Der Wunsch war da, seit sie sich kannten. Am Anfang dachten sie nicht daran, dass er unerfüllt bleiben könnte. Doch mit den Jahren kamen die Zweifel - und mit den Zweifeln die Angst. Aus dem Wunsch wurde ein riesiges Unbedingtwollen. Er war da am Morgen und am Abend, bei der Arbeit und bei der Liebe. Er bestimmte den Rhythmus des Lebens: Monat um Monat das Auf und Ab von Hoffnung und Enttäuschung.
Acht Jahre ging das so. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Der Wunsch machte missgünstig und schickte ungute Gedanken über die anderen, die ein Kind nach dem anderen bekamen. Sie mochte diese Gedanken nicht. Aber sie ließen sich nicht verscheuchen.
Der Arzt stellte fest, dass es an ihr lag. Er versuchte, ihnen zu helfen. Einmal, ein zweites, ein drittes Mal. Jeder Versuch kostete anderthalbtausend Euro, die nicht von der Kasse bezahlt wurden. Sehr viel Geld für eine Kauffrau und einen Arbeiter. Es machte ihnen nichts aus. Aber sie fanden es ungerecht. Schließlich arbeiteten sie hart. Andere bekamen Kinder und Hartz IV. Andere bekamen Kinder, um nicht mehr arbeiten zu müssen. Nicht aus Liebe, so wie sie.
Die Antwort kam aus dem Internet
Nach dem dritten Versuch wusste sie, dass sie nie schwanger werden würde. Die Ärzte gaben ihr zwar noch eine geringe Chance. Sie war jung, gerade Anfang 30. Aber sie wollte und konnte nicht mehr. Der Wunsch war größer denn je.
Sie gingen zum Jugendamt, um ein Kind zu adoptieren. Man sagte ihnen, die Chancen stünden schlecht und sie würden mindestens sieben Jahre warten müssen - eine zweite Ewigkeit. Trotzdem schrieben sie die Bewerbung, stellten alle Papiere zusammen und reichten sie ein. Monatelang geschah nichts. Sie waren unglücklich. Eines Tages setzte er sich nach der Schicht an den Computer. Es musste doch noch eine Möglichkeit geben. Was kann man jetzt noch tun? Er stellte seine Frage in einem Internetforum. Und bekam eine Antwort. Sofort schickte er ihr eine SMS ins Büro. „Ich habe etwas gefunden. Komm nach Hause, wir müssen reden.“
Er war auf eine Agentur für Leihmutterschaft in der Ukraine gestoßen. „Wir helfen Ihnen, den größten Wunsch Ihres Lebens zu verwirklichen“, hieß es dort auf deutsch. Sie überflog die Zeilen: Spezialistenteam, betreute Fortpflanzung, hohe Schwangerschaftsquoten, günstige Preise. Überall auf der Website lächelten Babys, rundeten sich Bäuche. Die Hoffnung war wieder da.
Das Kind hätte dann drei Mütter
Sie schrieben eine Mail. Am nächsten Morgen war die Antwort im Postfach. Sie rechneten alles durch, gingen zur Bank und nahmen einen Kredit auf. Sie kalkulierten knapp. Als die Bank fragte, wofür sie den Kredit bräuchten, sagten sie: privat. Zwei Wochen nach der ersten Mail saßen sie im Flugzeug nach Kiew. Die Agentur war ihr einziger Kontakt. Sie sahen nur die Hoffnung. Sie wollten vertrauen. Dass Leihmutterschaft in Deutschland illegal ist, sittenwidrig, war ihnen egal. In der Ukraine ist sie erlaubt.
