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Psychische Gewalt „Mobben ist gemeiner als Schlagen“

21.06.2009 ·  Gerade Kinder, die sehr behütet aufwachsen, können sich schlecht dagegen wehren: Mobbing in der Klasse, auf dem Pausenhof, am Nachhauseweg. Die Pädagogin Silke Rupprecht erklärt, was man tun kann, wenn die Schule nur noch Angst macht.

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Eine blutige Nase, ein zerrissenes Hemd oder eine kaputte Brille sehen Eltern sofort, wenn ihr Sprössling von der Schule nach Hause kommt. Gleich ist klar: Mein Kind war in eine Schlägerei verwickelt. Doch bei Mobbing gibt es diese offensichtlichen Anzeichen nicht. Und die Opfer selbst trauen sich oft nicht, Lehrer oder Eltern auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

Psychische Gewalt in der Schule sei für Außenstehende oft unsichtbar, aber mindestens genauso schlimm wie körperliche Übergriffe, betont die Pädagogin Silke Rupprecht. Sie sagt, warum Mobbing kein Kavaliersdelikt ist und wie Opfer sich verhalten sollten.

Frau Rupprecht, wie viel wird an den Schulen gemobbt?

Wir haben rausgekriegt, dass 12 Prozent aller Schüler an weiterführenden Schulen gemobbt werden.

Das klingt viel.

Ja. Das sind drei bis vier Kinder in jeder Klasse.

Gibt es mehr Mobbing als früher?

Das ist nicht sicher. Ich glaube aber schon.

Was ist denn Mobbing genau?

Wer einmal in der Woche oder öfter schikaniert wird und das über viele Wochen hinweg, ist ein Mobbing-Opfer.

Sie meinen, man klaut einem Schüler das Geodreieck, versteckt die Schultasche, reißt ihm die Mütze ins Gesicht?

Ja, und zwar dauernd. Oder man lässt ihn nicht mitmachen, sagt, er soll sich woanders hinsetzen, beleidigt ihn dauernd. Man grenzt ihn aus. Wichtig ist auch, dass man von Mobbing nur dann spricht, wenn das Opfer sich nicht wehren kann. Das Opfer ist schwächer als der Täter.

Mobben ist dasselbe wie fertigmachen?

Ja.

Wer mobbt öfter? Mädchen oder Jungen?

Wissenschaftler haben früher herausgefunden, dass vor allem Mädchen mobben.

Aber Sie haben ein anderes Ergebnis?

Ja. Wir haben Jungen und Mädchen gefragt, ob sie selbst in den letzten drei Monaten schon einmal oder öfter jemanden schikaniert oder fertiggemacht haben.

Und?

Fast jeder zweite Junge hat angegeben, dass er in den letzten drei Monaten einmal oder mehrmals jemanden gemobbt hat. Aber nur jedes vierte Mädchen hat das zugegeben.

Vielleicht sind die Jungs nur ehrlicher.

Ja, vielleicht. Oder sie machen sich nur wichtig. Das kann man nicht so genau sagen.

Ist mobben denn schlimm?

Ja! Mobbing macht krank.

Wie denn?

Mobbing-Opfer sind oft einsam, weil sie keine Freunde finden. Sie verlieren ihr Selbstwertgefühl, trauen sich nichts mehr zu und wissen manchmal nicht, wie sie Pausen überstehen sollen. Sie haben schlimme Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Rückenschmerzen oder sind ganz schlaff. Sie haben viermal so viele Beschwerden wie normale Schüler.

Das klingt so
, als sei Mobben schlimmer als Schlagen.

Ja. Das kann Mobben auch sein. Es ist gemeiner. Man kann es schlechter beweisen, man kann als Täter leichter harmlos tun. Die Opfer fühlen sich hilfloser und oft sogar schuldig.

Gibt es Mobbing-Opfer, die sich umbringen?

Ja. Selbstmord ist für manche der letzte Ausweg.

Gibt es typische Opfer?

Das sind Leute, die sich nicht so gut wehren können, die schwächer sind. Manchmal sind es auch besonders gute Schüler und Schülerinnen, die anderen ein Dorn im Auge sind. Oder es sind junge Leute, denen es nicht so wichtig ist, zu einer Clique zu gehören. Hin und wieder sind es Schüler, die sehr behütet aufwachsen.

Muttersöhnchen und Muttertöchterchen?

Ja. Oder Schüler, die sich nicht so gut durchsetzen können oder sich keine Hilfe holen können.

Werden Ausländer häufiger gemobbt?

In unserer Studie nicht. Aber sie geben häufiger an, andere zu mobben.

Was kann man tun als Schüler, wenn man gemobbt wird?

Nicht aufgeben! Man muss sich wehren.

Aber wenn die anderen stärker sind und außerdem viele?

Es gibt mehr Möglichkeiten, aktiv zu werden. Der angegriffene Schüler sollte die Attacken genau aufschreiben. Und dann muss er sich Verbündete suchen. Mitschüler, die Eltern, den Vertrauenslehrer, den Klassenlehrer.

Was können die denn machen?

Sie können ein Gespräch mit der ganzen Klasse führen, es können auch Eltern dabei sein.

Aber dann steht das Mobbing-Opfer so sehr im Mittelpunkt.

Das stimmt. Das ist ein Problem. Besser ist es, wenn die Lehrer mit den Klassen immer mal wieder über das Mobben und die schlimmen Folgen reden, ohne Namen zu nennen. Gut ist es auch, wenn die Klassen sich selbst Spielregeln geben, wie sie miteinander umgehen, und Konsequenzen vereinbaren, falls die Regeln nicht eingehalten werden.

Aber manchmal nehmen Lehrer Mobbing nicht ernst.

Das ist schlimm. Man hört immer noch: „Bei uns an der Schule gibt es das nicht.“ Die Lehrer müssen umdenken und das Thema ernst nehmen. Mobbing gibt es überall, in der Hauptschule, in der Realschule und im Gymnasium.

Sind Sie als Schülerin auch gemobbt worden?

Darüber musste ich bei der Erarbeitung der Studie auch nachdenken. Mir ist aber keine Situation eingefallen.

Hört das Mobben irgendwann auf?

Am schlimmsten ist es unter 14- bis 15-Jährigen. Danach wird es besser.

Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Quelle: F.A.S.
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