07.10.2007 · Nicht nur Mormonen pflegen Vielweiberei: In Amerika kämpfen Interessengruppen für eine „polyamore“ Lebensweise mit mehreren Partnern. Dabei geht's nicht nur um Sex - sondern um die „wahre Liebe“ zu mehreren Leuten gleichzeitig.
Von Katja GelinskyRobyn Trask hat derzeit drei Partner: Einer lebt in Hongkong, einer in New York, und einer wohnt seit kurzem bei ihr, in der Nähe von Boulder im amerikanischen Bundesstaat Colorado. Der Mann in Hongkong, den sie vor 22 Jahren auf dem College traf, ist verheiratet. Womöglich ist auch der New Yorker, den die 41 Jahre alte Amerikanerin vor dreieinhalb Jahren kennenlernte, verheiratet.
Robyn Trask ist sich da „nicht ganz sicher“. Jedenfalls habe er „zahlreiche andere Partnerinnen“. Die Amerikanerin selbst ist auch verheiratet und hat drei Kinder mit ihrem Mann. Allerdings lebt das Ehepaar seit zwei Jahren getrennt. Aber nicht wegen der vielen außerehelichen Partnerschaften. „Als wir vor 17 Jahren heirateten, war uns beiden klar, dass wir nicht monogam leben können“, sagt sie. Robyn Trask ist polyamor. „Polyamory bedeutet, dass man langfristig intime, innige Beziehungen zu mehr als nur einem Menschen hat“, definiert sie und fügt mit Nachdruck hinzu: „Es geht um Liebe, nicht nur um Sex.“
„Ganz normale Menschen“
Die Zahl der bekennenden polyamoren Amerikaner schätzt Robyn Trask auf ungefähr 20.000. So viele Namen sind in der Datenbank der polyamoren Non-Profit-Organisation „Loving More“ gespeichert; die Vereinigung gibt eine Zeitschrift heraus, deren geschäftsführende Redakteurin Robyn Trask ist. Außerdem betreibt sie das „New Visions Center for Personal Growth and Intuitive Arts“ in Broomfield, Colorado. Da kann man Astrologie- und Tantrakurse belegen, an Workshops mit dem Titel „Erwecke die Göttin in Dir“ teilnehmen oder jeden zweiten Dienstag im Monat zur Selbsthilfegruppe für polyamore Menschen kommen.
Die Teilnehmer seien „ganz normale Menschen im Alter von 18 bis achtzig“, versichert die Astrologie- und Tantralehrerin: „Es kommen Richter, Ärzte und Computerfachleute.“ Zuweilen nehmen auch Polygamisten aus Mormonen-Gemeinden an den Treffen teil. Der Kontakt zu ihnen sei allerdings begrenzt, sagt die Amerikanerin. „Mormonen scheuen gewöhnlich offene Aussprachen über Sexualität, wie sie bei unseren Zusammenkünften üblich sind.“
Mehrere Eheparnter findet Robyn Trask ok
Robyn Trask findet es in Ordnung, wenn ein Mann mehrere Ehefrauen hat, „solange es sich dabei um einverständliche Beziehungen zwischen Erwachsenen handelt“. Die traditionelle Ehe sollte ohnehin abgeschafft und durch ein „partnerschaftliches Vertragsmodell“ für beliebig viele Personen beliebigen Geschlechts ersetzt werden, findet sie. In dem Vertrag könnten finanzielle Angelegenheiten oder Fragen zur Kinderbetreuung geregelt werden.
„Ich weiß von einer Gruppe homosexueller Männer, die ihr Zusammenleben durch einen derartigen Vertrag geregelt haben“, sagt sie. Doch Robyn Trask will keine Lobbyarbeit zur Abschaffung der Ehe betreiben. „Ich bin keine politische Aktivistin, sondern soziale Aktivistin: Ich informiere interessierte Menschen über partnerschaftliche Optionen. Wenn sie sich dieser Optionen bewusst sind, wird sich langfristig auch die politische Landschaft ändern.“
Keine unbedeutende Subkultur
Genau das fürchten Konservative wie Stanley Kurtz. Der „Kulturkrieger“, Journalist und Fellow an der „Hoover Institution“, einem konservativen Think Tank an der renommierten Stanford-Universität, warnt vor der Fehleinschätzung, dass es sich bei der polyamoren Bewegung um eine zahlenmäßig und gesellschaftspolitisch unbedeutende Subkultur handle. „Die Idee legalisierter Gruppenehen wird (auch) von einer einflussreichen Fraktion von Fachleuten für Familienrecht verfochten“, mahnte Kurtz schon vor drei Jahren in der Wochenzeitung „Weekly Standard“, dem publizistischen Flaggschiff der amerikanischen Konservativen.
Akademische Wegbereiter für die Legalisierung der Gruppenehe seien unter anderen die Professorinnen Paula Ettelbrick, Martha Fineman, Martha Ertman und der Rechtsprofessor David Chambers - „einige der prominentesten Familienrechtler im Lande“. Wer sich damit beruhige, dass die „radikalen Theoretiker“ keinen Einfluss auf die Politik hätten, brauche nur nach Kanada zu blicken: Dort verfasste die amerikanische Ökonomin Martha Bailey 2006 eine Polygamie-Studie für die damalige linksliberale Regierung. Eine ihrer Empfehlungen laute, die Vielehe nicht länger unter Strafe zu stellen. Das mag überraschen, denn Bailey ist eine in der Wolle gefärbte linksliberale Feministin. Doch für Kurtz ist die Sache klar: Die Entkriminalisierung von Polygamie ist für Bailey und ihre Gesinnungsgenossen nur ein Zwischenschritt hin zum eigentlichen Ziel, die traditionelle Ehe durch ein „Multi-Partnerschaftsmodell“ zu ersetzen.
