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Mediation zur Streitschlichtung Kurz und schmerzhaft

Die Deutschen ziehen häufig vor Gericht. Das aber ist oft langwierig, teuer und kostet viele Nerven. Eine Alternative ist die Mediation, die nun per Gesetz gefördert werden soll.

© SIS Vergrößern

Herr Schmidt, den wir hier so nennen, weil sein richtiger Name nichts zur Sache tut, hatte die Nase voll. Jetzt wollte er die Trennung, endgültig, nach mehr als zwanzig Jahren Ehe. Da hatte er seiner großen Tochter, die einmal den Hof übernehmen soll, zum Geburtstag ein Pferd geschenkt, und nun machte seine Frau so ein Geschrei. Warum die jüngere Tochter nichts erhalte und überhaupt. Er hatte das alles so satt. Schon seit Jahren hatten sie beide einander nichts mehr zu sagen, schrien sich selbst bei Kleinigkeiten nur noch an. Meistens ging er ihr einfach aus dem Weg und floh abends in die Kneipe.

Dabei hatte ihre Ehe einst gut begonnen. Sie war seine erste Liebe, kennengelernt in ebenjener Kneipe auf dem Dorf in Norddeutschland. Sie zogen zusammen auf seinen 100-Hektar-Hof, die Töchter kamen zur Welt, er kümmerte sich um Land und Tiere, sie übernahm die Hof-Finanzen und -Verwaltung. Nach der Wende pachteten sie 3000 Hektar im Osten dazu. Der Betrieb lief gut, aber nun stand alles auf dem Spiel. Sie willigte in die Scheidung ein und wollte auch auszuziehen, aber wie sollten beide künftig die Arbeit auf dem Hof regeln, wie Betrieb und Vermögen aufteilen und den Unterhalt für Töchter und Ehefrau organisieren?

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Im Normalfall würde das Gericht Herrn Schmidt verpflichten, seine Frau auszuzahlen. Das aber hätte seinen Ruin bedeutet. Der Betrieb war zwar gut zwei Millionen Euro wert, doch potentielle Käufer gab es keine, und bei einer Zwangsversteigerung wäre wohl auch für die Frau kaum etwas übrig geblieben. Beide aber wollten ohnehin den Hof erhalten, der ihre Existenzgrundlage bildete, und vor dem Scheidungsrichter mit einer Lösung auftauchen, ohne langwierigen Streit, auch der Kinder wegen, die unter der Situation litten. Die Frage war nur: wie? Ihre Anwälte konnten ihnen da nicht helfen. Denn er misstraute ihr zutiefst, und auch sie hatte ihr Vertrauen in ihn längst verloren.

Schon in der ersten Sitzung kam Erstaunliches zutage

Über eine Empfehlung landeten die Schmidts schließlich bei Detlev Berning. Der Einundsechzigjährige ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und seit einigen Jahren auch Mediator. Die Noch-Eheleute willigten in eine Mediation ein, eine Art Vermittlung zur freiwilligen Beilegung eines Konflikts. Berning bat beide Seiten an einen Tisch und forderte sie nacheinander auf, ihm das Problem aus ihrer Sicht zu schildern. „Das muss gemeinsam sein, damit jeder sieht, wie ich mit dem anderen umgehe“, sagt Berning. „Sonst wird das Misstrauen nur noch größer. Und Ziel ist ja, dass sich beide wieder vertrauen, deshalb kann das nicht in Einzelgesprächen geschehen.“ Bereits in der ersten Sitzung kam für beide Eheleute Erstaunliches zutage.

Diese Erfahrung machen Mediatoren häufig, gerade im Familienrecht, das sich besonders für die Mediation eignet. „Sich zu öffnen ist beiden Seiten erst mal unangenehm und peinlich“, sagt Berning. Aber eine kurze, wenn auch schmerzhafte Mediation sei häufig besser als ein nervenraubender, jahrelanger Gerichtsprozess mit ungewissem Ausgang. Das hat eine noch kleine, aber stetig wachsende Zahl der Deutschen offenbar erkannt. Inzwischen wird auch im Wirtschafts- und Verkehrsrecht, im Baurecht, ja selbst im Verwaltungs- und Sozialrecht mediiert. „Ein Gericht urteilt nach Recht und Gesetz, kann aber nur selten die Ursache eines Konflikts ermitteln, und am Ende gibt es Sieger und Verlierer“, sagt Berning.

Der Mediator schlägt keinen Kompromiss vor

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