13.05.2008 · Sie kochen gesund, reiben sich auf fürs Kind und sehen dabei noch toll aus: Frauen, deren Perfektionismus anderen Schuldgefühle einjagt. Aber sind sie wirklich ein Vorbild? Geht es nicht vielmehr um das beste Modell für jeden Einzelnen?
Von Anna von Münchhausen„Ähhöhöhi . . .“ Das Kichern aus dem Kindersitz im Fond des Autos klingt geziert und etwas schrill - untypisch für eine Vierjährige. Es sind die letzten Meter auf der Fahrt zum Kindergarten. Die Mutter dreht sich um: Was war das denn? „So lachen Mütter“, erklärt das Mädchen - abgelauscht hat sie es offenbar jener Runde von Frauen, die sich täglich beim Abholen vor dem Eingang des Kindergartens trifft. Da nämlich - das hat das Kind mitbekommen - wird kurz mal abgerechnet: Welche Mutter eine gute ist und welche eine weniger gute. Und über Letztere wird spitz gelacht.
Öko-Mama Friederike zum Beispiel steht immer auf der richtigen Seite. Würde man ihre drei Kinder durchleuchten, wäre der Beweis erbracht, dass in diesen kleinen Körpern kein Nanogramm Schadstoff kursiert, weil sie vom ersten Tag ihres Lebens an vorbildlich ernährt wurden. Null Zucker, kein Fertiggericht, nicht einmal Tiefgekühltes wurde jemals diesen süßen Schnäbeln eingeflößt.
Unsensible Ruck-Zuck-Muttis
Oder Stephanie, die Überflieger-Mutter. Ihre beiden sind echte Glückspilze: Kein Nachmittag vergeht, an dem ihre Mama sich nicht dem gemeinsamen Erledigen von Hausaufgaben annimmt. Englischvokabeln, Aufsatz üben, der Mathe-Trainer - den Lehrplan von Klasse zwei bis neun nebst Lernzielen und Unterrichtswerken kennt diese Mutter besser als ein Schulrat der Besoldungsstufe A 14. Lehrer fürchten Stephanies Kontrollanrufe, weil sie längst herausgefunden hat, dass die Parallelklasse drei Lektionen weiter ist.
Anja hingegen, eine Art Amateur-Hausärztin, hat sämtliche Medizin-Ratgeber mit Leuchtstift durchgearbeitet und lässt keine Gelegenheit aus, unsensible Ruck-Zuck-Muttis vor Antibiotika zu warnen. Stattdessen empfiehlt sie Schüssler-Salze, Zwiebelsäckchen oder Homöopathie - außer wenn ein Dreijähriger kurz vor der komatösen Austrocknung steht.
Ein gesellschaftlich hochangesehenes Ideal
Manch eine Supermutter bekennt sich zu einem radikalen Umkehrprozess: „Früher dachte ich auch mal, dass man als Mutter weiterhin erwerbstätig sein sollte. Aber unser Sohn Carl-Maurice brauchte meine Anwesenheit mehr, als ich vorher gedacht hatte. Heute ist mir das Glück meiner Familie einfach wichtiger als ein Job“, erzählte Christa Müller, die Frau des Fraktionsvorsitzenden der Linken, Oskar Lafontaine, in einem Gespräch. Schon klar: Jemand, der dafür bezahlt wird, kann sich niemals so gut um ein Kind kümmern wie die leibliche Mutter.
Bestimmt ist es ein Riesenglück, an der Seite einer solchen Mama ins Leben zu wachsen. So unterschiedlich diese Frauen die Lebensaufgabe Kind bewältigen, eines ist ihnen gemein: Die Angewohnheit, die eigene Vortrefflichkeit allen anderen Müttern vorzuhalten, unterfüttert durch die angenehme Gewissheit, einem gesellschaftlich hochangesehenen Ideal zu genügen.
