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Sonntag, 19. Februar 2012
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Kinder im Netz Die Wendung mit der Maus

24.03.2009 ·  In den Kinderzimmern wächst eine Generation „digitaler Eingeborener“ heran - Eltern stehen dem wachsenden Drang ihrer Kinder ins Internet meist jedoch unsicher gegenüber. Wie viel Surfen ist gesund? Oder schadet der Computer meinem Sprössling? Eine Handreichung.

Von Anna v. MünchhausenJulia Schaaf
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Ihr Schlüsselerlebnis liegt schon ein paar Jahre zurück, aber Nina Bewerunge hat es nicht vergessen. Moritz, ihr Ältester, besuchte die fünfte Klasse. Das Thema der Hausaufgabe lautete: Asien. Wie üblich saß die Mutter neben dem damals elf Jahre alten Jungen, und gemeinsam sammelten sie Fakten im Internet ein. Das Titelbild des Referats sollte typisch asiatisch gestaltet werden - wie wäre es mit einer Lotusblume?, schlug sie vor. Sekunden später öffneten sich unter dem Schlagwort Websites pornographischen Inhalts. „Da ist mir zum ersten Mal die Dimension der Gefahren deutlich geworden, denen Kinder im Netz ausgesetzt sind“, erinnert sich Nina Bewerunge. „Und dabei habe ich ja noch danebengesessen . . .“

Keiner hat gesagt, dass es einfach wäre. Da wächst in den Kinderzimmern eine Generation von Jungen und Mädchen heran, die als „digitale Eingeborene“ bezeichnet werden, weil der Computer in ihrer Welt so selbstverständlich ist. Da gibt es Vierjährige, die selbständig Papas Rechner anschalten und sich ins W-Lan einwählen, um sich durch den Internetauftritt der Sendung mit der Maus zu navigieren. Gleichzeitig existieren wenige Erziehungsfelder, auf denen selbstbewusste, souveräne Mütter so regelmäßig ratlos sind. „Ich fühle mich zwiespältig“, sagt eine Politikwissenschaftlerin aus Potsdam, deren Söhne - neun und zwölf Jahre alt - so viel öfter und lieber an den Bildschirm wollen, als ihr geheuer ist. „Ich bin nicht mit Computern aufgewachsen. Und das mit dem Internet finde ich total gefährlich. Aber manchmal frage ich mich auch: Halte ich meinen Kindern einen Entwicklungsschritt vor?“

Für die Eltern die „Kammer des Schreckens“

Sex, drugs and Rock 'n' Roll war gestern, keine Herausforderung mehr für aufgeklärte Eltern von heute. Aber ein Chat? Ballerspiele? Die unüberschaubaren Weiten des Netzes? Entzündet sich am Computer der Generationenkonflikt der Gegenwart? Die Unsicherheit ist größer, als Fachleute für nötig halten. „Viele Schüler können gar nicht so gut mit dem Internet umgehen, wie wir immer dachten, während Erwachsene kompetenter sind, als in der Öffentlichkeit diskutiert wird“, sagt der Medienpädagoge Stefan Aufenanger, was letztlich heißen soll: nur Mut. Mit ein bisschen Zeit, Augenmaß und einer Handvoll Grundsatztipps zum Einstieg ist der Umgang mit den neuen Medien auch nicht schwieriger als Erziehung sonst auch - ein Balanceakt, bei dem jede Familie zwischen Verbot und Laissez-faire ihren persönlichen Stil finden muss.

„Kammer des Schreckens“ nennen die Eltern Bewerunge das drei Quadratmeter große Kabuff unter dem Dach. Dort wartet der Kinder-Computer, der alte, vom Vater ausrangierte Rechner. Ikea-Sessel davor, Regal mit CDs hinter der Tür. Es ist der Ort, den die Geschwister automatisch aufsuchen, kaum sind mittags die Schulrucksäcke in die Ecke geflogen. Um den Platz auf dem Sessel tobt tagtäglich ein subtiler Verdrängungskampf. Die Regel für den 13 Jahre alten Moritz, die elf Jahre alte Josephine und den neun Jahre alten Kaspar lautet einheitlich: Eine Stunde Medienkonsum am Tag ist gestattet, Fernsehen inklusive. Jedem der drei hat der technikaffine Vater ein eigenes Benutzerprofil eingerichtet, mit E-Mail-Adresse und MSN-Messenger. Der Jüngste nutzt altersgemäße Suchmaschinen wie „Hamsterkiste“, die Schwester tauscht sich im Netz mit Freundinnen aus („Morgen Klassenarbeit - würg“), der Große lenkt sich ab beim Spiel oder guckt schräge Clips auf Youtube an.

