Sitzt eine Frau beim Therapeuten. Der fragt sie, wie oft sie mit ihrem Mann schläft. „Dauernd. Bestimmt dreimal die Woche“, klagt sie.
Sitzt der Mann dieser Frau beim Therapeuten. Der fragt ihn, wie oft er mit seiner Frau schläft. „Selten. Vielleicht dreimal die Woche“, klagt er.
Lustig? Was in Woody Allens „Stadtneurotiker“ seit 35 Jahren für einen Lacher taugt, ist für Paartherapeuten ein alltägliches Phänomen: „Es ist fast ausgeschlossen, dass bei einem Paar beide gleich viel Lust aufeinander haben“, sagt Uwe Hartmann, Professor für Sexualmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, der auch selbst als Therapeut arbeitet. Seine Sprechstunde sucht bei zerstrittenen Paaren meist zuerst die Frau auf, „sie erzählt mir dann von ihrem Mann und dass der dauernd will, und ich denke: ,Was hat die für einen schrecklichen Mann zu Hause!’ Dann kommt der Mann und erzählt von seiner Frau und dass die so selten will, und ich denke: ,Der arme Hund, er sitzt seit Jahren auf dem Trockenen, und sie erwartet immer noch die gleiche Serviceleistung.’ Beide haben recht!“
Ein Problem ist so etwas erst dann, wenn einer der beiden darunter leidet, dass die Lust ungleich verteilt ist. Die Zahl dieser Paare steigt, seit „Der Stadtneurotiker“ Ende der Siebziger vier Oscars abräumte. Klagten die Paare damals vor allem über Orgasmus- und Erektionsstörungen, ist es heute die Lust, die ihnen abhandengekommen ist - vor allem den Frauen zwischen 35 und 50, die Kinder und Beruf unter einen Hut bringen wollen und somit in einer sehr stressigen Lebensphase sind. Es gibt Studien, in denen jede zweite Frau in diesem Alter über Probleme mit der Lust klagt.
Sie weiß, sie wird ihn wieder enttäuschen, obwohl sie ihn liebt
Anne, eine schlanke, dunkelhaarige Logopädin Mitte vierzig, die in Wirklichkeit anders heißt, ist eine von ihnen. „Mein Mann würde am liebsten jeden zweiten Tag mit mir schlafen. Und mir würde einmal alle zwei Wochen reichen. Das ist Stress für mich, weil er sich damit einfach nicht zufriedengibt.“ Begonnen hat es irgendwann nach dem zweiten Kind, zehn Jahre ist das her, zehn Jahre voller Abende, an denen sie mit einem unglücklichen Gefühl ins Bett geht, weil sie weiß: Sie wird ihn wieder enttäuschen, obwohl sie ihn doch liebt. Zehn Jahre voller Momente am Frühstückstisch, in denen sie seine distanzierten Blicke spürt und sich ungenügend fühlt. Hartmann sagt: „Diese Frauen fühlen sich schuldig, sie denken: ,Er ist ja wirklich kein Schlechter, und ich geb ihm dauernd einen Korb.’“
Glaubt man Sexualwissenschaftlern, liegt das in der Natur des Menschen. Das grundsätzliche Problem, das der Beziehung zwischen Mann und Frau innewohnt, ist demnach das folgende: Der Mann denkt, wenn die Frau nicht mit ihm schläft, liebt sie ihn nicht. Und die Frau möchte nicht mit dem Mann schlafen, wenn sie das Gefühl hat, dass er sie nicht liebt, sondern nur Sex will. Die Ursachen liegen in der Evolution: Sie kann schwanger werden, er nicht. Deswegen ist sie auch weniger leicht erregbar als er: Bei ihr muss der Rahmen stimmen, ihm genügt der bloße Gedanke an Sex, um Lust zu bekommen. „Der Mann fragt: ,Warum eigentlich nicht?’“, erklärt Hartmann, „und die Frau fragt: ,Muss das denn wirklich sein?’“
Auch bei Anne war es so, dass sie in der Phase des nächtlichen Stillens sehr ausgelaugt war. Ihr Mann hingegen, ein gutbezahlter Jurist, habe sich für das Kind nachts nicht zuständig gefühlt. Die Folge: Er war ausgeruht, sie nicht. „Er hat dann versucht, mir Lust zu machen, und am Anfang funktionierte das auch - ich habe früher immer gern mit ihm geschlafen“, erzählt sie. Aber irgendwann merkte sie, dass sie seine Hände nicht mehr auf ihrem Körper spüren wollte. Sie ignorierte ihr Gefühl, um ihm eine gute Frau zu sein, aber irgendwann reichte es ihr, weil sie spürte, dass er sie als Mensch mit einer eigenen Lust nicht akzeptierte.
