Besser, dachte die Mutter vor einem Jahr, hätte sie es gar nicht treffen können: ein Krippenplatz in Hamburg ausgerechnet in ihrer Wunscheinrichtung. Die Kita lag in der Nähe ihrer Arbeit, das Konzept klang gut: Zweisprachigkeit, einmal die Woche Sport, regelmäßige Ausflüge in den Tierpark und in den Wald. Die Räume waren hell. Als ihr Sohn 13 Monate alt war, kehrte die Mutter in ihren Job zurück. Vollzeit.
Heute sagt sie: „Man hat ja eigentlich keine Ahnung, worauf man achten soll oder was wirklich wichtig ist.“ An der Krippe lässt sie kein gutes Haar. 22 Ein- und Zweijährige werden dort von zwei bis drei Fachkräften betreut. Dazu kommen Praktikanten, Aushilfen, Vorlese-Omas - und Erzieherwechsel, vier im ersten Jahr. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die mein Kind gut kennen“, sagt die Mutter. „Und was mir Bauchschmerzen macht: Ich habe keine Ahnung, was mit meinem Kind den ganzen Tag passiert. Das artet immer mehr in Aufbewahrung aus.“
Mehr Qualität
Deutschland im Krippenausbaufieber: Weil der Rechtsanspruch auf Betreuung von August 2013 an schon nach dem ersten Geburtstag eines Kindes gelten soll, kreist die öffentliche Diskussion um Zahlen. Wie viele Plätze fehlen noch? Welches Bundesland holt am schnellsten auf? Wie groß ist der zu erwartende Erziehermangel? Und wer investiert wie viel Geld? Hamburg zum Beispiel brüstet sich, dass es schon diesen Sommer Plätze für Zweijährige garantiert. Dass aber der Betreuungsschlüssel in der Hansestadt mit 1:5,1 im westdeutschen Vergleich das Schlusslicht bildet, erwähnt freiwillig niemand.
Als wäre Kleinkindbetreuung allein eine Frage der Quantität. „Wir müssen die Qualitätsfrage neu thematisieren“, sagt Wolfgang Tietze. Er ist Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Schon seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Instrumenten, um den Wert pädagogischer Arbeit zu messen. Seit 2006 vergibt sein Institut Pädquis ein Gütesiegel an Kindergärten, die sich auf eine systematische Qualitätsentwicklung und -überprüfung einlassen. Jetzt hat der Professor die erste nationale Studie koordiniert, in der zwei Jahre lang rund 2000 Kinder in verschiedenen Betreuungsvarianten untersucht worden sind - in ihrer Familie, bei Tagesmüttern, in Kitas.
Zu wenig Fachkräfte
Detaillierte Ergebnisse werden erst im Herbst veröffentlicht. Aber der Tenor ist bekannt: Rund achtzig Prozent der deutschen Krippen erreichen - bei großen Unterschieden - lediglich Mittelmaß. Nicht einmal eine von zehn Einrichtungen ist „gut“ oder besser. Dafür scheitern mehr als zehn Prozent an den Minimalanforderungen. Tietze warnt deshalb: „Unzureichende Qualität hat irreversible Folgen.“
Dafür ist maßgeblich die Politik verantwortlich. Was in der täglichen Arbeit mit Kindern möglich ist, hängt - die Forschung sagt: zur Hälfte - von den Rahmenbedingungen ab. Wissenschaftler empfehlen für Kinder unter drei Jahren eine Fachkraft auf maximal drei bis vier Kinder. Während es nun westdeutsche Länder gibt, die wie das Saarland mit 1:3,2 oder Bremen mit 1:3,3 an diesen Schlüssel heranreichen, muss sich in Brandenburg und Sachsen-Anhalt eine Fachkraft um mindestens sechs Kleinkinder kümmern. „Das reicht nicht aus“, sagt Susanne Viernickel, Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Je jünger ein Kind, desto stärker ist es auf individuelle Ansprache und Zuwendung angewiesen. Wenn etwas nicht klappt, braucht es einen Erwachsenen, der hilft; bei Kummer oder Angst muss jemand trösten - und zwar prompt.
Zumal der rechnerische Betreuungsschlüssel in der Praxis selten erreicht wird: Da gibt es Urlaub und Krankheiten sowie Zeit zur Vor- und Nachbereitung. Und schon steht wieder eine Erzieherin mit zehn Wickelkindern allein im Raum. „Ich glaube, dass Fachkräfte unter den aktuellen Bedingungen täglich an ihre Grenzen kommen“, sagt Viernickel. Nicht, dass Kinder deshalb angeschrien würden. Aber alles, was über sichere Betreuung hinausgehe, bleibe auf der Strecke. Bildung, zum Beispiel.
