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Veröffentlicht: 07.01.2013, 17:47 Uhr

Leihmutterschaft Bauchmama


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Ethische Fragen fuer Talkshows © dapd Vergrößern In Deutschland dürfen nur Eizellen der Frau entnommen werden, die das Kind auch austrägt und dann tatsächlich Mutter im Familiensinne wird.

Sie scrollten die Liste mit den Fotos der Eizellenspenderinnen rauf und runter: Dutzende von Maschas, Nataschas und Olgas. Manche lieb, manche verführerisch, alle hübsch. Alter, Größe, Gewicht, Blutgruppe, Haarfarbe, Familienstand, Anzahl der Kinder. Alle hatten einen höheren Schulabschluss und mindestens schon ein Kind. Oft war das Kind mit auf dem Foto. Sie würden die genetische Mutter nie kennenlernen. Das wollten sie auch nicht. Ihr war wichtig, dass die Frau ihr ähnlich sah und ihre eigene seltene Blutgruppe hatte. Damit es nicht irgendwann auffällt.

Über die Leihmutter entschied das Bauchgefühl

Sie blieben drei Tage in der Ukraine. Die Agentur nannte das Phase eins. Von Kiew ging es weiter mit einem Regionalflug in die Provinz. Dort am Flughafen warteten ein Taxi und der Dolmetscher. Die Agentur hatte alles organisiert. Sie hatten ein gutes Gefühl. Sie glaubten, dass man ihnen helfen wollte. Daran, dass es ein Geschäft ist, dachten sie nicht. An den Wänden der Agentur hingen Fotos von Paaren mit Kindern, bei denen es geklappt hatte. Am ersten Tag wurden die Verträge besprochen und unterzeichnet. Am zweiten Tag musste er in die Klinik, um sein Sperma abzugeben. Die Ärzte erklärten das medizinische Prozedere in allen Einzelheiten. Sie machten Anzahlungen bei der Agentur und in der Klinik. Am dritten Tag suchten sie die Leihmutter aus. Dieses Mal waren sie nicht einer Meinung. Er hätte mehr nach dem Äußeren entschieden, aber ihr Bauchgefühl sagte etwas anderes. Eigentlich hätten sie die Leihmutter gern kennengelernt. Aber die Agentur sagte, dass das nicht möglich sei.

Auf dem Rückflug ging es ihr gut. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Die beiden Frauen, die Eizellenspenderin und die Leihmutter, mussten nur noch einmal untersucht werden. Dann sollte es losgehen.

Von da an hielt die Klinik sie per E-Mail auf dem Laufenden. Wie viele Eizellen entnommen werden konnten, wie viele befruchtet wurden, welche Qualität die Eizellen hatten, wann sie eingesetzt wurden. In Deutschland müssen befruchtete Eizellen innerhalb von wenigen Tagen eingesetzt werden, weil sie schon lebensfähig sind. In der Ukraine warten die Ärzte noch ein paar Tage länger. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Eizellen sich tatsächlich einnisten.

Die Schwangerschaft wurde vorgetäuscht

Im Preis war die Präimplantationsdiagnostik inbegriffen, die in Deutschland verboten und nur in Ausnahmefällen legal ist. Aber für sie war klar, dass sie kein Risiko eingehen wollten. Sie wollten ein gesundes Kind. Nur das Geschlecht wollten sie nicht aussuchen. Das ging ihnen zu weit. Sie ließen zwei Eizellen einsetzen, weil sie sich schon immer Zwillinge gewünscht hatten. Die Leihmutterschaft wurde dadurch teurer. Aber das war ihnen in diesem Moment egal. Nach drei Wochen kam die Nachricht, dass sie Zwillinge erwarteten. „Jetzt sind wir schwanger“, dachte sie. Die ersten drei Monate waren voller Freude.

Künstliche Befruchtung © dpa Vergrößern Die Samenzelle kam vom Vater, die Eizelle von einer Spenderin. Die Zelle wurde in der Petrischale befruchtet und einer anderen Frau eingepflanzt.

Irgendwann fingen sie an, nachzudenken. Sie wollten auf keinen Fall, dass jemand erfuhr, wie sie ihre Kinder bekommen hatten. Nicht in der Kleinstadt, in der sie lebten. Nicht bei der Arbeit in der nahe gelegenen Großstadt. Sie wollten nicht, dass die Nachbarn es wussten, die Eltern von der Kita, die Lehrer in der Schule. Sie hatten Angst, dass man mit dem Finger auf sie zeigen würde. Dass sie ausgeschlossen würden. Sie wollten die Kinder schützen. Und sich selbst. Die Kinder sollten so normal wie möglich aufwachsen. Später einmal könnte man es ihnen vielleicht sagen. Wenn sie alt genug wären, damit umzugehen.

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