Doch als sie begann, seine Avancen zurückzuweisen, nahm er ihr das übel, und die Stimmung wurde schlecht. „Das einzige, was ihn vorübergehend wieder lieb und ausgeglichen werden ließ, war Sex“, erzählt sie. Irgendwann, nach einer besonders misslungenen Begegnung, saß sie neben ihm im Bett, weinte und sagte, so könne es nicht mehr weitergehen. Er aber „stellte seine Lust als normal dar und meine Unlust als therapiebedürftig“, und so vereinbarte sie für sich einen Termin bei einer Pro-Familia-Beratungsstelle. Dort sagte man ihr, ihr Fall sei absolut alltäglich.
„Es tat mir gut zu hören, dass ich keine Schuld hatte“
Und tatsächlich: Landauf, landab bietet sich ein einheitliches Bild. Eine Umfrage der F.A.S. bei einigen Pro-Familia-Niederlassungen ergab, dass dies die mit Abstand am häufigsten geäußerte Paarproblematik in der Sexualberatung ist. Auch die Richtung des Lustgefälles ist eindeutig: In München sind es in zwei Dritteln der Fälle die Frauen und in einem Drittel der Fälle die Männer, die weniger Lust als ihre Partner haben. Beim Pro-Familia-Beratungszentrum in Hamburg haben doppelt so viele Frauen wie Männer in ihrer Beziehung weniger Lust als der Partner. Und in Chemnitz haben bei vier von fünf Paaren die Frauen weniger Lust. Wenn ein solches Paar sich darauf einigen kann, eine Paartherapie zu machen, geht es ans Eingemachte. „Diese Leute kämpfen wirklich sehr hart um ihre Beziehungen“, sagt eine Pro-Familia-Mitarbeiterin aus Hamburg, die schon viele Paare beraten hat.
Annes Paarberater erklärte ihr zunächst einmal, wenn ihr ihre Ehe wichtig sei, müsse sie ihren Mann dazu bringen, mitzukommen. Das tat er dann auch - widerwillig. In der gemeinsamen Sitzung hörten beide, dass der Mann auf Anne Rücksicht nehmen müsse. Es sei wie beim Bergsteigen, sagte der Psychologe, da warte man doch beim Aufstieg auch auf den Schwächsten in der Seilschaft.
Anne hing an den Lippen dieses Paarberaters. „Es tat mir so gut, zu hören, dass ich keine Schuld hatte und dass ganz viele Paare dieses Problem haben.“ Liebend gerne hätte sie eine Paartherapie begonnen. Ihr Mann hingegen weigerte sich. Seine Standardargumente, um sie zum Sex zu überreden, lauteten nun: „Das Leben ist so kurz, wir sollten es genießen“, „Der Appetit kommt beim Essen, lass dich einfach drauf ein“ und „Du bist doch noch nicht in den Wechseljahren, du musst doch eigentlich von Natur aus Lust haben“.