Unterstützung erfahren sie durch Stars und Halbprominente, die der Öffentlichkeit ihren gelungenen Nachwuchs vorführen - in der Absicht, damit weit über den beruflichen Erfolg hinaus emotionale Reife unter Beweis zu stellen. Als Erste hat Madonna den Imagemehrwert einer Kinderschar erkannt und konsequent genutzt. Fotos aus jüngerer Zeit zeigen auch Angelina Jolie selten mit weniger als einem Kind auf jedem Arm. Und Victoria Beckham teilt ihr Hobby Shoppen gern mit ihren Söhnen Brooklyn und Cruz.
Verführerisch, attraktiv und weichgezeichnet
„Yummie Mummies“ setzen Maßstäbe, wirkt doch bei ihnen Schwangerschaft und Geburt wie ein erotischer Anti-Aging-Cocktail. Während früher „das Wochenbett“ eine Zeit war, in der die normalen Attraktivitätsregeln außer Kraft gesetzt waren, heißt es heute für die Säuglingsmutter, sich möglichst rasch wieder in ihre „Vorschwangerschaftsjeans“ zurückzuhungern - verführerisch, attraktiv und weichgezeichnet von neuem Schmelz, um auf diese Weise traditionelle wie zeitgemäße Ansprüche gleichermaßen zu bedienen. Nur vier Wochen nach der Geburt ihrer Zwillinge zeigte etwa Jennifer Lopez ein perfekt aufgerichtetes XXL-Dekolleté, und jede Normalmutter musste sich fragen, wo sie bloß die Stilleinlagen versteckt hatte.
Gern wird zur Kategorie der Supermütter auch Ursula von der Leyen gerechnet, die Bundesfamilienministerin. Obwohl ihr Modell von Krankenschwestern und Lidl-Kassiererinnen kaum zu kopieren ist, führt die siebenfache Mutter allen, die behaupten, Beruf und Familie lasse sich beim besten Willen nicht unter einen Hut bringen, das Gegenteil vor Augen: Geht doch - und dazu immer noch gepflegt frisiert und von Engelsgeduld geleitet, wenn es gilt, dem Kollegen Steinbrück auseinanderzusetzen, warum der Ausbau von Kindertagesstätten keinen Aufschub duldet.
Ansprüche an die mütterliche Selbstaufopferung
So viel Vortrefflichkeit schafft Druck bei den vielen, die es weniger gut draufhaben und ständig am Rand des Scheiterns balancieren. Mehr als ein Drittel der deutschen Mütter hat Schuldgefühle, stellte eine Untersuchung der Zeitschrift „Family & Co.“ fest. Sie glauben, in der Kindererziehung „Fehler“ zu machen. Und das geht ja nun gar nicht, schließlich wird doch die geglückte Mutter-Kind-Beziehung als Grundlage für späteres Glück und Selbstbewusstsein proklamiert. Nicht müde werden Politiker, Kirchenführer und Sonntagsredner, uns Müttern die Folgen unseres Versagens vor Augen zu halten: Wir sind in vollem Umfang dafür zuständig, die Zukunft dieses Landes zu gestalten. Missratene Gören - keine Zukunft.
Die alten Kampflinien sind dabei weitgehend überwunden: Vortreffliche Super-Mamis finden sich mittlerweile unter Voll- und Teilzeitmüttern gleichermaßen, was die Sache nicht eben leichter macht. Es beweist vielmehr, dass der Anspruch an die mütterliche Bereitschaft zur Selbstaufopferung inzwischen viele ideologische Barrieren überwindet und ringsum Gültigkeit hat. Dass sich davon manche Frau „im gebärfähigen Alter“, wie es die Demographie so scheußlich nennt, abschrecken lässt, kann niemanden überraschen.
