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Jugendämter Sie wollte eine besonders gute Mutter sein

26.09.2011 ·  Jugendämter nehmen immer mehr Kinder in Obhut. Sie machen sich diesen Schritt nicht leicht. Wer nimmt schon gern der Mutter die Kinder weg. Doch es geht um das Wohl der Kleinen. Die Geschichte einer Frau, die an sich scheiterte.

Von Cornelia von Wrangel
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Im Jugendamt sieht es ganz anders aus als gedacht. Nirgendwo ein Großraumbüro, in dem vor jedem Schreibtisch ein Jugendlicher heult oder poltert. Und nie geht die Türe unvermittelt auf, spült das elende Leben einen neuen Fall rein, ruft jemand: "Mensch, hör dir das an!" So wie auf einer Polizeiwache im Fernsehen. Im Jugendamt, zumindest in diesem, geht es nüchtern und unspektakulär zu: Hochglanzlinoleum, Einzelzimmer, Termin nach Vereinbarung.

Dieses Jugendamt befindet sich in einem Sozialrathaus, das noch aus der Zeit der Betonkultur stammt. Aber der Beton ist weiß überstrichen. Freundlich soll der Bau wirken, vertrauenerweckend. Schließlich spielt Vertrauen hinter seinen Mauern eine wichtige Rolle. Drinnen sind die Zimmer licht, stehen Blumen in hübschen Vasen auf der Fensterbank oder dem Schreibtisch, haben Mitarbeiterinnen ihren Geschmack mitgebracht. Carmen Bühl zum Beispiel, seit drei Jahren arbeitet sie hier. Oder der Blumenschmuck ist auch schon eine Art Schulung fürs Unterbewusstsein ihrer Klienten: "Seht her, so könnt ihr es bei euch zu Hause auch nett machen, geht ganz leicht, kostet nicht viel."

Ob bei Adiba F.* je Blumen in der Wohnung gestanden haben? Sie sagen, es habe ziemlich wüst darin ausgesehen, bemalte Wände, heruntergekommenes Mobiliar, überall Chaos. Dabei ist Adiba F. eine gepflegte junge Frau oder war es zumindest, mit klimpernden Armreifen, lackierten Fingernägeln, gebändigter Haarpracht, modischem Pullover zur Hose. Ein wenig hektisch ist sie allenfalls. Dass es zu Hause wie Sau aussieht? Schwer vorstellbar.

Man nimmt es jetzt noch genauer

Carmen Bühl kann beides, nett sein und streng. Sie ist nicht mehr die Jüngste, soll reparieren, was in Familien schiefgegangen ist, oder dafür sorgen, dass es erst gar nicht so weit kommt. Das ist keine leichte Aufgabe, schon gar nicht seit der Fall Kevin die Jugendämter in ein schlechtes Licht gerückt hat. Kevin war der zweijährige Junge in Bremen, dessen geschundene Leiche im Oktober 2006 in der Tiefkühltruhe seines Ziehvaters gefunden worden war. Ein halbes Jahr hatte sie darin gelegen. Seitdem arbeiten die Jugendämter an einem besseren Image, mühen sich ab und - fühlen sich verkannt. Carmen Bühl beispielsweise schreibt es dem Fall Kevin zu, dass sie beim Jugendamt eingestellt wurde. Sie hat Jura und Sozialpädagogik studiert, danach alles Mögliche gemacht, einstigen Drogenleuten einen Job vermittelt, in einer Schule gearbeitet oder als "Anwalt des Kindes" für die Rechte der Kinder gefochten. Jetzt kümmert sie sich um dreißig bis vierzig Fälle gleichzeitig, füllt Akten, schreibt Berichte, Protokolle, Anfragen. Aber das ist Amtsalltag. Nur nimmt man es jetzt noch genauer.

Bei Adiba F. war sie erst nett, dann wütend und schließlich streng. Weil sie ihr zum Schluss nichts mehr geglaubt und nur noch eines im Sinn gehabt hat: das Wohl der Kinder. Am Anfang war das ganz anders, im April 2010, als die junge Frau mit marokkanischen Wurzeln verzweifelt im Jugendamt anrief: "Ich brauche Hilfe." Für Carmen Bühl war das ein gutes Zeichen, da meldete sich eine heillos überforderte, alleinerziehende Mutter freiwillig, weil sie nicht mehr weiterwusste mit ihren zwei Kindern. Einem Sohn, der an den Spätfolgen seiner um drei Monate zu frühen Geburt leidet - Konzentrationsschwäche, Sprachprobleme und Laufschwierigkeiten. Er konnte nicht einmal richtig eine Treppe rauf- oder runtergehen. Einer Tochter, die keine Grenzen kennt, weil sie nie erfahren hat, was das überhaupt ist. So niedlich sie auch ausschaut und strahlen kann. Mittlerweile ist sie vier, ihr Bruder sechs.

