09.10.2007 · Kinderwagen sind längst keine bloßen Transportmittel mehr, sondern Lifestyleprodukte, bei denen neben Funktionalität vor allem das Design eine Rolle spielt. Chris Löwer gibt einen Überblick über die schicken Karren für den Nachwuchs.
Von Chris LöwerDas Studio 450 in Midtown Manhattan ist in reinstes Weiß getaucht, der Blick über die Stadt ist wirklich nicht übel: Dieser Laden ist fraglos einer der places to be für den stilbewussten feierfreudigen New Yorker. Aber was um Himmels willen haben unter den Kronleuchtern des Party-Lofts poppig-bunte Kinderwagen verloren, die den Eindruck vermitteln, als habe jemand eine Rolle Smarties ausgeschüttet?
Antwort: Die niederländische Firma Bugaboo feiert die Premiere ihres neuesten Buggys "bee", der demnächst in die Läden kommt (490 Euro). So etwas geschieht nicht mehr im trostlosen Ambiente einer Fachmesse, sondern wird heutzutage zum Lifestyle-Event. Denn Kinderwagen sind keine Karo-Kartons auf Rädern oder alberne Bärchen-Bomber mehr, sondern edle Designerware. Sie sind zum modischen Accessoire oder wahlweise zum verlängerten Schalensitz des Sportwagens geworden, auf den Papa dem Nachwuchs zuliebe verzichtet.
„Ja, da will ich mein Kind reinlegen“
Der Werbeclip zum neuen Bugaboo "bee" bringt die Sache auf den Punkt: Junge modische Männer laufen mit dem Buggy durch den Park, tänzeln umher und gefallen sich, bis ein Schwenk auf die kopfschüttelnden Mütter etwas nicht Unwesentliches offenbart: Die Väter haben ganz vergessen, ihre Kinder einzuladen. "Das Design ist für Männer gemacht, mich erinnert es ein wenig an den Audi A2", sagt Bugaboo-Chef und Designer Max Barenbrug. Für ihn sind Kinderwagen nicht bloßes Mittel zum Zweck, sondern Lifestyle-Produkte, die praktisch sein und vor allem in jeder Lebenslage Mobilität verleihen sollen. Mit geschlossenem Verdeck sieht der "bee" wie ein Regenschirm aus: "Design und Materialen sollen bei Eltern den Impuls auslösen: „Ja, da will ich mein Kind reinlegen", erzählt Barenbrug.
Er hat schon beizeiten erkannt, dass das Design für Baby-Transporter fast so wichtig ist wie beim Auto - und ebenda auch Anleihen genommen. "Es geht darum, eine Begehrlichkeit zu schaffen, gerade auch bei Männern, die ja immer stärker in der modernen Familie eine Rolle spielen. Smartes und aufregendes Design, das mit Autos kokettiert, hat dabei eine große Bedeutung", meint der Holländer.
Gefühl, einen Ferrari gekauft zu haben
So verwundert es nicht, dass das Modell "Cameleon" (830 Euro) eben erst mit dem "red dot award" für Produktdesign ausgezeichnet worden ist. Das wortreiche Urteil der Jury kann man sich getrost sparen, wenn man kurz in ein Forum für junge Eltern klickt, in dem ein Vater schwärmt: "Nach einem Fehlkauf beim Kinderwagen sind wir auf den Bugaboo ,Cameleon' umgestiegen, und ich fühle mich auch noch nach einem halben Jahr mit dem tollen Gefährt, als hätten wir einen Ferrari gekauft."
Auch sonst schreibt die Fangemeinde flammende Fahrberichte. Das liest sich dann so: "Dieses zierliche, wie ein Moon-Shuttle anmutende Gefährt, das auch in der Gala neben den mit Kindern gesegneten Reichen und Schönen der Welt abgebildet wurde, bietet durch die beiden schwenkbaren Vorderräder ein unerhörtes Maß an Wendigkeit." Oder so: "Der Bugaboo ,Frog' überzeugt durch ein praktisches Accessoire: An seinem Griff lassen sich Extra-Halterungen für bis zu vier Kilo schwere Einkaufstüten anbringen. Somit ist der Wagen sehr shopping-tauglich!" Auch Einkaufsexpertinnen wie Victoria Beckham, Heidi Klum, Gwen Stefani und Gwyneth Paltrow wussten das einst zu schätzen.
„Ich bin Design!“
Fast schon exzentrisch sieht der "Xplory" (von 750 Euro an) von Stokke aus, der bereits 2004 den "red dot design award" erhielt. In dem futuristisch anmutenden Gefährt wird das Kind fast auf Augenhöhe mit dem Fahrer gehievt, auf dass es immer in Blickkontakt mit den Eltern bleibt. Die schwedische Firma wirbt mit dem Slogan "Kinder verdienen eine bessere Aussicht" und verweist auf das komplette Designsortiment, das sich nahtlos in Wohnungen mit nordischem Schick einfügt.
Weil der französische Designer Philippe Starck nun wirklich gar nichts undesignt lässt, hat auch er eine Kollektion von Babyartikeln entworfen, deren Mittelpunkt ein Buggy für Maclaren bildet. Der Produktmanager der englischen Autofirma Firma schwärmt derweil vom "schnittigen Design mit seinen durchgehenden Linien". Das ist tatsächlich nicht ganz aus der Luft gegriffen: Der brandneue Alu-Flitzer (300 Euro) wird im Straßenbild auffallen, weil er geradezu hinausposaunt: "Ich bin Design!" Damit dieses Bild nicht getrübt wird, gibt es zu jedem Wagen eine vom Meister gestylte Reisetasche und einen passenden Regenschutz.
Kinderwagen sind Statussymbole
Fast schon ein Designklassiker ist der sehr sportive Quinny "Speedi SX" (ca. 300 Euro) mit seinem aerodynamisch geformten Alu-Gestell; die Firma spricht gar von "high-fashion baby transport". Das wendige Modell "Zapp" (von 190 Euro an) wiederum scheint wie geschaffen für Shopping-Malls und gilt in der Marketingabteilung als "Designerstück, das modernen Eltern alles möglich macht". Das Museum of Modern Art (MoMA) in Manhattan ruft, möchte man meinen.
Wer es noch nicht gemerkt hat und einen Kinderwunsch hegt, sollte folglich verinnerlichen: Kinderwagen sind Statussymbole. Geld spielt keine Rolle, Design dafür eine umso größere. Die Wahl des falschen Modells ist ein schwerer Fauxpas, der beispielsweise in Berlin-Prenzlauer Berg mit größtmöglicher Missachtung geahndet wird. Da sind die Mütter vom Kollwitz-Platz rigoros.