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Sexualbegleitung für geistig Behinderte : Was tun mit diesem Wunsch?

Sexualbegleitung, das bedeutet in der Regel Streicheln, Nähe, Körperkontakt, Massage und sexuelle Befriedigung ohne Küssen, Geschlechts- oder Oralverkehr. Bild: Schoepal, Edgar

Satt und sauber sein – das war lange Zeit alles, was geistig Behinderte vom Leben zu erwarten hatten. Lust war nicht vorgesehen. Nun aber gesteht man sie ihnen zu. Und hilft nach.

          Nie wird Elisabeth Kurz* jene Szene auf dem S-Bahnhof vergessen: Sie ging mit ihrem Sohn Peter, der damals etwa siebzehn war, an einem knutschenden Pärchen vorbei. „Da riss er mich plötzlich am Ärmel und schrie: ,Mach das weg, mach das weg!’ Ich fragte, was er denn meine, und er rief: ,Hose eng!’ Da dämmerte mir, dass er vermutlich eine Erektion hatte.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Peter ist Autist. Sein Gedächtnis ist fotografisch, doch hat er kaum Empathie für andere Menschen und kann komplexen Unterhaltungen nicht folgen. Wenn er spricht, ist seine Sprache oft verwaschen. Physiotherapeutinnen, Ergotherapeuten, Logopädinnen und Psychologen haben sich von frühester Kindheit an um sein geistiges und körperliches Wohl gekümmert. Doch als er in die Pubertät kam, hatte Kurz, von Beruf Sozialpädagogin, plötzlich das Gefühl, „dass es da Bedürfnisse gab, die Peter nicht ausleben konnte“.

          Wenn die Freundinnen seiner Schwester zu Besuch kamen, wich er ihnen nicht mehr von der Seite oder setzte sich auf deren Schoß. Wenn er allein in seinem Zimmer war, versuchte er erfolglos zu masturbieren. „Es zerriss mir das Herz, ihn so zu sehen. Ich hatte dann diese Gedanken: ,Ich habe ihn gefüttert, ich schneide ihm die Haare - warum kann ich ihm nicht auch das beibringen?’ Aber das ging nicht - ich bin ja auch nur ein Mensch und habe eine gewisse Hemmschwelle.“

          Männer werden friedlicher, ruhiger, selbstbewusster

          Da ist sie nicht die Einzige. „Angehörige sind oft entweder hilflos, oder sie wollen es nicht wahrhaben, wenn sie merken, dass ihr dementer Vater oder ihr geistig behinderter Sohn Lust hat“, sagt Natascha Mesic, Bereichsleiterin im Rudolf-Schloer-Stift, einer evangelischen Altenpflegeeinrichtung in Moers, in der auch geistig behinderte Bewohner leben. Und doch ist es nicht zu leugnen: Auch Menschen mit geistiger Behinderung haben Lust. Und wenn sie die nicht ausleben können, leiden sie entweder still vor sich hin, verletzen sich selbst oder belästigen diejenigen, die sich um sie kümmern.

          Als Mesic daher in einer Altenpflegezeitschrift von der Möglichkeit der „Sexualbegleitung“ las, dachte sie: „Das könnte die Lösung für unser Problem sein.“ Diese Rechnung ist aufgegangen. Alle zwei Monate fährt nun ein demenzkranker Bewohner aus der Einrichtung zu einer Sexualbegleiterin; sein gesetzlicher Betreuer hat zugestimmt, bezahlen tut der Mann das selbst. „Das ist wie ein Ausflug“, erläutert Mesic. Und doch viel mehr.

          „Es gibt so was wie eine Entspannung, die Männer werden friedlicher, ruhiger, oft auch selbstbewusster - ich glaube, weil sie ihre Bedürfnisse gemeinsam mit einem anderen Menschen ausleben konnten“, sagt Catharina König aus Bochum, eine der wenigen Sexualbegleiterinnen in Deutschland, die von ihrer Tätigkeit leben können. Sexualbegleitung, das bedeutet in der Regel Streicheln, Nähe, Körperkontakt, Massage und sexuelle Befriedigung ohne Küssen, Geschlechts- oder Oralverkehr. Und das alles gekoppelt an emotionale Zuwendung. Etwas anderes als klassische Prostitution sei das, sagen die Sexualbegleiterinnen. König formuliert es so: „Das Kino im Kopf, das mit den schmuddeligen Sachen - das hat nichts mit meiner Arbeit zu tun.“

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