Gute Ausstattung allein macht indes noch keine gute Pädagogik. Die Frage ist nicht, ob ein Waldkindergarten generell besser oder schlechter ist als eine Einrichtung, die sich internationale Bildungskita nennt oder Montessori-Pädagogik betreibt. Das hat niemand erforscht. Wie Studien belegen, hebt jedoch allein die Tatsache, dass ein klares Konzept existiert, nach dem verbindlich gearbeitet wird, die Qualität. Ansonsten haben Wissenschaftler bei identischer Ausstattung selbst in Gruppen derselben Einrichtung höchst unterschiedliche Standards vorgefunden.
Wenig Sanktionsmöglichkeiten
Woran liegt das? Und warum wissen in der Regel weder Verantwortliche noch Eltern darüber Bescheid? Kitafoscher Tietze sagt: „Kein Träger, kein Jugendamt und erst recht nicht Familienministerin Schröder kann Ihnen sagen, wie es um die Qualität in den Früherziehungseinrichtungen steht.“
Natürlich gibt es etwas, das Kita-Aufsicht heißt. In Berlin sitzt diese Einrichtung im sechsten Stock der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft und besteht aus zwölf Kollegen, die für 2200 Einrichtungen zuständig sind. Bevor eine Kita eine Betriebsgenehmigung bekommt, wird überprüft, ob Konzept, Personalschlüssel und bauliche Standards den rechtlichen Vorgaben entsprechen. Anschließend rechnet die Behörde einmal im Jahr nach, dass das vorgeschriebene Betreuungsverhältnis - für Berliner Krippenkinder mäßige 1:5 - nicht unterschritten wird.
Ansonsten geht man Elternbeschwerden nach. Meistens, sagt die scheidende Leiterin Kirstin Fussan, seien häufige Erzieherwechsel der Anlass. Dann gibt es Ortstermine, Beratung, Auflagen - und immer geht viel Zeit ins Land. Manchmal wünscht Fussan sich schärfere Sanktionsmöglichkeiten: „Es ist sehr schwer, eine Betriebserlaubnis zu entziehen.“
Die Kita-Aufsicht starte wie ein Tiger, ende aber als Bettvorleger, heißt es deshalb gerne. Doch die Crux ist eine andere: Für Qualität im positiven Sinne ist die Behörde gar nicht zuständig. Sie prüft zwar, ob eine Umsetzung des Berliner Bildungsprogramms vorgesehen ist. Ob das im Tagesgeschäft aber passiert, ist nicht ihre Baustelle. Kriterium der Kita-Aufsicht ist die Gefährdung des Kindeswohls. Niedriger könnte die Schwelle nicht sein.
Ein Morgen in der Kita „Entdeckerland“ in Berlin-Karow, bei den „Eisbären“ gibt es Frühstück: „Brauchst du auch ein Messer?“, fragt der Erzieher und hilft einer Zweijährigen, Leberwurst auf ihr Brot zu laden, woraufhin das Mädchen andächtig streicht und streicht. Der Raum ist mit Wasserfarbkritzeln und Fotos geschmückt, die ausschließlich in Höhe der Kinderaugen hängen. Die Regale sind beschriftet, um einen Sinn für Buchstaben zu fördern. Auf den Tischen kleben Schweinchenfiguren und der Wolf aus einer Bilderbuchgeschichte, die gerade Thema ist: eine Einladung zur Vertiefung.
Ein Blondschopf spreizt seine Finger in Richtung Rohkostteller. „Jetzt sind die Gurken alle“, erklärt die Pädagogin und hält ihm den Teller hin. „Du - te“, sagt der Einjährige und greift eine Möhre. „Das ist eine Mohrrübe“, sagt die Erzieherin. „Mama“, sagt ein Mädchen und guckt zum Fenster. „Mama ist arbeiten“, sagt die Erzieherin.
Selbstständigkeit fördern
Nolan ist als Erstes fertig. Der Einjährige rutscht von seinem Stuhl, drückt die Lehne gegen die Tischkante und balanciert seinen Teller zum Servierwagen. Dann verschwindet sein Windelpopo im Bad, wo mittlerweile eine Erzieherin Anweisungen gibt: Wasser an, Ärmel hoch. Andere essen in aller Ruhe zu Ende, während eine Kollegin die Brocken zusammenfegt. Ein zartes Mädchen schiebt einen Puppenwagen übers Linoleum.
Bei allem Durcheinander ist es nicht laut im Raum. Als Lea weint, weil sich ihr Stuhl verhakt hat, rückt Gudrun Erthner kurz an der Lehne. Daraufhin schiebt das Mädchen den Stuhl an den Tisch und wackelt zufrieden davon.
Kita-Leiterin Erthner - Kurzhaarschnitt, warme Augen und vierzig Jahre Berufserfahrung - hospitiert an diesem Morgen bei den Eisbären. Im Gespräch mit den Kollegen wird sie später die knappen Kommandos im Bad bemängeln und das Frühstück loben, bei dem die Worte der Kinder in vollständigen Sätzen aufgegriffen und weitergeführt wurden. Bei nächster Gelegenheit würde sie vielleicht auf die „fließenden Abläufe“ achten, die dafür sorgen, dass Kinder weder unnötig gedrängelt werden noch warten müssen. Und sie weiß, wie wichtig es ist, Selbständigkeit zu fördern - immer. Auch wenn beim Händewaschen mal die Ärmel nass werden oder die Leberwurst auf dem Boden landet.
Der Träger der Einrichtung, das Berliner Institut für Kleinkindpädagogik und familienbegleitende Kinderbetreuung „BIK“, hat seine Kindergärten schon vor fünf Jahren der Qualitätsprüfung von Pädquis unterzogen. Leiterin Erthner und ihre Stellvertreterin haben ein Jahr lang Fortbildungen besucht und in wöchentlichen Sitzungen mit dem Team an der Umsetzung gearbeitet. Anschließend wurde die Kita evaluiert. Und vielleicht gerade weil das „Entdeckerland“ 2011 schon zum zweiten Mal mit dem Deutschen Kindergarten Gütesiegel zertifiziert wurde, gehören Weiterbildung, wechselseitige Hospitationen und Offenheit für Kritik dort mittlerweile zum Selbstverständnis. Die stellvertretende Leiterin Bianca Hoppe sagt es so: „Mir ist super wichtig, dass wir nicht aufhören zu denken.“
Was aber, wenn niemand darauf hinweist, dass sich im Umgang mit den Kindern ein ruppiger Ton eingeschlichen hat? Wenn kein Bewusstsein dafür herrscht, dass das lästige Wickeln eine Chance ist auf einen intensiven Moment zu zweit? Was passiert, wenn Kleinkinder zu viel Zeit in einer schlechten Krippe verbringen?
Erziehungsverantwortung darf nicht abgegeben werden
„Das lässt sich so nicht beantworten“, sagt Lieselotte Ahnert. Die Professorin aus Wien ist eine der führenden deutschsprachigen Bindungsforscherinnen. Sie erinnert daran, dass der Einfluss des Elternhauses letztlich stärker präge als jede Kita und dass Qualität zuallererst eine Frage der Beziehung sei: Ein Krippenkind müsse sich angenommen und aufgehoben fühlen. Weil aber jedes Kind anders sei, wirkten sich sowohl die entwicklungsfördernden Impulse der Krippe als auch die Belastungen, wie sie die Stressforschung nachgewiesen habe, unterschiedlich aus. „Ohne Herausforderungen groß zu werden ist nichts“, sagt Ahnert - einerseits. Andererseits weise ihre neueste Studie daraufhin, dass empfindsame, eher ängstliche Kinder sich bei einer Tagesmutter besser entwickelten als in einer Kita-Gruppe.
Im schlimmsten Fall, so Ahnert, könne ein Zuviel an Krippenbetreuung Verhaltensauffälligkeiten nach sich ziehen: ungehorsame, unkonzentrierte Kinder, die in der Grundschule Schwierigkeiten machen. Das aber liege nicht nur an schlechten Einrichtungen. Schädlich sei, wenn Eltern ihre Erziehungsverantwortung an der Krippenpforte abgäben. „Der Stress, den wir bei einer zusätzlichen Betreuung sehen, muss moderiert werden. Das ist das A und O“, sagt die Psychologin. Dafür brauche es nachmittags ausreichend Zeit - und Eltern, die nach getaner Arbeit noch bei Kräften seien.
Selbstverständlich ist das nicht. Die Mutter aus Hamburg jedenfalls fühlt sich mit ihrem Unbehagen an ihrer Krippe oft allein. „Das ist diese Verdrängung“, sagt sie. Um kein schlechtes Gewissen zu kriegen, hätten viele Eltern offenbar die Haltung: „Ich will, dass mein Kind gut aufgehoben ist, und ich rede mir das schön.“ Sie selbst tröstet sich damit, dass sie einen robusten Jungen hat, der nie beim Abschied weint. Sie achtet darauf, ihn jeden Tag um halb vier abzuholen - spätestens. Mittelfristig will sie nach einer neuen Einrichtung suchen. Aber „man wechselt nicht so einfach“, sagt sie, und das nicht nur, weil freie Plätze nicht auf der Straße liegen: „Mein Kind ist gerade eingewöhnt. Da nimmt man es doch nicht wieder raus.“
Danke für diesen Beitrag Julia!!!!
Mario Lehmann (TexasMario)
- 04.09.2012, 15:35 Uhr
Kinder gehören unter Menschen
Closed via SSO (Markus_Paa)
- 03.09.2012, 09:00 Uhr
Oikos vs. Polis: Citatenschatz
Stefan Pohl (friedrich_leipzig)
- 03.09.2012, 00:02 Uhr
Herr Tamago
leopold mansk (leopold-mansk)
- 02.09.2012, 21:21 Uhr
Es geht nicht um die Frage, wo das Kind gut aufgehoben ist!
Karl Hammer (cromagnon)
- 02.09.2012, 18:41 Uhr
