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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Pausenbrot Unser täglich Not

 ·  Schnippeln, schmieren, einpacken - und am Ende war wieder alles falsch. Jeden Morgen mühen sich Eltern, ihren Kinder eine Sterne-Brotzeit zu kreieren. Von der Sisyphos-Arbeit am Pausenfrühstück der Kleinen.

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© Jan-Hendrik Holst Der Traum eines jeden Kindes - und jeder Mutter: Dem Liebling schmeckt’s.

Eine Stulle ist eine Scheibe Brot mit Butter und Belag. Das Pausenfrühstück eines Schulkindes ist eine Philosophie. Jeden Tag stehe ich eine Viertelstunde früher auf als der Rest der Familie, um rechtzeitig vor Mann und Kindern in der Küche zu sein und die Brotboxen für die Schule zu beladen. Der Soundtrack in meinem Kopf stammt von den Toten Hosen: „Ein belegtes Brot mit Schinken. Schinken! Ein belegtes Brot mit Ei. Ei!“ Leider mag meine Tochter weder Schinken noch Eier, und gerade das Brot bereitet mir zum Wochenstart Kopfzerbrechen, weil es mindestens von Samstag ist und daher dröge und bröselig. Wäre vielleicht ein übrig gebliebenes Stück Pizza vom Vorabend besser? Hetze ich doch noch irgendwen zum Bäcker?

Längst sitzt die Familie beim Frühstück und bedient sich aus einer Schale mit Äpfeln, Birnen und Orangen, die ich aufgeschnitten habe. Ich hingegen springe zwischen Kühlschrank und Vorratskammer hin und her, trockne eine Salatgurke ab und sprudele Mineralwasser. „Kann ich heute was Heißes zu trinken mitnehmen?“, fragt meine Tochter. Ich schnaube nur, spüle die Thermosflasche aus und stelle den Wasserkocher an. Wo steckt nur dieses verdammte Plastikdöschen, in das ich Studentenfutter füllen wollte? Wieder einmal bin ich diejenige, die den morgendlichen Zeitplan ruiniert. Mein Tee wird kalt.

Um 9.40 Uhr ist Frühstückspause

Wie viel mütterliche Hingabe verträgt eine Familie, wenn sie dafür mit schlechter Laune bestraft wird? Was ist wichtiger für einen guten Start in den Tag: eine entspannte gemeinsame Viertelstunde am Frühstückstisch oder die perfekt komponierte Pausenbox? Montag: ein Graubrot mit Jagdwurst. Ein Knäckebrot mit Schmalz, diesem pflanzlichen Fettaufstrich aus dem Bioladen. Außerdem in einer Extrabox gestiftelte Karotten, Gurke, Apfelschnitze und Mandarinenspalten. Dazu roter Tee mit einem Drittel Traubensaft.

Meine Tochter besucht eine Ganztagsschule. Sie bekommt dort ein warmes Mittagessen von mäßiger Qualität, das ihr durchaus schmeckt. Aber schon um 9.40 Uhr ist Frühstückspause. Und auch zwischen Mittag und Schulschluss liegen noch einmal drei Stunden, in denen sie Hunger bekommen kann. Wenn es eine Lehre im Leben mit Kindern gibt, die ich fanatisch verfechte, ist das der Zusammenhang zwischen nölendem Nachwuchs und Nahrung: Siebzig Prozent aller Quengelanfälle auf Ausflügen, auf dem Rückweg vom Kindergarten, selbst an unspektakulären Nachmittagen daheim lassen sich mit einer Laugenbrezel oder ein bisschen Banane abstellen. Früher, als Kinderlose, war für mich die Tupperdose mit Apfelschnitzen das Symbol schlechthin, dass Frauen eben doch verblöden, wenn sie Mütter werden, weil sie ihre Persönlichkeit und ihre Prioritäten dieser umspannenden Überversorgung opfern. Inzwischen mache ich keinen Schritt mit Kindern mehr ohne Notfallproviant.

Deshalb gerät schon der Samstagseinkauf zum Staatsakt. Ich brauche für die ganze Woche Brotbelag, Obst und Rohkost. Paprika und Fleischwurst kaufe ich nur im Bioladen, Cashewkerne sind mir dort zu teuer, Biokarotten und den ein oder anderen Gimmick gibt es auch beim Discounter. Ich lege nämlich Wert auf eine kleine kulinarische Überraschung am Tag. Man weiß ja, wie Kinder ticken. Einerseits sind sie in ihrem Geschmack sehr stur, andererseits lieben sie Abwechslung und alles, was appetitlich aussieht.

Mit der Zeit habe ich mir in dieser Hinsicht eine Art Standardrepertoire zugelegt: Rosinen. Honigkuchen. Müsliriegel. Salzbrezeln. Smoothies. Milchprodukte im Miniaturformat. Wobei ich als bewusste Konsumentin meinen Einkaufswagen voller Verachtung an den „Fruchtzwergen“ im Supermarkt vorbeischiebe und stattdessen für den doppelten Preis aus einer bayerischen Biomolkerei Himbeerjoghurt in kleinen Becherchen erstehe.

