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Kleingärten Die Löwenzahn-Revolution

30.03.2009 ·  Junge Familien entdecken den Kleingarten für sich. Doch die neue Gärtner-Generation kann mit Gartenzwergen und exakt definierten Heckenhöhen wenig anfangen. Über eine sanfte Revolution in Deutschlands Kleingärten.

Von Sarah Weik
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Im Weg 14 ist die Welt noch in Ordnung. Weg 14 ist die Maximilianstraße im Kleingartenverein Hagsfelder Allee in Karlsruhe. Ein Garten Eden für deutsche Tugenden. Fleiß, Genauigkeit und Ordnung zählen hier noch und tragen im Spätsommer prächtige Früchte. Ein schmaler Beetstreifen vor dem eigentlichen Garten dient als Visitenkarte. Hier demonstrieren die Kleingärtner, welche Formen ihre Heckenschere einem Buchsbaum entlocken kann. Statt vereinzelten Windmühlen werden hier ganze Dörfer im Schwarzwald-Look angelegt, die profane Regentonne durch gemauerte Märchenbrunnen mit Holzdach und Kurbel ersetzt. Und wer etwas auf sich hält, lässt Tulpen und Äpfelbäume alsbald links liegen und setzt stattdessen auf Bananenstauden, Bambus, Kakteen oder Bonsai-Bäume. Nur bei den Fahnen wird wenig Wert auf Exotik gelegt - die badische Flagge gehört zur Pflichtausstattung.

Die gärtnerischen Höhenflüge im Nachbarweg lassen Jeanette Heinzelmann und Stefanie Lippelt unbeeindruckt. „Bei uns wächst, was eben so wächst“, sagen die zwei Schwestern gelassen. Beide sind Anfang dreißig, schätzen den Erholungswert ihres Gartens und wollen sich von den zahllosen Regeln und Ordnungen eines Kleingartenvereins nicht einschnüren lassen. Sie üben sich in Schadensbegrenzung, um nicht negativ aufzufallen. Und sowieso, „Löwenzahn ist doch eine ganz hübsche Pflanze“.

Comeback im Bio-Boom

Deutsche Kleingärten stehen vor einem Generationswechsel. Das Durchschnittsalter der Hobbygärtner liegt bei stolzen 60 Jahren. Fast jeder zehnte Pächter wird in den nächsten Jahren altersbedingt seinen Garten aufgeben müssen, so eine Studie des Verkehrsministeriums und des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Was sich schon in den letzten Jahren angedeutet hat, wird sich also weiter beschleunigen. „Bei den Neuverpachtungen der letzten fünf Jahre lag der Anteil von Familien mit Kindern bei fast 45 Prozent“, berichtet Thomas Wagner vom Bundesverband der Deutschen Gartenfreunde, dem Dachverband der Kleingärten. „Vor allem in Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet, Berlin oder Frankfurt ist die Nachfrage groß.“ Angesteckt vom Bio-Boom und auf der Suche nach Erholung mitten in der Stadt bescheren junge Familien dem Kleingarten ein Comeback und wollen so gar nicht in das Klischee vom kleinkarierten Spießbürger passen.

Noch ist der Garten kahl, Farbtupfer setzen nur ein paar frühe Osterglocken. Doch Gabriela König lässt zufrieden den Blick über ihre Parzelle schweifen. Sie zeigt auf den kaum 2,50 Meter hohen Apfelbaum, an dem sich gerade einmal winzige erste Knospen zeigen. „Letztes Jahr hingen dort die Äpfel wie Weintrauben“, schwärmt sie und erzählt von der erfolgreichen Ernte. Spricht von den Tomaten, die von der Braunfäule verschont geblieben seien, von ihren Gurken, deren Geschmack sie kaum beschreiben kann. „Die schmecken richtig...“, sie zögert und sucht nach Worten, „naja, gurkig eben. Man vergisst ja völlig, wie intensiv die sein können.“ König lächelt stolz und beobachtet Tochter Clara beim Schneckenfang. Seit Oktober 2003 bewirtschaftet Familie König eine von 95 Parzellen im Frankfurter Kleingartenverein Buchhang.

Unbehagen zwischen Gartenzwerg und Bambi

„Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen“, begründet König die Entscheidung, „mir hat in der Stadt der Kontakt zur Natur gefehlt“. Ins Umland ziehen kam für die junge Familie nicht in Frage. „Der Speckgürtel ist für viele Familien nicht mehr attraktiv“, bestätigt Wagner. Die Königs schätzen es, dass sie nur wenige Ecken laufen müssen, um ins Kino oder shoppen zu gehen, die Arbeit ähnlich schnell erreichbar ist wie die Schule der Kinder. Und wenige Straßenkreuzungen von ihrer Altbauwohnung in Bornheim besitzen sie nun auch einen eigenen Garten.

„Natürlich hatten wir Angst vor den Regelungen und Nachbarn, die misstrauisch über den Zaun schielen.“ König lacht. „Doch die hat sich schnell gelegt.“ Oliver Lang, Vorsitzender des KGV Buchhang, versteht das Unbehagen, das die neue Gärtnergeneration zwischen Gartenzwerg und Bambi beschleicht. Er bemüht sich, das Image der Kleingärten aufzupolieren und kommt den neuen Pächtern entgegen. „Die vielen Verordnungen sind für uns eher grobe Anhaltspunkte, niemand wird hier mit dem Meterstab anrücken und überprüfen, ob die Hecke wirklich nur 80 cm hoch ist.“ Hauptsache, der Garten verwildere nicht. Ein Zugeständnis an die jüngeren Kleingärtner, die meist ganztags arbeiten und oft nicht die Zeit finden, jeden Tag Unkraut zu jäten und die Hecke zu stutzen. „Das war für uns auch ein Grund hierher zu kommen“, so König. „Wenn man wirklich jede Regelung einhalten will, artet das ja in Stress aus.“ Sie lacht. Dass der Rasen mal wieder gemäht werden müsste und Claras Spielzeuge im Garten verteilt sind, stört hier niemanden.

Ein Garten bedeutet Arbeit

Eine Einstellung, mit der Winfried Wilk wenig anfangen kann. Er bewirtschaftet eine Parzelle im Karlsruher Weg 14, ist Rentner und hier, so oft er kann. Gärtnern sei sein großes Hobby, sagt er, eigentlich sein einziges, und er nimmt es ernst. Und den Buchsbaumkugeln vor seinem Garten sieht man die investierte Zeit und Mühe ebenso an wie seinem saftiggrünen, dichten Rasen. „Der wurde vernachlässigt“, entschuldigt Wilk vereinzelte Grashalme, die nicht der Normhöhe entsprechen. Eigentlich finde er es schön, dass nun verstärkt junge Leute nachkommen, doch er sorgt sich, ob ihr Interesse noch anhält, wenn bemerkt wird, dass ein Garten Arbeit bedeutet.

Auch Lang warnt davor, sich unter Gärtnern nicht mehr vorzustellen als zu grillen und in der Hollywoodschaukel zu liegen. „Man muss sich klar machen, dass ein Garten immer mit Arbeit verbunden ist. Deshalb sollte schon Interesse am Anbauen, an der Natur bestehen.“

Urlaubsersatz bei knapper Kasse

Doch diese Mahnung ist meist unnötig. Selbst wenn zuvor kaum Erfahrung vorhanden ist, wird der Garten oft zum neuen Hobby. „Der erste Sommer war ein Entdeckungssommer“, erzählt Alexa Menz begeistert. Seit einem Jahr bewirtschaftet auch sie mit ihrer Familie eine Parzelle am Frankfurter Buchhang. „Wir wussten nicht, was uns erwartet und haben erst mal geschaut, was hier überhaupt so wächst.“ Und mit ihr lernen auch der acht Jahre alte Finn und die sechs Jahre alte Svea Gemüsesorten kennen, Unkraut von Nutzpflanzen zu unterscheiden und wann eine Zwetschge wirklich reif ist. Menz entdeckt durch ihren Garten auch alte Traditionen wieder. Seit Jahren hat sie in diesem Sommer mal wieder Marmelade gekocht.

Ohne ihre Kinder hätten Matthias Prein und Alexa Menza wohl keinen Garten gepachtet. Ihren Naherholungsraum nennen sie die Parzelle. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat bei der Bilanz der Feriensaison 2007/2008 festgestellt, dass immer mehr Familien das Geld für den Urlaub ausgeht. Ein Trend, der sich jetzt in der Krise wohl noch verstärken wird. Bis zu neun Prozent sank die Zahl der Familienurlaube. Für viele Familien ist der Garten so gleichzeitig Urlaubsersatz - für durchschnittlich 412 Euro im Jahr. Hinzu kommt die Ablösesumme, die in Frankfurt je nach Zustand und Bestand des Gartens zwischen 300 und 3000 Euro beträgt.

Ungewohnte Trendsetter-Rolle

Der Kleingärtner, ein Trendsetter? Immerhin wächst auch in den Fernsehsendern nicht mehr nur die Zahl der Kochshows, sondern auch die der Gartensendungen; steigende Lebensmittelpreise und das wachsende Interesse an biologisch angebautem Obst und Gemüse haben daran einen wesentlichen Anteil. Nachdem der Versorgungsaspekt in den letzten Jahren immer unwichtiger geworden ist, stellt auch die Bundesstudie fest, dass bei knapper werdenden Haushaltskassen die Selbstversorgung mit Obst und Gemüse aus eigenem Anbau wieder an Bedeutung zunimmt. Menz fasst knapp zusammen, was sie an ihrem Garten schätzt: „Es kostet kaum etwas, schmeckt besser und ist garantiert alles Bio.“ Es sind vor allem die jungen Gärtner, die Wert auf naturnahes Gärtnern legen und auf chemische Schädlingsbekämpfung und Kunstdünger verzichten.

So treffen in deutschen Kleingärten gestutzte Hecken auf Wildblumen, Gartenzwerge auf Kinderspielzeug. Und nicht überall funktioniert das Zusammentreffen so reibungslos wie in Frankfurt. Zehn Familien mit Kindern sind in den letzten Jahren im KGV Buchhang nachgerückt und Oliver Lang freut sich über das sinkende Durchschnittsalter seines Vereins. Kindergeburtstage ist man hier mittlerweile gewohnt, am Lärm der tobenden Kinder stört sich hier niemand. Doch während man sich in Frankfurt bereits auf den Generationenwechsel eingestellt hat und versucht, auch mit Projekten wie einer eigenen Kelterei für Jüngere attraktiver zu werden, erfolgt die Öffnung in Karlsruhe subtiler. „Das Regelwerk ist das Erste, was man hier in die Hand gedrückt bekommt“, erzählt Regina Schleyer, die zusammen mit drei Freundinnen einen Garten bewirtschaftet. Dennoch lassen sich die Mittvierziger davon nicht abschrecken. Sie betrachten es als notwendiges Übel, um mit allen gut auszukommen. Doch da immer mehr Freunde und Bekannte hier ebenfalls einen Garten bewirtschaften, wird das Regelwerk wohl bald nicht mehr nötig sein, um mit den Mitgärtnern gut auszukommen.

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