Home
http://www.faz.net/-gux-z4ui
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Slow-Food-Gründer Carlo Petrini „Der hemmungslose Konsum muss aufhören“

 ·  Slow-Food-Gründer Carlo Petrini über McDonald's, Wochenmärkte in Amerika und den Bauern von nebenan

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (6)

Der Italiener Carlo Petrini hat seinerzeit aus Protest gegen die Fastfood-Kette McDonalds's die Organisation Slow-Food gegründet. Im Gespräch mit Ursula Heinzelmann erläutert er, warum es wichtig ist, die lokale Wirtschaft zu stärken und den Bauern Gerechtigkeit zu verschaffen.

Die Ursprünge der Slow-Food-Bewegung gehen auf den Protest gegen eine McDonald's-Filiale 1986 an der Spanischen Treppe in Rom zurück. Ist der amerikanische Konzern immer noch der große Gegner?

Nein. Es geht längst um das gesamte Ernährungssystem. Die intensiven Produktionsmethoden, die die Fruchtbarkeit des Bodens zerstören, das Wasser vergiften, die Lebensmittel nur als Handelsware betrachten - das steht im Mittelpunkt unseres Kampfes. McDonald's ist nur einer der Verursacher.

Dabei gehen die ja inzwischen als PR-Aktion mit frischem Gemüse auf Wochenmärkte und spielen die Guten . . .

Ja, das ist interessant und ein Zeichen dafür, dass auch sie erkennen, dass ihr System nicht funktioniert.

Und Sie meinen, dass sich etwas ändern wird? Ist es überhaupt möglich, die Welt in kleinen Strukturen zu ernähren?

Nichts muss entweder ganz weiß oder ganz schwarz sein! Aber im Moment ist es vollkommen schwarz. Ich sage nicht, dass wir alles umkrempeln müssen. Aber ein wenig, ja, das ist möglich, und es passiert bereits. Ich bin gerade in den USA gewesen, und da ist unglaublich viel in Bewegung bei den Bauernmärkten: Vor zehn Jahren gab es etwa 100, heute sind es 10 000! Natürlich ist das nicht alles, gibt es immer noch die großen Supermärkte, aber immerhin. Es ist wichtig, den Kontakt zwischen Bauern und Konsumenten wiederaufzubauen. Und das Interessanteste ist, dass die jungen Menschen diese Veränderungen bewirken, auf politischer und sozialer Ebene, aber auch als eine Frage des Lebensstils. Slow Food ist als Feinschmecker-Bewegung entstanden.

Gerade in Deutschland gilt Slow Food oft als elitärer Verein . . .

... und wer gerne gut isst, soll dabei bleiben, aber er soll um die Zusammenhänge und Hintergründe wissen. Eine Bewegung wie Slow Food, die Terra Madre organisiert, ist nicht elitär. Terra Madre hat den Geist und das Wesen von Slow Food verändert. Es ist ein inzwischen sehr starkes Netzwerk von Gemeinschaften in 161 Ländern, und zwar sowohl reichen als auch armen Ländern. Es geht darum, die lokale Wirtschaft zu stärken, die Ernährungssouveränität, die Biodiversität zu verteidigen und den Bauern Gerechtigkeit zu verschaffen. Terra Madre verleiht denen eine Stimme, die sonst überhört werden: den Urvölkern, den Bauern, den Frauen und den Ältesten. Terra Madre ist nicht wie eine politische Partei oder ein Verband aufgebaut, sondern ein autonomes Netzwerk, das ständig wächst und die Vielfalt respektiert. Es geht nicht um Vorsitz oder Leadership, Terra Madre ist streng anarchisch.

Wie das Internet?

Genau, das ist die Stärke von Terra Madre. Und das gefällt den Jungen. Wenn Terra Madre die Türen öffnet für die alte Politik mit den Führungsriegen, den Seilschaften und ihren Gepflogenheiten, dann haben wir verloren.

In vielen Slow-Food-Texten taucht immer wieder das Wort alt oder sogar uralt auf. Sind denn weit zurückreichende Wurzeln ein Wert an sich?

Wer sich nicht erinnert, hat keine Zukunft. Aber das Verteidigen der Tradition darf keine Archäologie sein, Tradition ist fortwährende Innovation. Die große Aufgabe für unsere Bewegung besteht darin, modernste Technik wie das Internet mit dem Wissen der traditionellen Bauern zu vereinen. Wer sich nur an die alte Tradition klammert oder ausschließlich auf neue Technik setzt, hat verloren.

Heißt das in der Praxis: Regionale Produkte verarbeitet mit den Techniken von Ferran Adrià?

Immer reden alle von Adrià, wenn es ums Kochen geht! Weltweit wird im Durchschnitt 99 Mal zu Hause gegessen und nur einmal im Restaurant, und bei diesen 99 Essen zu Hause kochen ganz normale Männer und Frauen. Wenn wir das oben beschriebene System der Kombination von Überliefertem und Neuem anwenden, heißt das, dass ihnen dabei moderne Technik zur Verfügung steht wie ein guter Ofen oder auch eine Mikrowelle, aber auch, dass sie die Produkte der Bauern verwenden, verantwortungsvoll damit umgehen und die überlieferte Küche weiterpflegen. Denn mit altem Brot lässt sich zum Beispiel mit ein wenig Milch und Gemüse eine Ribollita machen - Brot wirft man nicht weg. Ferran Adrià, ja, aber er ist kein Paradigma.

