27.10.2008 · „Vater 1“ und „Vater 2“: Florian Frisch und Thomas Hösel sind eines der ersten schwulen Paare in Deutschland, die ein Kind adoptiert haben. Es war nicht leicht, Eltern zu finden, die ihr Kind an zwei Männer abgeben wollten.
Von Stefan LockeTom hat ein neues Lieblingsbuch, es heißt „Der Bauernhof“. Begeistert blättert der Zweijährige die Seiten um, zeigt auf die Bilder und kennt alle Tiere schon beim Namen. „Kuh, Schaf, Huhn - Nico!“, ruft er laut und ein „Wauwau!“ hinterher. Nico ist ein Hund, mit dem Tom kürzlich beim Urlaub auf dem Bauernhof erst etwas unsanfte Bekanntschaft machte, aber später Freundschaft schloss. „Seitdem ist eben jeder Hund Nico“, sagt sein Vater Florian. „Und das Bauernhof-Buch die Nummer eins“, ergänzt sein Vater Thomas. Die Urlaubsfotos zeigen die stolzen Eltern - und natürlich Tom, wie er mit dem Bauern Kühe füttert, im Hühnerstall Eier sammelt und auf dem Traktor mitfahren darf.
Noch vor drei Jahren hätten sich Florian Frisch (32) und Thomas Hösel (36) nicht träumen lassen, so schnell eine kleine Familie zu werden. Den Antrag auf Adoption hatten sie damals zwar längst gestellt. „Doch das würde im Normalfall fünf und bei uns mindestens sieben Jahre dauern, hat man uns im Jugendamt gesagt“, erzählt Florian. Die beiden ließen sich nicht beirren; eine Adoption war der einzige Weg zu Nachwuchs, der für sie in Frage kam. „Wir wollten nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um irgendwie an ein Kind zu kommen.“ Die Suche nach Adoptivkindern im Ausland oder nach Leihmüttern schied für sie aus.
Am Ende warfen sie eine Münze
Der Adoptionsantrag jedoch verlangte von beiden große Offenheit über ihr Leben, ihre Beziehung und ihre Finanzen - alles in allem eine Menge Bürokratie und viele Hausbesuche vom Amt, für die sie aber Verständnis haben. „Es geht ja nicht darum, Eltern mit einem Kind zu versorgen, sondern einem Kind ein behütetes Zuhause zu geben“, sagt Thomas. Er ist Informatiker und von eher ruhiger und ausgleichender Natur. Florian arbeitet als Sprecher im Dresdner Max-Planck-Institut und hat ein selbstbewusstes, beinahe forsches Wesen. Er war es auch, der auf allen Formularen „Mutter“ und „Vater“ durchstrich und durch „Vater 1“ und „Vater 2“ ersetzte.
Eine Schwierigkeit allerdings war mit dieser Methode nicht zu meistern: Nur einer von beiden durfte den Antrag stellen und so der gesetzliche Vater werden. „Da habe ich mich zum ersten Mal überhaupt richtig diskriminiert gefühlt“, sagt Florian. Die Entscheidung wogte lange zwischen den künftigen Eltern hin und her. Mal lief es auf Florian zu, weil der sich bereits um ein Patenkind kümmert, dann wieder auf Thomas, weil er der Ältere ist. So ging das bis zum Jugendamt. Erst dort warfen sie eine Münze, Florian gewann und unterschrieb den Antrag.
Ein neunmonatiger Vorbereitungskursus
Danach richteten sich beide auf langes Warten ein, doch ihre Adoptionsvermittlerin begleitete den Kinderwunsch mit viel Sympathie. „Es war der erste Antrag eines homosexuellen Paares bei uns“, sagt Marga Körner, eine offenherzige, 56 Jahre alte Frau mit feschem Haarschnitt und grünem Kapuzenshirt. „Ich habe keinen Grund gesehen, die beiden anders als andere Paare zu behandeln.“ Sie schickte Thomas und Florian in den neunmonatigen Vorbereitungskursus - zusammen mit zehn verheirateten Vorzeigepaaren.
