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Hilflose Jugendhelfer „Darry wird immer wieder passieren“

11.12.2007 ·  Wieder wurde die Leiche eines Kindes gefunden. Dieses Mal in einem Waldgebiet in Reilingen bei Heidelberg. Ein weiterer Fall, der die Debatte über die Kinder- und Jugendhilfe anheizen wird. Jugendhelfer üben mittlerweile harte Kritik: „Es gibt ein Systemversagen“.

Von Katrin Hummel
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Warum greift niemand ein? Haben die Ämter versagt? Oder gibt es strukturelle Schwächen in der Jugendhilfe? Die Fragen, die nach dem Tod von fünf Kindern im schleswig-holsteinischen Darry vergangene Woche gestellt wurden, sind auch in dieser Woche aktuell. Am Sonntagabend wurde ein drei Monate alter Säugling aus Kleve ins Krankenhaus gebracht, den vermutlich sein 19 Jahre alter Vater lebensgefährlich verletzt hatte. Und in einem Wald bei Reilingen in der Nähe von Hockenheim wurden am Dienstag die Überreste eines toten Neugeborenen entdeckt.

An solchen Fällen hat sich nun auch eine politische Debatte über die Kinder- und Jugendhilfe entzündet. Im Fall von Darry war die Familie den Behörden bekannt. Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) und der sozialpsychiatrische Dienst betreuten die Familie seit längerem. Der ASD ist eine Fachabteilung des Jugendamtes, die auch „Fachdienst Soziales“ oder „Amt für Soziale Dienste“ genannt wird. Meist ist der ASD auf Hinweise von außen angewiesen, was Problemfamilien angeht. Oder er muss darauf hoffen, dass sie sich selbst melden. Erst vom 1. April 2008 an soll in Schleswig-Holstein das neue Kinderschutzgesetz in Kraft treten, das ein verbindliches Meldewesen zu Vorsorgeuntersuchungen vorschreibt. Auch die Zusammenarbeit von ASD, Gesundheitshilfe, Polizei, Staatsanwaltschaft und Familiengerichten ist darin vorgeschrieben. Mit der Einführung dieses Gesetzes ist Schleswig-Holstein nicht etwa spät dran: Es ist das erste Bundesland überhaupt, das diesen Schritt geht.

Nicht im Blickfeld des Amtes

Zurzeit bitten die meisten der Familien, die der ASD in Plön und anderswo betreut, von sich aus um Hilfe. So geraten viele gefährdete Kinder nicht ins Blickfeld des Amtes. Hinweise auf Hilfsbedürftigkeit können aber auch von Kinderärzten kommen, aus Kindergärten, Schulen und Turnvereinen. Manchmal sind auch Anrufe aus der Bevölkerung der Auslöser für einen Hausbesuch. In Berlin gibt es inzwischen eine zentrale Kinderschutzhotline, unter der die Jugendämter werktags von zehn bis achtzehn Uhr erreichbar sein müssen.

Video: Darry nimmt Abschied von den getöteten Kindern

Wenn ein solcher Anruf den ASD erreicht, greift in ganz Deutschland das gleiche Verfahren. Die Mitarbeiter erfragen am Telefon den Grund des Anrufs, das Alter der Kinder, die Art der Vernachlässigung oder Misshandlung und die Glaubwürdigkeit des Anrufers. Dann entscheiden sie, ob sie die Familie sofort, innerhalb von 24 Stunden oder später aufsuchen. In der Regel gilt: Je jünger die Kinder, desto eher wird die Familie besucht. „Ein ganz kleines Kind hat noch keine Möglichkeit, sich selbst zu helfen“, sagt der Leiter des ASD Plön, Anselm Brößkamp.

„In einem solchen Fall lassen wir alles andere liegen“

Aber auch in dem folgenden konstruierten Fall würde sofort eingegriffen werden: Eine Familie hat fünf Kinder, dem Jugendamt ist sie bekannt, Hilfe wollte sie bislang nicht annehmen. Eine Nachbarin ruft den ASD an und sagt, sie habe das jüngste Kind seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. „Das ist für uns Grund genug zum Eingreifen“, sagt Brößkamp. „In einem solchen Fall lassen wir alles andere liegen.“ Im vergangenen Jahr liefen beim ASD Plön 167 Anrufe ein, in denen Hilfe für eine fremde Familie eingefordert wurde. Bei jedem zweiten Fall reagierte der Dienst innerhalb von 24 Stunden. In allen Fällen sprach man mit der Familie, erörterte die Probleme und bot Hilfe an.

