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Keuschheitsbälle Kein Sex vor der Ehe!

14.11.2007 ·  Für viele Amerikanerinnen ist es eine wichtige Entscheidung - sofern sie noch Jungfrauen sind. Junge Mädchen geloben in Abendrobe beim „Keuschheitsball“, dass sie vor der Ehe keinen Sex haben werden. Ob Ritual oder Heuchelei - die reine Party hat Zulauf.

Von Katja Gelinsky
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„Das Beste war die Schlüsselübergabe.“ Brookes Augen leuchten. Die Sechzehnjährige in crèmefarbenem Ballkleid mit Tüllrock und strassbesetzter Taille ist noch ganz zappelig und aufgeregt. „Als ich Daddy den Schlüssel gab, da hab' ich mir vorgestellt, wie es an meinem Hochzeitstag sein wird. Wenn Dad den Schlüssel an meinen späteren Mann weitergibt. Ich werde vor Rührung weinen.“

Joe, Vater der zwölf Jahre alten Alexandra, kommen jetzt schon die Tränen. „Es war so bewegend, als meine Tochter mir den Schlüssel zu ihrem Herzen gab“, sagt der stattliche Mann und wischt sich die Augen. Ein Vater ist sogar den weiten Weg von Texas nach Illinois gekommen. „Die Schlüsselszene ist mir so wichtig wie die Hochzeit meiner Tochter.“ Die Fünfzehnjährige hat allerdings gemischte Gefühle. Als „sehr schön“ habe sie die Schlüsselübergabe empfunden, sagt Destinee zögernd. „Aber es war auch seltsam.“

„Father-Daughter Purity Ball“

Die Schlüsselszene ist Höhepunkt einer Festivität, die selbst im puritanisch-religiösen Amerika Aufsehen erregt. Beim „Father-Daughter Purity Ball“ in Peoria im Mittleren Westen, auf halbem Wege zwischen Chicago und St. Louis, versprechen zu Ballköniginnen herausgeputzte Töchter im Alter von elf bis knapp zwanzig Jahren ihren ebenfalls festlich gekleideten Vätern, keinen Sex vor der Ehe zu haben.

Zuerst sind jedoch die Väter dran: Im kerzenbeschienenen Ballsaal, der wie für eine Hochzeit geschmückt ist, unterschreiben sie eine „Reinheits-Verpflichtung“. Darin heißt es, als „Hoher Priester“ werde der Unterzeichnende über die Keuschheit seiner Tochter wachen und selbst ein reines Leben als „Mann, Ehemann und Vater“ führen. Anschließend wird den mehr als zweihundert versammelten Töchtern symbolisch der Keuschheitsgürtel angelegt: „Dad, das ist der Schlüssel zu meinem Herzen. Hüte ihn bis zum Tag meiner Hochzeit“, flüstern die Mädchen, während sie ihren Vätern einen zierlichen Schlüssel übergeben. Anschließend liegen sich Väter und Töchter in den Armen, bis der Moderator ankündigt, nun sei es Zeit, das Keuschheitsversprechen gegenüber Gott zu besiegeln. Dafür wird jedem Mädchen eine weiße Rose überreicht. Wie auf dem Weg zum Traualtar schreiten die Töchter damit am Arm ihrer Väter durch den Ballsaal.

Vor der Bühne, auf der ein Brautkleid die Freuden jungfräulicher Eheschließung verheißt, teilt sich die Prozession und strebt auf zwei weiße, mit Satinschals geschmückte Kreuze zu. Dort stapeln sich die Rosen, die die Mädchen niederlegen. Danach gibt es wieder Umarmungen, Tränen der Rührung und Gebete.

Befremdliche und gespenstisch Szenerie

Die Szenerie mag befremdlich, fast gespenstisch anmuten. Wer da mitmacht, muss völlig weltfremd, verklemmt und fundamentalistisch sein, könnte man meinen. Tatsächlich jedoch herrscht abseits des offiziellen Programms eine heitere, unbekümmerte Atmosphäre. Mit nachsichtigem Lächeln verfolgen die Väter, wie ihre aufgeregt kichernden Töchter durch den Saal schwirren, sich in ihren Ballkleidern gefallen und in Grüppchen auf die Toilette rennen, um Make-up und Frisur zu kontrollieren. Selbst von den Jüngsten haben einige für den Festabend stundenlang bei der Kosmetikerin und beim Friseur gesessen. Manche sind zurechtgemacht wie Märchenprinzessinnen, bis hin zur silbernen Krone zwischen den Korkenzieherlocken. Andere sehen ziemlich sexy aus in ihren figurbetonten Abendkleidern. Das Keuschheitsgebot verbietet es nicht, viel Dekolleté und Bein zu zeigen. Selbst schwarz lackierte Fingernägel und hochhackige Pumps mit Leopardenmuster sind erlaubt.

„Die Gelegenheit zum festlichen Auftritt ist zweifellos ein entscheidender Grund dafür, dass der Ball bei den Mädchen so gut ankommt“, sagt Janet Hellige vom „Christian Center“ in Peoria. Die Mitorganisatorin des Balls hat die Idee dafür aus Colorado Springs, wo das Pastorenehepaar Randy und Lisa Wilson 1998 den ersten „Purity Ball“ veranstaltete. Mittlerweile versendet die Organisation „Abstinence Clearinghouse“ in South Dakota jährlich Hunderte von Ratgebern zur Planung von Väter-Töchter-Bällen. Die Vereinigung mit Lobbybüro in Washington bildet die Speerspitze einer Bewegung, die amerikanische Jugendliche zum Verzicht auf Sex vor der Ehe bewegen will.

„Abstinence-Only-Lehre“

Gefördert wird die Verbreitung der „Abstinence-Only-Lehre“, die Kondome und andere Verhütungsmittel ablehnt, mit Millionenbeträgen aus der amerikanischen Staatskasse. Selbst Bill Clinton, dem sein Abenteuer mit Monica Lewinsky beinahe das Amt gekostet hätte, unterstützte die Programme. Schon mehr als 2,4 Millionen amerikanische Jugendliche haben gelobt, auf Sex vor der Ehe zu verzichten, frohlockt die christliche Abstinenzbewegung „True Love Waits“ (Wahre Liebe wartet). Einen kurzfristigen Erfolg haben die Enthaltsamkeitsversprechen durchaus. Nach der bislang umfassendsten Studie, die dazu vorliegt, lassen sich Jugendliche, die Enthaltsamkeit geloben, im Durchschnitt eineinhalb Jahre länger bis zum ersten Geschlechtsverkehr Zeit. Aber nur 12 Prozent von ihnen warten tatsächlich bis zur Hochzeitsnacht. Und diejenigen, die das Versprechen brechen, neigen offenbar zu besonders riskantem Sexualverhalten. So förderte die „National Langitudinal Study of Adolescent Health“ zutage, dass Teenager, die Keuschheitsgelübde ablegen, sich häufiger Geschlechtskrankheiten zuziehen. Vermutlich, weil sie es nicht gelernt haben, Kondome zu benutzen, wenn „es“ dann doch passiert, sagen die Forscher. Kritiker der „Abstinence-Only-Lehre“ werfen den christlichen Moralwächtern deshalb vor, in unverantwortlicher Weise die Augen vor der Realität zu verschließen.

Zusätzliche Kritik speziell an den Keuschheitsbällen gibt es wegen der romantischen Verklärung des patriarchalischen Frauen- und Familienbildes, das die Veranstalter propagieren. „Gott hat bestimmt, dass der Mann der Beschützer und Repräsentant der Familie ist“, sagt Sara James, eine der Aktiven am „Christian Center“ in Peoria. Deshalb sei es der Vater, der mit der Tochter zum Ball komme. Die Mutter sei „im Geiste“ dabei und bereite die Tochter im Übrigen zu Hause auf ihre „heilige“ Rolle als Ehefrau und Mutter vor.

Für Kritiker wie die Religionsprofessorin und Feministin Mary Zeiss Stange vom Skidmore College im Bundesstaat New York klingt das haarsträubend altertümlich. Doch in gewisser Weise entsprechen Keuschheitsbälle sogar einem modernen Trend, nämlich der Idee, dass Väter sich generell stärker an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen sollen. Mädchen, die ein enges, vertrauensvolles Verhältnis zu ihrem Vater haben, sind nach mehreren amerikanischen Studien später erfolgreicher im Leben.

„Purity Ball“

Wie streng Väter aber über ihre Töchter wachen sollten, darüber ist man auf dem „Purity Ball“ in Peoria durchaus unterschiedlicher Ansicht. Zu den konservativsten Vätern dürfte Carl Müller zählen, der mit seiner elf Jahre alten Tochter Emilie da ist. Der 42 Jahre alte Elektriker und seine Frau schicken Emilie und ihre beiden anderen Töchter nicht zur Schule. „Durch Heimunterricht können wir sie am besten auf ein christliches Leben vorbereiten.“ Auch Verabredungen mit Jungen wird es für die drei Mädchen nicht geben. „Nur die künftigen Ehemänner meiner Töchter sollen mit ihnen ausgehen“, sagt Carl Müller. Warum er keine „dates“ dulden will, hat der Vater mit seiner Ältesten, bei der es mit 14 Jahren allmählich heikel werde, ausführlich besprochen. „Weil Männer 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche immer nur das eine wollen.“ Eines wissen Müllers Töchter bislang allerdings nicht: Dass ihr eigener, strenger Vater nicht bis zur Hochzeitsnacht gewartet hat. „Mit 22 Jahren hab' ich's vermasselt.“

Das peinliche Geständnis, selbst nicht so tugendsam gewesen zu sein, wie er es nun von seiner Tochter erwartet, hat Raymond aus Dallas schon hinter sich. Ganz so streng wie die Müllers wollen der Computerspezialist und seine Frau aber auch nicht verfahren. „Ich bin nicht naiv, Destinee wird schon irgendwann einen Freund haben“, sagt der Texaner. Aber Sex vor der Ehe komme nicht in Frage, höchstens Händchenhalten. „Dein Körper gehört Jesus Christus“, hat er Destinee schon eingeschärft, als sie zehn Jahre alt war. Und junge Männer, die Interesse an seiner Tochter zeigen, können sich auf eine strenge Prüfung gefasst machen. Dafür hat sich der texanische Vater bereits mit dem Ratgeber „Interviewing Your Daughter's Date“, einem Bestseller christlicher Bücherlisten, gewappnet.

Dass Daddy bestimmt, wer als Freund in Frage kommt, ist für zahlreiche Mädchen auf dem „Purity Ball“ eine Selbstverständlichkeit. Brooke, die ihrem Vater mit so großer Begeisterung den Schlüssel zur Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit überreichte, erwartet von ihrem künftigen Freund sogar, dass er sich auch beim Pastor ihrer Kirche vorstellt. Das Bedürfnis der Sechzehnjährigen sich abzusichern, hat offenbar auch mit dem Sündenfall ihrer älteren Schwester zu tun. „Das ist nicht das, was Gott will“, mahnten die Eltern beide Töchter, als herauskam, dass die Ältere mit einem Jungen geschlafen hatte. Als das passierte, hatte Brookes Schwester noch kein Keuschheitsgelübde abgelegt. Doch das Versäumte wurde dann schleunigst nachgeholt - beim „Purity Ball“ 2006. Denn so eng nimmt man es mit dem Begriff der Jungfräulichkeit nicht. Auch „secondary virginity“, also die Verpflichtung, nicht länger vorehelichen Sex zu haben, wird mit Schlüsselübergabe gefeiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.11.2007, Nr. 45 / Seite 62
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