Den Nachwuchs vor dem Bildschirm zu parken kann verlockend sein

Grundsätzlich gilt: Ein ideales Einstiegsalter gibt es nicht. „Man sollte gucken, wann die Kinder Interesse zeigen“, empfiehlt Hartmut Warkus, Professor für Medienpädagogik an der Universität Leipzig. Wer sich nicht um Computer schert, macht spätestens in der Schule damit Bekanntschaft und hat bis dahin noch nichts verpasst. Wer früher wissen will, was Mama am Rechner macht, hat schon dann eine ernsthafte Antwort verdient. „Die Kinder finden ihren Weg“, glaubt Warkus. Dann allerdings geht es erst richtig los. Denn den Nachwuchs vor dem Bildschirm zu parken kann zwar verlockend sein, weil plötzlich so schön Ruhe herrscht. Medienerziehung heißt aber, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten, hinzuschauen, Interesse zu zeigen - und altersgemäße Grenzen zu setzen.

Zum Beispiel, was die Zeit angeht, die Jungen und Mädchen vor dem Rechner verbringen, damit weder die Hausaufgaben noch das Toben zu kurz kommen. Die Eltern tragen die Verantwortung, dass ihre Kinder sich nicht überfordern. Denn der Computer ist ein anstrengendes Medium. Während bei Vorschulkindern eine halbe Stunde täglich als Maximum gilt, darf es bei Grundschülern schon das Doppelte sein, am Wochenende vielleicht sogar mehr: „Die Kinder müssen Zeit haben, was zu entwickeln“, sagt Warkus voller Verständnis für die Bedürfnisse der Spielwütigen. Aber auch das gilt nicht immer und für alle: Wer zappelig oder angestrengt wirkt, ist mit einer kürzeren Spanne besser bedient. Und wenn draußen die Sonne scheint, braucht es Flexibilität - etwa eine Wochen-Bildschirmzeit -, damit die Kleinen nicht stur auf ihrer Computerstunde beharren.

Es ist schon vorgekommen, dass Nina Bewerunge das Haus verließ mit Tastatur und Maus in der Tasche - damit die Kinder in ihrer Abwesenheit nicht vor der Kiste hockten. Die Favoriten der Jüngeren heißen „SimCity“, „Zoo Tycoon“, „Mein Ponyhof“. Moritz besitzt eine ältere Version von „Tomb Raider“, gemeinsam mit dem Vater hat er auch schon das actionlastige „Top Gun“ getestet.

Selbst die Maus in die Hand nehmen

„Ich lasse mich darauf ein, es auszuprobieren, und bilde mir eine fundierte Meinung“: Christine Brasch, Fachfrau für Kinder und Computer bei der Zeitschrift „Eltern family“, erzählt, dass sie sich an der Spielkonsole Wii schon einen Schluckauf gelacht hat. Und sie erinnert die glänzenden Jungenaugen im Freundeskreis ihres Sohnes, wenn der berichtete, wie seine Mutter mit ihm Counterstrike gespielt hat. Nur wer sich auskennt, kann mitreden, und nur wer die Leidenschaft der Kinder nicht von vornherein verteufelt oder beim ersten Blick auf den Bildschirm am Design herummäkelt, wird respektiert.