Noch vor der Abreise hatten sie auf der Website der Agentur die Eizellenspenderin ausgesucht. Die Leihmutter durfte nicht die Eizelle spenden, weil sie sonst ihr eigenes Kind austragen und verkaufen würde. Das ist auch in der Ukraine gesetzlich verboten. Das Kind würde also drei Mütter haben: die Eizellenspenderin, die Leihmutter und sie. Eine genetische Mutter, eine, die das Kind austrägt und zur Welt bringt, und sie. Sie würde keine natürliche Verbindung zu dem Kind haben, nur ihren Willen. Er sagte, weil der Samen von ihm sei, dürfe sie die Eizellenspenderin und die Leihmutter aussuchen.
Sie scrollten die Liste mit den Fotos der Eizellenspenderinnen rauf und runter: Dutzende von Maschas, Nataschas und Olgas. Manche lieb, manche verführerisch, alle hübsch. Alter, Größe, Gewicht, Blutgruppe, Haarfarbe, Familienstand, Anzahl der Kinder. Alle hatten einen höheren Schulabschluss und mindestens schon ein Kind. Oft war das Kind mit auf dem Foto. Sie würden die genetische Mutter nie kennenlernen. Das wollten sie auch nicht. Ihr war wichtig, dass die Frau ihr ähnlich sah und ihre eigene seltene Blutgruppe hatte. Damit es nicht irgendwann auffällt.
Über die Leihmutter entschied das Bauchgefühl
Sie blieben drei Tage in der Ukraine. Die Agentur nannte das Phase eins. Von Kiew ging es weiter mit einem Regionalflug in die Provinz. Dort am Flughafen warteten ein Taxi und der Dolmetscher. Die Agentur hatte alles organisiert. Sie hatten ein gutes Gefühl. Sie glaubten, dass man ihnen helfen wollte. Daran, dass es ein Geschäft ist, dachten sie nicht. An den Wänden der Agentur hingen Fotos von Paaren mit Kindern, bei denen es geklappt hatte. Am ersten Tag wurden die Verträge besprochen und unterzeichnet. Am zweiten Tag musste er in die Klinik, um sein Sperma abzugeben. Die Ärzte erklärten das medizinische Prozedere in allen Einzelheiten. Sie machten Anzahlungen bei der Agentur und in der Klinik. Am dritten Tag suchten sie die Leihmutter aus. Dieses Mal waren sie nicht einer Meinung. Er hätte mehr nach dem Äußeren entschieden, aber ihr Bauchgefühl sagte etwas anderes. Eigentlich hätten sie die Leihmutter gern kennengelernt. Aber die Agentur sagte, dass das nicht möglich sei.
Auf dem Rückflug ging es ihr gut. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Die beiden Frauen, die Eizellenspenderin und die Leihmutter, mussten nur noch einmal untersucht werden. Dann sollte es losgehen.
Von da an hielt die Klinik sie per E-Mail auf dem Laufenden. Wie viele Eizellen entnommen werden konnten, wie viele befruchtet wurden, welche Qualität die Eizellen hatten, wann sie eingesetzt wurden. In Deutschland müssen befruchtete Eizellen innerhalb von wenigen Tagen eingesetzt werden, weil sie schon lebensfähig sind. In der Ukraine warten die Ärzte noch ein paar Tage länger. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Eizellen sich tatsächlich einnisten.
Die Schwangerschaft wurde vorgetäuscht
Im Preis war die Präimplantationsdiagnostik inbegriffen, die in Deutschland verboten und nur in Ausnahmefällen legal ist. Aber für sie war klar, dass sie kein Risiko eingehen wollten. Sie wollten ein gesundes Kind. Nur das Geschlecht wollten sie nicht aussuchen. Das ging ihnen zu weit. Sie ließen zwei Eizellen einsetzen, weil sie sich schon immer Zwillinge gewünscht hatten. Die Leihmutterschaft wurde dadurch teurer. Aber das war ihnen in diesem Moment egal. Nach drei Wochen kam die Nachricht, dass sie Zwillinge erwarteten. „Jetzt sind wir schwanger“, dachte sie. Die ersten drei Monate waren voller Freude.
