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Veröffentlicht: 11.11.2008, 20:00 Uhr

Heiraten in Südafrika Lobola für die wunderschöne Ehefrau

Wenn ein Mann aus Südafrika heiraten will, muss er noch immer den Brautpreis zahlen. Daran hat sich trotz westlichem Lebensstil nicht viel geändert. Gekauft wird die Ehefrau damit allerdings nicht. Der Preis ist der Dank für Erziehung und Ausbildung.

von
© Privat Lieb und teuer: Die Braut Mabusi

„Das ist so viel wert wie zehn Kühe“, sagt Mandlakayise Ziqubu und deutet auf eine Glasschale, die bis zum Rand mit Geldscheinen gefüllt ist. „Ein guter Preis für eine Ehefrau.“ Ziqubu und fünf weitere Männer haben es sich in ihren weichen abgewetzten Sesseln bequem gemacht. Ihre Aufgabe ist erledigt: Sie haben einen Brautpreis für Mabusi ausgehandelt. Mabusi ist eine junge schwarze Frau aus der südafrikanischen Küstenstadt Durban. Zu ihrem Hochzeitstag hat sie ein mit Bändern verziertes Kleid angezogen und ein Seidentuch um das Haar gebunden, das zu Hunderten Zöpfen geflochten ist. Als sie das Wohnzimmer betritt, schieben die Männer die Schale schnell zur Seite. Offiziell darf die Braut nicht wissen, wie viel sie ihrem Bräutigam Sphiwe wert ist – zumindest noch nicht. Denn jetzt wird geheiratet, und da spricht man nicht über Geld.

Claudia Bröll Folgen:

In vielen afrikanischen Kulturen muss der Bräutigam an die künftigen Schwiegereltern einen Brautpreis, das „Lobola“, bezahlen. So ist es seit Jahrhunderten. Auch wenn die junge Generation heute stark von modernen westlichen Vorstellungen geprägt ist, hält sich der Brauch hartnäckig. „Fast 90 Prozent aller Eheleute, die einem afrikanischen Stamm angehören, zahlen Lobola“, sagt Sihawu Ngubane, Professor an der Universität von KwaZulu Natal. Junge Leute stellten die Tradition zwar zunehmend in Frage. Der hochzeitliche Kuhhandel ist aber immer noch so weit verbreitet, dass der südafrikanische Finanzminister Trevor Manuel sogar einmal eine lukrative Steuerquelle darin witterte.

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Zwischen Tradition und westlichem Lebensstil

Mabusi und Sphiwe können als Musterbeispiele für das neue demokratische Südafrika gelten. Sie wuchsen in einem ärmeren Stadtteil von Durban auf. Anders als ihre Eltern erhielten sie eine gute Schulausbildung und studierten. Heute lebt das Paar mit seinem Sohn Lwando in einem Mittelklasse-Vorort von Johannesburg. Sein Alltag unterscheidet sich wenig von dem gleichaltriger Paare in Europa oder Amerika. Der 26 Jahre alte Sphiwe arbeitet als Finanzanalyst für den amerikanischen Konzern Procter & Gamble. Mabusi kümmert sich um Lwando und sieht sich gerade nach einem Job um.

Afrika 2 © Privat Vergrößern Der Hochzeit steht nichts mehr im Wege: Brautleute Sphiwe (links) und Mabusi

Trotz ihres westlichen Lebensstils haben die beiden das Lobola nie in Frage gestellt – im Gegenteil. „Es geht nicht darum, eine Ehefrau zu kaufen, sondern darum, der Familie zu danken, dass sie die Frau aufgezogen und ausgebildet hat“, erklärt Mabusi. Überzeugt setzt sie hinzu: „Man kann eine Frau doch nicht umsonst bekommen.“ Sphiwe, der seine Verlobte gegenüber Dritten nur „meine wunderschöne Ehefrau“ nennt, spricht von einem Zeichen der Verehrung. Außerdem sei es wichtig für das Zusammenführen der Familien.

All die schönen Beteuerungen indes scheinen vergessen zu sein, wenn es tatsächlich um das Geld geht. Sphiwe und Mabusi entsandten jeweils die gewieftesten Unterhändler ihrer Familien. Mehr als zwei Wochen lang wurde über das Brautgeld verhandelt. „Es wird gefeilscht wie auf dem Basar“, sagt Ziqubu, „mit allen Tricks.“ Gelegentlich stürme auch einer aus dem Raum und drohe, die Hochzeit scheitern zu lassen.

Ein hoher Preis

Ab und an scheitert eine Hochzeit tatsächlich am Lobola. Jacob Zuma, Präsident der Regierungspartei ANC und vermutlich bald Staatspräsident, musste vor einigen Jahren eine Niederlage einstecken, als er sich um eine Prinzessin aus Swaziland bemühte. Die Königsfamilie jedoch war offensichtlich über den künftigen Schwiegersohn wenig entzückt. Entsprechend soll die Lobola-Forderung so hoch ausgefallen sein, dass selbst der vermögende Zuma passen musste. Doch der bekennende Polygamist hat ohnehin mindestens vier Ehefrauen und fast 20 Kinder, so dass er die Schlappe vermutlich gut verkraftet hat.

Männer wie Zuma mögen den Brautpreis, der längst nicht mehr in Tieren, sondern in bar beglichen wird, wie Trinkgeld bezahlen. Für Normalverdiener indes ist er eine große finanzielle Belastung. Der Höchstpreis für eine Braut sind in vielen Stämmen elf Kühe, wobei der Wert einer Kuh zwischen 50 und 400 Euro schwankt. Hat sich ein junger Mann ausgerechnet in eine Königstochter verliebt, können bis zu 100 Kühe fällig werden. Wie viel eine Frau wert ist, hängt von vielerlei ab, etwa von ihrer Herkunft, ihrer Ausbildung oder der Zahl der Kinder, die sie in die Ehe mitbringt. Mabusi etwa erhielt eine Kuh Abzug für ihren Sohn. Allerdings hatte Sphiwe als Vater schon bei dessen Geburt eine Kuh Schadensersatz gezahlt.

Trend zur wilden Ehe

Die hohen Kosten – neben dem Brautgeld muss der Bräutigam die gesamte Familie der Braut beschenken und Tiere zum Schlachten mitbringen – führen dazu, dass viele schwarze Südafrikaner spät oder gar nicht heiraten. „Das Lobola hat den positiven Nebeneffekt, dass junge Verliebte nicht überstürzt eine Ehe eingehen“, sagt Ngubane. Kritiker indes sehen den Trend zur wilden Ehe mit Sorge. Bisweilen verleitet der Brauch Heiratswillige auch zu wenig edlen Taten.

Jüngst war von einem Mann zu lesen, der einen Raubüberfall verüben ließ, um das Brautgeld wiederzubekommen. Ein anderer versuchte, sich das Glück seines Lebens mit gefälschten Banknoten zu erkaufen. Solche Einfälle rufen bei Sphiwe nur Kopfschütten hervor. Ihn hätten die Kosten für seine „wunderschöne Ehefrau“ nie geschreckt, sagt er. Gleich nach dem Ende der Schulausbildung habe er angefangen zu sparen, obwohl er damals noch keine konkreten Heiratspläne hatte. Und mit der traditionellen Zeremonie ist die Sparerei nicht zu Ende. Bald wollen die beiden nach westlicher Manier auch „in Weiß“ heiraten. Auch das wird wohl ein teurer Balanceakt zwischen Tradition und Moderne.

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