Margret Hauch, Psychologin am Institut für Sexualforschung der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf, kennt solche Argumentationsmodelle: „Sie basieren darauf, dass die Frau ihre sexuelle Erfüllung darin finden soll, den Wünschen des Mannes nachzukommen. Nach diesem Muster sind in unserer androzentrischen Kultur, die den Mann als Norm betrachtet und die Frau als Abweichung davon, die gängigen Bilder von funktionierender Sexualität gestrickt. Solch ein Mann könnte genauso gut sagen: ,Was ich will, das tut dir gefälligst auch gut.’“
In Wirklichkeit aber tut es das nicht. Hilfreicher sei es da schon, den Blick weg von der schieren Häufigkeit der sexuellen Begegnungen hin zu deren Qualität zu wenden, meint Sexualmediziner Hartmann. Er fragt in der Paarberatung nicht danach, wie oft ein Paar Sex hat, sondern wie gut der ist. Und der Heidelberger Sexualtherapeut und Buchautor Ulrich Clement sagt: „Wenn beide sich darüber erfolgreich austauschen, kann man das Problem lösen. Aber wenn über den Sex andere Streitpunkte ausgetragen werden - etwa, dass der eine dem anderen etwas schuldet -, dann klappt das nicht.“ Dann kann eine Beziehung zerbrechen.
Weg von Erektionsstörungen, hin zur männlichen Lustlosigkeit
Anne jedenfalls ging aufgrund des nicht geklärten Konfliktes immer mehr auf Abstand zu ihrem Mann, und der Sex, auf den sie sich dennoch einließ, wurde für sie immer unbefriedigender. Schließlich gipfelte die Situation darin, dass er ihr drohte: „Wenn du nicht häufiger mit mir schläfst, suche ich mir eine andere!“ Anne war fassungslos, denn „damals habe ich sogar noch einmal in der Woche mit ihm geschlafen“, sagt sie rückblickend und schüttelt den Kopf. Sie fühlte sich gründlich missverstanden, und sie ahnte, dass sie unter anderen Umständen, vielleicht gar mit einem anderen Mann, durchaus wieder mehr Lust auf Sex bekommen könnte.
Wie oft jemand mit seinem Partner schläft, lässt tatsächlich keinen Rückschluss darauf zu, wie oft er oder sie sich Sex wünscht. Die Idee, beides müsse miteinander übereinstimmen, stammt aus der Tierforschung. Auf den Menschen sei sie nicht übertragbar, sagt Psychologin Hauch: „Wenn jemand nur selten mit dem Partner schläft, kann er oder sie trotzdem viel Lust auf eine andere Form von Sexualität oder auf Sex mit einem anderen Menschen haben.“ Und das gilt, wie alles andere auch, für beide Geschlechter. Es gibt nämlich inzwischen zunehmend auch Männer, die weniger Lust haben als ihre Frauen.
Männliche Sexualforscher schätzen sogar, dass es genauso viele Männer sind wie Frauen, auch wenn ihre weiblichen Kolleginnen das für übertrieben halten und von nur zwanzig Prozent sprechen. Fest steht indes: In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren haben die Männer „aufgeholt“. Clement sagt, das liege daran, dass „die Frauen heute mehr zu ihrer Lust stehen und die Männer dadurch in die Defensive drängen“.
Auch die Auslöser für Lustlosigkeit seien bei beiden Geschlechtern die gleichen: Leistungsdruck, eine Institutionalisierung der Beziehung, übermäßige Vertrautheit oder körperliche Veränderungen. Und auf der Persönlichkeitsebene: Unsicherheit, Versagensangst oder Depressionen. Andere mögliche Gründe sind die Folgen einer reproduktionsmedizinischen Behandlung, die zu „Sex nach Stundenplan“ führt, aber auch Ambivalenzen im Hinblick auf den Kinderwunsch - wenn einer der beiden eigentlich gar kein Kind will und sich das nicht zu sagen traut.
In jüngster Zeit hat sich freilich noch ein weiterer möglicher Grund hinzugesellt, der allein auf die Männer zutrifft und ursächlich dafür sein könnte, dass die Zahl derer, die weniger Lust als ihre Frauen haben, zugenommen hat. Hartmann spricht vom Viagra-Effekt: „Der Mann könnte jetzt wieder, aber nun merkt er, dass er gar nicht will.“ Eine regelrechte Wanderung haben Sexualwissenschaftler da ausfindig gemacht, weg von den männlichen Erektionsstörungen und hin zur männlichen Lustlosigkeit.