Entscheidend für eine Adoption aber sind die abgebenden Eltern. „Da haben beide auch Ablehnung erfahren“, sagt Frau Körner. So war der Kursus noch nicht einmal zu Ende, als für Florian und Thomas ein Baby in Aussicht stand. Zwar bestand die Gefahr, dass es nicht völlig gesund zur Welt kommen würde, doch die vermeintliche Komplikation stellte sich als unproblematisch heraus. „Überraschenderweise sind wir dann die Einzigen gewesen, die überhaupt noch an dieser Adoption interessiert waren“, sagt Florian. Dann aber gaben die leiblichen Eltern doch nicht ihr Okay.
Bei einem schwulen Paar sagen die meisten Eltern nein
„Bei einem schwulen Paar sagen die meisten Eltern nein“, erzählt Marga Körner. Und so ging das Warten weiter - bis zum 12. Februar 2006. Es war ein Montag, als bei Florian im Institut das Telefon klingelte. „Haben Sie heute Nachmittag Zeit? Dann haben wir etwas sehr Wichtiges zu besprechen“, sagte Frau Körner. „Ich habe Thomas angerufen und konnte mich danach nicht mehr aufs Arbeiten konzentrieren“, erzählt Florian. Im Jugendamt glaubten sie dann, ihren Ohren nicht zu trauen. Am Sonntag war ein Junge geboren worden, dessen Eltern ausdrücklich sie gewählt hatten. „Geben Sie's ihnen, sonst haben die ja nie eine Chance“, sagte die junge Mutter.
Noch am Abend fuhren sie gemeinsam ins Krankenhaus, sahen dort das Baby und verliebten sich auf Anhieb. „Es war so winzig und zerbrechlich“, erzählt Thomas. „Für mich war sofort klar, dass ich um dieses Kind kämpfen werde wie eine Löwin“, sagt Florian. Auch Marga Körner erinnert sich daran noch ganz gerührt. „Die Männer hatten feuchte Augen.“ Die Mutter hatte ihren Sohn Tom genannt, und den beiden plötzlichen Vätern gefiel der Name sofort, nicht zuletzt aus praktischen Gründen. „So hat der Kleine den Vornamen des einen und den Nachnamen seines anderen Papas.“
„Ich bin schwul, wie sollte das funktionieren?“
Den Neuvätern blieben nun drei Tage Zeit, um ihr Leben komplett umzustellen. Sie informierten ihre Chefs und die erfreuten Großeltern, kauften Kindersachen, Babynahrung und Windeln, räumten das Arbeitszimmer aus und richteten ein Kinderzimmer ein. Florian nahm Erziehungsurlaub, und auch Thomas bekam frei. Am Freitag schließlich holten sie ihren kleinen Tom aus dem Krankenhaus zu sich nach Hause.
Tom erwies sich als pflegeleicht, schlief viel und verlangte selten außer der Reihe Nahrung. „Er war ein schönes Flaschenkind“, sagt Thomas. Kaum zu glauben, dass er sich einst vom Gedanken an eigene Kinder verabschiedet hatte. „Ich bin schwul, wie sollte das funktionieren?“ war seine Haltung - bis er Florian traf. Für den stand das Vatersein nie in Frage: „Wieso sollte ich kein Kind großziehen dürfen?“ Florian ist ohnehin ein Typ, den Widerstand anspornt. „Ich war kampfbereit und wäre bis vors Bundesverfassungsgericht gezogen.“
„Ach, zwei Väter hatten wir ja noch nie“
Noch heute können beide kaum glauben, wie problemlos alles lief. Manchmal vermuteten sie schon einen „Schwulenbonus“, etwa als in der Kinderkrippe doch noch ein Platz für Tom frei war und man ihnen in ihrem Wunschkindergarten mit den Worten „Ach, zwei Väter hatten wir ja noch nie“ die Anmeldung abnahm. Dabei sind Florian und Thomas wahrscheinlich das erste schwule Paar überhaupt, dem eine Fremdadoption im Inland gelang. „Wir wissen nur noch von einem lesbischen Paar in Baden-Württemberg, das Zwillinge adoptiert hat“, sagt Elke Jansen vom Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD).
