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Kinderbetreuung „Die Mutter-Kind-Bindung leidet nicht“

25.02.2007 ·  Ist ein Kleinkind unter drei Jahren am besten bei der Mutter aufgehoben? Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert im Gespräch mit der F.A.Z. über Nutzen, Risiken und Qualität von Kinderkrippen.

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Lieselotte Ahnert ist Professorin für Entwicklungsförderung und Diagnostik an der Universität Köln. Sie studierte Psychologie an der Ost-Berliner Humboldt-Universität Berlin und konnte danach die Krippenwirklichkeit der DDR als Supervisorin für 50 Kindereinrichtungen am Prenzlauer Berg beobachten. Seither erforscht sie, welche Folgen die außerfamiliäre Tagesbetreuung von Kleinkindern für ihre Entwicklung hat. Nach der Wende arbeitete sie im Rahmen eines Stipendiums an einer amerikanischen Untersuchung zu den Konsequenzen der Fremdbetreuung mit, der NICHD-Studie (National Investigation on Child Development). Für ihre eigenen Kinder, geboren 1980 und 1986, engagierte sie eine Kinderfrau. „Wenn die Krippen damals schon die Qualität gehabt hätten wie heute, hätte ich sie dorthin gebracht“, sagt sie. Mit ihr sprach Uta Rasche.

In der derzeitigen Debatte über Kleinkindbetreuung wird behauptet, dass ein Kind unter drei Jahren besser bei der Mutter aufgehoben sei. Was sagt die Entwicklungspsychologie?
Ein Kleinkind ist auf kontinuierliche, feinfühlige Betreuung angewiesen, auf eine Person, die prompt auf seine Bedürfnisse reagiert. Man kann davon ausgehen, dass eine Mutter mit der ihr eigenen Motivation und Empathie ihr Kind optimal fördert und betreut. Wir wissen aber auch, dass ein Kind dann, wenn es beginnt, sich von der Mutter wegzubewegen, wenn es krabbeln oder laufen kann, neue Entwicklungsimpulse durch andere soziale Kontakte sucht. Mit etwa neun Monaten können die meisten Kinder krabbeln, mit achtzehn Monaten laufen. Die motorische Mobilität unterstützt die Entwicklung der Autonomie; die kognitiven Strukturen wachsen mit: Das Kleinkind ist dann in der Lage, alte Erfahrungen mit neuen zu vergleichen.

Wann hat das Kind einen Nutzen vom Zusammensein mit Gleichaltrigen?
In der Spanne zwischen dem 14. und dem 18. Lebensmonat entstehen Kompetenzen, die das Kind bereit machen für Kontakte zu anderen Kindern. Nach dem 18.Lebensmonat wird das mitspielende Kleinkind zu einer Person, von der wichtige Entwicklungsimpulse ausgehen. Wir wissen aber auch, dass diese Kontakte sehr unvollkommen sind, häufig im Konflikt enden und mit Irritationen beladen sind.

Wenn Kinder sich zum Beispiel Spielzeug wegnehmen und zum Schluss beide schreien.
Die Forschung geht davon aus, dass diese Kontakte trotzdem wichtig sind, denn in der Kommunikation mit Erwachsenen lernt das Kind nur, dass der Erwachsene immer der sozial Kompetentere ist, der eine Lösung herbeiführt. Unter Kindern ist aber eine Lösung oftmals gar nicht in Sicht, sie müssen selber irgendein Ende des Streits finden, damit sie weiterspielen können. Sie lernen, einen Kompromiss auszuhandeln - selbst wenn sie sich nur trennen. Sie lernen, innezuhalten in ihrer Wut und Frustration. Riskant ist es, wenn Kinder alleine gelassen werden mit ihren Konflikten. Dann kann das Ganze entgleisen und in eine permanent aggressive Atmosphäre münden. Wir wissen, dass große, schlecht geführte Kindergruppen zu aggressiven Verhaltensweisen führen.

Wie groß sollen die Gruppen sein?
International gilt eine Erzieherin für drei bis vier Kinder als guter Standard. Das haben wir in Deutschland nicht. Die Moderierung der Gruppendynamik ist absolut wichtig, die Erzieherin muss sehr aufmerksam sein und Kindern bei der Lösung ihrer Konflikte helfen. Und sie muss auch individualisiert arbeiten können, gerade bei den Kindern unter 18 Monaten, in denen das mitspielende Kind noch keine so große Entwicklungsressource ist. Kleinere Kinder brauchen auch mal über einen längeren Zeitraum einen Dialog zu zweit, eine Interaktion von Angesicht zu Angesicht.