Irgendwann fingen sie an, nachzudenken. Sie wollten auf keinen Fall, dass jemand erfuhr, wie sie ihre Kinder bekommen hatten. Nicht in der Kleinstadt, in der sie lebten. Nicht bei der Arbeit in der nahe gelegenen Großstadt. Sie wollten nicht, dass die Nachbarn es wussten, die Eltern von der Kita, die Lehrer in der Schule. Sie hatten Angst, dass man mit dem Finger auf sie zeigen würde. Dass sie ausgeschlossen würden. Sie wollten die Kinder schützen. Und sich selbst. Die Kinder sollten so normal wie möglich aufwachsen. Später einmal könnte man es ihnen vielleicht sagen. Wenn sie alt genug wären, damit umzugehen.
Über die Website eines Karnevalsvereins kauften sie einen künstlichen Bierbauch. Morgens schnallte sie sich den Bierbauch um, stieg ins Auto und fuhr schwanger zur Arbeit. Abends kam sie schwanger wieder zurück. Bei der Arbeit war sie nicht schwanger. Dort sprach sie von Adoption. Nur den engsten Freunden sagten sie die Wahrheit.
Phase drei fand in der Ukraine statt
Sie sagten sich, dass sie eine Schwangerschaft erlebten wie andere Eltern auch. Regelmäßig trafen per Mail Ultraschallbilder ein. Und Berichte: wie es der Leihmutter ging, den Kindern, wie viel sie wogen, wie viel sie wuchsen. Sie kauften Bettchen und einen Zwillingskinderwagen. Nur ganz selten meldeten sich Zweifel. Stimmte das alles wirklich?
Phase zwei näherte sich dem Ende. Die Kinder sollten per Kaiserschnitt entbunden werden. Eine Woche vor dem vereinbarten Termin flogen sie mit Koffern voller Strampelanzüge wieder in die Ukraine. Den Nachbarn sagten sie, sie würden noch einmal in Urlaub fahren, bevor die Kinder zur Welt kämen. Sie wussten nicht, dass dieser Urlaub sehr lange dauern würde. Drei Monate für ihn, sieben für sie. Fast so lange wie eine Schwangerschaft.
Jetzt kam Phase drei. In der ukrainischen Provinz mieteten sie eine Wohnung an, wo sie die ersten Wochen mit den Kindern verbringen wollten. In der Agentur trafen sie die Leihmutter. Sie sah den Bauch. Sie hoffte, dass das die letzten Zweifel zum Schweigen bringen würde. Sie gingen alle zusammen zum Ultraschall, sahen die Kinder und hörten ihre Herztöne. Für ihn war es nicht viel anders als für andere Väter. Aber sie sah die Kinder, die einmal ihre Kinder sein sollten, im Bauch einer fremden Frau. Unterhalten konnten sie sich nur mit Hilfe des Dolmetschers. Aber eigentlich gab es auch nicht viel zu reden. Sie fand die Leihmutter professionell. Sie bewunderte, wie gut sie alles machte. Sie dachte, dass sie das nie könnte: Schwanger sein und dann die Kinder abgeben.
Der Leihmutterschaftstourismus soll nicht offensichtlich sein
Wenige Tage vor dem geplanten Kaiserschnitt klingelte sein Mobiltelefon: Sie sollten sofort in die Klinik kommen, die Kinder seien da, natürlich geboren, gesund, vier Wochen zu früh. Als sie im Kreißsaal eintrafen, wurden die Kinder gerade gewaschen. Sie waren eine Stunde alt. Man legte ihr ein Kind in den Arm. Es fühlte sich fremd an. Aber es war trotzdem schön zu denken: Jetzt sind wir Eltern.
Sie hatte gedacht, dass sie sich von der Geburt an um die Kinder kümmern, sie wickeln und ihnen die Flasche geben würde. Die Leihmutter sollte gleich nach der Geburt verschwinden. Aber die Klinik bestand darauf, dass die Leihmutter noch fünf Tage mit den Kindern auf der Entbindungsstation blieb. Es hieß, es hätte eine Gesetzesänderung gegeben, die das vorschrieb. Der Leihmutterschaftstourismus sollte nicht allzu offensichtlich sein.
