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Veröffentlicht: 17.12.2012, 16:37 Uhr

Sinkende Geburtenrate Immer weniger Deutsche wollen Kinder

Bei Geburtenrate und Kinderwunsch gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern. Hinderlich sei nicht zuletzt das kulturelle Leitbild einer „guten Mutter“, die zu Hause erzieht, so eine Studie.

von , Frankfurt
© dpa Fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf führen zu weniger Kindern in Deutschland.

Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt. Im Jahr 201o betrug sie 1,39. In Europa liegt Lettland mit einer Ziffer von 1,17 Kindern pro Frau ganz hinten, Island führt mit 2,2 Kindern die Statistik an, gefolgt von Irland (2,07), der Türkei (2,04), Frankreich (2,01), Schweden (1,98) und Norwegen (1,95). Diese Zahlen zur Geburtenentwicklung hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden in einer aktuellen Studie nun erstmals mit einer Untersuchung der Gefühlslage der Deutschen kombiniert.

Dabei fällt auf, dass sich insbesondere die Einstellungen der Deutschen zum Leben mit Kindern signifikant von den Haltungen in anderen Ländern unterscheiden. So ist nicht nur die Überzeugung, dass Kinder Lebensglück bedeuten, hierzulande weniger stark ausgeprägt als anderswo. Auch die gesellschaftliche Anerkennung der Elternschaft fällt hinter die Anerkennung, die in anderen Ländern für die Kindererziehung  gezollt wird, zurück. So stimmen nicht einmal die Hälfte (45 Prozent) der kinderlosen Deutschen zwischen 18 und 50 Jahren der Aussage zu, dass es „ihre Lebensfreude und Lebenszufriedenheit verbessern würde, wenn sie in den nächsten drei Jahren ein Kind bekämen“.

Infografik / Kinder und Lebensglück / Umfrage © F.A.Z. Vergrößern Deutlich mehr als die Deutschen freuen sich Russen, Franzosen oder Ungarn auf Nachwuchs

Sinkende Anerkennung mit jedem Kind?

Unter den Befragten, die bereits Kinder haben, geben nur 17 Prozent an, dass ein weiteres Kind ihre Lebensfreude erhöhen würde. In Frankreich sind es hingegen drei Viertel der Kinderlosen, die dies glauben, und immerhin die Hälfte derjenigen, die bereits eines oder mehrere Kinder haben. In Deutschland ist also, so folgern die Forscher, Kinderlosigkeit beziehungsweise eine geringe Kinderzahl zumindest zum Teil ein gewünschter Zustand.

Während in Agrargesellschaften eine hohe Kinderzahl als Statussymbol galt und noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein auch in Europa war, scheinen diese Zeiten nun vorbei zu sein. Auf die Frage, ob sich „die Meinung der anderen Leute über sie verbessern würde, wenn sie in den nächsten drei Jahren ein Kind bekämen“, antworteten in Deutschland nur 17 Prozent der Kinderlosen mit „Ja“. Von denjenigen Befragten, die bereits Kinder hatten, nahmen nur fünf Prozent an, dass ihre gesellschaftliche Anerkennung steigen würde. 13 Prozent der Eltern von mindestens zwei Kindern dachten sogar umgekehrt, dass ihre gesellschaftliche Anerkennung mit einem weiteren Kind sinken würde. In Frankreich hingegen dachten 33 Prozent der Kinderlosen und neun Prozent der Eltern, dass sie in der Achtung ihrer Mitmenschen steigen würden.

Dilemma der (Un)-vereinbarkeit

Die Untersuchung nennt für die niedrige Geburtenrate aber auch ein normatives Dilemma bei der Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf. Das kulturelle Leitbild der „guten Mutter“, die zu Hause bei den Kindern bleibt, sei vor allem in den alten Bundesländern noch so stark verbreitet, dass sich berufsaffine Frauen im Zweifel eher gegen  ein Kind entschieden. Der Aussage „Ein Kleinkind wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist“, stimmten im Westen 63 Prozent der Befragten zu, im Osten 36 Prozent.

Nicht nur ein Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen sei demnach dafür verantwortlich, dass sich Frauen vor allem im Westen zwischen Erwerbstätigkeit und Mutterschaft entschieden, sondern auch die eigene Einstellung, dass sie die Betreuung ihres Kindes nicht guten Gewissens delegieren könnten, schreiben die Forscher. In Frankreich und Belgien sind nur 41 beziehungsweise 38  Prozent der Befragten dieser Meinung.

Fast jede dritte Akademikerin kinderlos

Die Studie weist auch daraufhin, dass fast ein Drittel (31,6 Prozent) der Akademikerinnen Geburtsjahrgänge 1965 bis1969 kinderlos geblieben seien. Das sei im internationalen Vergleich ein „außerordentlich hoher Wert“. In den neuen wie in den alten Bundesländern kommen Frauen auf ähnliche durchschnittliche Kinderzahlen. Doch sind die „Fertilitätsmuster“ sehr unterschiedlich: Während es im Westen einen großen Anteil kinderloser Frauen gibt, findet sich dort zugleich eine stabile Anzahl  verheirateter Frau mit zwei und mehr Kindern. Im Osten hingegen gibt es weniger Kinderlose, dafür viele Frauen mit nur einem Kind.

Auch beim Kinderwunsch gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern. Die Studie geht von einem Wert von rund 1,7 gewünschten Kindern aus. In Europa gebe es derzeit nur sechs weitere Länder, in denen der Kinderwunsch unter zwei Kindern pro Frau  liege. Die Forscher nehmen an, dass junge Leute, die in einem Umfeld aus lauter Kleinstfamilien aufwachsen, ebenfalls einen niedrigen Kinderwunsch entwickeln. So sei davon auszugehen, schreiben sie in ihrem eher pessimistischen Ausblick, dass sich „die kleine Familie zu einer handlungsleitenden Normalität entwickelt hat, die durch familienpolitisches Handeln nicht kurzfristig und nicht unmittelbar zu verändern ist“.

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Quelle: FAZ.NET

 

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