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Veröffentlicht: 20.09.2011, 16:50 Uhr

Kindererziehung „Wir leben im Katastrophenmodus“

Rastlosigkeit ist dem Menschen zur Lebensgewohnheit geworden. Es fällt ihm schwer, nichts zu tun. Der Psychiater Michael Winterhoff über Erziehung im Hamsterrad und Eltern unter Anspannung.

© Thilo Rothacker / F.A.Z. Michael Winterhoff: „Es ist besser nicht zu viel zu wissen, weil das irritiert”

Herr Winterhoff, um ein bisschen aus der Einleitung Ihres in dieser Woche erscheinenden Buches „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ zu zitieren: Fühlen Sie sich überdurchschnittlich oft gehetzt? Haben Sie immer häufiger die Befürchtung, die Arbeit nicht zu bewältigen oder den Anforderungen Ihres privaten Umfeldes nicht gerecht werden zu können?

Das ist tatsächlich etwas, das ich früher nicht kannte und seit ein paar Jahren zunehmend erlebe.

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Schreiben Sie deshalb als Kinderpsychiater plötzlich über Dauerstress und Überforderung von Erwachsenen?

Ich befasse mich mit diesem Thema, weil sich immer mehr Eltern, die mit ihren Kindern in meine Praxis kommen, in diesem Zustand befinden. Und bei den Kindern erlebe ich seit vier, fünf Jahren, dass sie Schwierigkeiten haben, Reize zu filtern. Außerdem können sie nicht aus Konflikten lernen, weil sie den Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und den Folgen nicht erkennen - trotz bester Intelligenz.

Winterhoff © Gütersloher Verlagshaus Vergrößern „Es ist im Menschen angelegt, mit Kindern umzugehen, dafür brauche ich keinen Ratgeber”

Sind das die Entwicklungsstörungen, die Sie in Ihren „Tyrannen“-Bestsellern beschrieben haben?

Die Qualität ist neu. Ich mache meinen Beruf seit 27 Jahren, aber diese Phänomene habe ich vorher nie erlebt. Da kommt eine hochbrisante Welle auf uns zu. Wenn Eltern nicht in sich ruhen, wenn Kinder fortlaufend unter Druck stehen, weil immer mehr Erwachsene unter Druck stehen, fehlt die Voraussetzung für die emotionale Entwicklung. Die Basis der Psyche kann sich so nicht bilden. Dabei haben diese Kinder oft beziehungsfähige Eltern, die sich größte Mühe geben.

Sie sprechen von einem Dilemma der Erwachsenen. Wir sollen Stabilität und Sicherheit vermitteln, leben aber in einer Zeit der Instabilität und Unsicherheit.

Noch 1990 lebten wir in einer analogen Zeit: Wenn ich nicht im Raum war, war ich telefonisch nicht erreichbar, der Brief kam per Post, der Arbeitsplatz war relativ sicher, es gab Rente und Krankenkasse. Heute, in der digitalen Zeit, ist man permanent erreichbar. Ständig treffen SMS oder E-Mails ein; Arbeitsplatz, Krankenversicherung und Rente sind unsicher. Früher kam man nach Hause und war entspannt. Heute machen viele zwischen Arbeit und Freizeit keinen Unterschied mehr. Aber das Entscheidende ist, dass wir permanent mit Krisen- und Katastrophennachrichten überhäuft werden.

Ist das so? Ich kann den Fernseher doch ausschalten.

Das wäre eine gesunde Reaktion. Sie distanzieren die Nachricht und sagen, da habe ich nichts mit zu tun. Die Gefahr ist nur, dass Sie irgendwann nicht mehr distanzieren können, weil es zu viel wird. Dann stellt unsere Psyche auf Katastrophenmodus um.

Was meinen Sie damit?

Wenn am Rhein eine Flut angekündigt wird, sitzt niemand auf dem Sofa und sieht fern. Jeder rast in seinen Keller und räumt ihn leer. In der Katastrophe ist der Mensch nach außen gerichtet und rettet, was zu retten ist. Man spürt sich nicht mehr selbst, sogar Hunger wird zurückgestellt. Eltern, deren Psyche auf Katastrophe umgeschaltet hat, sind wie in einem Hamsterrad. Sie sind innerlich getrieben, selbst wenn sie nach außen ruhig wirken. Sobald sie morgens wach werden, startet das Gedankenkarussell, und sie rasen los. Wenn sich die Psyche auf diese Schlagzahl eingestellt hat, gibt es keine Entspannungsphasen mehr.

Verglichen damit, wie frühere Generationen Krankheit, Krieg und Tod ausgesetzt waren, leben wir in katastrophenarmen Zeiten.

Deshalb sage ich ja: Es ist nur eine Täuschung. Der Hebel steht auf Katastrophe, aber dieser Hebel lässt sich wieder umlegen.

Und was macht der Katastrophenmodus mit den Kindern?

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