11.03.2012 · Wer glaubt, dass Jugendliche unter den Erwartungen ihrer Eltern leiden, täuscht sich. In Wahrheit ist der Nachwuchs bereit, sich anzustrengen - und erwartet Ermunterung.
Von Inge KloepferRichtlinien für Lesermeinungen
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Kinder brauchen vor allem Nähe und Geborgenheit, damit aus ihenen selbstbewusste und leistungsfähige Jugendliche werden.
Klarheit und Konsequenz der Eltern für spätere eigene Freiheit und Verantwortung der Kinder
Die Jugend will was leisten - und das ist gut so - jetzt braucht es nur noch mehr Eltern, Erzieher und Lehrer, die den Jugendlichen auch klare und konsequente Vorgaben geben mit Aufklärung, Einfühlung und Dialog für spätere Freiheit und Verantwortung.
Irgendwie erschreckend der Artikel
Mir fällt auf, dass sowohl "Spaß haben" oder
ähnliches als auch "ungezwungene
Freizeitaktivitäten" (z.B. man trifft sich nachmittags spontan
auf dem Bolzplatz und kickt ein wenig) kein einziges Mal vorkommen.
Alles scheint irgendwie durchorganisiert und durchgeplant zu sein. Von
Spontaneität ist keine Rede. Vor allem die Klavierspielerin
("Früher war es Zwang. Heute bin ich froh...") fand ich
erschreckend. Noch erschreckender fand ich, dass die Befragten von ihren
Kindern ggf. noch mehr verlangen werden.
Mich würde interessieren, was genau dieselben Jugendlichen in 5-10
Jahren sagen werden, wenn sie im Berufsleben stehen. Vlt. sind sie dann
ja schon ausgebrannt
Lernen und Bolzplatz schließen sich nicht aus
eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Ausgewogenheit macht es.
Wenn Kinder mit Überförderung überfordert werden, dann
werden sie terminmüde und wollen irgendwann nirgendwo mehr hin. Sie
brauchen die Möglichkeit zum Rückzug, die Zeit für sich
selbst, diese Zeit, die eben nicht verinstitutionalisiert ist. Deshalb
halte ich z.B. nicht viel von der Ganztagsbetreuung. Nach meiner
Beobachtung bleibt die Individualität dabei auf der Strecke. In
Frankreich hat man z.B. beobachtet, dass die Jugendlichen nach der
Schule keinerlei Aktivitäten mehr haben, kein Sport, keine Musik,
nichts mehr. Sie hängen einfach nur noch herum. Vereinzelt probt
man sogar dort schon das deutsche Halbtagsmodell, u.a. um die steigende
Jugendgewalt einzudämmen.
Kein Kind übt gern für ein Instrument. Es ist langweilig und
erfordert Durchhaltevermögen, sowohl von Eltern als auch vom Kind.
Aber wenn sich der Erfolg dann irgendwann zeigt, dann macht es
Spaß und beflügelt. Es ist schön, wenn man etwas kann.
Elternkraft gegen Systemstarre
Nach meiner Erfahrung ist die öffentliche Schule DER
Motivationsvernichter schlechthin. Wenn also überhaupt Motivation
entsteht, dann nur im Elternhaus, oder aber durch eine mehr als
geschätzte Person im Umfeld, ein Vorbild o.ä.
Kinder und Jugendliche sind sehr wohl leistungsbereit, wenn sie wissen,
wozu das ganze gut sein soll. Damit meine ich nicht solche abgenagten
Knochen wie "Nicht für die Schule, sondern für das Leben
lernen" etc. Das ist viel zu abstrakt. Es kostet viel Mühe,
trotz des drögen Schulsystems das Interesse zu bewahren, die
Lebensnähe zu erhalten, Interessen des Schülers mit
Zukunftsmöglichkeiten zu verknüpfen, Optionen hervorzuheben,
statt Chancenlosigkeit zu manifestieren.
Jetzt ist wieder eine Studie über die Chancenungerechtigkeit
herausgekommen. Sie wundert mich nicht, weil Schule vielerorts noch
weniger als Basis bietet, grottenschlechtes Buchmaterial,
desinteressierte Lehrer, Stundenausfall.
Wir müssen weg von der Schulpflicht hin zur Bildungspflicht.
Und was ist mit denen, die Angst und keine Lust haben?