Süßigkeiten nicht erwünscht

Mag ja sein, dass da fast genauso viel Fett und Zucker drin sind wie in konventionellen Kinderprodukten. Aber den Blick auf die Nährwerttabelle erspare ich mir. Das Leben kann ja nicht nur aus Vernunft bestehen! Andere Kinder haben sogar Schokoriegel und Gummibärchen dabei! Dabei hat die Lehrerin auf einem Elternabend in der ersten Klasse ausdrücklich gesagt, Süßigkeiten seien nicht erwünscht. Und ich muss mich daheim rechtfertigen, dass ich keinen Nutella-Toast mitgebe.

In der Klasse hat sich unterdessen ein Tauschmarkt entwickelt. Wenn ich nachmittags die Plastikdosen meiner Tochter inspiziere, die leider nicht in die Spülmaschine dürfen, aber trotzdem am nächsten Morgen frisch gewaschen zur Hand sein müssen, finde ich regelmäßig Reste von Brotsorten, die mir nicht ins Haus kämen, weil ich Kürbiskerne nicht ausstehen kann. Außerdem Bonbonpapier, Kirschkerne (ob die wohl „bio“ waren?), Kuchen. Nichts gegen das Bestreben meiner Tochter, ihren Speiseplan unter der Hand zu beeinflussen. Ich versuche zumindest, das nicht persönlich zu nehmen. Fragwürdiger finde ich das Pausenbrot als Währung, mit der Freundschaften angebahnt und gepflegt werden. Noch zu gut erinnere ich mich an ein Mädchen aus meiner Kindheit, das der Heldin der Klasse am liebsten täglich am Schulkiosk ein Mohrenkopfbrötchen (ja, so politisch inkorrekt sprach man damals) spendiert hätte. 50 Pfennig kostete das, an manchen Tagen durfte sie dafür Freundin sein. Ich hatte kein Geld. Aber Stullen.

Dienstag: Frisches Vollkornbrot mit Jagdwurst und einem Blatt Eisbergsalat. Eine zweite Schnitte mit Brie und Birne. Dazu Gurke und Cocktailtomaten sowie die Extradose mit frischer Ananas in Stückchen. Sprudelwasser.

Die Salzstangen ganz durchgeweicht

Das Schlimmste ist, wenn die Boxen beinahe voll wieder nach Hause kommen. Nicht nur, weil abends niemand mehr die Salamistulle essen mag und diese dann zusammen mit vollgekrümelten Gurkensticks und Nektarinenmatsch im Abfall landet. Ich hasse es, Essen wegzuschmeißen; ich weiß nicht, ob das an den hungernden Kindern in Afrika liegt oder an einem gewissen haushälterischen Geiz. Die Alternative, als Mutter regelmäßig die Reste meiner Kinder zu verspeisen, ist entwürdigend. Und macht fett. Das eigentliche Elend hat außerdem gar nichts mit der Verschwendung von Lebensmitteln zu tun. „Hast ja wieder nichts gegessen“, sage ich zu meiner Tochter und merke an dem vorwurfsvollen Unterton, was hier nicht stimmt.

Es ist die Demütigung. Das Eingeständnis eines Scheiterns. Eine Anklage. Ich, die Mutter dieses Kindes, habe bröselige Trockenbrote geschmiert. Ich habe versäumt, die Stullen in der Box in Plastik einzuwickeln, weshalb sie in sämtliche Einzelteile zerfallen sind. Weil ich Weintrauben in die Dose gequetscht habe, sind die Salzstangen ganz durchweicht. Das Brot auch. Igitt. Und wie schmeckt Wurstbemme, die Seit’ an Seit’ mit einer Scheibe Rosinenbrot den Tag verbracht hat? Mama? „Kannst du nicht endlich begreifen, dass ich keinen Käse mag?“, fragt mein Kind.

Mittwoch: nur noch mäßig frisches Vollkornbrot mit Schmalz. Drei runde Party-Pumpernickel mit Frischkäse und Salatgurke. Joghurt. Ein Stück Birne, Karotten, Kohlrabi. Den letzten Eierkuchen vom Abendessen, mit Zucker aufgerollt. Wasser.

Neulich, einen Tag nach dem Kindergartenausflug, überreichte mir eine andere Kita-Mutter einen Plastiklöffel. Ich hatte schon befürchtet, mein Sohn hätte das Ding im Wald verloren, und freute mich über die Aufmerksamkeit der Frau, die die Gruppe begleitet hatte. Aber die andere Mutter schüttelte tadelnd den Kopf. Joghurt, sagte sie, Joghurt sei ja nun wirklich nichts für unterwegs. Und weil ich ratlos dreinschaute, erklärte mir die Supermutter obendrein, welche eklatanten Nachteile eines Joghurtbechers ich unfassbarerweise übersehen hatte, nämlich: Erstens kriegt so ein Vierjähriger den Aluminiumdeckel nicht allein ab. Zweitens tropft beim Löffeln die Hälfte auf seine Hose. Drittens weiß am Ende keiner, wohin mit dem Müll. Ich wagte den zaghaften Versuch eines Widerspruchs: „In die Box?“ Schon fing ich den nächsten Schlag mit der Versagerkeule: Dann verschmiere doch das gesamte restliche Essen!

Eine Mandarine. Karottenstückchen. Wasser.

Anstatt der Besserwisserin den Joghurtlöffel um die Ohren zu schleudern oder die Angelegenheit in der nächsten Sekunde zu vergessen, habe ich keinen Mucks gesagt und mich schlecht gefühlt. Ich bin doch sonst immer so stolz auf meine leckeren Proviantboxen! Kann man sich tatsächlich mit einem Joghurt so total disqualifizieren? Warum hatte ich nicht wenigstens an eine kleine Plastiktüte gedacht? Plötzlich wusste ich es wieder. Nur eine perfekte Mutter ist eine gute Mutter. Die Qualität von Mütterlichkeit misst sich am Inhalt einer Tupperdose!

Donnerstag: Müsli. Unsere familienübliche Mischung aus Haferflocken, Bio-Crunchy und Rosinen fülle ich in eine Dose, von der ich mir im Fachgeschäft habe versichern lassen, dass der Deckel auch wirklich schließt. Die Milch kommt in ein ausrangiertes Babyfläschchen. Als meine Tochter kürzlich auf einer Tüte für den Rücktransport bestand, gab mir das einen kleinen Stich. Eine Mandarine. Karottenstückchen. Wasser.

Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Und der Wechsel vom Kindergarten in die Schule ist nicht nur einer der krasseren Übergänge im Leben schlechthin. Er trifft die Eltern mitunter härter als die lieben Kleinen selbst. Eben noch wurden die Küken den ganzen Tag von Erziehern umsorgt, deren Job es war, mit Einfühlungsvermögen und Zuwendung das Wohlbefinden der Knirpse zu garantieren. Für elterliche Sorgen und Nöte war im Zweifelsfall in endlosen Gesprächen zwischen Tür und Angel Platz.

Plötzlich nun ist das Kind acht Stunden am Tag in einer Einrichtung, die ich am besten gar nicht mehr betreten soll. Es gibt eine Lehrerin für 26 Kinder, die für das Hirn meines Kindes, nicht für sein Seelenheil zuständig ist. Loslassen kann so schwierig sein. Also packe ich morgens mit meinen Apfelspalten und Möhrenstiften, mit Knäckebrot und Wiener Würstchen meine gesammelte Zuwendung in diese verdammte rosa Plastikbox. Wenigstens beim Öffnen des Deckels soll mein Kind die Fürsorge seiner Mutter spüren!

Nur Vollkornprodukte enthalten die nötigen Kohlenhydrate

Oder ist das nur mein schlechtes Gewissen? Betreibe ich jeden Morgen einen unangemessenen Aufwand? Ein Faktencheck mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und dem Forschungsinstitut für Kinderernährung verschlimmert meine Lage nur. Ich mache alles falsch. Meine aufwendigen Obst- und Gemüseschnitzereien sind offenbar gerade so das Mindeste, was eine gute Mutter zu leisten hat. Aber was ist mit dem leckeren Landbrot vom Biobäcker, das die Kinder so gerne mögen? Nur Vollkornprodukte, so lerne ich, enthalten die nötigen Kohlenhydrate, um langfristige Leistungsfähigkeit zu garantieren.

Und die ganze Wurst, der Frischkäse, die Butterschicht, die Minisalamis - alles viel zu fett! Von Müsliriegeln und Co. wird sowieso dringend abgeraten. Um den Gesundheitsfraß dann kindgerecht zu verkleiden, lautet die Empfehlung der Experten, die Stullen in lustige Formen zu schneiden. Hallo? Meinen die wirklich, dass ich den Wecker noch eine Viertelstunde früher stelle, um Pferde- und Blümchenbrote zurechtzusäbeln?

Freitag: Mir ist alles egal. Ich mache mir morgens eine Kurpackung in die Haare, mein Mann schmiert Stullen. Ein belegtes Brot mit Schinken. Schinken! Ein belegtes Brot mit Ei. Ei! Ich verkneife mir jeglichen Kommentar. Karotte und Gurke am Stück. Und weil die Patrone im Sprudelgerät alle ist, gibt es schnödes Leitungswasser. Meine Tochter ist zufrieden.

Eigentlich habe ich es vergleichsweise gut. Eine meiner Freundinnen erzählt, dass ihr Kind noch zu Hause den Deckel seiner Pausendose lupft und zu mäkeln beginnt. Eine andere schmiert jeden Morgen Brote auf Bestellung und harrt edelmütig aus, bis ihr Sohn sich zwischen Gelbwurst und Samba endlich entschieden hat. Außerdem habe ich wirklich nur ein einziges Mal die olle Box im Ranzen vergessen. Nach zwei Wochen Herbstferien hatten wir darin einen Schimmelpilz gezüchtet, den man der Firma Steiff als Igel hätte verkaufen können.

Neulich auf einer Party unterhielten sich zwei Mütter von Erstklässlern über die Herausforderung eines guten Pausenfrühstücks für ihre Kleinen. Meine Tochter geht inzwischen in die dritte Klasse. Ich habe mir andere Gesellschaft gesucht.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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