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Im Gespräch: Slow-Food-Gründer Carlo Petrini „Der hemmungslose Konsum muss aufhören“

Slow-Food-Gründer Carlo Petrini über McDonald's, Wochenmärkte in Amerika und den Bauern von nebenan

© dpa Vergrößern „Es muss weniger produziert, weniger konsumiert und weniger weggeworfen werden”

Der Italiener Carlo Petrini hat seinerzeit aus Protest gegen die Fastfood-Kette McDonalds's die Organisation Slow-Food gegründet. Im Gespräch mit Ursula Heinzelmann erläutert er, warum es wichtig ist, die lokale Wirtschaft zu stärken und den Bauern Gerechtigkeit zu verschaffen.

Die Ursprünge der Slow-Food-Bewegung gehen auf den Protest gegen eine McDonald's-Filiale 1986 an der Spanischen Treppe in Rom zurück. Ist der amerikanische Konzern immer noch der große Gegner?

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Nein. Es geht längst um das gesamte Ernährungssystem. Die intensiven Produktionsmethoden, die die Fruchtbarkeit des Bodens zerstören, das Wasser vergiften, die Lebensmittel nur als Handelsware betrachten - das steht im Mittelpunkt unseres Kampfes. McDonald's ist nur einer der Verursacher.

petrini © AFP Vergrößern Slow-Food-Gründer Carlo Petrini: „Ich bin ein Allesfresser”

Dabei gehen die ja inzwischen als PR-Aktion mit frischem Gemüse auf Wochenmärkte und spielen die Guten . . .

Ja, das ist interessant und ein Zeichen dafür, dass auch sie erkennen, dass ihr System nicht funktioniert.

Und Sie meinen, dass sich etwas ändern wird? Ist es überhaupt möglich, die Welt in kleinen Strukturen zu ernähren?

Nichts muss entweder ganz weiß oder ganz schwarz sein! Aber im Moment ist es vollkommen schwarz. Ich sage nicht, dass wir alles umkrempeln müssen. Aber ein wenig, ja, das ist möglich, und es passiert bereits. Ich bin gerade in den USA gewesen, und da ist unglaublich viel in Bewegung bei den Bauernmärkten: Vor zehn Jahren gab es etwa 100, heute sind es 10 000! Natürlich ist das nicht alles, gibt es immer noch die großen Supermärkte, aber immerhin. Es ist wichtig, den Kontakt zwischen Bauern und Konsumenten wiederaufzubauen. Und das Interessanteste ist, dass die jungen Menschen diese Veränderungen bewirken, auf politischer und sozialer Ebene, aber auch als eine Frage des Lebensstils. Slow Food ist als Feinschmecker-Bewegung entstanden.

Gerade in Deutschland gilt Slow Food oft als elitärer Verein . . .

... und wer gerne gut isst, soll dabei bleiben, aber er soll um die Zusammenhänge und Hintergründe wissen. Eine Bewegung wie Slow Food, die Terra Madre organisiert, ist nicht elitär. Terra Madre hat den Geist und das Wesen von Slow Food verändert. Es ist ein inzwischen sehr starkes Netzwerk von Gemeinschaften in 161 Ländern, und zwar sowohl reichen als auch armen Ländern. Es geht darum, die lokale Wirtschaft zu stärken, die Ernährungssouveränität, die Biodiversität zu verteidigen und den Bauern Gerechtigkeit zu verschaffen. Terra Madre verleiht denen eine Stimme, die sonst überhört werden: den Urvölkern, den Bauern, den Frauen und den Ältesten. Terra Madre ist nicht wie eine politische Partei oder ein Verband aufgebaut, sondern ein autonomes Netzwerk, das ständig wächst und die Vielfalt respektiert. Es geht nicht um Vorsitz oder Leadership, Terra Madre ist streng anarchisch.

Wie das Internet?

Genau, das ist die Stärke von Terra Madre. Und das gefällt den Jungen. Wenn Terra Madre die Türen öffnet für die alte Politik mit den Führungsriegen, den Seilschaften und ihren Gepflogenheiten, dann haben wir verloren.

In vielen Slow-Food-Texten taucht immer wieder das Wort alt oder sogar uralt auf. Sind denn weit zurückreichende Wurzeln ein Wert an sich?

Wer sich nicht erinnert, hat keine Zukunft. Aber das Verteidigen der Tradition darf keine Archäologie sein, Tradition ist fortwährende Innovation. Die große Aufgabe für unsere Bewegung besteht darin, modernste Technik wie das Internet mit dem Wissen der traditionellen Bauern zu vereinen. Wer sich nur an die alte Tradition klammert oder ausschließlich auf neue Technik setzt, hat verloren.

Heißt das in der Praxis: Regionale Produkte verarbeitet mit den Techniken von Ferran Adrià?

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Veröffentlicht: 09.11.2010, 14:18 Uhr