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Sexualkunde : Kätes Liebeslehre vor 40 Jahren

1969 erschien der Sexualkunde-Atlas. Ministerin Käte Strobel sorgte damit für Aufruhr: Manchen ging das Schulbuch viel zu weit, anderen nicht weit genug. Nach Ansicht der Gesundheitsministerin war es eine „echte Lebenshilfe“.

          Im Juni 1969 breitete sich der Ärger über die "Liebeslehre" bundesweit aus. Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel (SPD) hatte den von ihr in Auftrag gegebenen "Sexualkunde-Atlas" - biologische Informationen zur Sexualität des Menschen - vorgestellt: 48 Seiten, unterteilt in zwölf Kapitel, mit denen Schüler, so Ministerin Strobel, "in einer sachlichen Form, korrekt und ohne emotionale Aufladung informiert werden" sollten. Der Sex-Atlas war nach Ansicht der Gesundheitsministerin eine "echte Lebenshilfe". Es war die Zeit, in der Oswalt Kolle seine Aufklärungsbücher und Filme unter das Volk brachte und Dr. Sommer begann, Fragen rund um Sexualität zu beantworten.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          1967 stellte die Bundesregierung fest, die Sexualerziehung durch die Eltern sei unbefriedigend. Im Oktober 1968 beschloss daraufhin die Ständige Konferenz der Kultusminister "Empfehlungen zur Sexualerziehung in den Schulen". Darin heißt es unter anderem: "Sexualerziehung in der Schule soll dazu beitragen, dass die jungen Menschen ihre Aufgaben als Mann oder Frau erkennen." Die Sexualerziehung wurde zum Albtraum vieler Lehrer, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Sie ist wie ein Donnerschlag von Kultusministerbeschlüssen, wie ein überhartes Generationsschicksal über sie hereingebrochen."

          „Sex-Strobel“

          Ministerin Strobel, nach dem Erscheinen ihres Sexualkunde-Atlas auch "Sex-Strobel" genannt, hatte schon mit dem von ihr veranlassten Film "Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens" große Erfolge gefeiert. Der Sex-Atlas, kündigte sie an, sollte keineswegs so prüde sein wie die gängigen Biologiebücher, in denen Männer und Frauen ohne Geschlechtsorgane gezeigt wurden. Vorbei sollten die Zeiten sein, in denen manch ein Lehrer äußerte, Sexualkunde, das sei für ihn Laotse, das Hohelied des Salomon und die Lyrik Walthers von der Vogelweide.

          Käte Strobel meinte: "Die Kinder sollen aufgeklärt werden, wie das Leben wirklich ist." Grundsatz des Atlas sei es, den Schülern wertungsfrei Informationen zu geben. "Zum Beispiel werden sie, ohne Gebrauchsanweisung versteht sich, über die verschiedenen Möglichkeiten der Familienplanung informiert" - so kündigte es die "Stuttgarter Zeitung" an. Doch als die Ministerin ihren Atlas, den "Strobel-Peter", vorstellte, erntete das Werk harsche Kritik. Sittliche Werte seien völlig ausgeklammert, die Sexualität rein biologisch abgehandelt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb unter dem Titel "Wer mag da noch lieben? Sexualkunde in der Klempner-Sprache": "Es gibt eine wütige Art der Aufklärung, die nicht nur die Prüderie ausrotten will, sondern zugleich alle Gefühle und Vorstellungen, die in das Wort Liebe eingegangen sind." Vor allem an den Detailaufnahmen einer Geburt, einer Nachgeburt und eines Penis im ersten Stadium der Syphilis störten sich die Kritiker.

          Wie die Bedienungsansleitung einer Waschmaschine

          Reimut Reiche, Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes bis 1967, schrieb dagegen im "Spiegel": "Zweieinhalb Zeilen über Onanie, 32 Zeilen über Geschlechtsverkehr; das ist das einzig Sexuelle an diesem Atlas." Die Sexualität beginne bei Frau Strobel dort, wo sie bei den meisten Menschen aufhöre, im "Augenblick der Verschmelzung von Ei und Samenzelle". Die "Welt" beklagte, dass der Atlas sich wie eine Bedienungsanleitung für Waschmaschinen lese. Zudem monierte sie, dass das Buch sich zwar biologischer Detailfreudigkeit hingab, aber keine Silbe über kindliche Sexualität, Homosexualität, sexuelle Störungen und Perversionen zu lesen war.

          Vor allem den Katholiken aber ging das, was sie im Sexualkunde-Atlas sehen und lesen konnten, schon zu weit. Sie sprachen angesichts der schematischen Zeichnungen von Pornographie. Frau Strobel müsse damit rechnen, dafür in die Hölle zu kommen. Im Wahljahr 1969 wurde der Atlas zunehmend auch zum Politikum. Die Kultusminister der Union gaben deutlich zu verstehen, dass der Atlas in den Schulen ihrer Bundesländer nicht zugelassen werde.

          Nur wenige unterstützten Käte Strobel. Die "Süddeutsche Zeitung" sprach immerhin von einer "diskutablen Lösung". Die Ministerin ließ die Kritik damals zumindest äußerlich an sich abprallen. Ihr sei klar gewesen, dass der Atlas den einen nicht weit genug gehen würde, den anderen zu weit. Wie schrieb ein Journalist, nachdem er bemängelt hatte, der Beischlaf gerate zu einem "Bewegungsablauf à la Frankenstein"? "Der Sexualkunde-Atlas ist letzten Endes ein Abbild der Not der Gesellschaft: Die Liebe zu predigen, aufrichtig und unverklemmt, das weckt immer noch so viel Abwehr, wie, na, wie beispielsweise ein pazifistisches Bekenntnis."

          Quelle: F.A.S.

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