10.12.2011 · Männer mit Frauen aus Thailand oder Russland werden oft beargwöhnt: Viele denken: „Na, der Sonderling hat wohl keine Deutsche abbekommen.“ Wie sind diese Männer wirklich? Ein Soziologe klärt auf.
Herr Glowsky, in Ihrem Buch „Globale Partnerwahl“ haben Sie die Ehen von Männern untersucht, die gegen die Regel der Homogamie verstoßen: Sie haben ihren Stammheiratsmarkt verlassen und eine Frau aus dem ärmeren Ausland geheiratet. Was macht diese Männer soziologisch interessant?
Die nationalen Heiratsmärkte sind sehr geschlossen. Da stellt sich die Frage: Was muss eigentlich so einen deutschen Mann ausmachen, der keine Frau aus Deutschland heiratet? Außerdem fand ich es sehr interessant, dass die graue Literatur, also die pseudowissenschaftliche Literatur der siebziger, achtziger und teilweise noch neunziger Jahre, sehr viel über diese Männer zu wissen glaubt, aber keine gesicherten Ergebnisse hatte.
Ein deutscher Mann mit einer Frau aus Amerika oder Frankreich gilt als modern und weltoffen. Wer dagegen eine Partnerin aus Thailand oder Russland hat, der wird argwöhnisch betrachtet - als habe er sie sich quasi gekauft, weil er keine Deutsche abbekommen habe.
Das ist das Bild, das häufig kursiert, nicht nur in der grauen Literatur, sondern auch, wenn man sich mit Menschen aus seinem privaten Umfeld unterhält.
Ihre Untersuchung stützt sich auf vorliegende Daten, aber auch auf Befragungen von Berliner Ehepaaren, die dem Muster entsprechen. Wie hoch war deren Bereitschaft mitzumachen?
Es gab zum Teil massive Kritik. Von den meisten wurde es als sehr unangenehm empfunden, darüber befragt zu werden. Einige wenige Männer haben gesagt, sie freuten sich, dass sie mal jemand frage, weil es so viele Vorurteile gebe. 26 Prozent von allen, die von uns angeschrieben wurden, haben geantwortet - was in der Sozialforschung gar kein schlechter Schnitt ist.
Sie haben sich auf Männer mit Frauen aus Polen, Russland, Thailand und Brasilien konzentriert. Warum diese vier Länder?
Zum Zeitpunkt der Auswahl war Polen das Land, aus dem die meisten ausländischen Frauen kamen, vor Thailand und Russland: Es ging also um Masse und um Relevanz. Polen rangiert seit vielen Jahren ganz oben und nicht etwa die Türkei, wie es bei den Ehen deutscher Frauen mit Ausländern der Fall ist; die türkischen Männer heiraten auch heraus aus ihrer Gruppe, während die türkischen Frauen dort verbleiben. ANTWORT: Seit den Neunzigern kam dann langsam Thailand auf. Mit Brasilien wollte ich noch eine andere Weltregion abdecken.
Was treibt nun deutsche Männer auf den ausländischen Heiratsmarkt, was suchen sie dort?
Ganz viele von diesen Partnerschaften entstehen zufällig: Ich finde es wichtig, das zu sagen. Es ist nicht immer wie in dem Sketch von Gerhard Polt mit seiner Mai Ling aus dem Katalog. Der Student, der in Bangkok studiert und dort die süße Thailänderin kennenlernt: Das passiert einfach. Manche Männer weichen aber bewusst auf diese Heiratsmärkte aus. Wenn sie unattraktiv sind, können sie dort möglicherweise eine Frau finden, weil sie ihre Staatsbürgerschaft als Ressource einsetzen können. Zweitens: Wenn Sie eine schlanke und junge Frau suchen, dann finden Sie die eher auf dem Heiratsmarkt eines ökonomisch schwächeren Landes. In Ländern, die höher entwickelt sind, sind die Menschen fettleibiger und heiraten später. Das liegt zum Beispiel an der Bildung: Wenn Männer und Frauen an die Uni gehen, heiraten sie erst mal nicht. Außerdem gibt es Erklärungen, bei denen Exotik eine Rolle spielt, wenn etwa der Mann sagt, die thailändische Kultur gefalle ihm besser. Diesen Punkt habe ich allerdings nicht untersucht.
Hat sich das bestätigt: Sind diese Männer tatsächlich weniger attraktiv, zieht es sie stärker zu jungen und schlanken Frauen?
Die Attraktivität des deutschen Mannes lässt sich schwer messen. Bei einer anonymen Befragung kann man ja nicht darum bitten, ein Foto mitzuschicken. Es gibt aber einen hohen Zusammenhang zwischen dem Body-Mass-Index und der Einschätzung der Körperform als attraktiv. Also habe ich die Männer nach ihrer Körpergröße gefragt und nach ihrem Gewicht zum Zeitpunkt, als sie ihre Frau kennengelernt haben. Deutsche Männer heiraten demnach mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Frau aus dem ärmeren Ausland, wenn sie einen erhöhten Body-Mass-Index haben - mit 30, das ist schon deutlich übergewichtig, wird's dann immer wahrscheinlicher. Der allerstärkste Faktor ist jedoch das Alter des Mannes: Sehr häufig sind Männer vertreten, die so um die vierzig, fünfzig Jahre alt sind. Es ist übrigens nicht so, dass diese Männer vorher keine Partnerin hatten. Sie waren vielleicht 15, 20 Jahre verheiratet, und nachdem die Ehe in die Brüche ging, landen sie auf einem Heiratsmarkt, der abgegrast ist. Auf der anderen Seite heiraten auch Männer, denen es wichtiger ist, dass ihre Partnerin schön und schlank ist, eher eine Frau aus dem ärmeren Ausland.
Manche Ihrer Ergebnisse sind aber auch beruhigend für die Männer: Sie bescheinigen ihnen, dass sie nicht weniger umgänglich sind als Männer mit deutschen Frauen, also keine Sonderlinge.
Ich habe unter anderem geschaut, ob diese Männer als schüchtern gelten können - und das sind sie nicht. Es sind durchschnittlich gesellige Typen mit nicht mehr oder weniger Freunden als Männer mit deutschen Frauen. Es sind auch Männer mit sehr hoher Bildung dabei und Männer mit hohem Einkommen.
Das sind vor allem die Männer mit brasilianischen Frauen.
Ich vermute, das ist - jedenfalls in Berlin - ein bisschen so ein Yuppie-Phänomen. Es geht ja auch immer um Geschmack, den ich in einer Studie aber nicht abfragen kann. Nach Pierre Bourdieu könnte man vermuten, dass eine Thailänderin als unterschichtig gilt und Brasilien als sehr aufstrebendes Land mit einer gewissen Exotik, aber als Soziologe würde ich das so nicht unterschreiben, solange ich es nicht empirisch überprüft habe.
Die Männer mit Frauen aus Thailand schneiden in fast allen Kategorien am schlechtesten ab: Sie haben am längsten nach einer Frau gesucht, sind schlechter gebildet, haben weniger Geld, gelten als sozial weniger verträglich, sind überdurchschnittlich häufig fettleibig und zum Zeitpunkt der Hochzeit deutlich älter als alle anderen. Hatte Polt doch recht mit seiner Mai-Ling-Nummer?
Nun, mit der Mai-Ling-Nummer verbinden wir viel mehr als nur die Wahl der Frau. Damit verbinden wir auch eine Art und Weise, wie die Frau behandelt wird: Der Mann hat sie aus dem Katalog, er ärgert sich, dass die Frau zu groß ist, dass sie jetzt mehr kostet und so weiter. Deswegen würde ich nie sagen, Polt hat recht. Man kann aber sagen: Männer, die eine Frau aus Thailand heiraten, sind genau das, was Sie beschrieben haben. Sie sind möglicherweise unterprivilegiert.
Warum haben Sie keine Ehen mit deutschen Frauen und Männern aus dem Ausland untersucht?
Ganz einfach: Es sind viel weniger Fälle. Da müssen Sie mehr nach der Nadel im Heuhaufen suchen. Es ist auch ein etwas anderes Phänomen, denn wenn deutsche Frauen einen Mann aus dem Ausland heiraten, dann ist das in den allermeisten Fällen ein Mann, der bereits hier lebt. In den fünfziger Jahren waren das GIs, später Männer aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei, Spätaussiedler. Spannend ist es trotzdem: Es gibt viele Reportagen über deutsche Frauen, die zum Beispiel in die Karibik fliegen. Wenn man solche Paare auf der Straße sieht, verbergen sich dahinter vermutlich ganz ähnlich gelagerte Fälle wie bei den deutschen Männern, aber beweisen kann ich das nicht.
Lässt sich untersuchen, ob hinter solchen Ehen tatsächlich die Sehnsucht der Frauen aus einem ärmeren Land nach sozialem Aufstieg steht - oder einfach nur Liebe?
Ich denke, Männer trachten mindestens genauso nach sozialem Aufstieg wie Frauen. Wobei die Ehe für Frauen als Vehikel gilt, um den Aufstieg zu bewerkstelligen, wohingegen der Mann selbst rackern muss. Viele Frauen sind aber gesellschaftlich in einer Zwangslage: Eine Frau in Thailand hat gar keine Möglichkeit, sich hochzuarbeiten, eine Frau in Russland auch nur in den allerseltensten Fällen. Da können Sie sich als Frau am ehesten verbessern, wenn Sie einen reichen Mann heiraten. Und Liebe - ich glaube, die spielt am Schluss immer eine Rolle. Vielleicht nicht dabei, ob das Paar heiratet, aber mindestens dabei, ob das Paar zusammenbleibt.