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Politischer „Protestunterricht“ Das rebellierende Klassenzimmer

Seifhennersdorf ist eine kleine Stadt im Südosten Sachsens und hat mehr als genug Probleme. Nun soll auch noch die einzige Mittelschule geschlossen werden. Die Eltern wehren sich.

© Julian Staib Vergrößern Die Stadt Seifhennersdorf scheint wie ausgestorben

Auf den ersten Blick wirkt die Mittelschule in Seifhennersdorf verlassen. Im Nebengebäude werden noch drei Klassen unterrichtet, aber hier, im Flur des Hauptgebäudes, ist es dunkel und still, kaum Jacken hängen an der großen Garderobe. Nur in einem Zimmer im ersten Stock sitzen ein paar Schüler der fünften Klasse, die Lehrerin geht von Tisch zu Tisch. Schulalltag - und doch ist hier nichts alltäglich. Diese fünfte Klasse ist illegal. Es gibt zu wenige Kinder in der Stadt, daher haben Landkreis und Freistaat beschlossen, die Schule zu schließen und die Schüler auf die benachbarten Orte zu verteilen. Doch zu Schulbeginn brachte ein Teil der Eltern seine Kinder trotzdem wieder in die Schule in Seifhennersdorf.

Sie organisierten einen „Protestunterricht“. Pensionierte Lehrer und auch Freiwillige unterrichten ihre Kinder nun. Seitdem herrscht Aufregung im Ort. Von einem „Kampf“ spricht die Bürgermeisterin. Karin Berndt, eine kleine agile Frau mit den roten Haaren, steht auf einer Anhöhe und schaut auf ihre Stadt. Unten ist das große Gebäude der Mittelschule zu sehen, die Hügel dahinter gehören bereits zur Tschechischen Republik. Seifhennersdorf liegt in der Oberlausitz, im äußersten Südosten Sachsens. Früher gab es hier viel Industrie, viel Arbeit, viele Kinder. Bis zur Wende lebten hier 8.000 Menschen, aber heute sind es weniger als 4.000. Die Hälfte davon ist älter als 50 Jahre.

„Ich sehe den Ort sterben, aber der muss doch überleben“, sagt Karin Berndt. Sachsens „größtes Industriedorf“ wurde Seifhennersdorf einmal genannt, aber nach der Wende haben fast alle Fabriken zugemacht. Die Arbeitslosigkeit liege jetzt offiziell bei etwa 20 Prozent, sagt Karin Berndt, aber ohne all die Umschulungsmaßnahmen der Arbeitsagentur seien es 40 Prozent. „Der Niedergang des Ortes ist wie eine Krankheit.“ Manchmal setzte sie sich ins Archiv und lese von den Jahren, in denen es der Stadt noch gutging. Heute gibt es vor allem Probleme.

Jedes dritte Haus scheint leer zu stehen

Zum Beispiel eben das Problem mit der Mittelschule. „Warum müssen die uns auch noch die Schule zumachen?“, fragt Karin Berndt. Sie unterstützt die „Protestklasse“, auch wenn ihr das schon ein Disziplinarverfahren durch den Landkreis Görlitz eingebracht hat. „Aber ich habe doch einen Eid geschworen zum Wohle der Stadt“, sagt sie. Die Kindergärten seien voll, behauptet sie, für „fünf, sechs, sieben Jahre“ gäbe es noch genügend Kinder für die Schule. Und danach? „Danach stabilisiert sich die Einwohnerzahl auf niedrigem Niveau.“ Es ist eine vage Hoffnung. Unten im Ort gibt es kaum Anzeichen dafür, dass diese Hoffnung berechtigt ist.

Etwa jedes dritte Haus scheint leer zu stehen, viele Gebäude verfallen, der Eingang und die Fenster des Kinos sind zugemauert, der Spielplatz leer. Der Bahnhof ist stillgelegt, und auf den Gleisen wachsen Sträucher. Die Mittelschule steht wenige hundert Meter von der tschechischen Grenze entfernt, am Ende der kaum befahrenen Hauptstraße. Im Lehrerzimmer sitzen ein paar Eltern, sie halten Wache bei Kaffee und Tütensuppen. Die Morgensonne scheint herein. Andreas Herbig ist Elternsprecher, und er spricht sehr schnell. Dieses Jahr seien zum Stichtag 41 Schüler angemeldet gewesen, sagt er, und damit ein Schüler mehr, als notwendig sei, um wie per Gesetz vorgeschrieben eine zweizügige Jahrgangsstufe einzurichten.

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