Er hatte den Therapeuten nur als Waschlappen bezeichnet
Vielleicht ist es aber auch einfach nur so, dass Männer sich heute eher als früher zu sagen trauen, dass sie keine Lust haben. Das zumindest ist der Weg, den Anne gegangen ist - mit ungewissem Ziel. Jahre nach dem ersten Besuch beim Paarberater gingen sie und ihr Mann zu einem zweiten Beratungsgespräch bei Pro Familia - wieder auf Betreiben von Anne.
Dieses Mal war es eine Paartherapeutin, das war der Wunsch ihres Mannes, der es sich angewöhnt hatte, den früheren Therapeuten als Waschlappen zu bezeichnen. Doch auch die neue Therapeutin sagte das Gleiche wie ihr männlicher Kollege Jahre zuvor: dass es mit dem Sex sei wie beim Monopoly - wenn einer Lust habe und der andere nicht, dann spiele man eben nicht, sondern warte, bis beide wollten. „Danach war es eine Zeitlang gut, er ließ mich in Ruhe und wartete darauf, dass meine Lust zurückkäme. Kam sie aber nicht, und nach zwei Wochen verlor er die Geduld, und dann haben sich die alten Verhaltensweisen wieder eingeschliffen“, sagt sie.
Schließlich begann Anne eine Einzeltherapie, und obwohl ihre sexuelle Unzufriedenheit nicht der Grund dafür gewesen war, kam das Thema doch unweigerlich zur Sprache. Sie lernte, sich im Recht zu fühlen, wenn sie keine Lust auf Sex hatte, und sie begann, ihrem Mann das auch unmissverständlich deutlich zu machen. Das ist nicht leicht, doch sie versucht es, und sie spürt, wie es ihr gelingt: Manchmal vergehen jetzt nicht nur sieben Tage, sondern acht oder neun, bis sie wieder mit ihm schläft.
Ihrem Mann aber gefällt die neue Anne nicht. Neulich kam es zu einem weiteren Eklat, und er drohte ihr abermals, er werde sich „seinen“ Sex woanders holen. „Aber dann habe ich ihm geantwortet: ,Mach doch!’“, sagt sie, „und genau das habe ich auch gemeint.“ Ein paar Monate ist das jetzt her. Ob er es getan hat, kann sie nicht sagen. Doch wenn er es tun würde, das ist ihr klar, wäre spätestens es das Ende ihrer Ehe. Einen neuen Anfang in den Armen eines verständnisvolleren Mannes kann sie sich inzwischen vorstellen. Denn sie glaubt daran, dass sie prinzipiell eine Frau ist, die eher viel Lust auf Sex hat - wenn man sie respektiert und die Beziehung in Ordnung ist.
Dass ein sexuell erfülltes Leben auch bei betagten Paaren möglich ist und die Ehe keine „Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs“ ist, wie Gottfried Benn es formuliert hat, ist nun sogar bewiesen. Vor kurzem konnte im MRT erstmals nachgewiesen werden, dass es Paare gibt, die nach dreißig Jahren noch richtig verliebt ineinander sind. Bei ihnen waren die gleichen Hirnareale aktiv wie bei jungen Paaren, die sich gerade erst kennengelernt hatten und aus dem Bett gar nicht mehr herauskamen. Ebenfalls aktiv waren bei den betagteren Partnern allerdings Regionen, in denen Hirnforscher Sicherheit, Vertrauen und Bindung verorten. Das zeigt: Die Lust kann bei beiden Partnern bis ins hohe Alter erhalten bleiben - wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Enttäuschung
Matthias Dörfel (MDoerfel)
- 23.06.2012, 09:41 Uhr
Sehr amüsant das ganze ...
Michael Fischer (Michael6666)
- 23.06.2012, 03:46 Uhr
@ Guenther Bachteler
Cora Berg (corastella)
- 21.06.2012, 23:52 Uhr
Nur wo Eros der gute Hausgeist ist…
Herold Binsack (Devin08)
- 21.06.2012, 16:51 Uhr
Medizinische Probleme?
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 21.06.2012, 16:02 Uhr
