http://www.faz.net/-gum-z4sh

Hausunterricht-Verbot : „Wie in einer Diktatur“

  • -Aktualisiert am

Lernen 2.0: Marta, Salomé und Antonia (von links nach rechts) am heimischen Computer Bild: Andreas Müller

Für das Hausunterricht-Verbot gibt es kaum plausible Argumente. Auch sind die Gegner der deutschen Schulpflicht mitnichten immer nur religiöse Sektierer, wie das Beispiel der Familie K. in Österreich zeigt. Wozu also die Härte?

          Vor ein paar Jahren sind sie von Niedersachsen nach Österreich gezogen. Da wohnen sie jetzt in einem etwas schäbigen Haus kurz hinter der Grenze, zwanzig Kilometer von Passau entfernt. Vom Wohnzimmer aus kann man die Donau sehen, in der Ecke glimmt ein Holzofen. Anja K. trägt Gummischuhe an den Füßen, Marta einen Kater auf dem Arm. Der Kater heißt „Prinz“. Nichts Besonderes, so weit. Marta ist sieben Jahre alt, sie geht nicht zur Schule. Ihre Schwester Antonia ist zehn, sie geht auch nicht zur Schule. Das ist der Grund, warum Anja K. und ihr Mann Norbert mit den drei Töchtern hierhergekommen sind. Salomé, mit vier Jahren die Jüngste, wird später wohl ebenfalls nicht zur Schule gehen. Denn anders als in Deutschland herrscht in Österreich keine Schulpflicht, sondern nur Unterrichtspflicht. Klingt zwar irgendwie ähnlich, macht aber einen großen Unterschied.

          Seit vor wenigen Wochen das aus Baden-Württemberg stammende Ehepaar Romeike in Amerika politisches Asyl erhielt, weil es seine Kinder in Deutschland nicht zu Hause unterrichten darf, findet das Thema „Homeschooling“ wieder Beachtung. Die Romeikes sind bibeltreue Christen und erachten den staatlichen Schulunterricht als sittliche Gefährdung für ihren Nachwuchs. In den meisten Berichten über Schulverweigerer geht es denn auch um tiefreligiöse Elternhäuser, die ihre Kinder vor Irrlehren wie der Evolutionsgeschichte oder vor Sexualkunde schützen wollen. Man könnte auch sagen: Hierzulande denken viele erst mal an religiöse Spinner, wenn von Homeschooling die Rede ist. Eine Fehleinschätzung.

          Kinder als selbstbestimmte Wesen

          Anja und Norbert K. haben mit Religion nicht viel am Hut. Sie stehen für eine andere Strömung in der Homeschooling-Bewegung, „Freilerner“ trifft es vielleicht am besten. Die beiden sind studierte Sozialarbeiter und erfüllen das Klischee vom antiautoritären Gutmenschen ganz gut. Schule ist für sie Zwang, und Kinder sind selbstbestimmte Wesen, denen man das Wissen nicht in staatlichen Lehranstalten einbleuen sollte. Weil die Kinder nämlich so den Spaß am Lernen verlieren können. Weil es besser ist, sie entscheiden selbst, was interessant ist. Während Anja K. davon erzählt, dass es ihrer Tochter Antonia schlechtging, als sie anfangs noch die Schule besuchte, sitzt Antonia neben ihr und sagt „Stopp“, wenn sie findet, dass das jetzt zu weit geht. Dann unterbricht Anja K. ihre Rede, was eine vernünftige Unterhaltung nicht gerade einfach macht. Aber so haben sie es vereinbart, und Antonia findet sichtlich Spaß daran, ihrer Mutter immer wieder in die Parade zu fahren.

          Um dem Verbot des Homeschoolings in Deutschland zu entgehen, zog Familie K. nach Österreich
          Um dem Verbot des Homeschoolings in Deutschland zu entgehen, zog Familie K. nach Österreich :

          So viel ist dann aber doch zu erfahren: Antonia habe sich nicht wohl gefühlt in der Klasse, sei sogar krank geworden - Scharlach. Antonia selbst sagt: „Das hat mir dort einfach nicht gut gefallen, auch das frühe Aufstehen nicht.“ Es wäre wohl ein bisschen viel verlangt von einer Zehnjährigen, über die Erziehungsmethoden ihrer Eltern zu reflektieren. Aber reicht ein „Schule ist blöd“ als Argument, um von Selbstbestimmung zu reden? Später wird Antonia noch erzählen, dass sie die Klassengemeinschaft manchmal schon ein bisschen vermisse. Und von ihrer Mutter ist nebenbei zu hören, man fühle sich in dem österreichischen Dorf etwas ausgegrenzt. Dabei arbeitet Norbert K. sogar hauptberuflich bei der örtlichen Caritas. Das ganze Projekt wirkt auf den Besucher reichlich unausgegoren, und wer Argumente für die Schulpflicht sucht, würde sie bei der leicht randständigen Familie K. mit Sicherheit finden.

          Weitere Themen

          Du musst nicht lügen Video-Seite öffnen

          Facebook : Du musst nicht lügen

          Eigentlich sehen die Regeln von Facebook vor, dass ein Nutzer mindestens dreizehn Jahre alt sein muss. Jetzt präsentiert das Unternehmen eine Spezialversion seines Messengers für Kinder.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.

          Folgende Karrierechanchen könnten Sie interessieren: