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Sonntag, 12. Februar 2012
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Postmortale Zeugung Baruchs Testament

11.01.2010 ·  Als Baruch Poznansky schwer erkrankte, beschloss er, in einem Kind weiterzuleben - und hinterließ eine Samenprobe. Nun haben seine Eltern eine Frau ausgewählt. Aber darf ein Toter ein Kind zeugen?

Von Sarah Stricker
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Die Hoffnung liegt in einem Glasröhrchen, sicher umschlossen von flüssigem Stickstoff. Bei minus 196 Grad lagert es in einer Samenbank in Tel Aviv, ein schmales Schild mit einem Code an der Seite. Derselbe Code, der auf dem Briefkopf steht, den Julia Poznansky einmal im Jahr bekommt, zusammen mit einer Rechnung über 700 Schekel. Rund 120 Euro dafür, dass die Kühlgeneratoren die Hoffnung am Leben halten.

In den Fluren riecht es nach Desinfektionsmittel und Krankenhaus, Schwestern eilen an den Wartenden vorbei. Es sind vor allem Soldaten, die an den kahlen Wänden lehnen, in ihren khakifarbenen Uniformen, mancher mit einer Waffe auf dem Schoß. Achtzehn-, Neunzehnjährige, selbst noch halbe Kinder, die vorsorgen wollen, bevor sie nach Gaza oder in die Westbank geschickt werden.

Sie lacht heiser

Julia war nur einmal hier, zusammen mit Baruch. Kurz nachdem er die Geschwulst in seinem Rachen gefunden hatte. „Die Ärzte sagten, er würde wieder ganz gesund. Aber mein Sohn wollte auf Nummer Sicher gehen, für den Fall, dass die Chemo seine Spermien angreift. Deshalb hat er eine Samenprobe hinterlegt.“ Julias Stimme zittert wie jedes Mal, wenn sie „mein Sohn“ sagt. „Und er hatte recht.“ Sie lacht heiser. Es klingt ein bisschen gekünstelt, wie Schauspielerinnen mit zu blondem Haar, wenn in den Regieanweisungen „verbittert“ steht. Aber Julias Schmerz ist echt. Und sie, die wie ihr Mann einst aus Russland einwanderte, trägt ihn schon so lange mit sich herum, dass er Spuren hinterlassen hat. Ihr Körper in dem mit Strasssteinen verzierten Shirt und den engen Jeans wirkt jung, drahtig. Aber das graue Gesicht ist das einer sehr viel älteren Frau als der Dreiundfünfzigjährigen, die sie ist.

Zwei Jahre musste sie mit ansehen, wie Baruch ihr unter den Händen wegstarb. Der Krebs begann in seiner Zunge und fraß sich von da in den Kehlkopf, durch die Lymphknoten. Zwei Jahre lief sie von Arzt zu Arzt, erst mit ihrem Sohn, dann, als er zu schwach war, ohne ihn. Vergebens. Bis sie eines Abends eine Doku über einen jungen Mann sahen, Idan Snir, der mit nur 22 Jahren gestorben war. Seine Eltern erzählten, er habe immer Kinder gewollt, allein ihm habe die Zeit gefehlt, selbst eine Familie zu gründen. Also hatten sie sich entschlossen, mit seinem Sperma nachträglich ein Kind zu zeugen. Mit Hilfe einer Anwältin, Irit Rosenblum, gaben sie eine Anzeige auf. Innerhalb weniger Tage meldeten sich Hunderte Frauen.

„Baruch wurde immer aufmerksamer“, sagt Julia. „Man konnte zusehen, wie die Hoffnung in ihm wuchs. Am nächsten Morgen haben wir Irit angerufen.“

In ihrem Büro reihen sich etliche Preise

Irit Rosenblum ist in Israel eine kleine Berühmtheit. Die Anwältin mit der rotrandigen Brille und dem strengen Blick hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, „Familie“ neu zu definieren. Mit der von ihr gegründeten Organisation „Mischpacha Chadascha“, Neue Familie, kämpft sie für Alleinerziehende, für die Homoehe, für die Gleichstellung von Mann und Frau. In ihrem Büro reihen sich etliche Preise, Urkunden und Trophäen. Das israelische Wirtschaftsmagazin „Globes“ wählte sie 2007 zu einer der drei wichtigsten Unternehmerinnen des Landes. Aber kein Thema liegt Rosenblum so am Herzen wie ihre wichtigste Erfindung: das biologische Testament.

„Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir die Macht, das Leben nach dem Tod fortzuführen“, sagt sie und lächelt ein wenig - das einzige Mal, dass sie das im Laufe des Gesprächs tun wird. „Manchmal wundere ich mich, dass davor noch niemand auf den Gedanken gekommen ist.“

Alles begann 2002 mit einem Soldaten, der im Gazastreifen erschossen wurde. Als seine Eltern die Todesnachricht erreichte, drängten sie die Ärzte, ihrem Sohn Sperma zu entnehmen und einzufrieren - was, theoretisch, bis zu 72 Stunden nach dem Tod möglich ist. Noch in derselben Nacht meldeten sie sich bei Rosenblum und baten sie, eine Mutter für ihr Enkelkind zu finden.

Die Befruchtung ist kostenlos

Nun kann in Israel, anders als in Deutschland, jede Single-Frau ohnehin zu einer Samenbank gehen und sich das Sperma eines anonymen Spenders besorgen. Die Befruchtung ist sogar - auch das im krassen Unterschied zur hiesigen Praxis, wo sich viele Paare wegen ihres Kinderwunsches hemmungslos verschulden - kostenlos. In einem Land, das noch immer um sein Überleben bangt, sind Nachkommen Staatspflicht. Nirgendwo gibt es pro Einwohner mehr künstliche Befruchtungen, selbst die Orthodoxen befürworten die In-vitro-Fertilisation. „Aber diese Frauen wollten keinen anonymen Spender“, sagt Rosenblum. „Sie wollten ihrem Kind die Möglichkeit geben, mit zwei Familien aufzuwachsen.“ Die Eltern bekamen recht, alle Zeitungen berichteten, die Zeugung eines Kindes aber gelang vorerst - aus medizinischen Gründen - nicht. Dann geriet die Geschichte in Vergessenheit.

Bis 2006 der Libanonkrieg ausbrach. Plötzlich wurde Rosenblum von Anfragen überschwemmt. 500 Soldaten meldeten sich, die ihren Samen einfrieren lassen wollten, so auch ebenjener Idan Snir, den die Poznanskys im Fernsehen gesehen hatten. Als seine Eltern jedoch das Sperma von der Klinik einforderten, stellte sich die Justiz zunächst quer. Es sei nicht klar, ob Snir die Befruchtung post mortem wirklich gewollt habe. „Um solche Zweifel in Zukunft auszuräumen, haben wir das biologische Testament geschaffen“, sagt Rosenblum.

Die Idee ist simpel: Jeder Mann soll in einem Letzten Willen bestimmen können, was mit seinem Samen passiert. „Gerade in Israel, das ständig mit dem Tod konfrontiert ist, muss man den Menschen die Sicherheit geben, dass ihr Erbe weiterlebt. Eine Familie bedeutet Unsterblichkeit.“ Also setzte Rosenblum einen Text auf. Und Ende Oktober 2008 wurde Geschichte geschrieben.

Poznansky unterzeichnete ein biologisches Testament

Als erster Mensch auf der Welt unterzeichnete Baruch Poznansky ein biologisches Testament. Unter den Augen zweier Zeugen vermachte er seinen Eltern den Inhalt jenes Glasröhrchens und bat sie, nach seinem Tod eine Mutter für sein Kind zu finden. Sprechen konnte er damals schon nicht mehr. Die wenigen, flaumigen Härchen, die ihm die Bestrahlung gelassen hatte, bedeckten kaum seinen Schädel, jede Bewegung schmerzte. „Trotzdem war er zuversichtlich“, sagt Julia. „Keine Angst“, schrieb er auf seinen Block, als sie ihn abends ins Bett brachte, in sein altes Kinderzimmer, gleich neben ihrem. „Ich hab' auch keine.“ Als sie ihn am nächsten Morgen wecken wollte, klebten rote Flecken auf dem Laken. Aus seinem Hals quoll Blut. Sie brachten ihn ins Krankenhaus, kämpften weiter, drei Tage. Dann hörte Baruchs Herz auf zu schlagen. Am 2. November 2008. Er starb mit 25.