Meine Eltern kommen bei mir nicht gut weg. Denn mir wurde immer klar gemacht, dass der Spaß im Leben nicht im Vordergrund zu stehen hat. Mein Vater hatte hinsichtlich Arbeit und Leistung sehr puritanische Vorstellungen. Er arbeitet die ganze Woche und hat nie den Eindruck versprüht, die Arbeit würde ihm Spaß machen. Dafür hat er umso deutlicher gemacht, dass sie eine Pflicht ist, genauso wie in der Freizeit zuallererst Pflichten zu erfüllen sind bzw. dass auch ein Zeitvertreib "vernünftig" und "sinnvoll" sein muss. Lars von Trier sagte mal: "Wenn man aus einem protestantischen Land kommt, ist man immer etwas beschämt, wenn man bei der Arbeit nicht gelitten hat." Und das habe ich beigebracht bekommen. Auch habe ich beigebracht bekommen, dass es eine Schande ist, wenn man seine Chancen nicht nutzt. Somit nutze ich meine "Chancen". Spaß bei der Arbeit habe ich aufgegeben, daran glaube ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass sie sein muss. Was ist mit solchen jungen Menschen? Pech gehabt?
völlig falscher, verschulter Begriff von "Leistung"
Das Problem ist doch der naive und völlig verdrehte Begriff von "Leistung". Diese angebliche "Leistung" ist in Wahrheit in der Schule (trotz des Mythos vom freieren Lernen, das es angeblich gebe) einfach Normerfüllung, sozialistisch für alle in Jahres(-Lehr)-Plänen vorgegeben. Für eine Klassenarbeit zu lernen, ist keine Leistung, sondern Dressur. Die schrecklich falsche Selbstsicht der Jugendlichen, sie seien von Natur aus faul, ergibt sich direkt daraus: Zwing jemanden täglich, Dinge zu tun, die er von selbst nie machen würde - Ergebnis ist Unlust. Da alle der Person aber einreden, es sei wichtig und nötig, dass sie sich für das Vorgeschriebene interessiert, reagiert die Person (vor allem, wenn sie jung ist) bald so, dass sie den Fehler nicht bei der Vorschrift, sondern bei sich sucht. Die eigene Unlust ist auf einmal nicht berechtigt, sondern "Faulheit", die dann "ausgetrieben" werden muss. Die Lösung wäre radikales Überdenken des Schulsystems. Und seine weitgehende Abschaffung.
Momentaufnahme und fragwürdige Stichprobenselektion
Die Beobachtungen treffen sicherlich auf einen Teil des Nachwuchses in
Deutschland zu. Die Untersuchung leidet jedoch dahingehend unter einem
Stichprobenselektionsproblem, dass "irgendwo in Deutschland"
vermutlich keine Region mit erheblichen wirtschaftlichen
Strukturproblemen beinhaltet, die es "irgendwo anders in
Deutschland" zweifelsohne auch gibt und die auf die Einstellung der
Jugendlichen Auswirkungen haben dürften.
Hinzu kommt, dass nur Schülerinnen und Schüler an Gymnasien
befragt wurden, und dass dies auch noch mitten in einer Boomphase
geschah, wobei die Betroffenen sich kaum an Durststrecken wie die Phase
der deutschen Wachstumsschwäche bis 2004 erinnern können
dürften.
Wer derart günstige Voraussetzungen bei sich selbst und in seiner
Umgebung vorfindet, dürfte am wenigsten Motivationsprobleme haben.
Die Zuwendung zu bewährten Tugenden ist zu begrüßen, der
Nachweis, dass es sich nicht nur um ein Strohfeuer handelt, ist jedoch
noch zu führen.
Ohne Abgrenzung zum autoritären Drill ist das Buch nichts wert!
Den Erfolg der Tigermutter-Geschichte in Deutschland zu wiederholen, ist zu simpel, wenn nicht die positive Leistungsmotivation u die Vorbildfunktion der Eltern, wie es Herr Hoffmann schon betont, deutlich beschrieben wird. Denn konventionelle autoritäre Erziehung, wie sie gerne noch u.a. in Asien praktiziert wird, schafft nur unmündige Untertanen, die absolut nichts mit kritischen kreativen Leistungsträgern zu tun haben. Die Quellen von Kreativität, Motivation, Inovationsfreudigkeit u Organisationstalent müssen differenziert dargestellt u abgegrenzt werden. Reine Aussagen von Pubertären nützen da wenig. Ich hoffe, dass das Buch wesentlich mehr beinhaltet, vor allem, was vorbildliche Eltern u Lehrer sind, die positiv motivieren können u zur Lust an der Leistung u den Erfolg führen können. Die Basis dafür muss allerdings vielerorts erst mal hergestellt werden: weg von der Konsumsucht u den Bestrafungswahn.
Diese sogenannte Studie ist ja völlig unkritisch und deshalb wertlos. Dass Jugendliche das Leistungsdenken und die Vorspiegelung der Schule, wer sich nur anstrenge, komme auch weit, und dies sei alles schon ein Wert, an dem man sein Leben zur Genüge ausrichten könne, internalisieren, wenn diese Vorspiegelung die gesamte Gesellschaft prägt, ist doch klar und gar nicht überraschend. Wer oberflächliche Fragen stellt, bekommt natürlich auch oberflächliche Antworten. Wer den Schulalltag genaue beobachtet, merkt das Ausmaß von Desinteresse und Entfremdung, kaum verhohlener Lustlosigkeit und rein taktischem Benehmen, das dort herrscht. Was ist aus dem Humboldtschen Bildungsideal geworden, bei dem Freiheit so eine wichtige Rolle spielte? Wenn es nur darum geht, sich anzustrengen, damit man "Erfolg" hat, dann vermittelt Schule jungen Leuten inzwischen in Adornos Sinne nur noch Halbbildung statt Bildung - und damit ein geistiges Gift, das unserer Demokratie schadet. Das wäre zu analysieren.
Die Leistungsbereitschaft der "Jugend von heute" kann ich nur bestätigen. Hinweisen möchte ich allerdings auf einen Umstand, der von den Pädagogik Freaks gerne übersehen wird: den positiven Einfluß des Elternhauses bzw. das Vorbild der Eltern am Beispiel des eigenen Schaffens! Unsere beiden Söhne sind aufgewachsen mit dem Beispiel von Eltern, die Spaß an ihrer zeitintensiven Arbeit und einem hohen Maß an Verantwortung haben. Für beide sind Eigenschaften wie Fleiß, Lernen, Kreativität, Risikobereitschaft selbstverständlich, diese mußten nicht anerzogen werden, gleichermaßen haben beide verinnerlicht, dass wirtschaftlicher Erfolg eben davon abhängig ist, auch ohne irgendeinen elterlichen "Druck". Beide müssen meine Frau und ich eher bremsen als antreiben, genauso erleben wir das im Freundeskreis unserer Kinder. Und: Junge Uniabgänger, die sich bei mir bewerben, priorisieren eine gute Ausbildung noch vor Geld und sozialen Vergünstigungen. Also: Arbeit macht Spaß und das ist gut so!
Gutes Beispiel dafuer Menchen zum Mitmachen zu motivieren ist 'Toastmasters International' (gemeinnuetzige Organisation fuer oeffentliches Sprechen). Ich bin von und in meinem Club noch heut' so begeistert, wie bei meinem Eintritt vor fuenfzehn Jahren. Mein Club ist der beste in der Stadt und schlaegt sogar andere von Vancouver bis nach Australien. Wir haben charismatische Sprecher mit Botschaften. Die zweistuendige Teilnahme pro Woche ist spannender als jeder Besuch im Kino. Besonders die 'table topis' haben es in sich. Da lernt man spontanes Antworten und Parieren delikater Fragen. Die Idee ist, die motiviert. 'Being focused on the moment!' - Rolf Siegen, San Diego, CA
Die meisten Deutschen sind miserable Paedagogen
Die Lehrkraefte in meiner Gymnasialzeit jedenfalls waren das, was die
Amerikaner treffend 'uninspiring' nennen. Sie motivierten nicht fuer die
Lerninhalte ihrer Faecher.
Eine (von zwei) Ausnahmen war der Franzoesischlehrer. Er gab sich
professionell, verlangte viel ohne grosse Worte und machte keine
Abstriche. Es gelang ihm, bei mir die Freude an der franzoesischen
Sprache zu wecken. Ich schrieb zwei Nacherzaehlungen pro Woche. Wir
diskutierten die franzoesischen Philosophen ausgiebig. Zudem wurden wir
Schueler unvorbereitet zur Teilnahme aufgerufen;dies hielt wach. Ich
lernte fuer's Leben. Jetzt freue ich mich auf berufliche Engagements von
Marokko bis Tunesien.
Irgendwo in Deutschland? - Das glaube ich nicht, denn
diese Umfrage stammt vermutlich nicht aus einem "sozial
benachteiligten Umfeld" (was auch immer das heissen mag) - sondern
aus einer gut-bürgerlichen Randgemeinde, in der sich
überwiegend Unternehmer, leitende Angestellte und Beamte
niedergelassen haben.
.
Als Vater von zwei inzwischen 29- und 26-jährigen Söhnen habe
ich erfahren: Schon die Grundschulkinder wünschen ab der 2. Klasse
Schulnoten - und keine windelweichen Aussagen wie "alles
prima". Und auf den weiterführenden Schulen bekamen schon
während der Schulzeit - vor allem aber rückblickend -
diejenigen Lehrer die beste Beurteilung, die gefördert und
GEFORDERT haben und durch vorbildliches Verhalten (eigene Anstrengung,
Klarheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Authentizität) überzeugt
haben. Als Leiter einer Wirtschaftsakademie habe ich bei jungen
Erwachsenen (ca. 25 Jahre alt) häufig die Abneigung gegen das
"Auswendig-Lernen" erfahren - wenn die Lernziele jedoch klar
waren und akzeptiert wurden, gab es keine Probleme mehr.
Zu dem Thema gibt es übrigens einen schönen Text (vielleicht
kennen Sie ihn ja) der zum Thema ganz gut passt:
"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren,
verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren
Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen
nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen
ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch
die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und
tyrannisieren ihre Lehrer."
Sokrates (um 469 vChr - 399 v. Chr.)
Und tatsächlich...
...war Griechenland nach dem letzten Aufbäumen unter Alexander 200 Jahre später eine römische Kolonie, aus der kaum noch etwas Bedeutendes gekommen ist :-)
Das liest sich ja so als sei alles gut. Bleibt die Frage warum der Bildungsgrad vieler junger ...
... Menschen doch eher erbärmlich ist. Auch von vielen derjenigen,
die Hochschulreife haben, ja sogar von Hochschulabgängern. Es
lässt sich vermutlich darauf zurückführen, daß die
Anforderungen seit einigen Jahrzehnten immer weiter abgesenkt wurde. Und
das muß überhaupt nicht die Schuld der Eltern oder der
Schüler sein, es ist die Schuld des Bildungssystems. Zu einer guten
Bildung gehört eben mehr als nur einseitige Sach- und
Fachkenntnisse. Geschichte, Literatur, Sprachkenntnisse auch der
Muttersprache, Geografie u.v.a. mehr gehören dazu. Früher
mussten wir auch in erheblichem Umfang klassische Literatur und auch
fremdsprachige, auswendig lernen. Aber mit so etwas gibt man sich heute
lieber garnicht ab.
Solche Studien bringen wenig, wenn sie nicht deutlich konkreter werden.
Nur wollen ist zu wenig, es muß auch angeboten und gefordert
werden. Eine Absenkung des Niveaus bringt wenig, um auch den letzten zum
Abitur zu bringen.
@ Andreas Neubert (Citizen...) - Sie werden es nicht glauben: aber ich fand auch schon zu ...
... meiner Schulzeit, daß das Niveau laufend absank. Aber immerhin führte mich diese Erkenntnis dazu nach der Schulzeit erkannte Lücken zu schließen. Außerdem ist mir natürlich nicht bekannt wieviele Generationen Sie so abdecken und man sollte auch nicht vergessen, daß man selbst schon ein gewisses Bildungsniveau haben muß, um Mängel zu erkennen. Desweiteren kann ich nur fragen, ob Sie erklären können warum bestimmte Gruppen im Bildungssystem das Niveau für z.b. Abiturprüfungen immer weiter absenken wollen. Und das die Auswahl von Lernfächern auch nicht gerade für tiefe und breite Bildung steht ist fraglos. Daß man in den Oberstufen bestimmte Lehrfächer abwählen kann. ist auch lächerlich. Und was glauben Sie warum es schwierig ist mit schulpflichtigen Kindern zwischen bestimmten Bundesländern umzuziehen. Also pauschale Plattitüden bringen da eher wenig.
Auswendig lernen...
Warum soll man klassische Literatur auswendig lernen ? Was hat man davon
?
@Rolf-Dirk Maehler
Die nachfolgende Generation für ungebildeter zu halten als die
eigene, diese verzerrte Sichtweise ist so alt wie die Menschheit selbst.
Als ich jung war, musste ich mir das von den Älteren auch
anhören.
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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