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Schule Die erste Prüfung

27.04.2006 ·  Ob ein Kind das Gymnasium besucht oder nur die Realschule, kann sein weiteres Leben bestimmen. In Nordrhein-Westfalen soll die Empfehlung der Grundschule künftig verbindlich sein. Noch haben die Eltern das letzte Wort: ein Erfahrungsbericht.

Von Richard Kämmerlings
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Ein „gerechtes Schulwesen“ - wer wollte das nicht? Vor wenigen Wochen haben der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und seine Schulministerin Barbara Sommer zu diesem erklärten Zweck dem Düsseldorfer Landtag ihr neues Schulgesetz vorgelegt. Nachdem Ende des Jahres die Pläne der Landesregierung bekannt wurden, ist im einwohnerstärksten Bundesland eine heftige Debatte darüber entbrannt, ob die Reform, wie von ihren Initiatoren behauptet, zu höherer Durchlässigkeit zwischen den Schulformen und damit zu mehr Chancengleichheit führt - oder sich das Gymnasium nicht viel mehr „abschottet“, wie es die Landesschülervertretung formuliert hat.

Besonders umstritten bei Eltern und Lehrern sind neben der Verkürzung der Sekundarstufe 1 um ein Jahr - die nur für das Gymnasium gelten soll - vor allem die neuen Regeln für die Wahl der weiterführenden Schulen. Vom kommenden Schuljahr soll die Empfehlung der Grundschule verbindlich sein. Wenn die Eltern sich darüber hinwegsetzen wollen, ist künftig am Schuljahresende ein dreitägiger „Prognoseunterricht“ unter Aufsicht des Schulamts vorgesehen, den man sich wohl als Assessment Center für Viertkläßler vorstellen muß. Auch soll die Schulwahl von Klasse fünf an jedes Halbjahr überprüft werden. Doch auch dann behielten die Lehrer das letzte Wort.

Wir haben Glück gehabt

Uns blieb das erspart, wir haben noch einmal Glück gehabt. Beziehungsweise unsere Tochter, die zehn Jahre alt ist und in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen in die vierte Klasse geht. Für die weiterführende Schule hat sie eine Realschulempfehlung bekommen. Das geplante Gesetz gilt für sie noch nicht. Und dennoch hat sie in den letzten Monaten die wohl anstrengendste und nervenaufreibendste Zeit ihrer bisherigen Bildungslaufbahn hinter sich gebracht (und ihre Eltern mit ihr).

Es begann an einem Elternsprechtag im Dezember, die Landesregierung hatte zufällig just an diesem Tag die Eckpunkte ihrer Gesetzesnovelle bekanntgegeben: Die Klassenlehrerin eröffnet den überraschten Eltern, sie glaube nicht, daß die Tochter für das Gymnasium geeignet sei. Und zwar trotz fast durchweg guter Zeugnisnoten, die bis dahin keine Zweifel an ihrer prinzipiellen Eignung für das Gymnasium hatten aufkommen lassen. Doch Schwächen in Mathe erscheinen nun als grundlegende Mängel bei allgemeiner Problemlösungskompetenz, Unsicherheiten im Sprachgebrauch - die uns durch ihre komplette Zweisprachigkeit stets mehr als aufgewogen schienen - als schwerwiegende Ausdrucksdefizite. Kurz vor den Weihnachtsferien stehen nun die Noten des Halbjahreszeugnisses praktisch fest, und Ende Januar steht dann unter einer insgesamt positiven Gesamtbeurteilung die Empfehlung für die Real- beziehungsweise Gesamtschule.

Es ist ein Schock

So etwas passiert - Tausenden von Kindern. Es muß sogar passieren, denn es ist eine Konsequenz oder besser: eine Voraussetzung des gegliederten Schulsystems. Wer es grundsätzlich für sinnvoll hält, kann sich schlecht darüber beklagen, daß eben nicht jedes Kind fürs Gymnasium geeignet sein soll. Im allgemeinen ist das ganz folgerichtig. Im konkreten Fall ist es ein Schock. Für die betroffenen Eltern ist es wie der Blick in eine düstere Kristallkugel, in der geschrieben steht: kein Gymnasium, kein Abitur, kein Studium, keine Karriere. Das eigene Kind, gerade noch eine hoffnungsvolle, vielfältig begabte Viertkläßlerin, scheint mit einemmal keine Zukunft mehr zu haben. Als stünde dort auf dem Zeugnis schwarz auf weiß: Man hat sich etwas vorgemacht. Und: Man hat selbst versagt. Vielen Eltern dürfte es in dieser Situation ähnlich gehen.

Man kann nun versuchen, die Dinge nüchterner zu betrachten: Solche Empfindungen, so kann man sich einreden, sind die üblichen narzißtischen Kränkungen von Eltern, Akademikern zumal, die ihren eigenen Ehrgeiz auf den Nachwuchs projizieren, die Schwächen ihrer Kinder dabei gern abtun und schönreden, die Begabungen und Stärken hingegen idealisieren und die passablen Fortschritte beim Geigenunterricht schon zu künftigen Solistenkarrieren hochrechnen. Ist es dann nicht sogar gut, rechtzeitig aus den Luftschlössern auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren? Denn die Lehrerin, schließlich seit über drei Jahren täglich mit dem Kind beschäftigt, wird doch wohl die objektivere Einschätzung von ihm haben.

Ein letzter Zweifel bleibt

Doch was heißt in diesen Dingen objektiv? Und wenn wir etwa ein anderes Bild von unserer Tochter haben, könnten wir es uns je verzeihen, diesem nicht gefolgt zu sein, uns nicht an unserer Einschätzung ihrer Fähigkeiten und vor allem Potentiale orientiert zu haben?

Wenn man die Beurteilung der Klassenlehrerin für falsch halten will, dann kann man sich ja einfach darüber hinwegsetzen - noch, zum letzten Mal, entscheiden die Eltern. Doch schon vor ihrer gesetzlichen Entmachtung geraten sie in eine moralische Zwickmühle. Mit der Empfehlung ist der elterlichen Wahrnehmung ein Gegengewicht entstanden, das trotz seiner rechtlichen Unverbindlichkeit faktische Konsequenzen hat. Wer sich über die fachfrauliche Meinung der Klassenlehrerin - männliche Grundschullehrer sind ja eine seltene Spezies - hinwegsetzen will, übernimmt eine große Verantwortung. Dem Rat eines Kinderarztes würde man ja auch nicht zuwiderhandeln. Und selbst wenn man die Lehrerin noch so sehr im Irrtum wähnt, ein letzter Zweifel, ob sie nicht doch recht hat und man selbst das eigene Kind verkennt und ihm damit vielleicht schadet, bleibt. Aber auch wenn man der Empfehlung contre coeur folgen würde, wäre es die eigene Entscheidung - die Verantwortung für die Zukunft des Kindes trägt man in beiden Fällen. Kein Lehrer und kein Schulamt kann sie einem abnehmen.

Ein offenes Geheimnis

Eltern sind solche Situationen gewohnt - Entscheidungen darüber, welcher Institution man sein Kind anvertraut, sind besonders schwer zu treffen. Dieses erzieherische Dilemma geht schon mit dem Kindergarten los - nimmt man den städtischen um die Ecke, den katholischen etwas entfernt oder gar den teuren Waldorfkindergarten? - und wird zum ersten Mal mit der Primarschule zur existentiellen Frage. Und nur wer selbst (noch) keine Kinder hat, mag sich über solche Skrupel lustig machen. Tatsächlich kann die Wahl des Kindergartens, eines in konfessioneller Trägerschaft etwa, schon über die spätere Aufnahme auf eine entsprechende Grundschule entscheiden. Und daß man vor allem in Großstädten Schulen in privater Trägerschaft allein schon durch ihren dramatisch geringeren Ausländeranteil kaum mit ihren städtischen Konkurrenten auf eine Stufe stellen kann, ist ein offenes Geheimnis.

Doch über solche Fragen müssen Eltern sich allein den Kopf zerbrechen. Nun steht aber plötzlich das Kind bei der Schulwahl in der vierten Klasse vor der Frage nach seiner Zukunft. Und ehe man sich versieht, findet man sich mit ihm bei einem regelrechten Bewerbungsgespräch wieder, in einer Situation also, mit der man selbst zum ersten Mal während des Studiums konfrontiert war. Auf den Termin zu der persönlichen Anmeldung bei dem katholischen Gymnasium unserer Wahl haben wir vier Wochen gewartet; es ist inzwischen Februar. Der Schuldirektor, vor dem man sich selbst als Schüler mächtig gefürchtet hätte, befragt die Tochter nach ihren Lektüren, Lieblingsfächern, Freizeitbeschäftigungen, dem Musikinstrument, nach einem Kindertheaterstück. Das Kind ist, kaum verwunderlich, etwas eingeschüchtert, trotzdem macht es seine Sache gut.

Wie nach der Abiturprüfung

Wir sind einigermaßen beruhigt, bis der Oberstudiendirektor sich das Zeugnis vornimmt, zustimmend mustert - und dann über die Realschulempfehlung stutzt. Wir sind vorbereitet, wir verstünden das auch nicht, die Lehrerin sei übermäßig streng und so fort. Er sagt, da müsse er dann möglicherweise noch einmal nachfragen, man habe natürlich mehr Bewerber als Plätze. Nach dem Gespräch fühlen wir uns wie nach der mündlichen Abiturprüfung. Wir loben die Tochter, sie war wirklich tapfer und ist nun dennoch den Tränen nahe. Bis zur Entscheidung vergehen weitere zwei bis drei Wochen. Sie wird abgelehnt.

Die Schulfrage ist unterdessen zum alles beherrschenden Thema geworden, denn natürlich sprechen auch die Kinder in der Schule darüber: Man gibt an, lästert, ist hochnäsig und neidisch - und fühlt sich nach der Ablehnung natürlich wie ein Versager. Wir reden hier von Neun- oder Zehnjährigen, wohlgemerkt.

Ein nervöses Gespräch

Nun kommen also die städtischen Gymnasien dran. Da gibt es zwar eine allgemeine Aufnahmegarantie; für eine bestimmte Schule aber, beispielsweise ein altsprachliches Gymnasium, muß man sich wieder persönlich, mit Kind, vorstellen. Der Presse entnimmt man Bewerberzahlen der jeweiligen Schulen vom Vorjahr. An denen mit den geringsten Bewerbern, etwa dem neben dem Hauptbahnhof, würde man sofort aufgenommen. Aber so geht es wieder von vorne los: Termin, Prüfungsstress, ein nervöses Gespräch, bei dem man sich dann etwa dafür rechtfertigen muß, warum wir denn das Kind zunächst bei der katholischen Konkurrenz angemeldet hätten - dann sei man ja gewissermaßen zweite Wahl, und die speziellen Gründe, wie ein besonderes Interesse an Fremdsprachen, seien wohl nicht so wichtig wie behauptet.

Es dauert noch einmal mehr als vier Wochen. Inzwischen ist es kurz vor Ostern, die Landesregierung hat zufällig vor wenigen Tagen das neue Schulgesetz in den Landtag eingebracht, als endlich die erlösende Zusage kommt. Wie gesagt, wir haben Glück gehabt. Man mag sich lieber nicht vorstellen, wie das Prozedere ein Jahr später abgelaufen wäre: ein dreitägiger Dauertest, mit unbekannten Lehrern, unbekannten Schülern, an ungewohntem Ort. Betroffene Eltern werden ihre Kinder optimal darauf vorbereiten wollen, nicht lange, und es wird spezielle Übungsbücher geben, Elternratgeber und Nachhilfeangebote für eine günstige „Prognose“.

Kurzum: Je weniger das Wort der Eltern bei der Schulwahl gilt, desto größer wird der Druck auf die Kinder werden. Und wozu das Ganze? Wenn das bisherige System durchlässiger werden soll, warum dann dieses Mißtrauen gegenüber dem Elternwillen? Das nützt dann nicht den Kindern, sondern den Experten. Die Bürokratie in Bildungsdingen wird weiter zunehmen. Man kann die Eltern zwar entmachten, die Verantwortung müssen sie trotzdem tragen.

Quelle: F.A.Z., 27.04.2006, Nr. 98 / Seite 33
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