Also zusammen ein Buch anschauen, Dinge geben und nehmen und dabei benennen.
Ja, alles das, was eine Mutter zu Hause sehr gut macht. Wie viel individuelle Zuwendung ein Kind braucht, hängt von seinem Temperament ab, auf das Sie keinen Einfluss haben, auch als Mutter nicht. Erzieherinnen brauchen eine professionelle Ausbildung, denn es hat sich herausgestellt, dass es etwas ganz anderes ist, fremde Kinder zu betreuen als eigene. Zum einen muss man das einzelne Kind erst mal verstehen lernen, zum anderen sind die Gruppenprozesse komplizierter.

Ist die Mutter-Kind-Bindung in Gefahr, wenn ein einjähriges Kind für zum Beispiel sechs Stunden täglich in eine Kleinkindgruppe geht?
Das ist eine zentrale Frage, die die Wissenschaft seit 20 Jahren beschäftigt. Wir haben dazu die amerikanische NICHD-Studie an mehreren tausend Kindern. Sie stellt fest, dass die Qualität der Mutter-Kind-Bindung weiterhin von der Mutter gesteuert wird - also auch dann, wenn das Kind andere Betreuungserfahrungen macht, sei es nun durch die Krippe oder durch Verwandte. Wenn es der Mutter gelingt, sich Freiräume zu schaffen, um die Qualität aufrechtzuerhalten, leidet die Beziehung nicht.

Was soll die Mutter also in der ihr verbleibenden Zeit tun?
Die Mutter muss sich immer wieder fragen, wie spiele ich mit meinem Kind, wie fördere ich es. Sie soll ausgeglichen sein und den Stress der Arbeit von sich abgeschüttelt haben, wenn sie die Kinder abholt. Bei einer Studie, in der wir 1990 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums Krippenkinder und Kinder, die ausschließlich bei ihrer Mutter sind, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen begleitet haben, konnten wir feststellen, dass Krippenkinder nach dem Abholen eine halbe Stunde lang quengeln, auch wenn sie in der Krippe zufrieden waren. Damit reklamieren sie die unbedingte Aufmerksamkeit der Mutter für sich, die sie bisher noch nicht hatten. Darauf muss die Mutter geschickt eingehen. Sie soll also nicht zum Einkauf hetzen, sondern zum Beispiel Zeit für den Spielplatz einplanen.

Welche Bedeutung hat die Eingewöhnungszeit für das Kind?
Wir konnten zeigen, dass bei einer schlechten, zu kurzen Eingewöhnung die Beziehungsqualität schon sehr leidet - was aber nicht heißt, dass sie sich nicht wieder erholen würde. Wenn die Mutter ihr Kind einfach nur schnellstmöglich abgibt, bedeutet die Trennung erheblichen Stress für das Kind. Wir haben dazu den Spiegel des Stresshormons Cortisol im Speichel der Kinder gemessen. Nach drei Monaten sinkt der Cortisolspiegel, aber er erreicht nie wieder den niedrigen Ausgangswert. Die Krippe ist einfach zu aufregend. Ganz niedrig wird er nur an den Wochenenden. Die Konsequenz für uns ist, das Kind nicht zu lange in der Krippe zu lassen und zu Hause Ruhe ins Geschehen zu bringen.

Was unterscheidet Kleinkindgruppen heute von Krippen in der DDR?
Die DDR-Krippe war die erste Stufe im sozialistischen Bildungssystem; die Kinder sollten lernen, dass das Kollektiv mehr zählte als sie selbst. Das ging so weit, dass man den Kindern „mein“ und „dein“ beim Spielzeug abgewöhnen wollte. Es war verpönt, sich Kindern besonders individuell zuzuwenden. Erst in der Endphase der DDR wurden Konzepte für die Eingewöhnungszeit entwickelt, weil die Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung tabu war. Die Kinder waren oft zehn Stunden lang in der Krippe. Da war es schwer, noch eigene Akzente zu setzen. All das ist Vergangenheit.

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