Ihm machte das nicht viel aus. Er fühlte sich vom ersten Moment an als Vater. Er sah, dass die Kinder ihm ähnlich waren. Ob eine Leihmutter oder seine eigene Frau sie geboren hatte, war für ihn kein großer Unterschied. Eine Stunde nach der Geburt hielt er sie im Arm. Endlich Kinder. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen.
Auf die Mutterschaft war sie nicht vorbereitet
Aber ihr ging es schlecht. Die Leihmutter baute doch eine Bindung zu den Kindern auf. Und sie selbst durfte nur wenige Stunden am Tag zu Besuch kommen. Die Eifersucht war wieder da und die Zweifel. Nie war sie mit den Kindern allein. Es waren noch immer nicht ihre Kinder. Sie sagte sich, dass die andere nicht die Mutter sei. Aber in der Geburtsurkunde wird die Frau als Mutter eingetragen, die die Kinder zur Welt gebracht hat. Sie sah, dass die andere Mutter ganz auf Mutterschaft eingestellt war. Der Milchfluss musste mit Medikamenten gehemmt werden. Sie fühlte, dass die Leihmutter eigentlich Abstand gewinnen wollte. Es war eine Belastung für sie, sich Tag und Nacht um die Kinder zu kümmern, die sie geboren hatte, aber für die sie nichts fühlen durfte.
Ihr selbst wollte es nicht gelingen, sich als Mutter zu fühlen. Die Kinder blieben fremde Wesen. Körper und Seele waren nicht auf die Mutterschaft vorbereitet, sosehr sie es sich auch gewünscht hatte. Sie haderte, sie kämpfte. Sie tat, was sie tun musste, aber die Gefühle waren nicht da.
Auch als sie die Kinder nach einer Woche in die gemietete Wohnung mitnehmen durften, wurde es nur langsam besser. Jetzt waren sie Tag und Nacht verantwortlich. Rund um die Uhr verlangten die Neugeborenen ihre Zuwendung, Pflege, Sorge - jene Selbstaufgabe, auf die eine Mutter hormonell durch die Geburt vorbereitet wird. Vor allem das Kleinere der Kinder hatte Koliken und brauchte ständig Nähe und Wärme. Als die Kinder drei Wochen alt waren, fuhr er nach Kiew, um bei der deutschen Botschaft ein Visum zu beantragen. Die Kinder hatten ukrainische Pässe. Für die darauffolgende Woche hatten sie einen Rückflug gebucht. Die Botschaft lehnte den Antrag ab. Man sagte ihm, er müsse deutsche Pässe für die Kinder beantragen. Für den deutschen Pass verlangte die Botschaft die Mutter. Die Mutter war die Leihmutter.
Eine Scheidung kommt nicht in Frage
Er fuhr zurück in die Provinz. Dort sagte ihm die Agentur, dass das nicht stimmen könnte. Wieder fuhr er mit dem Auto nach Kiew. Vierhundert Kilometer hin. Wieder wies man ihn ab. Vierhundert Kilometer zurück. Die Agentur weigerte sich, die Leihmutter nach Kiew reisen zu lassen. Sie sagte, das sei eine Falle der deutschen Behörden, um an die Leihmutter zu kommen. Vor einiger Zeit war die Geschichte eines Paares durch die Medien gegangen, das in Indien mit den Kindern festsaß, weil es in der Botschaft zugegeben hatte, dass sie von einer Leihmutter stammten.