Ohne Willen zur Zusammenarbeit geht nichts

Mitte November vergangenen Jahres haben wir uns das einzige Mal getroffen, nachmittags um drei in einem Eiscafé. Alle unsere anderen Verabredungen hat Adiba F. kurz vorher abgesagt oder ist einfach nicht gekommen. Monatelang ging das so, bis auf ihrem Handy nur noch der Anrufbeantworter lief und sie sich gar nicht mehr meldete. Frau Bühl war bei dem Treffen mit dabei - und die Familienhelferin, die damals zweimal in der Woche zu Adiba F. kam und im Eiscafé auf deren Tochter aufpasste. Eingangstüre auf, Eingangstüre zu, Türe auf, Türe zu. Das war das Lieblingsspiel der Kleinen. Die anderen Gäste fanden das nicht sehr komisch.

"Jetzt habe ich keine dunklen Ringe mehr unter den Augen", sprudelte Adiba F. los und lobte das Jugendamt über den grünen Klee. Sicher, das bemühte sich um den Sohn, förderte ihn, wo es nur ging, kümmerte sich auch um den "Rest" der Familie. Und das Jugendamt war froh, dass sie bei allem mitmachte, denn ohne den Willen zur Zusammenarbeit geht nichts. Und nahm ihr ab, was sie sagte, auch über ihren ehemaligen Mann, seit Ende 2009 sind sie getrennt: Er habe gedroht, ihr die Kinder wegzunehmen, weil sie für die Tochter keinen geeigneten Kindergarten finde. Er habe ihr verboten, ihre Eltern zu besuchen, habe sich um nichts gekümmert. In der Wohnung hätten seine Kumpel permanent herumgesessen, sie habe für sie kochen müssen, sei sich nur noch wie eine Haushaltshilfe vorgekommen. "Das war ein Teufelskreis." Doch nach der Trennung ist Adiba F. erst recht alles über den Kopf gewachsen.

„Das war ein harter Kampf“

Carmen Bühl sagte damals, Adiba F. sei ein ganz typischer Fall, eine Frau, die eine gute Mutter sein will, sich dabei übernimmt, und der Mann ist weg. Mit dem hat das Jugendamt auch ein paarmal gesprochen. Jeden Samstag sollte er die Kinder von 15 bis 20 Uhr zu sich holen. So sah es die Umgangsregelung vor, aber er wollte sich erst nicht auf feste Zeiten einlassen. "Das war ein harter Kampf", erinnert sich Frau Bühl. Eine gute Meinung hatte sie da nicht gerade von ihm.

Das änderte sich jedoch ein paar Wochen später, als sich herausstellte, dass Adiba F. aus der Wohnung musste, eine Räumungsklage am Hals hatte. Keiner hat etwas davon gewusst. Die Familienhelferin sei "stinksauer", sagte Frau Bühl am Telefon. Ihre Stimme klang auch erregt, weil Adiba das Blaue vom Himmel heruntergelogen, Termine nicht eingehalten, Mahnschreiben ignoriert, die Miete einfach nicht überwiesen hat. Dem Jugendamt aber tischte sie die Geschichte auf, ihr Mann habe verschwiegen, dass er, als sie noch zusammenlebten, die Miete nicht gezahlt habe. Später habe er die Rechnungen aus dem Briefkasten gefischt.

Über den Stolz alles andere vernachlässigt

Carmen Bühl fühlte sich hintergangen. Aus vielen Teilen ein Puzzle zusammenzusetzen, das sei eben im Jugendamt das tägliche Brot, seufzte sie und tat, was sie tun musste. Sie besuchte Adiba F. unangemeldet und stand prompt vor verschlossener Tür, fand, als der Auszugstermin näher rückte, eine andere Unterkunft für sie, rief sie mehrere Male ergebnislos an und kündigte ihr schließlich in einem Brief an, die Kinder in Obhut zu nehmen, wenn sie sich weiter tot stelle. Das machte Adiba F. zwar nicht, Frau Bühl brachte die Kinder trotzdem in einem Heim unter - mit dem Einverständnis der Mutter. Auch, weil sie auf die Schnelle für drei Personen in keiner Einrichtung Platz fand.

