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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Politischer „Protestunterricht“ Das rebellierende Klassenzimmer

 ·  Seifhennersdorf ist eine kleine Stadt im Südosten Sachsens und hat mehr als genug Probleme. Nun soll auch noch die einzige Mittelschule geschlossen werden. Die Eltern wehren sich.

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© Julian Staib Die Stadt Seifhennersdorf scheint wie ausgestorben

Auf den ersten Blick wirkt die Mittelschule in Seifhennersdorf verlassen. Im Nebengebäude werden noch drei Klassen unterrichtet, aber hier, im Flur des Hauptgebäudes, ist es dunkel und still, kaum Jacken hängen an der großen Garderobe. Nur in einem Zimmer im ersten Stock sitzen ein paar Schüler der fünften Klasse, die Lehrerin geht von Tisch zu Tisch. Schulalltag - und doch ist hier nichts alltäglich. Diese fünfte Klasse ist illegal. Es gibt zu wenige Kinder in der Stadt, daher haben Landkreis und Freistaat beschlossen, die Schule zu schließen und die Schüler auf die benachbarten Orte zu verteilen. Doch zu Schulbeginn brachte ein Teil der Eltern seine Kinder trotzdem wieder in die Schule in Seifhennersdorf.

Sie organisierten einen „Protestunterricht“. Pensionierte Lehrer und auch Freiwillige unterrichten ihre Kinder nun. Seitdem herrscht Aufregung im Ort. Von einem „Kampf“ spricht die Bürgermeisterin. Karin Berndt, eine kleine agile Frau mit den roten Haaren, steht auf einer Anhöhe und schaut auf ihre Stadt. Unten ist das große Gebäude der Mittelschule zu sehen, die Hügel dahinter gehören bereits zur Tschechischen Republik. Seifhennersdorf liegt in der Oberlausitz, im äußersten Südosten Sachsens. Früher gab es hier viel Industrie, viel Arbeit, viele Kinder. Bis zur Wende lebten hier 8.000 Menschen, aber heute sind es weniger als 4.000. Die Hälfte davon ist älter als 50 Jahre.

„Ich sehe den Ort sterben, aber der muss doch überleben“, sagt Karin Berndt. Sachsens „größtes Industriedorf“ wurde Seifhennersdorf einmal genannt, aber nach der Wende haben fast alle Fabriken zugemacht. Die Arbeitslosigkeit liege jetzt offiziell bei etwa 20 Prozent, sagt Karin Berndt, aber ohne all die Umschulungsmaßnahmen der Arbeitsagentur seien es 40 Prozent. „Der Niedergang des Ortes ist wie eine Krankheit.“ Manchmal setzte sie sich ins Archiv und lese von den Jahren, in denen es der Stadt noch gutging. Heute gibt es vor allem Probleme.

Jedes dritte Haus scheint leer zu stehen

Zum Beispiel eben das Problem mit der Mittelschule. „Warum müssen die uns auch noch die Schule zumachen?“, fragt Karin Berndt. Sie unterstützt die „Protestklasse“, auch wenn ihr das schon ein Disziplinarverfahren durch den Landkreis Görlitz eingebracht hat. „Aber ich habe doch einen Eid geschworen zum Wohle der Stadt“, sagt sie. Die Kindergärten seien voll, behauptet sie, für „fünf, sechs, sieben Jahre“ gäbe es noch genügend Kinder für die Schule. Und danach? „Danach stabilisiert sich die Einwohnerzahl auf niedrigem Niveau.“ Es ist eine vage Hoffnung. Unten im Ort gibt es kaum Anzeichen dafür, dass diese Hoffnung berechtigt ist.

Etwa jedes dritte Haus scheint leer zu stehen, viele Gebäude verfallen, der Eingang und die Fenster des Kinos sind zugemauert, der Spielplatz leer. Der Bahnhof ist stillgelegt, und auf den Gleisen wachsen Sträucher. Die Mittelschule steht wenige hundert Meter von der tschechischen Grenze entfernt, am Ende der kaum befahrenen Hauptstraße. Im Lehrerzimmer sitzen ein paar Eltern, sie halten Wache bei Kaffee und Tütensuppen. Die Morgensonne scheint herein. Andreas Herbig ist Elternsprecher, und er spricht sehr schnell. Dieses Jahr seien zum Stichtag 41 Schüler angemeldet gewesen, sagt er, und damit ein Schüler mehr, als notwendig sei, um wie per Gesetz vorgeschrieben eine zweizügige Jahrgangsstufe einzurichten.

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Eine Stadt am Ende: Viele Gebäude verfallen und der Eingang und die Fenster vieler Häuser sind zugemauert © Julian Staib Eine Stadt am Ende: Viele Gebäude verfallen und der Eingang und die Fenster vieler Häuser sind zugemauert

Aber dann hätten einige Schüler eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten - und schon waren es wieder zu wenige. Dieses Jahr aber hätten sie sich endlich gewehrt, sagt Herbig, und ihre Kinder nicht wie gefordert auf andere Schulen geschickt, sondern einfach im Dorf eine eigene Klasse gegründet. „Wer nichts wagt, verliert alles“, sagt Herbig. Der Landkreis Görlitz hat Bußgelder in Höhe von knapp 600 Euro gegen die Eltern verhängt. Womöglich müssen ihre Kinder das Schuljahr auf anderen Schulen nachholen. Und trotzdem wollen die Eltern ihren Kampf nicht aufgeben.

Zunächst wirken die „Schulrebellen“, wie Zeitungen aus der Region sie nennen, in ihrem Ärger über die Entscheidungen von Landkreis und Landesregierung wie eine sächsische Variante des Wutbürgers, der einst den Bau des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs zu verhindern suchte. Aber der Konflikt in Seifhennersdorf ist anders. Es ist kein Bildungsbürgertum, das sich eloquent echauffiert. „Das ist eine Bevölkerung, die nichts mehr zu verlieren hat“, sagt Wolfgang Matitschka. Der ernste Mann mit den kurzen grauen Haaren war bis 2005 der Direktor der Mittelschule. Heute ist er in Pension, aber der Streit treibt ihn um.

„Doch vorwärts bringt dich nur die Tat“

„Die Schließung der Schule trifft den Ort im Innersten“, sagt er. Schließlich zögen die Absolventen des Gymnasiums zumeist fort, in den Westen oder in die sächsischen „Leuchttürme“ Dresden und Leipzig. Die meisten Haupt- und Realschüler aber blieben im Ort. In Sachsen hat sich die Schülerzahl seit 1995 von 626.000 auf etwa 318.000 beinahe halbiert, über tausend Schulen wurden seit der Wiedervereinigung geschlossen. „Seifhennersdorf ist ein Relikt“, sagt ein Sprecher des sächsischen Bildungsministeriums. Eigentlich sei die Zeit der Schulschließungen vorbei. Aber der Beschluss, die Seifhennersdorfer Schule zu schließen, sei vom zuständigen Landkreis Görlitz gefasst worden, das Kultusministerium habe dem zugestimmt, das Oberverwaltungsgericht die Entscheidung bestätigt.

„Es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur darum, wo die Schüler der fünften Klasse im Umland eine Schule besuchen werden.“ Nun schwinde mit jedem Protesttag die Chance, dass die Schüler „reibungslos“ auf die umliegenden Mittelschulen wechseln könnten. An einem kalten Oktoberabend sitzt die Bürgermeisterin im Kreise ihrer Stadträte unter dem Dach des großen Rathauses. Sehr ernste Gesichter, alle Zuschauerplätze sind besetzt. „Willst du was schaffen, tu’s nicht ohne Rat. Doch vorwärts bringt dich nur die Tat“ steht an der gewölbten Decke über den Volksvertretern. Das sind mutige Worte, aber manche hier hat der Mut offenbar verlassen. Manche zweifeln, ob der Protestunterricht weiter durchzuhalten ist.

Nach längerer Debatte entscheidet die Mehrheit schließlich, einen Antrag an die Landesregierung zu stellen, um die Schule in Eigenregie der Stadt weiter zu betreiben - der Freistaat aber soll die Lehrer stellen. Ein „Verhandlungsangebot“ nennt die Bürgermeisterin den Vorschlag, auch wenn dieser den Gerichtsurteilen und den Entschlüssen von Landkreis und Freistaat widerspricht. Am Ende der Sitzung hat Karin Berndt dann noch eine seltene frohe Nachricht zu vermelden. Eine Familie kommt aus den alten Bundesländern zurück in den Osten, zurück nach Seifhennersdorf.

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