„Meine Verbote wurden dadurch ernster genommen“, erinnert sich Brasch an die Zeit, als ihre Kinder noch jünger waren: „Löwenzahn“, „Wii Fit“ und „SingStar“ hat sie erlaubt, „Counterstrike“ und „World of Warcraft“ kamen ihr nicht ins Haus, weil beim einen auf Menschen geschossen wird und sie findet, dass das andere süchtig macht. Zwar koste es vielleicht Überwindung, selbst die Maus in die Hand zu nehmen, und aufwendig sei es natürlich auch. Aber vielleicht, so Brasch, mache es sogar Spaß, und zumindest sei es gemeinsam mit dem Kind verbrachte Zeit. Später dann, in der Pubertät, wenn Jugendliche zum Rückzug neigen, könne ein Gespräch über Computerspiele sogar erstaunliche Nähe herstellen.

Nie alleine ins Netz

Hardware zu konfiszieren ist bei Bewerunges nicht mehr notwendig, seit die Eltern einen Verbündeten gefunden haben: „Parents Friend“. Ein kostenfreies Software-Programm, das automatisch den Bildschirm abriegelt, wenn die erlaubte Zeit abgelaufen ist. Kurz vor Schluss öffnet sich ein Fenster auf dem Monitor: „Noch fünf Minuten . . . noch drei“, und schon heißt es: aus die Maus, Schluss für heute. „Big Brother“ nennt der Vater den technischen Support halb im Scherz. Tatsächlich ermöglicht er Eltern eine Menge Kontrolle: Unerwünschte Programme lassen sich sperren, bestimmte Suchbegriffe blockieren, und mit Hilfe des „Logbuchs“ können sie überprüfen, auf welchen Websites die Kinder unterwegs gewesen sind.

„Technische Filtersysteme bieten keinen hundertprozentigen Schutz. Als ein Baustein sind sie trotzdem sinnvoll“, sagt Stefan Linz, der für Jugendschutz.net arbeitet. Das Internet, wo so viele andere Regeln gelten als in der realen Welt, ist delikat: Weil hier tatsächlich potentiell hinter jedem Mausklick Sex- und Gewaltdarstellungen lauern, empfiehlt Medienpädagoge Linz spezielle Suchmaschinen für Kinder sowie sichere Surfräume, bei denen ausgeschlossen ist, dass plötzlich ein Banner mit Erotikwerbung aufpoppt. Darüber hinaus ist sich die Fachwelt einig: Kinder im Grundschulalter dürfen nie alleine ins Netz. Besondere Wachsamkeit ist außerdem beim Chatten geboten, weshalb moderierte Kinderforen empfohlen werden. Gerade Mädchen werden sonst schnell von Pädokriminellen belästigt. Und weil aller Schutz seine Grenzen hat, gilt es, die Kinder vorzubereiten auf die Risiken des Netzes, wobei das wichtigste ist: eine vertrauensvolle Basis zu schaffen, die auch trägt, wenn es schwierig wird. Denn wer Angst hat vor einem Computerverbot, verschweigt womöglich, wenn er ängstigende Erfahrungen macht.

Nina Bewerunge sagt ihren Kindern: „Wenn euch in einem Chatroom Fragen gestellt werden, die euch komisch vorkommen, dann brecht das sofort ab. Denkt daran: Alles, was ihr im Netz von euch preisgebt, habt ihr nicht mehr unter Kontrolle.“ Der Appell ist das eine, die Erfahrung etwas anderes. Kürzlich hatte Moritz ein Foto von sich auf SchülerVZ veröffentlicht, prompt folgte der aggressive Kommentar eines Jungen aus einem anderen Berliner Stadtteil. Moritz gab Contra, die Beschimpfungen schaukelten sich hoch, und hätte die Mutter nicht eingegriffen, wäre es womöglich noch zu einer Prügelei gekommen - ganz real.

Informationen für Eltern:
www.mpfs.de
www.klicksafe.de
www.jugendschutz.net

Spielempfehlungen:
www.hanisauland.de
www.internet-abc.de

Das Internet zum Üben - mit Tipps für Eltern:
www.internet-abc.de

Suchmaschinen für Kinder:
www.blindekuh.de
www.fragfinn.de

Gute Internetseiten für Kinder, aktuell ausgewählt und besprochen:
www.klick-tipps.net

Chats - eine Bewertung sicherer und riskanter Foren:
www.chatten-ohne-risiko.de

Fernsehen - aktuelle Programmberatung für Eltern:
www.flimmo.de

Handywissen:
www.handysektor.de

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