Dann geschah jedoch etwas, womit niemand gerechnet hat: Die Kinder fühlten sich auffallend wohl in dem Heim. Frau Bühl war überrascht, die Familienhelferin auch. Schließlich möchten selbst Kinder aus den schrecklichsten Verhältnissen meist wieder nach Hause. Adiba F.s Kinder aber wollten nicht einmal mit, wenn die Mutter sie übers Wochenende abholte. Da gab es Tränen und harsche Worte. Weil der Sohn zum ersten Mal in einem eigenen Bett schlief und nicht bei der Mutter, die Tochter das viele Spielzeug verführerisch fand. Sechs Jahre lang sei sie nun jede Sekunde mit ihren Kindern zusammen und wolle nicht, dass jemand anderes auf sie aufpasst, hatte Adiba F. bei unserem Treffen gesagt. "Ich habe meinen Stolz." Über diesen Stolz hat sie alles andere vernachlässigt, nichts gegen den bröckelnden Putz in der Wohnung getan, es auf die Räumung ankommen lassen, weil sie wegwollte, weg aus der Zuständigkeit von diesem Jugendamt in der Hoffnung: Dann wird alles besser, beginnt ein neues Leben, kann sie wieder die gute Mutter sein.

Wer nimmt schon gern der Mutter die Kinder weg

Irgendwann hat sie es selbst eingesehen, dass das nicht funktionieren würde. Auch wenn sie mit einem Anwalt drohte, Carmen Bühl am Telefon beschimpfte. Als das Familiengericht über die Inobhutnahme der Kinder tagte, verblüffte sie alle, war auf einmal damit einverstanden, dass die Kinder zum Vater kommen: "Okay, du kannst sie haben." Carmen Bühl war erleichtert, da ihr der Schritt, per Gericht das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder dem Jugendamt übertragen zu lassen, nicht leichtgefallen war. Wer nimmt schon gern der Mutter die Kinder weg. Außerdem hatten sie keine blauen Flecken, wurden nicht in diesem Sinn misshandelt, und hat Adiba F. eben mit dem Jugendamt zusammengearbeitet - wenn auch oft unter der Vortäuschung falscher Tatsachen. Carmen Bühl hat dafür sogar Verständnis. "Wenn mir das Jugendamt sagt, das machst du nicht besonders gut, würde ich mich auch aufplustern", sagt sie. Genau das müsse das Jugendamt erkennen und da ansetzen. "In fast allen Fällen können wir hinters Licht geführt werden", fügt sie hinzu.

Die Kinder sind jetzt also beim Vater und seiner neuen Frau. "Beim Papa", hat der Sohn gesagt, als ihn das Gericht fragte, wo er in Zukunft leben wolle. Er wisse, wo der Papa wohnt, sagte er weiter, in einer großen Wohnung, dort gefalle es ihm. Zur Mama wolle er nicht mehr, aber besuchen solle sie ihn. In der großen Wohnung gebe es noch eine andere Frau und drei Kinder. Sie hätten auch schon einmal einen Ausflug zusammen gemacht - zu einer tollen Rutsche.

„Ganz typische“ Fälle

Carmen Bühl ist nun überzeugt, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Der hat vor der Gerichtsentscheidung alles getan, um sie zu bekommen, Betten und Matratzen gekauft, in seiner Nähe eine Sprachheilschule für den Sohn und einen Kindergarten für die Tochter gefunden. Das ist auch ein Grund für den Sinneswandel. Frau Bühl hat zudem im Heim gesehen, wie die Kinder auf ihren Vater zugegangen sind. Sie hat gehört, wie die Mutter sagte: Es ist alles erlogen.

Frau Bühl kümmert sich längst um andere "ganz typische" Fälle. Zu Adiba F. hat sie keinen Kontakt, sie gehört nicht mehr in ihre Zuständigkeit. Der Vater erzählt, dass seine "Ex" die Kinder jeden Tag anrufe, sie an den Wochenende abhole und wohl jetzt bei ihren Eltern wohne. Aus dem Obdachlosenheim ist sie jedenfalls schon lange verschwunden. Sie hatten ihre Türe aufgebrochen. Das Zimmer war völlig vermüllt.

* Namen geändert.

Quelle: F.A.S.
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