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Veröffentlicht: 15.06.2010, 13:18 Uhr

Sorgerecht Der entsorgte Vater

Weil Dominiks Mutter nicht will, dass ihr Sohn seinen Vater sieht, wächst der sechs Jahre alte Junge ohne ihn auf. Vielen Kindern in Deutschland geht es so wie ihm - die Justizministerin muss nun handeln.

von
© Verena Müller Verwaiste Spielecke: In seiner Wohnung bewahrt Volker Bode Spielsachen für seinen Sohn auf

Volker Bode (alle Namen wurden geändert) hat einen sechsjährigen Sohn, den er seit dessen Geburt nicht öfter als zwei Dutzend Mal gesehen hat. Die Geschichte seiner „Familie“ beginnt vor sieben Jahren: Bode hat gerade die Stelle gewechselt, als er Kerstin Prinz in der neuen Firma kennenlernt. Nach drei Monaten sind Bode und Prinz ein Paar, nach fünf Monaten reisen sie zusammen nach Neuseeland, dann zeugen sie ganz bewusst ein Kind.

Katrin Hummel Folgen:

Kurze Zeit später fallen Bode Prinz' Stimmungsschwankungen auf. Er erklärt sich ihre schlechte Laune zunächst mit Hormonschwankungen. Doch es wird nicht besser, sondern immer schlimmer, und beide trennen sich fünf Monate vor dem geplanten Entbindungstermin. Um seines ungeborenen Kindes willen ruft Bode Prinz auch danach in regelmäßigen Abständen an, aber er kassiert stets nur Beschimpfungen. Auf eine telefonische Anfrage dieser Zeitung reagiert Kerstin Prinz ebenfalls abweisend: Sie droht, gegen eine Veröffentlichung des Falles zu klagen. Ihre eigene Sicht der Dinge möchte sie nicht schildern.

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Jährlich 350.000 Trennungskinder

Das Kind in Prinz' Bauch gehört zu einer erschreckend großen Gruppe: Insgesamt werden in Deutschland jedes Jahr etwa 350.000 Kinder von Trennung oder Scheidung betroffen. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Wuppertal, Bochum oder Bielefeld. Nach der Trennung der Eltern leidet oft die Beziehung zwischen Vater und Kind: Trennungsväter, die im Streit mit ihrer Exfrau oder -freundin leben, haben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur selten das Sorgerecht für ihre Kinder, selbst wenn sie verheiratet waren. In jedem zweiten strittigen Fall, der vor Gericht landet, wird der Frau das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Geschiedene Väter bekommen das alleinige Sorgerecht hingegen nur in jedem siebten bis achten Fall - und damit noch seltener, als dass das Kind außerhalb seiner Kernfamilie, etwa bei einer Pflegefamilie, untergebracht wird.

Demonstration für gemeinsames Sorgerecht © picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Demonstration vor dem Europäischen Gerichtshof

Auch Volker Bode ahnt nach der Trennung, dass es schwer für ihn werden könnte, seinen Sohn kennenzulernen. Denn Kerstin Prinz bricht jeglichen Kontakt zu ihm ab. Am Wochenende nach dem errechneten Geburtstermin findet er nur durch einen Trick heraus, in welchem Krankenhaus sein Sohn liegt, und fährt noch am gleichen Tag zu ihm. Es ist ein sehr schöner, glücklicher Moment, doch sofort eilt eine Krankenschwester herbei und vertreibt ihn: „Ich habe hier eine Verfügung von der Mutter, keiner darf das Kind sehen!“ In einem Schreiben von Prinz' Rechtsanwältin, das ihm kurz darauf ins Haus flattert, unterstellt sie ihm, er habe im Krankenhaus randaliert.