Jetzt saßen sie fest. Die Agentur hatte alles Geld bekommen. Sie selbst hatten keinen Kontakt zur Leihmutter. Sie hatten keine Ahnung, wie sie die Kinder nach Hause schaffen sollten. Über Polen? Mit der Leihmutter? Ohne die Leihmutter? Sie planten, sie verwarfen. Sie schalteten ein Reisebüro ein. Wochen vergingen. Alles kostete Geld. Die Miete, der Dolmetscher, das Reisebüro, ein Arzt für die Kinder. Der Kredit war längst aufgebraucht. Sie verdienten beide kein Geld mehr. Dann begann sein Arbeitgeber, Druck zu machen. Er musste zurück nach Deutschland, wenn er seine Arbeit nicht verlieren wollte. Sie hatte Elternzeit beantragt. Aber nach zwei Monaten wurde ihr fristlos gekündigt, weil sie keine Geburtsurkunde vorweisen konnte. Die Schwiegereltern streckten Geld vor.
Die Agentur schlug vor, dass sie sich scheiden lassen sollten. Er sollte die Leihmutter heiraten. Sie überlegten. Sie waren so verzweifelt, dass sie zu allem bereit waren. Sie organisierten eine Pflegemutter und flogen für eine Woche nach Deutschland. Jetzt fiel es ihr schwer, sich von den Kindern zu trennen. Sie hatte Angst, sie zurückzulassen. Drei Monate in der Wohnung hatten sie zur Mutter gemacht. Jetzt sorgte sie sich wie eine leibliche Mutter. In Deutschland nahmen sie sich einen Anwalt. Der riet von der Scheidung ab. Nach einer Woche kehrte sie unverrichteter Dinge allein in die Ukraine zurück. Es wurde Sommer. In der ukrainischen Provinzstadt stand die Hitze. Die Luft war grau vom Smog. Dreimal am Tag wusch sie den Kindern den Ruß von der Haut. Manchmal kam die Pflegemutter für ein paar Stunden, damit sie einkaufen gehen konnte. Aber die meiste Zeit saß sie allein mit den Kindern in der Wohnung im vierten Stock. Das Haus hatte keinen Aufzug. Wenn sie mit den Kindern spazieren gehen wollte, musste sie erst den Zwillingskinderwagen nach unten tragen, dann die Kinder hinterher. Auf dem Rückweg umgekehrt. Sie war froh, dass sie den Fernseher mit zwei deutschen Programmen hatte.
Gefangen im Kreislauf
Man hatte ihr gesagt, sie solle die erste Zeit mit den Kindern genießen. Sie versuchte es, aber es ging nicht. Sie war wütend auf Deutschland, auf die deutsche Regierung, weil man sie nicht nach Hause ließ. Am schlimmsten war die Sorge. Sie fand nachts keinen Schlaf. Sie magerte ab. Sie hatte Angst vor jedem Tag. Angst, dass sie überhaupt nicht mehr nach Hause käme. Die Kinder zurückzulassen, einfach abzuhauen, das hätte sie nicht übers Herz gebracht. Auch die Kinder schliefen schlecht. Sie spürten ihre Unruhe. Sie begannen zu zahnen. Über Skype war sie mit ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter in Verbindung. Oft weinte sie nachts am Telefon. Sie versuchte, nicht vor den Kindern zu weinen, aber sie schaffte es nicht immer.
Als die Kinder ein halbes Jahr alt waren, suchte er einen neuen Anwalt. Der riet ihnen, die deutsche Staatsbürgerschaft für die Kinder in Deutschland zu beantragen. Er ließ die Vaterschaft anerkennen und versuchte, Geburtsurkunden zu bekommen. Aber die Behörden durchschauten den Versuch. Er misslang. Wieder waren sie im Kreislauf von Hoffnung und enttäuschter Hoffnung gefangen. Jetzt hatten sie Kinder. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen. Aber sie konnten sich nicht freuen.