„Nur wenn eine Gefährdung vorliegt und die Eltern nicht bereit oder in der Lage sind, Abhilfe zu schaffen, muss das Kind gegen ihren Willen aus der Familie genommen werden“, sagt Brößkamp. Doch dauerhaft sei das Herausnehmen meist nicht möglich, weil das Elternrecht dem Kindeswohl in der Rechtsprechung übergeordnet werde. „So traurig das auch ist: So was wie in Darry wird immer wieder passieren. Sonst müsste man in jedem Gefährdungsfall die Kinder sofort aus der Familie nehmen.“ Nach dem Hausbesuch füllt der Mitarbeiter des ASD einen Fragebogen aus, es folgt gemäß Kinder- und Jugendhilfegesetz eine „Gefährdungseinschätzung“, die mindestens drei Sozialpädagogen gemeinsam vornehmen. Dann wird festgelegt, was weiter geschieht. Es gibt Familien, die werden mehrere Wochen lang jeden Tag besucht, andere über Jahre hinweg zwei bis drei Mal in der Woche. Die Familie in Darry wurde seit Mitte August engmaschig betreut. Auslöser war der Anruf einer Nachbarin.

„Vier Augen sehen mehr als zwei“

Die Jugendhilfe bemängelt allerdings die Standards bei den Hausbesuchen. Gut wäre es zum Beispiel, wenn immer zwei Mitarbeiter zum Hausbesuch kämen. „Vier Augen sehen mehr als zwei“, sagt Brößkamp. „Wenn Sie eine Stunde bei einer Familie mit fünf Kindern zu Besuch waren, dann haben Sie zwar alle Kinder gesehen, aber haben Sie auch mit allen gesprochen?“ Ein zweiter Kritikpunkt: Die Fortbildung der Sozialpädagogen. Von den 22 Mitarbeitern im Kreis Plön etwa haben nur drei eine Fortbildung in Kinderschutzfragen absolviert. Dabei wäre dies bei allen wünschenswert, sagt Brößkamp: „Die müssen doch Krisenmanager sein, müssen die Familien mit anderen Hilfssystemen vernetzten, müssen Kenntnisse über Kindesentwicklung, Vernachlässigung und psychiatrische Krankheitsbilder bei Erwachsenen haben. Das ist aber derzeit personell nicht zu leisten.“ Auch werde schlecht bezahlt: 1270,77 Euro netto im Monat verdiene ein Berufseinsteiger. Und dann hat Brößkamp noch einen generellen Kritikpunkt: „Es gibt ein Systemversagen. In dieser ganzen Kinderschutzdebatte spielt die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Gesundheitswesen keine Rolle.“ Wenn die Krankenhäuser, in denen die Kinder zur Welt kommen, die Familien sofort mit den Mitarbeitern der Jugendhilfe bekannt machen würden, dann würden die Familien ihnen mehr vertrauen und enger mit ihnen zusammenarbeiten.

Inzwischen wird dieses System in einigen Städten schon verwirklicht. Vorbild ist oft das finnische Neuvola-System, in dem die Familien von der Geburt der Kinder an bis zur Einschulung von ein und derselben Person begleitet werden. Aber das zu finanzieren wäre Sache der Kommunen. „Die öffentliche Jugendhilfe wird von den Leuten falsch wahrgenommen“, meint Brößkamp. „Die haben Angst, dass wir ihnen die Kinder wegnehmen, deswegen kommen sie mit ihren Problemen erst gar nicht zu uns.“ Dabei habe man im vergangenen Jahr im Kreis Plön etwa 500 Familien in Krisensituationen unterstützt, nur in sechzehn Fällen wurden die Kinder dauerhaft entzogen. „Unsere Hauptaufgabe ist es zu helfen“, sagt Brößkamp. „Das wissen die Leute oft gar nicht.“

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Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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