Wie steht Slow Food generell zu Bio? Ist das eine Selbstverständlichkeit?

Die Entwicklung dorthin ist nicht aufzuhalten, und jeder bewegt sich dabei mehr oder weniger schnell. Wenn wir die Fruchtbarkeit der Böden wieder steigern wollen, dann gibt es keine Alternative. Aber das geschieht nicht über Nacht, es ist ein kontinuierlicher Prozess. Und Bio darf nicht Ausrede für höhere Preise sein. Bio muss für alle sein. Wir müssen Bio in die Krankenhäuser und die Schulen bringen, das bringt das Ganze wirklich weiter, nicht die exklusiven teuren Läden. Wir haben es mit den ganzen Zertifikaten und Siegeln übertrieben und dabei übersehen, dass es eigentlich am wichtigsten ist, die Bauern selbst zu kennen.

Das ist allerdings nicht immer möglich . . .

Stimmt, aber in vielen armen Ländern kostet die Zertifizierung inzwischen mehr als die Produkte selbst, und das ist nicht richtig. Die Idee der Zertifizierung an sich ist gut, aber sie ist inzwischen viel zu aufgebauscht. Mir ist es wichtiger, den Bauern vertrauen zu können.

Slow Food ist in Italien entstanden und dort nach wie vor sehr stark verankert. Jetzt schreiben Sie auf der Slow-Food-Website, die italienischen Bauern stünden kurz vor dem Ruin. Hat Slow Food da gar nichts bewirkt?

Es ist ein weltweites Problem. Überall steckt die Landwirtschaft tief in der Krise. Der Hauptgrund dafür ist der Werteverfall der Lebensmittel, die immer mehr zu reinen Handelswaren verkommen, bei denen es nur noch um den Preis geht. Das müssen wir ändern, und zwar jetzt. Der hemmungslose Konsum muss aufhören. Es muss weniger produziert, weniger konsumiert und weniger weggeworfen werden. Das erfordert Aufklärungsarbeit; eine Riesenaufgabe. Slow Food und Terra Madre sind nicht sehr groß, ganz im Gegenteil, aber wir müssen versuchen, uns mit anderen Bewegungen zu verbinden, um an der Situation zu arbeiten, wie zum Beispiel Via Campesina (Anm.: eine internationale Kleinbauern- und Landarbeiterbewegung) oder Greenpeace.

Sie haben sicher „Eating Animals“ von Jonathan Safran Foer gelesen - sollte der ideale Slow Foodler Vegetarier oder gar Veganer sein?

Ich bin ein Allesfresser, aber ich bin sehr dafür, den Fleischkonsum stark einzuschränken. Ich sage nicht, dass wir alle Vegetarier sein sollten, aber weniger Fleisch als allgemein üblich, das auf alle Fälle.

Sie sind Gründer und Gesicht von Slow Food, von Ihnen kommen die großen Ideen. Es fällt schwer, sich die Bewegung irgendwann ohne Sie vorzustellen . . .

Wissen Sie, niemand auf der Welt ist unersetzlich. Vor zehn Jahren war ich krank, ein ganzes Jahr lang außer Gefecht. Und alles lief bestens weiter, das liegt in der Natur der Dinge. Unsere Perspektive für die Zukunft ist die strenge Anarchie von Terra Madre. Wenn ich sehe, wie unsere Idee sich in den Restaurants niederschlägt, wie sie mit den Jungen Zugang zu den Universitäten findet, sich überhaupt in den Köpfen ausbreitet: das ist die Zukunft, auch ohne Petrini.

Carlo Petrini und Slow Food

Carlo Petrini wurde 1949 in dem Städtchen Bra im Piemont geboren, bis heute Hauptsitz von Slow Food. Dessen Anfänge liegen in den achtziger Jahren: Der Methanolskandal war für Petrini Anlass zur Gründung der „Freunde des Barolos“, das Vordringen von McDonald's in die Innenstadt von Rom führte zu einer Protestaktion in Form eines Spaghetti-Essens an der Spanischen Treppe - Slow Food gegen Fast Food. Offiziell gegründet wurde die Bewegung allerdings erst 1989 in Paris. Zuerst beschäftigte man sich mit gutem Wein und gepflegtem Essen. Doch für Petrini ging es bald um viel mehr; heute heißt die Slow-Food-Parole „gut, sauber und gerecht“, womit die politischen, sozialen und ökologischen Dimensionen des Essens gemeint sind. Die „öko-gastronomische“ Non-Profit-Organisation hat heute 100 000 Mitglieder. Sie setzt sich für eine Vielfalt von Themen von der Verteidigung des Rohmilchkäses bis hin zur Biodiversität ein und betreibt in Pollenzo eine gastronomische Universität. Die wichtigsten Veranstaltungen in Italien sind der Salone del Gusto und das internationale Treffen des Netzwerks Terra-Madre in Turin, das unter anderem für die Rechte der Bauern kämpft. (heinz.)

Die Fragen stellte Ursula Heinzelmann.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel