. Sie folgt dem bürgerlichen Wertesystem geradezu unterwürfig. Da wird die Jessica dann mal eben in die Therapie gesteckt und kommt, vom Saulus zum Paulus verwandelt, wieder heraus. Mich stört ja nur, dass in dieser Serie Moral immer etwas ist, was von außen an die Figuren herangetragen wird. Wie bei einer Bande störrischer Esel, die vom Regisseur dann in die richtige Richtung getrieben wird. Das sind, im Sinne der Aufklärung, sehr unfreie Figuren. Aber vermutlich gefällt Jugendlichen gerade das - dadurch wirkt Moral wie ein Angriff auf ihre Autonomie.

Hallo? Was meinst du damit jetzt wieder?

Oder hast du dich vom Hype auf Facebook anstecken lassen? „Berlin - Tag & Nacht“ hat dort über zweieinhalb Millionen Mir-gefällt-das-Klicks. Und man muss ja mit 14 bei solchen Sachen immer mitreden können, genauso wie man immer aktuelle Handys braucht und aktuelle Klamotten und . . .

Das ist überhaupt nicht wahr! Mir hat ein Schulkamerad von dieser Serie erzählt. Und dann habe ich sie mir angesehen, und sie hat mir so gut gefallen, dass ich sie weiter schauen wollte. Das ist ja die einzige Fernsehserie, die ich mir regelmäßig anschaue. Ich habe seit Folge 100 keine mehr verpasst.

Erzähl keine Märchen. Ich sorge schon dafür, dass der Fernseher hin und wieder aus bleibt.

Ja und? Die Folgen, die ich im Fernsehen verpasst habe, lade ich mir aufs Handy herunter.

Gut, dass ich das auch mal erfahre. Da frage ich mich, was der Expertenrat taugt, dass man in deinem Alter maximal zwei Stunden täglich fernsehen sollte - wenn man das gar nicht mehr an den Geräten erkennt, was damit getrieben wird. Also: Für mich ist ab jetzt alles, was einen Bildschirm hat, eine Glotze.

Auch dein PC?

Natürlich, der fällt auch unter die Zwei-Stunden-Regel. Gilt natürlich nur für Kids, nicht für mich. Ich bin ja erwachsen. Aber wie ist das mit Facebook? Schreibst du da dann Kommentare, diskutierst du da mit, über die Sendung und die Figuren?

Nein, da sind zu viele, die das voll ernst nehmen und sich über die Figuren aufregen, sie richtig beschimpfen und so. Dann macht das auch keinen Spaß mehr.

Das finde ich lustig. Wahrscheinlich sind es vor allem diese Zuschauer, die für den schlechten Ruf der Sendung sorgen. So wie beim Fußball die Rowdys. Aber wenn du das alles durchschaust, dann verstehe ich nicht, was dich an dieser Serie so sehr interessiert . . .

Mir gefällt, dass die so wie ich sind, keine Superfiguren wie Kim Possible oder die phantastischen Vier, die immer so viel besser sind als normale Menschen. Marcel arbeitet in einem Tattoo-Studio, Sofi möchte Sängerin werden - das ist viel näher dran an den Dingen, die mich interessieren, um die es zum Beispiel auch in der „Intouch“ geht. So viele Serien gibt es ja nicht im Fernsehen, die auf meine Interessen eingehen - und aus dem Alter, „Schloss Einstein“ zu gucken, bin ich echt raus. „Schloss Einstein“ läuft auf Kika. Mit 14 Kika schauen, das geht gar nicht.

Die „Intouch“? Ist das so etwas wie die „Bravo“?

Oh, Papa. Ich bin VIERZEHN!

Stört es dich nicht, dass die bei „Berlin - Tag & Nacht“ mittendrin in die Kamera gucken und so tun, so als würden sie jetzt ganz vertraulich mit dir reden?

Nö, warum denn?

Schauspieler in erfundenen Geschichten tun das ja nicht. In normalen Soaps tun die eher so, als wäre die Kamera gar nicht da. Ich muss dir unbedingt mal zeigen, wie der Axel Prahl durch die Kamera hindurchgucken kann, als wäre sie Luft. Keiner kann das so gut wie der. Aber denk doch mal, wer das machen muss - im Fernsehen - dauernd in die Kamera gucken?

Keine Ahnung . . . doch, natürlich: die Nachrichtensprecher! Und du glaubst jetzt, die machen bei „Berlin - Tag & Nacht“ die Nachrichtensprecher nach? Echt?

Ich finde nur, sie klauen da etwas, was zu einer Nachrichtensendung gehört. Etwas, was uns im Fernsehen unterscheiden hilft: Das ist eine lustige Geschichte, und das ist eine ernste Nachricht. In „Berlin - Tag & Nacht“ werden solche Sehgewohnheiten ausgenutzt, um so zu tun, als wäre das die echte Welt.

Aber Papa, wen stört das? Ich meine, außer dir. . . . Da denkt jetzt doch keiner, hoppla, der Papa Joe spricht grad die Nachrichten.

Das meine ich nicht. Die klauen das nicht von den Nachrichten, damit es aussieht wie Nachrichten, sondern damit es aussieht wie echt und eben nicht wie gespielt.

Find ich irgendwie nicht schlimm jetzt. Ist wohl eher ein Problem für Senioren.

Nun ja, da kommt noch etwas dazu. Das sind Teenager-Interessen, die in eine Erwachsenenwelt gepackt werden. Aus den Interessen, die man als Vierzehnjährige hat - von mir aus: Mode und Styling - werden dann zum Beispiel Berufe. Oder typische Teenager-Probleme, etwa „Lästert meine Freundin da heimlich über mich?“, werden mit dem Ernst der Erwachsenen durchgespielt.

Kann ich mit 14 etwa nicht die Interessen einer Vierzehnjährigen haben? Was ist daran so unnormal, dass sich alle dauernd darüber aufregen?

Oh, sorry. Da hast du natürlich recht - wir reden in der Öffentlichkeit wirklich über das Teenager-Sein wie über ein schlimmes Virus, das unsere Kultur bedroht. Und „Berlin - Tag & Nacht“ ist halt einfach nur Teenager-Fernsehen. Da kann man nicht einfach den Stempel „Unterschicht“ draufdrücken und weg damit.

Bei dir hört sich das immer so an, als ginge es darum, dass ich deine muffigen Bücher lese. Die Zeitung studiere, statt zu chatten. Als ob ich nur so ein guter Mensch werden kann.

Das werden Kinder mit ihren Vätern immer erleben, dass sie alten Plunder ins Fenster stellen und das dann Hochkultur nennen. Aber für mich ist das wie mein eingerichtetes Zuhause: Literaturklassiker und Jazz-CDs. Ich wünsche mir schon, dass du dich ein wenig für die Dinge interessierst, die mir etwas bedeuten. Stell dir vor, ich habe früher nur Texas-Blues-Rock gehört, Lynyrd Skynyrd, Krokus und so. Wenn man mir damals, mit 18, gesagt hätte, ich würde später Tomasz Stanko oder Manu Katché mögen, hätte ich nur komisch geschaut.

Mein Geschmack ändert sich doch auch. Genauso wie deiner.

Aber so ein Geschmack muss dabei auch feiner werden. Sonst ist die Gefahr groß, dass er dir nur eingeredet wird. Das ist wie in dem Witz vom Reporter, der am Wahltag aufs Land fährt. Er fragt einen alten Mann, welche der elf Parteien er denn gewählt habe. Da stutzt der alte Mann und sagt: „Elf? Komisch, von den anderen zehn hat mir mein Sohn nie etwas erzählt.“

Haha. Selten so gelacht. Und der Witz soll was genau bedeuten?

Man muss schon die Möglichkeiten kennen, die man sonst noch hat. Wenn man sich die Worte immer nur aus Glotzen vorschwatzen lässt, kann man seine eigene Sprache nicht finden. Das geht nur, wenn man etwas erlebt, für das man am Anfang eben noch keine Worte hat. Wo man sich richtig anstrengen muss, um dafür Worte zu finden. Und das fehlt denen bei „Berlin - Tag & Nacht“ ja besonders.

Finde ich gar nicht. Die drücken ihre Gefühle schon aus. Halt nicht so wie du mit langen Vorträgen . . .

Nein, mit Augenrollen und einem Kraftausdruck . . .

. . . namens Scheiße.

Das Wort allein macht mir keinen Kummer. Es geht ja nur darum, dass man noch mehr Worte hat, seine Gefühle auszudrücken als dieses eine, dass man auch in der Sprache mehr als eine Möglichkeit hat. Natürlich kann man immer auf diejenigen runtergucken, die noch weniger können als man selbst. Deshalb ist die Sendung wahrscheinlich auch so beliebt. Die Figuren leben in einer kleinen Welt, in der es nur Entscheidungen zwischen Äpfeln gibt, und deshalb kann jeder, der schon mal eine Birne gesehen hat, über sie lästern. So eine Art medialer Fußabstreifer für alle.

Vor allem für dich. Du machst das ja auch dauernd runter. Aber so ein bisschen ist das ja der Spaß am Fernsehen. Wenn du Fußball schaust, regst du dich manchmal tierisch auf, was für einen Mist die da kicken. Dann sind die Spieler ja auch Fußabstreifer für dich - obwohl du nicht besser kicken kannst als die. Trotzdem tust du so, als könntest du alles besser. Und erst bei Talkshows mit Politikern . . .

Das war ein schönes Gespräch. Sehr gut. Aber jetzt hat sich das Thema erschöpft.

Schon klar. Inzwischen ist „Berlin - Tag & Nacht“ auch fast vorbei . . .

. . . und Zeit für die Nachrichten.

Kein Problem. Ich werd’s mir runterladen. Ich soll ja schließlich lernen, welche Möglichkeiten ich sonst noch so habe. So war doch der Witz?

Papa Joe, Peggy und der Rest

„Berlin - Tag & Nacht“ „Berlin - Tag & Nacht“ ist eine werktäglich von 19 bis 20 Uhr ausgestrahlte Seifenoper, die dem Prinzip der „Scripted Reality“ folgt; „Realtainment“, so RTL2. Sendestart war der 9. September 2011; geplant waren zunächst 120 Folgen. Erst allmählich, auch durch Facebook, gewann die Serie an Popularität und wurde fortgesetzt. Unter den 14- bis 29-Jährigen erreicht sie regelmäßig bis zu 800.000 Zuschauer, was in dieser Gruppe einem enormen Marktanteil von 30 Prozent entspricht.

Im Mittelpunkt steht eine Berliner WG, die sich um die Figur des Joe Möller gebildet hat. Peggy, Fabrizio, Marcel und andere, die sich in Joes WG die Klinke in die Hand geben, stehen meist am Anfang ihres Lebensweges oder sind neu in die Hauptstadt gekommen. Ihr ausgeprägter Drang nach Selbstverwirklichung führt sie dabei in zahlreiche Konflikte mit dem, was von ihnen gesellschaftlich erwartet wird. Joe, der einzige Repräsentant der Mid-Agers, wird von den anderen „Papa Joe“ genannt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel