25.08.2009 · Wie soll der Staat Kinder schützen? Immer mehr Eltern sind damit überfordert, ihrem Kind das zu geben, was es braucht. Jugendämter müssen neue Modelle finden, um Kindern aus Krisenfamilien Schutz und Betreuung zu sichern.
Von Cornelia von Wrangel"Da kommt eine Welle auf uns zu", sagt Wolfgang Röting, der Leiter des Jugendamtes Kreis Warendorf. Wissenschaftler sagen das auch. Sie meinen damit, dass immer mehr Eltern und Alleinerziehende damit überfordert sind, ihrem Kind das zu geben, was es braucht. Diese Menschen haben selbst keine Zuwendung erfahren, kommen aus schwierigen Verhältnissen, schafften es nicht bis in einen Beruf, wie Vater oder Mutter. Gründe dafür gibt es noch mehr. Röting sagt: "Wir sind jetzt eher bei der dritten als bei der zweiten Generation."
Im vergangenen Jahr haben in Deutschland die Gerichte in 12 244 Fällen das elterliche Sorgerecht entzogen; dies sind acht Prozent mehr als im Jahr zuvor. Manchen scheint die Zahl zu hoch. Sie glauben, dass Eltern ihr ureigenes Recht genommen wird, der Staat sich zu oft einmischt, die Richter aufgeschreckt und voreilig entscheiden, seit in Bremen die zerschundene Leiche des zweijährigen Kevin in der Kühltruhe seines Ziehvaters gefunden wurde. Und Fehler der Behörden bekannt wurden. Das war im Oktober 2006, seither steht der Name Kevin für Kindesmisshandlungen. Zuletzt, vor acht Tagen, wurde im Fränkischen Sarah beerdigt. Sie wurde nur drei, war unter den Augen ihrer Eltern verhungert.
Der Vormund sieht sein Mündel zwei Mal im Jahr
Auf das Jugendamt ist das Sorgerecht allein im vergangenen Jahr in 9100 Fällen übergegangen, ganz oder teilweise. Jugendamtsleiter Röting sagt, wenn das Jugendamt die Vormundschaft übernimmt, sei es schon zu spät. Zu spät deshalb, weil viel früher etwas hätte geschehen müssen, die Kinder dann bereits so traumatisiert seien, dass sie ein Leben lang darunter leiden können. Das müsse dann der Vormund auffangen. Röting spricht von einem "ganz hohen Schutz- und Betreuungsbedarf" der Kinder. Für notwendig hält es der Jugendamtsleiter in so einem Fall, dass der Vormund das Kind zehn Stunden in der Woche sieht, um herauszufinden, wie er die Weichen für dessen Zukunft stellen soll. Die Realität ist laut Röting oft aber eine andere: Da sieht der Vormund sein Mündel zwei Mal im Jahr, einmal zum Geburtstag und einmal beim Hilfeplan-Gespräch.
"Unser Modell läuft gut", sagt Heinz Hilgers (SPD), Bürgermeister von Dormagen und in seiner ehrenamtlichen Nebenbeschäftigung Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Seit Oktober 2006 gibt es das "Dormagener Modell", sein Kern ist: Mitarbeiter des Jugendamtes gehen in jede Familie mit einem Neugeborenen - ob zum Sparkassendirektor oder der Hartz-IV-Empfängerin - und bringen ein Begrüßungspaket.
In Dormagen kommen zwanzig Kinder auf einen amtlichen Betreuer
Etwa 1500 Mal ist das mittlerweile geschehen. Bei keinem dieser Besuche nahm das Jugendamt ein Kind in Obhut, sondern vermittelte, wo nötig, Unterstützung, damit die Eltern zurechtkommen. Das wertet Hilgers als einen Erfolg. In gut dreißig Fällen ging die Unterstützung so weit, jeden Tag etwa eine Familienhelferin vorbeizuschicken. Hilgers glaubt, dass das Jugendamt früher auf solche Fälle erst aufmerksam geworden wäre, wenn schon Schlimmes passiert wäre. Das ist der zweite Erfolg.
In Dormagen kommen auf einen amtlichen Vormund zwanzig Kinder. Im Fall von Kevin hatte der Mitarbeiter des Jugendamtes etwa 240. "Das war ein Ausreißer nach oben", sagt Hilgers, wohl wissend, dass seine zwanzig ein Ausreißer nach unten sind. Die Wahrheit liegt in der Mitte: Im Durchschnitt kümmert sich ein Amtsvormund um 50 bis 100 Kinder, wie es beim Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht heißt. Die meisten kommen aus Krisenfamilien.
Seit Kevins Tod sind die Behörden sensibler geworden
"Fünfzig sind genug" ruft nun Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die sich mit Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) beim Thema Kinderschutz einen munteren Wettstreit der Ideen liefert. In mehreren Interviews kündigte sie in der vorigen Woche an, das Vormundschaftsrecht ändern, die Zahl der Mündel auf fünfzig beschränken zu wollen. Wobei sie auf Vorschläge aus einer Arbeitsgruppe ihres Hauses zurückgreift.
Seit Kevins Tod hat sich viel verändert, die Behörden sind sensibler geworden, arbeiten besser zusammen, Jugendämter haben ihr Personal aufgestockt. Darauf verweist auch Amtsleiter Röting, nach dessen Meinung freilich noch mehr Personal nötig ist, vor allem gut geschulte Mitarbeiter, die wissen, wann sie ein Kind aus einer Familie holen müssen und wann nicht. Oder die notfalls als Vormund das Richtige tun. Die Vielfalt der Zuständigkeiten - darin sieht Röting noch ein Problem. Jedes Jugendamt sei eine eigene Welt, jedes mache, was es wolle. Aber da kann er eigentlich beruhigt sein. Die Ministerinnen Zypries und von der Leyen stimmen sich offensichtlich auch nicht ab.
Cornelia von Wrangel Jahrgang 1951, redaktionelle Koordination der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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