Das liegt auch daran, dass in Deutschland nur wenige Kinder zur Adoption freigegeben werden; die Nachfrage ist viermal so groß wie das „Angebot“. Jansen kritisiert aber auch die nach wie vor großen Vorurteile gegenüber Homosexuellen sowie ein Adoptionsrecht, das nur einem Partner die Elternschaft erlaubt. „Stirbt dieser Partner, ist das Kind elternlos.“ Im Jugendamt brauche es für eine solche Adoptionsentscheidung deshalb viel Mut und vor allem Rückendeckung.
Tom weiß, dass es Mütter gibt
Um Tom nicht zu verlieren, falls Florian etwas zustößt, haben er und Thomas ein Jahr nach der Adoption geheiratet und zudem beim Notar eine Sorgerechtsvollmacht hinterlegt. „Auch sonst ist ziemlich viel möglich, allerdings muss man um alles kämpfen“, sagt Florian. So hat er beim Finanzamt den vollen statt den anfangs gewährten halben Kinderfreibetrag durchgesetzt, und die Krankenkasse von Thomas ließ sich darauf ein, auch ihn krankzuschreiben, wenn er wegen Tom mal zu Hause bleiben muss.
Von alledem weiß Tom natürlich nichts. Den ganzen Nachmittag war der Blondschopf mit seinen Eltern auf dem Spielplatz; jetzt sitzen sie gemeinsam beim Abendbrot in der großen Küche ihrer Vier-Zimmer-Wohnung im bürgerlichen Stadtteil Striesen. Tom tunkt beherzt ein Wiener Würstchen in das Ketchup, verlangt nach „Kuhkäse“ und hält dann seine Tasse hoch, um mit den Papas anzustoßen. Wobei er „Papi“ nur zu Florian sagt. „Das kam eines Tages ganz plötzlich“, erzählt Thomas, der anfangs enttäuscht deswegen war. „Aber jetzt bin ich für ihn der ,Große Tom', und das ist auch in Ordnung.“ Dass es Mütter gibt, weiß Tom spätestens, seit er in der Krippe ist; danach gefragt hat er jedoch noch nie.
„Das Kind kann ja nur schwul werden“
Florian und Thomas hätten gern Kontakt zu Toms leiblicher Mutter, doch sie lehnt das ab. Dafür besuchen die drei regelmäßig Toms Schwester Pia, die zehn Monate vor ihm eine Adoptivfamilie fand. „Rein rechtlich sind sie zwar keine Geschwister, aber wir finden gut, dass sie einander haben“, sagt Florian. Er und Thomas sind sich bewusst, dass ihre Partnerschaft für Tom später auch zum Problem werden kann, in der Pubertät oder bei Pöbeleien auf dem Schulhof. Noch fangen sie Boshaftigkeiten wie „Das Kind kann ja nur schwul werden“ oder „Der Junge braucht doch eine Mutter“ ab. Aber sie sind fest entschlossen, ihrem Sohn Halt zu geben, ihn zu wappnen und ihn stark zu machen.
Gleich nach dem Abendbrot spurtet Tom in sein Zimmer; statt der Superman-Hausschuhe trägt er heute lieber die mit den Elefanten. Und während Papa Thomas die Küche aufräumt, muss Papa Florian jetzt Bauernhof spielen. Tom hat einen kleinen Eimer Kastanien ausgekippt, den ihm eine Nachbarin geschenkt hat, lädt diese auf einen Traktor mit Anhänger und transportiert sie durch das Zimmer. Kurz vorm Schlafengehen ist dann noch mal die Theorie in „Der Bauernhof“ dran. Tom sitzt bei Florian auf dem Schoß, Thomas hat daneben Platz genommen, und zu dritt tauchen sie ein in die Welt von Hühnern, Kühen, Schafen. Und natürlich Nico.