Ein Dorf für ein Kind
„Ist nicht die Angst davor, dass die Kinderseele durch die Fehler der Mutter Schaden nimmt, immer noch der verlässlichste Antrieb dafür, dass Frauen sich abstrampeln im Hamsterrad zwischen phantasiertem Perfektionsdrang und gefühlter Unzulänglichkeit?“, so die Autorin Lotte Kühn in ihrer kürzlich erschienenen Abrechnung „Supermuttis“ (Knaur Verlag, 7,95 Euro). Eine rhetorische Frage, auf die Mütter nur seufzend antworten: Ja, ja, ja. Übersehen wird dabei häufig, dass früheren Generationen Perfektionsdrang weitgehend fremd war. Sich schlecht zu fühlen, weil ein Talent übersehen oder ein Kind eine Fünf mit nach Hause brachte, wäre jenen Müttern kaum in den Sinn gekommen. „Was Familie und Erziehung angeht, so neigen wir dazu, die Vergangenheit zu idealisieren“, stellt der Soziologe Hans Bertram dazu fest, der alt genug ist, um in dieser Frage den Überblick zu behalten.
Werden wir - ausnahmsweise - einmal konkret, persönlich. Die Autorin dieser Zeilen ist häufig gefragt worden: „Und wie haben Sie das geschafft?“ Zwei Kinder, Fulltime-Job, ein Ehemann, der höchstens abschnittweise den Hausmann gab. Das Ganze damals, als Elternzeit noch euphemistisch „Mutterschaftsurlaub“ genannt und Elterngeld nicht einmal von linken Bundestagsabgeordneten gefordert wurde. Die Antwort kann nur lauten: Sie hat es überhaupt nicht geschafft - die Kinder haben es geschafft. Die waren meistens krachgesund, haben unterschiedlichste Betreuungsmodelle überlebt, waren früh mobil, selbständig und gruppenfähig. Geschafft hat es auch ihr Vater, als Babybetreuer ein Naturtalent, als Kleinkind-Amüsierer ein Unternehmer. Und geschafft haben es alle, die zum Umfeld zählten: eine pragmatische Tagesmutter, Freundinnen, Fulltime-Mütter mit großem Herzen, die Großfamilie sowie die beste Grundschullehrerin von allen. Also das, was Hillary Clinton in ihrem Buch „It Takes a Village“ so treffend beschrieb: „Um ein Kind großzuziehen, bedarf es eines ganzen Dorfs.“
Eine unrealistische Fiktion
Nicht verschwiegen werden darf, dass es zum beliebten Amüsement dieser Nachkommen gehört, ihren Eltern vor Augen zu führen, welchen Zumutungen und Entbehrungen sie jahrelang ausgesetzt waren. Unvergessen beispielsweise jener schlimme Tag, als der Junge sich im Sportunterricht den Arm brach und niemand zu Hause war. Außerdem hat er sich eine Zeitlang jeden Nachmittag Trash-Sendungen im Fernsehen angeschaut, und seine Schwester hat im Kindergarten geklaut. Heute sind beide weder drogensüchtig noch rechtsradikal, bindungsscheu oder gewalttätig. Das Verdienst ihrer Mutter ist es nicht. Die erinnert sich gut an das Erlebnis, von einer Mit-Mutter beschimpft worden zu sein, weil sie dem Sechsjährigen erlaubte, allein im Viertel Fahrrad zu fahren: „Unverantwortlich“, den Jungen dem Verkehr auszusetzen.“
Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn man uns Müttern gönnen würde, den Argusaugen der Dauerbesserwisser zu entkommen, um zu überlegen, wie sich die Lebensaufgabe Familienarbeit am besten bewältigen lässt. Nach eigenem Gusto. Wenn die Ratgeber eingestampft, die Talkshows sich anderen Themen zuwenden und selbst Frauen wie Eva Herman ihre hehren Prinzipien zum Thema Familie einfach mal für sich behalten würden. Und wenn wir alle damit aufhörten, die Supermutti für ein realistisches Rollenvorbild zu halten. Stattdessen sollten wir dieses vermeintliche Ideal endlich entzaubern. Nämlich als eine unrealistische Fiktion, an die keine Frau, die halbwegs bei Verstand ist, auch nur einen einzigen Gedanken verschwenden muss. „Viel wäre schon gewonnen“, schreibt Lotte Kühn, „wenn sich Paare mit dem Gedanken anfreunden könnten, unvollkomene Eltern unvollkommener Kinder zu sein.“