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Streitgespräch zu „Berlin - Tag & Nacht“ Papa, wen stört das?

Die Tochter ist, wie viele Teenager, verrückt nach der Seifenoper „Berlin - Tag & Nacht“ auf RTL 2. Der Vater kapiert das nicht. Ein Streitgespräch über Reality-Fernsehen und das wahre Leben.

© Marcus Kaufhold Vergrößern Was den Geschmack betrifft, sind diese beiden wie Tag & Nacht: Zoé, 14, und ihr Vater Markus.

Tochter (spricht in ihr Smartphone): Siri, wie wird das Wetter morgen?

Vater: Seit du mit deinem Handy auch noch über das Wetter plauderst, reden wir überhaupt nicht mehr miteinander.

Du bist unfair. Du sitzt ja auch den ganzen Tag vor dem Computer. Und über viele wichtige Dinge kann man sich mit dir ja nicht unterhalten, wie man zum Beispiel Wimperntusche wieder abkriegt, ohne die Wimpern auszureißen.

Das stimmt. Davon verstehst du mehr als ich. Aber es geht ja darum, sein Leben miteinander zu teilen. Sich erzählen. Sonst lebt man nur noch nebeneinanderher.

Aber muss das gerade jetzt sein? In zehn Minuten fängt „Berlin - Tag & Nacht“ an.

Und dieser Blödsinn ist wichtiger als ein Gespräch zwischen uns?

Siehst du, so sprichst du dann über die Sachen, die mich interessieren. Da will sich doch keiner mit dir unterhalten.

In den Zeitungen schreiben sie, das wäre Proll-Fernsehen.

Bloß weil da ganz normale Menschen auftreten, die nicht so herausgeputzt sind wie in den anderen Serien, weil die nicht so abgehoben reden, sondern wie in echt, sind das doch nicht gleich Assis. Oder meinst du, weil Joe eine Glatze hat und Tattoos auf seinen Oberarmen?

Wer war noch mal Joe?

Das ist der große Dicke, der Peggy liebt, aber nicht heiraten und keine Kinder will, obwohl er total gut mit kleinen Kindern kann. Der wohnt in der großen WG.

Da gibt es mehrere WGs?

Du hast ja echt keine Ahnung. Zwei WGs gibt es. Früher waren es drei, aber die Mädchen-WG hat sich inzwischen aufgelöst. Dafür gibt es jetzt eine neue WG in Köln. Die hat zwar eine eigene Serie, „Köln 50677“, aber die können trotzdem auch von Berlin nach Köln umziehen. Ist ja beides RTL 2.

Berlin - Tag & Nacht „Papa Joe“ und Peggy © RTL II Bilderstrecke 

Du weißt aber schon, dass das alles nicht echt ist? Das ist „Scripted Reality“, also die Schauspieler spielen vorher festgelegte Geschichten, müssen aber keinen Text lernen, sondern legen ihre Rolle frei aus.

Klar weiß ich das.

Und obwohl die nur so tun, als wäre das das echte Leben, obwohl sich alles genauso holterdiepolter auflöst wie in einer gewöhnlichen Soap - trotzdem findest du das spannend? Daraus kann man doch überhaupt nichts für das richtige Leben lernen.

Was lernst du denn aus einem Champions-League-Spiel fürs richtige Leben? Das schaue ich doch nur, um mich zu entspannen. Fürs Lernen habe ich doch die Schule.

Worüber ich mir Sorgen mache, ist, dass man daraus etwas lernt, ohne es zu wollen. Gerade im Sozialen lernt man das meiste durch Beobachtung und Nachahmung. Und die Figuren in „Berlin - Tag & Nacht“ sind allesamt sehr ichbezogen und zeigen sehr wenig Empathie. Das muss ja auch so sein. Mit Friede, Freude, Eierkuchen kann man kein Fernsehen machen. Die Serie braucht Konflikte.

Papa, du hältst schon wieder Vorträge. Du nimmst das viel zu ernst. Wenn die sich in „Berlin - Tag & Nacht“ danebenbenehmen, dann merke ich das doch. Wenn zum Beispiel die Jessica Drogenprobleme hat, sich total hängenlässt und dem Marcel, ihrem Bruder, dauernd was vormacht, dann finde ich das doch nicht gut. Man sieht ja, was da rauskommt, wenn die sich bescheuert benehmen. Meinst du, ich lerne aus „Berlin - Tag & Nacht“ schlechte Dinge?

Vielleicht übertreibe ich. Im Grunde ist diese Serie ja ganz brav. Sie folgt dem bürgerlichen Wertesystem geradezu unterwürfig. Da wird die Jessica dann mal eben in die Therapie gesteckt und kommt, vom Saulus zum Paulus verwandelt, wieder heraus. Mich stört ja nur, dass in dieser Serie Moral immer etwas ist, was von außen an die Figuren herangetragen wird. Wie bei einer Bande störrischer Esel, die vom Regisseur dann in die richtige Richtung getrieben wird. Das sind, im Sinne der Aufklärung, sehr unfreie Figuren. Aber vermutlich gefällt Jugendlichen gerade das - dadurch wirkt Moral wie ein Angriff auf ihre Autonomie.

Hallo? Was meinst du damit jetzt wieder?

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Veröffentlicht: 16.02.2013, 19:23 Uhr