Amerikanische Konservative sind besorgt
Auch andere amerikanische Konservative sind besorgt, Gerichte in den Vereinigten Staaten könnten die Anerkennung von Mehrehen verlangen. Wenn Eheschließung ein Recht freier Persönlichkeitsentfaltung sei, das der Staat nicht aus Gründen des Geschlechts verweigern dürfe, wie Verfechter der Homosexuellenehe behaupteten, warum sollte es dann rechtens sein, die Zahl der Ehepartner auf zwei zu beschränken, fragen der „Washington Post“-Kolumnist Charles Krauthammer und David Frum vom Think Tank „American Enterprise Institute“.
Noch ziehen Polygamisten jedoch vor allem deshalb vor Gericht, weil sie sich gegen strafbewehrte Verbote der Mehrehe wehren. Die Kriminalisierung verletze verfassungsrechtlich garantierte Freiheits- und Gleichheitsrechte, argumentierte der Polygamist Rodney Holm aus Utah in einem Antrag an den Obersten Gerichtshof in Washington. Holm ist Mitglied der Mormonensekte „Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter Day Saints“ (FLDS), die - im Gegensatz zur offiziellen Mormonenkirche - weiterhin daran festhält, dass Gott den Auftrag zur Polygamie gegeben habe. Holm war 2003 verurteilt worden, weil er im Alter von 32 Jahren die 16 Jahre alte Ruth Stubbs als seine dritte Ehefrau genommen hatte. Daraufhin zog er mit der Behauptung vor Gericht, die Verurteilung verletzte sein Recht auf Religionsfreiheit; im Übrigen sei das Polygamieverbot nicht mehr zeitgemäß.
Der Supreme Court, der das Polygamieverbot zuletzt 1879 geprüft und bestätigt hatte, hält eine Neubewertung aber offenbar nicht für geboten. Jedenfalls lehnten die Obersten Richter es vor kurzem ab, sich mit Holms Fall zu beschäftigen. Damit bleibt auch weiter abzuwarten, was die kontroverse Homosexuellen-Entscheidung „Lawrence v. Texas“ für die Debatte über Mehrehen bedeutet. Mit dieser Entscheidung hatten die Obersten Richter 2003 texanische Gesetze, die sexuellen Kontakt zwischen Homosexuellen unter Strafe stellten, für verfassungswidrig erklärt. Wenn Erwachsene im gegenseitigen Einvernehmen zu Hause Sex hätten, gehe das den Staat nichts an, befand die Richtermehrheit. Energischer Widerspruch kam jedoch von dem konservativen Richter Antonin Scalia. In seinem ablehnenden Sondervotum kritisierte er, die Entscheidung sei so weit gefasst, dass sie weiteren Angriffen auf moralisch begründete Strafgesetze, zum Beispiel Verboten von Bigamie, Tür und Tor öffne.
Ein Stück aus der Schmuddelecke hinausgerückt
Für die ganz überwiegende Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung ist die Mehrehe jedoch tabu, wenn man Umfragen glaubt, in denen mehr als 90 Prozent Polygamie als unmoralisch ablehnen. Nimmt man allerdings das Fernsehprogramm als Seismograph, dann ist das Thema Polygamie ein Stück aus der Schmuddelecke herausgerückt. So läuft beim amerikanischen Bezahlsender HBO schon die zweite Staffel von „Big Love“ über das Leben des (fiktiven) Polygamisten Bill mit seinen drei Frauen und sieben Kindern am Rande von Salt Lake City. Außerdem sind Verfechter der Mehrehe beliebte Talkshowgäste.
Da gibt es zum Beispiel Mark Henkel, den Anführer der sogenannten christlichen Polygamie-Bewegung. Der selbsternannte „Nationale Polygamie-Advokat“ hat das ehrgeizige Ziel, die große Schar der amerikanischen Christlich-Konservativen davon zu überzeugen, dass Polygamie nicht länger kriminalisiert werden dürfe. Derartige Verbote ließen sich weder aus der Bibel ableiten noch mit der begrenzten Rolle des Staates vereinbaren, sagt er. Natürlich müssten Frauen und insbesondere minderjährige Mädchen vor Zwang und Gewalt geschützt werden. Aber Missbrauch komme auch in normalen Familien vor, ohne dass deshalb die traditionelle Ehe verboten werde.
Strafprozesse sind selten
Strafprozesse gegen Polygamisten sind aber ohnehin selten. Denn in Utah und Arizona, den Hochburgen der Mormonensekte FLDS, deren Mitgliederzahl auf einige zehntausend geschätzt wird, konzentrieren sich Polizei und Staatsanwaltschaft auf Polygamisten, die weiterer Straftaten wie Kindesmissbrauch, häuslicher Gewalt und Betruges verdächtig sind. Ein dicker Fisch ist den Ermittlern im vergangenen Sommer mit Warren Jeffs ins Netz gegangen. Das 51 Jahre alte Oberhaupt der FLDS wurde vorige Woche von einem Geschworenengericht in Utah für schuldig befunden, ein damals 14 Jahre altes Mädchen aus der Sekte zur Heirat mit ihrem Cousin gezwungen zu haben. Wegen Vergewaltigung in Mittäterschaft droht dem Sektenführer, der von seinen Anhängern als Prophet verehrt wird, nun eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Verfechter von Polyamory und Polygamie wie Robyn Trask und Mark Henkel begrüßen den Schuldspruch. Denn wenn Polygamisten vom alten Schlag wie Warren Jeffs erst hinter Schloss und Riegel sitzen, trüben sie auch nicht länger das postmoderne Bild von der schönen, heilen Welt harmonisch gelebter Multipartnerschaften.