Irgendwann konnte sie gar nichts mehr. Sie wurde krank. Sie bekam Fieber, übergab sich, weinte die ganze Zeit. Die Kinder brüllten. Sie rief die Pflegemutter an. Die kam und kümmerte sich, rief einen Arzt, kochte. Auch er in Deutschland war am Ende. Er sagte zu ihr: Wenn er gewusst hätte, was auf sie zukäme, hätte er es nicht gemacht. Er überlegte, die Kinder im Auto zu verstecken und schwarz über die Grenze zu fahren. Die Kinder aufzugeben, wäre auch für ihn nie in Frage gekommen.
Drohung mit Gefängnis
Von der Agentur hörten sie, dass andere Paare, die nach ihnen gekommen waren, keine Probleme mit der Ausreise hatten. Denn die Agentur hatte gelernt: Sie schickte Vater und Leihmutter einzeln nacheinander zur Botschaft. Das sollte weniger Verdacht wecken. So bekamen die Kinder ohne Probleme deutsche Pässe.
Jetzt riet der Anwalt ihnen, bei der deutschen Botschaft in Kiew alles offenzulegen. Man sagte ihnen, dass sie die Pässe bekommen würden. Aber man brauche die Leihmutter. Und weitere Papiere. Wieder ging sie zur Agentur, verlangte die Leihmutter, ließ sich zwei Stunden lang ins Verhör nehmen, wurde beschimpft. Man versuchte, ihr Angst zu machen, drohte, dass sie ins Gefängnis kommen würde. Sie war seit sieben Monaten in der Ukraine. Ihr war jetzt alles egal. Schließlich willigte die Agentur ein.
Wieder flog er in die Ukraine. Er ging mit der Leihmutter und deren Ehemann auf das Standesamt der Provinzstadt. Für die ukrainischen Behörden galt der Ehemann der Leihmutter als Vater des Kindes. Die beiden bezeugten, dass er nicht der Vater der Kinder war - und der leibliche Vater bezeugte, dass er der Vater war. Die Leihmutter fuhr mit nach Kiew. „Warum sind Sie nicht eher gekommen?“, fragten die Beamten in der deutschen Botschaft. Tags darauf saßen sie mit den Kindern im Flugzeug nach Deutschland.
Wie sagt sie es den Kindern?
Endlich beginnt ihr Leben als Familie. Sieben Monate nach der Geburt der Kinder ist sie eine ganz normale Mutter. Für die deutschen Behörden ist sie noch die Stiefmutter, aber bald wird sie die Kinder adoptieren. Natürlich wäre es schön, ein Kind zu haben, das ihr ähnlich ist. Aber sie hadert nicht mehr. Leihmutterschaft war ihre große Chance. Wunder genug.
Sie würde gerne weniger arbeiten, um mehr Zeit für die Kinder zu haben. Aber das können sie sich nicht leisten. Die Kinder haben sie 70.000 Euro gekostet, mehr als doppelt so viel wie ursprünglich gedacht. 25.000 hat die Agentur bekommen. Sie werden viele Jahre lang Schulden abbezahlen. Manchmal denkt sie, wie gut es die anderen Paare haben, die einfach so schwanger werden. Umsonst. Bei denen die Kosten erst nach der Geburt beginnen.
Er kann nicht verstehen, warum man es ihm in Deutschland so schwer gemacht hat, Kinder zu zeugen. Jeden Tag gibt es Berichte, dass Deutschland mehr Kinder braucht. Warum ist Leihmutterschaft illegal, wenn doch die Leihmutter einverstanden ist? Sie finden, dass die Frauen frei entscheiden sollten. Auch wenn manche es aus Not tun. Ihre Leihmutter hat nicht ärmlich ausgesehen.
Sie haben jetzt genau die gleichen Diskussionen wie andere Paare. Wer die Kinder von der Kita holt. Wer einkaufen geht. Die Nachbarn stellen keine Fragen. Nur wenn die anderen Mütter in der Kita über ihre Schwangerschaften sprechen, kann sie nicht mitreden. Sie sind nicht sicher, wann sie es den Kindern sagen werden. Aber sie weiß schon, wie sie die Leihmutter dann nennen wird: eure Bauchmama.
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