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Im Gespräch: Psychoanalytikerin Caroline Thompson : „Abhängige Eltern haben abhängige Kinder“

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Regeln sind eine Chance, sie engen nicht ein, sondern geben eine Richtschnur Bild: dpa

Das Buch „Die Tyrannei der Liebe“ der Psychoanalytikerin Caroline Thompson hat ein heikles Thema: Lieben Eltern ihre Kinder mehr, als denen guttut? Im Interview spricht sie über notwendige Autorität und die Erziehung zur Selbstbehauptung.

          Ein heißer Tag in Paris, ein kleines Apartment im Stadtteil Saint Germain: Hier hat Caroline Thompson ihre Praxis, Psychoanalytikerin und Buchautorin. Ihr in Frankreich heftig diskutierter Titel „La violence d'amour“ erscheint in diesen Tagen auf Deutsch: „Die Tyrannei der Liebe“. Ein heikles Thema: Lieben Eltern ihre Kinder mehr, als denen guttut? Bringt unsere Wohlfühlgesellschaft kleine Monster hervor? Welche Folgen hat es, wenn sich Erwachsene emotional von ihrem Nachwuchs abhängig machen? Caroline Thompson nimmt auf ihrer roten Couch Platz.

          Mme. Thompson, ein aktueller deutscher Bestseller fragt, „warum aus Kindern Tyrannen werden“. Sind auch Sie der Meinung, dass Eltern sich ihren Kindern unterwerfen und ausliefern?

          Zunächst einmal geht es mir nicht in erster Linie darum, Eltern Vorwürfe zu machen. Ganz im Gegenteil: Ich möchte, dass sie sich besser fühlen. Wenn wir das Thema historisch betrachten, stellen wir allerdings fest, dass die Stellung des Kindes als die Nummer eins in der Familie ein relativ neuer Faktor ist.

          Caroline Thompson: „Regeln helfen, Abstand zu halten”
          Caroline Thompson: „Regeln helfen, Abstand zu halten” : Bild: F.A.Z.-Wonge Bergmann

          Wir nehmen ein Kind als Individuum wahr, ja. Das ist doch nicht falsch.

          Gewiss. Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der die bestimmende Einheit das Individuum ist.

          Und was bedeutet das - psychologisch gesehen - für Erzieher?

          In meiner Beratungspraxis sehe ich, dass Eltern enorm engagiert sind, aber sich nicht trauen, die Autorität zu sein. Sie stellen sich die Frage: In wessen Namen bin ich die Autorität in diesem Haus? Früher war diese Frage durch das soziale Umfeld festgelegt. Heute haben wir uns selbst zu erfinden und unser Wertsystem selbst festzulegen.

          Tun Eltern das nicht mehr oder weniger unbewusst?

          Nehmen wir eine klassische Situation: Auf dem Spielplatz schubst ein Kind ein anderes von der Leiter, um schneller nach oben zu kommen. Ich behaupte: Es ist eine kulturelle Frage, ob wir dieses Verhalten billigen oder ablehnen. Die Antwort hängt vom Wertsystem der Familie ab, von ihrem kulturellen Hintergrund

          Eltern sind nicht jeden Tag stark. Mal halten sie ihr Kind davon ab, das andere zu schubsen, beim nächsten Mal lassen sie es ihm durchgehen und finden es super, dass es sich durchsetzt.

          Ich beobachte, dass viele Eltern verunsichert sind, was genau sie ihren Kindern beibringen sollen. Eine Autorität ist man nicht von allein, wenn man gar nicht genau weiß, was man vermitteln will.

          Mit dem Begriff Autorität haben gerade wir in Deutschland ein Problem.

          Es gibt eben diese Idee, dass das Glück und die Freiheit des Individuums das Allerwichtigste sind. Daraus folgt die perverse Sorge: Wenn ich meinem Kind Werte oktroyiere, beraube ich es der Freiheit, wählen zu können. Aber wie soll ein Kind wählen, solange es nicht die Bedingungen kennt?

          Viele Eltern scheuen sich, einzugreifen, weil sie denken, das Kind wisse instinktiv, was es braucht.

          Richtig, das ist dieses alte Rousseausche Denken und die Prämisse, dass Kinder und Eltern auf der gleichen Ebene denken und entscheiden. Natürlich sind Kinder Individuen, aber ein Zweijähriges auf der Straße allein zu lassen, bedeutet, dass es sterben wird, wenn ein Erwachsener nicht aufpasst. Wir sprechen von „funktionaler Unreife“: Ein Kind ist unreif - es ist physisch nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen, sich zu ernähren, Unterkunft zu verschaffen - das ist eine nicht zu leugnende Realität. Also befinden sich Eltern im Verhältnis zu ihren Kindern in einer hierarchischen Beziehung. Regeln sind eine Chance für das Kind, sie engen nicht ein, sondern geben ihm Richtschnur und einen Rahmen.

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