Unverheiratete Väter gelten als bloße „Erzeuger“

Bode ist hilflos, wütend und verzweifelt darüber, dass die Mutter seines eigenen Kindes zu solchen Mitteln greift. Doch er kann nichts dagegen tun. Das Sorgerecht für seinen Sohn hat er nicht, da er nicht verheiratet war und Prinz seinem Antrag niemals zugestimmt hätte. Die Zustimmung der Mutter nämlich ist bei unverheirateten Paaren nötig, wenn die Eltern das Sorgerecht gemeinsam ausüben wollen. Ist sie dazu nicht bereit, ist der unverheiratete Vater ein bloßer „Erzeuger“ - und darauf angewiesen, dass die Mutter ihm, wie es das geltende Umgangsrecht vorsieht, gestattet, sein Kind zu sehen. Wenn sie das nicht tut, bleibt ihm lediglich, sein Recht vor Gericht einzuklagen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat vor kurzem entschieden, dass diese Benachteiligung bei der Vergabe des Sorgerechts eine Diskriminierung lediger Väter darstellt, und die deutsche Regierung aufgefordert, das Sorgerecht zu reformieren. Das Justizministerium hat daraufhin gesetzgeberische Änderungen angekündigt, die es ledigen Vätern künftig im Einzelfall ermöglichen könnten, das Sorgerecht gemeinsam mit der Mutter auch gegen deren Willen auszuüben. Ein automatisches gemeinsames Sorgerecht von der Geburt des Kindes an für ledige Väter komme aber nicht in Betracht. Eine interne Umfrage des Bundesjustizministeriums bei mehr als 500 Rechtsanwälten und Jugendämtern hat indessen ergeben, dass achtzig bis neunzig Prozent der Mütter, die die gemeinsame Sorge ablehnen, dafür Gründe anführen, die sich nicht am Kindeswohl, sondern an ihrem eigenen Wohl orientieren: „Sie möchten allein entscheiden oder nichts mehr mit dem Vater zu tun haben.“ Die vom Ministerium befragten Rechtsanwälte hielten die Motive der Mütter sogar nur sehr selten für plausibel.

Alle vier Wochen einmal den eigenen Sohn sehen

Bode klagt also den Umgang mit seinem Sohn ein. Zu einer Verhandlung kommt es wegen einer Überlastung des Gerichts aber erst, als Dominik acht Monate alt ist. Der Richter räumt Bode darin ein begleitetes Umgangsrecht ein. Das bedeutet, Vater und Sohn sollen einander im Beisein einer Sozialarbeiterin treffen. Doch zwei Tage vor dem ersten Umgangstermin lässt Prinz das Treffen ohne Angabe von Gründen absagen und mitteilen, dass sie gegen den Gerichtsbeschluss in Berufung gehen wird. Diese Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht findet anderthalb Jahre nach Dominiks Geburt statt. Die Richterin bestätigt darin den Beschluss des Amtsgerichtes.

Als Bode seinen Sohn aufgrund dieses Beschlusses das erste Mal nach jenem Tag im Krankenhaus wiedersieht, ist er unfassbar glücklich. Auch Dominik scheint das Zusammensein mit ihm zu genießen. Einige Tage später aber bekommt Bode Post vom Polizeipräsidium. Prinz behauptet, er habe ihr während seines Wiedersehens mit Dominik den Ellbogen in die Seite gerammt. Ihm wird Körperverletzung zur Last gelegt, er wird zur Anhörung geladen. Nach seiner Aussage hört er zwar nie wieder etwas von der Sache. Doch den Umgang mit Dominik bricht Prinz nach diesem „Angriff“ ab. Bode stellt daraufhin einen abermaligen Antrag auf Umgang beim Oberlandesgericht. Der Beschluss, den der Richter schließlich fällt, stellt einen klaren Rückschritt für Dominik und Bode dar. Die Umgänge sollen nun ein ganzes Jahr lang nicht unbegleitet und nicht wie zuvor alle zwei, sondern nur noch alle vier Wochen stattfinden. Als Grund dafür nennt das Gericht, dass die Eltern nicht hinreichend miteinander kooperierten.