Für Julia brach eine Welt zusammen. Das Einzige, was sie aufrecht hielt, war der Gedanke an das Kind, in dem der Sohn weiterleben würde. Rosenblum schlug ihr mehrere Frauen vor. Bei der zweiten, einer 32 Jahre alten Hightech-Spezialistin, ebenfalls gebürtige Russin, war es Liebe auf den ersten Blick. „Sie ist sehr hübsch, zierlich, genau Baruchs Typ“, sagt Julia. „Wir haben ein Album mit Fotos von ihm mitgebracht, und sie hat es einfach behalten, wollte alles über ihn wissen.“

Die Tränen laufen ihr die Wangen hinunter

Die junge Frau selbst sagt, sie habe schon lange darüber nachgedacht, zu einer Samenbank zu gehen. „Ich hatte Pech mit Beziehungen, aber ich will ein Kind. Ich werde ihm alles über seinen Vater erzählen, und es wird neben meiner auch die andere Seite der Familie haben. Großeltern, Onkel, Tanten.“ Ihren Namen oder ihr Foto will sie nicht veröffentlichen. Noch nicht. Nicht bevor sie weiß, dass es auch klappt.

Denn noch ist nicht klar, ob sie und die Poznanskys tatsächlich eine Familie werden. Nach dem ersten Fall verschärfte der Generalstaatsanwalt, Menachem Mazuz, das Gesetz dahin gehend, dass nur noch Ehefrauen oder Freundinnen des Toten über seinen Samen verfügen dürfen. Sonst würde das Kind „als Waise zur Welt kommen“, so Mazuz. Es sei nicht im Interesse des Kindes, ohne Vater aufzuwachsen.

Julia schnaubt. „Das Kind wird ja einen Vater haben, auch wenn der nicht mehr lebt. Es wird wissen, wo es herkommt.“ Die Tränen laufen ihr die Wangen hinunter. Eine Frau am Nachbartisch fragt, ob es ihr gutgehe. „Wie soll's mir schon gehen?“, raunzt sie zurück. „Mein Sohn ist tot.“ Und da ist es wieder, das, bei allem Leid, irgendwie affektiert klingende Lachen.

Muss man alles machen, was möglich ist?

Vielleicht bricht ihr Schmerz deshalb manchmal etwas laut aus ihr heraus, weil sie sich unverstanden fühlt. Von den Menschen, die auf der Homepage, die ihr Mann Vlad zum Gedenken an Baruch gemacht hat, böse Kommentare schreiben. Dass das, was sie vorhaben, unnormal sei. „Natürlich ist das unnormal“, ruft sie. „Es ist nicht normal, sein Kind zu begraben. Wir versuchen nur, irgendwie weiterzuleben.“

Vlad legt den Arm um sie, flüstert ein paar russische Worte. Sie wischt sich die Tränen weg. „Wir wollen es. Sie will es. Die Wissenschaft gibt uns die Möglichkeit. Bevor das Penicillin entdeckt wurde, sind Leute noch wegen einer Lungenentzündung gestorben. Wieso sollen wir das nicht machen?“ Aber muss man alles machen, was möglich ist?

„Warum nicht?“ Ihre Stimme überschlägt sich. Sie kann nicht verstehen, dass es Leute gibt, die sie nicht verstehen. „In Deutschland habt ihr das Problem, dass Frauen keine Kinder mehr kriegen wollen. Das nenne ich abnormal. Ist eure Sozialversorgung zu gut, oder was?“

Rosenblum hat im Namen der Poznanskys Klage eingereicht. In den kommenden Wochen soll der Prozess beginnen. „Aber das Mädchen, das wir gefunden haben, wird nicht ewig warten“, sagt Julia, und man kann ihr ansehen, wie die Hoffnung zu schwinden droht. Drohte.

„Das Urteil ist richtungsweisend“

Im Dezember hat ein Gericht in Haifa endlich über das Sperma von Idan Snir entschieden. Im Widerspruch zur nationalen Richtlinie hat es den Eltern die Samenspende zugesprochen - obwohl sie nichts Schriftliches von ihrem Sohn hatten. „Unser Fall liegt viel besser“, triumphiert Julia am Telefon, als sie von dem Urteil erfährt. „Wir sind endlich wieder optimistisch.“ Sie schluckt. „Mein Sohn war ein wunderbarer Junge. Es wäre eine Schande, diese Gene nicht zu nutzen.“

„Das Urteil ist richtungsweisend“, sagt auch Rosenblum. „Trotzdem: Es wird im Einzelfall entschieden. Aber wenn die Poznanskys recht bekommen, können die Gerichte die biologischen Testamente nicht länger ignorieren. Das wäre eine Revolution.“ Sie selbst hat derweil schon neue Pläne. Sie will das biologische Testament institutionalisieren. Jedem Soldaten soll bei der Einberufung routinemäßig angeboten werden, seinen Samen aufzubewahren. Auf Staatskosten. „Wenn Israel seine Kinder dem Tod aussetzt, muss es auch dafür Rechnung tragen, dass das Leben weitergeht.“

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