Home
http://www.faz.net/-gux-14zgs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Partnervermittlung für Senioren Im Netz noch einmal ins Netz gegangen

30.01.2010 ·  Immer mehr Menschen verlieben sich jenseits der Pensionsgrenze neu. Und immer mehr von ihnen suchen sich den Alterspartner heute im Internet - zum Beispiel Ulrike (69) und Karl-Josef (77).

Von Katrin Hummel
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Karl-Josef D. und Ulrike C*. haben sich im Internet kennen gelernt. Nicht einmal ein Jahr ist seitdem vergangen, beide sind frisch verliebt. Und doch sagt Karl-Josef, während er ganz eng neben Ulrike auf dem Sofa sitzt und ihre Hand hält: „Die Endlichkeit ist nah. Es ist uns bewusst, dass einem von uns plötzlich etwas passieren kann.“

Er ist 77 Jahre alt, sie 69. Sie gehören zum immer größeren Kreis von Menschen, die sich jenseits der Pensionsgrenze noch einmal neu verlieben. Von den 17 Millionen Menschen, die mindestens 65 Jahre alt sind, heirateten im vergangenen Jahr etwa 12 000 Menschen, also jeder Tausendvierhundertste – viel mehr als noch vor zehn Jahren. Der älteste Mann war 99, die älteste Frau immerhin 96, was in der Tat ungewöhnlich ist, weil drei Viertel der Frauen jenseits der Pensionsgrenze alleinstehend sind, wie Kirsten von Sydow, Autorin des Buchs „Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen“, sagt: „Es gibt einen Männermangel für ältere Frauen, weil Frauen erstens länger leben und zweitens die Männer jüngere Frauen bevorzugen.“ Drei Viertel der über 65 Jahre alten Männer seien verheiratet – aber eben mit Frauen, die jünger sind als sie selbst. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag nannte das „Doppelmoral des Alterns“.

Sie wirkt lebendig, sehr attraktiv und viel jünger

Ulrike indessen sieht die Sache pragmatisch: Ganz bewusst machte sich die damals Achtundsechzigjährige auf die Suche nach einen Mann im Alter von bis zu 80 Jahren: „Mir war klar, dass ich für Männer in meinem Alter uninteressant war.“ Man mag das kaum glauben, wenn man sie ansieht: klein, zierlich, kurze rotbraune Haare, randlose Brille, Perlenkette. Sie wirkt lebendig, sehr attraktiv und viel jünger. Doch dann erzählt sie, wie sie erst ihren zweiten Mann, dann den gemeinsamen Freundeskreis verloren hat. In den vergangenen acht Jahren war sie mit einem verheirateten Mann zusammen, dann hielt sie es nicht mehr aus, immer nur die Nummer zwei zu sein, und begann, auf Zeitungsannoncen zu antworten. „Das geht an die Selbstachtung“, meint sie. „Man gibt gleich ganz viel von sich preis, denn man bewirbt sich ja beim anderen.“ Und dann kommt meistens nichts zurück.

Drei Jahre lang war die zweimal geschiedene Mutter zweier Kinder ohne Partner. An dem Abend, an dem sie sich auf Anraten einer Freundin ihrer Tochter bei der Online-Partnerbörse Parship anmeldete, fehlte ihr „ein Mensch, der mir zugehörig ist – und auch ein Mann“. Schnell stieß sie auf das Profil von Karl-Josef. Anders als in den Antworten auf die Partnergesuche in der Zeitung öffnete sie sich ihm gegenüber Stück für Stück. Zunächst blieb sie anonym. Das fand sie angenehmer, als sich gleich zu offenbaren.

Mehr Frau als Dame

Karl-Josef gefiel an der Internetpartnersuche, dass man gezielt nach Eigenschaften des künftigen Partners suchen kann. Er lebte 27 Jahre lang allein und hatte wechselnde Beziehungen zu anderen Frauen, bevor er sich auf die Suche im Internet begab – aus Langeweile, wie er sagt. Zwei Jahre dauerte es, bis er Ulrike kennenlernte. In dieser Zeit lernte er mehrere Frauen kennen, die sich ihres Pflegeberufs oder ihrer Kochkünste rühmten. „Zwischendurch dachte ich schon auch: Wenn du jetzt eine Krankenschwester findest, die pflegt dich ein Leben lang.“ Ulrike lächelt fein: „Das würden andere auch tun. Nur schreiben sie das nicht in ihr Profil.“ Karl-Josef wiegelt ab: „Ich habe mich ja auch ganz bewusst gegen den Gedanken entschieden, so eine Frau auszuwählen.“

Die beiden wussten, was sie wollten, und haben es klar ausgedrückt. Karl-Josef, ehemaliger Architekt und Bausachverständiger, schrieb: „Ich würde gern eine Frau kennen lernen, die mehr Frau als Dame ist.“ Ulrike, pensionierte Hauptschullehrerin, schrieb: „Ich suche keinen Versorgungspartner.“ Beide wollten nicht mit einem neuen Partner zusammenziehen. Sie nicht, weil sie nach Jahren des Suchens eine schöne Altbauwohnung in guter Lage gefunden hatte und auch ihren Freundeskreis nicht aufgeben wollte. Er nicht, weil er vor fast einem halben Jahrhundert einen alten Fachwerkbauernhof gekauft und restauriert hatte, den er gemeinsam mit einem seiner beiden Söhne und dessen Familie bewohnt.