Gericht: Diese Mutter ist eine „Kindeswohlgefährdung“

Prinz sagt auch die weiteren Umgangstermine jedes Mal ganz kurzfristig ab, so dass die Caritas ihre Bemühungen nach vielen erfolglosen Versuchen, Vater und Kind zusammenzubringen, abbricht. In einem Bericht ans Jugendamt schreibt die Leiterin der Einrichtung, Prinz' „unverbindliche Art, die Umgangstermine zu handhaben“, stelle eine „Kindeswohlgefährdung“ dar. Es sei unmöglich gewesen, mit ihr „zu kooperieren“. Bode beschließt, die letzte ihm zur Verfügung stehende Möglichkeit auszuschöpfen und ein Zwangsgeldverfahren gegen Prinz anzustrengen. Mit Erfolg: Der Richter verhängt ein Zwangsgeld von tausend Euro gegen Prinz, mit der Begründung, sie habe das vom Oberlandesgericht festgelegte Umgangsrecht „blockiert“. Wenn sie ihr Verhalten nicht ändere, komme „eine Entziehung des Sorgerechts insgesamt in Betracht“. Deutlicher kann ein Beschluss nicht ausfallen.

Nach zwei Jahren Pause kommt der nächste begleitete Umgang mit seinem inzwischen fast vier Jahre alten Sohn zustande - diesmal in einer Familienbildungsstätte. Bode sieht Dominik an, hört ihm zu und ist überglücklich. Sein Sohn hat leuchtend blaue Augen und eine hellblonde, lockige Mähne. Sie spielen knappe zwei Stunden lang, und als die Mitarbeiterin ihnen erklärt, die Spielzeit sei gleich zu Ende, wird Dominik sehr barsch. Er sieht sie mit bitterernster Miene an und ruft immer wieder: „Ich geh' jetzt aber nicht!“ Auch die folgenden Begegnungen zwischen Vater und Sohn laufen wunderbar, so dass die Betreuerin der Familienbildungsstätte ankündigt, Bode könne Dominik bald auch alleine, das heißt im Rahmen unbegleiteter Umgänge, sehen. Dies teilt sie auch Prinz mit, die daraufhin ankündigt: „Dann muss ich mir etwas einfallen lassen.“

Den eigenen Sohn schon zwei Jahre nicht mehr gesehen

Beim nächsten Umgang macht Dominik einen verstörten Eindruck auf Bode. Er ist verheult und ruft die ganze Zeit: „Ich will nicht mit Volker spielen! Ich will nur noch mit Mama spielen!“ Beim darauffolgenden Treffen ist es genau das Gleiche, und deswegen bricht Prinz die Umgänge ab. Bode stellt also abermals einen Antrag auf Umgang bei Gericht, denn der Beschluss des Oberlandesgerichts hat ja weiterhin Gültigkeit. Im Vorfeld dieser Verhandlung erreicht ihn ein Schreiben von Prinz' neuer Anwältin - es ist inzwischen ihre fünfte -, in dem sie behauptet, er habe bei einem Toilettengang während eines begleiteten Umgangs an Dominiks Popo herumgefummelt. Der Richter nimmt das jedoch in der Verhandlung kaum zur Kenntnis, sondern sucht Dominik wenig später im Kindergarten auf, um ihn anzuhören. Das Ergebnis: Er hält es durchaus für möglich, dass Dominik seinen Vater in Wirklichkeit ganz gern wieder sehen würde.

Seit mehr als zwei Jahren hat Bode seinen Sohn nun nicht mehr gesehen. Im Sommer vergangenen Jahres hat das Gericht eine Psychologin mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt. Sie soll herausfinden, ob es Dominik guttut, den Vater zu treffen. Sollte das nicht der Fall sein, wird das Gericht Bode sehr wahrscheinlich verbieten, seinen Sohn weiterhin zu sehen.

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