Nicht hinter einem kurz gewordenen Leben herlaufen

Ihre Wohnorte liegen 150 Kilometer voneinander entfernt, und das soll auch so bleiben. „Wir versuchen, die Balance zu wahren zwischen den vielen Dingen, die wir miteinander tun möchten, und der Gefahr, darüber in Stress zu geraten“, meint Ulrike. „Wir wollen nicht hinter einem kurz gewordenen Leben herlaufen.“ Das ist nicht immer leicht. Die Zeit rennt, daran werden sie ständig erinnert. Kurz nachdem sie einander begegnet waren, erkrankte Ulrike lebensgefährlich. Karl-Josef ist schwerhörig und hat eine neue Hüfte.

Verliebt aber haben sie sich, als seien sie erst zwanzig. „Ich hatte eines Tages diese E-Mail im Postfach, dass jemand Kontakt zu mir aufgenommen hatte. Ich öffnete die Bilder, die an dem Kontaktgesuch hingen, und da strahlte mich Ulrike in drei verschiedenen Versionen an. Sofort war es um mich geschehen“, erinnert sich Karl-Josef. Ihm sieht man sein Alter an: weiße Haare, hohe Stirn, grauer Schnäuzer, Bäuchlein. In seinem Profil auf der Online-Partnerbörse „Parship“ schrieb er in entwaffnender Ehrlichkeit über sich: „Großer dicker Kopf, kurzer Hals, untersetzt, schütter werdendes Haar.“ Bei Ulrike dauerte es etwas länger, bis sie sich in ihn verliebte. Dann machten beide eine Fahrt in den Rheingau. Nach einem überwältigenden Gottesdienst mit gregorianischen Gesängen in Eltville-Kiedrich drei Monate nach ihrem ersten Kennenlernen und kurz nach ihrer Erkrankung war Ulrikes Zurückhaltung verschwunden.

Nicht die passenden Hobbys

Gemeinsamkeiten haben die beiden in der Tat viele. Karl-Josef liebt Städtereisen und Kunst. In Sachen Liebe unterscheide er sich merklich von den älteren Menschen, die er in seiner Jugend kannte: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Großmutter sich hätte verlieben können. Wenn man ihr so etwas auch nur unterstellt hätte, wäre sie gleich in die Kirche geflitzt und hätte drei Vaterunser gebetet.“ Für ihn indes ist der Wunsch, bis zum Ende seines Lebens mit einer Frau verbunden zu sein, selbstverständlich. Auch Ulrike interessiert sich für Städtereisen und Museumsbesuche – nicht die passenden Hobbys allerdings, um einen Partner kennen zu lernen: „An Studienreisen nehmen kaum alleinstehende Männer teil.“ Also suchte sie auf anderem Weg nach einer neuen Liebe.

Immer mehr ältere Menschen leben allein. Mehr als fünf Millionen Menschen im Alter von 65 Jahren oder darüber lebten im vergangenen Jahr in einem Single-Haushalt, das ist jeder zweite in dieser Altersgruppe. Auf Online-Partnersuche gehen immer mehr: 15 Prozent von 120 000 Mitgliedern der Partnerbörse „50plus-Treff“ sind inzwischen älter als 65 Jahre.

Die Ansprüche an das Leben haben sich geändert

Und der Anteil wächst, denn die Ansprüche an das Leben haben sich im Vergleich zur Vorgängergeneration geändert. Kirsten von Sydow erklärt das damit, dass die jungen Alten von heute als jüngere Menschen ein selbstbestimmteres Leben geführt haben als ihre eigenen Eltern. „Sie sind in der Nachkriegszeit aufgewachsen, wurden geprägt von der Achtundsechziger- und Frauenbewegung.“

Die neue Beziehung tut Karl-Josef und Ulrike gut, man sieht es ihnen an. Kinder und Freunde sagen in letzter Zeit öfter: „Mensch, wie gut du aussiehst. So jung und glücklich!“ Dennoch geht es bei ihnen, wie Ulrike sagt, „nicht mehr um den Aufbau eines gemeinsamen Lebens oder darum, große Ziele zu erreichen“. Beide tragen immer einen Zettel mit dem Namen und der Telefonnummer des anderen bei sich, damit er im Notfall angerufen wird. Und manchmal reden sie über den Tod. Ulrike fühlt dann einen Stich. Die Männer von drei ihrer Freundinnen sind schwer krank. „Da fragt man sich schon: Wann bist du, wann ist er dran?“ Und dann ist da, anders als bei jungen Paaren, die lange Lebenszeit, die beide Partner ohne einander verbracht haben. Die noch verbleibende Zeit als Paar ist dagegen gering. Und es gibt Einschränkungen: Weihnachten zum Beispiel haben sie getrennt voneinander mit ihren Kindern gefeiert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge