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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hausaufgaben Mami, hilf mir!

 ·  Mit ihren Hausaufgaben sollen Kinder zeigen, was sie im Unterricht gelernt haben. Doch nur die wenigsten arbeiten zu Hause allein: Zwei von drei Elternpaaren helfen dem Nachwuchs. Doch tun sie den Kindern damit etwas Gutes, oder schaden sie ihnen sogar?

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© Frank Röth Lassen "geschönte" Aufgaben ein falsches Bild vom Wissensstand der Kinder entstehen?

Lennart, 11, ist ein ruhiges Kind mit vielen Interessen und guten Ideen. Er geht lächelnd zur Schule und kommt auch lächelnd wieder nach Hause - dreimal in der Woche um 14 Uhr, zweimal um 16 Uhr. Danach geht der Sechstklässler zum Tischtennis- und Trompetenunterricht, und am liebsten würde er sich nachmittags auch noch zum Spielen verabreden, aber das geht nicht. „Nur wenn ein Feiertag ist, ansonsten wird die Zeit meistens zu knapp“, seufzt seine Mutter Petra Veith*, von Beruf Lehrerin. Lennart muss was für die Schule tun, wenn er nach Hause kommt. Aber nicht nur er. Auch seine Mutter. Denn die hilft ihm. „Wir tun für jedes Hauptfach was und oft auch für die Nebenfächer, und wir lernen viele Vokabeln“, sagt die 43-Jährige, „insgesamt sicher drei Stunden am Tag, verteilt über Nachmittag und Abend, und am Wochenende geht es weiter.“

Ein Einzelfall? Keineswegs. Fast zwei Drittel aller Eltern erarbeiten den schulischen Lernstoff grundsätzlich gemeinsam mit ihren Kindern, ergab kürzlich eine repräsentative Umfrage der Universität Bielefeld. Und mehr als drei Viertel helfen bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten und Referate. Das gilt für Ganztagsschüler ebenso wie für Halbtagsschüler. Der nachmittägliche und abendliche Einsatz der Eltern als Förderlehrer scheint in vielen Familien selbstverständlich. So auch bei den Veiths: „Siebzig bis achtzig Prozent der Hausaufgaben sind direkt an die Eltern gerichtet, sie setzen deren Unterstützung voraus“, findet Mutter Petra. „Es ist ein ganz elitäres System. Es gibt sicherlich Hochbegabte, die allein klarkommen. Ein normal intelligentes Kind steht sehr unter Druck, selbst wenn es fleißig ist und Unterstützung von den Eltern hat.“

Auch Meike Bergmann, eine Ärztin, die ihren Traumjob in einer Klinik mit dem Ende des Mutterschutzes verlor und inzwischen an einer Schule in Teilzeit arbeitet, glaubt: „Das eigentliche Lernen findet ausschließlich zu Hause statt.“ Ihre Tochter Sophie, ebenfalls Sechstklässlerin, erfährt von ihr eine allumfassende außerschulische Betreuung, denn sonst „würde sie im Chaos ihrer Mappen und Zettel ersticken, sie wäre nicht die gute Schülerin, die sie jetzt ist, und ich bezweifele, ob ihre Motivation, sich zu organisieren und zu üben, ausreichen würde, sie auf dem Gymnasium oder auch nur auf einer Realschule zu halten.“

„Eltern sind sehr emotional“

Ulrich Trautwein, Professor für empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, kennt solche Argumente zur Genüge. Er weiß: „Eltern sind sehr emotional - wenn das Kind was nicht kann, verzweifeln sie und empfinden Schulprobleme als Kränkung und eigenes Versagen, vor allem, wenn das Kind ihr einziges und wichtigstes Projekt ist.“ Doch täten Eltern, die ihr Kind systematisch beim Lernen unterstützen, ihrem Nachwuchs damit in der Regel keinen Gefallen: Systematische Untersuchungen an Schülern aller Schulformen zwischen der fünften und der neunten Klasse hätten ergeben, dass „elterliche Zwangsbetreuung am Nachmittag“ nichts bringe und sogar schaden könne, wenn sie ohne Bitten des Kindes zustande komme. Insgesamt gesehen führe permanente Hilfe längerfristig oft zu einer Leistungsverschlechterung. Trautwein sagt: „Jeder kennt Fälle, in denen Kinder durch elterliche Hilfe besser in der Schule geworden sind. Im statistischen Mittel ist aber öfter das Gegenteil der Fall.“

Und zwar vor allem dann, wenn es beim gemeinsamen Lernen häufig zu Streit oder Tränen kommt, oder wenn die Eltern augenrollend sagen: „Ich weiß nicht, was daran so schwer ist.“ Dann nämlich leidet das Selbstbewusstsein des Kindes, und seine Motivation schwindet. „Ich mache seit zwanzig Jahren Elternabende - was da an Beziehungen zerstört werden kann über die Hausaufgabenhilfe, und bringen tut sie oft gar nichts“, sagt Britta Kohler, Erziehungswissenschaftlerin und Autorin des Buches „Hausaufgaben. Helfen - aber wie?“.

Aufrichtiges Interesse der Eltern sei hingegen gut, nach dem Motto: Was macht ihr in der Schule? Erklär mir doch mal, was du gelernt hast. „Es hängt von der Art der Hilfe ab, ob sie nützt oder schadet“, sagt Kohler, „aber ein ständiges Danebensitzen ist in jedem Fall kontraproduktiv: Was passiert, wenn das Kind morgens in der Schule sitzt und weiß, nachmittags erklärt mir jemand alles noch mal? Hört es dann vormittags überhaupt zu? Ein selbständiges Lernen am Vormittag ist so doch gar nicht mehr nötig.“

Sophies Mutter Meike Bergmann, die sich als Anhängerin von Montessori und Humboldt bezeichnet und überzeugt ist, dass man einem Kind nicht alles abnehmen und vorkauen sollte, hilft dennoch am Nachmittag. Und zwar aus dem Gefühl heraus, dass ihre Tochter ihre Hilfe braucht: „Motivation lässt sich nun mal nicht mit schlechten Noten erzielen.“ Immer mehr werde von den Kindern in immer weniger Zeit verlangt, zu viele Dinge würden zur gleichen Zeit auf sie niederprasseln, kreatives und freudvolles Lernen komme zu kurz. Da will und kann sie sich als Mutter nicht einfach zurücklehnen und sagen: „Sieh zu, wie du klarkommst.“

Mehr als 47 Stunden reine Lernzeit bringt Sophie daher jede Woche hinter sich, für Sport bleibt keine Zeit, denn ihre knappe Freizeit will sie nicht auch noch für organisierte Aktivität opfern. Auch ans Tageslicht kommt sie zumindest im Winter selten, stattdessen bespricht die Mutter den Unterrichtsstoff mit ihr, lässt sie erklären, erklärt selbst und fragt ab. Gelegentlich stellt sie ihr auch selbsterdachte Aufgaben oder sucht kleine Filme im Internet, die ihr helfen könnten.

„Ich fungiere als Kameltreiberin, sie mault“

“Mein Mann und ich müssen aufpassen, nicht zu detailverliebt zu dozieren“, merkt sie selbstkritisch an, „und ich muss darauf achten, nicht ungerecht zu werden, weil ich meine Vollzeittätigkeit und soziale Anerkennung vermisse.“ Besonders anstrengend und spannungsgeladen werde es immer dann, wenn mehrere Klassenarbeiten anstünden, für die sie mit Sophie noch neben den Hausaufgaben üben müsse. Und alles in allem zeige Sophie wenig Lernlust. „Ich fungiere als Kameltreiberin, sie mault.“

Auch Petra Veith sitzt jeden Nachmittag neben ihrem Sohn Lennart. „Er bittet mich um Hilfe, weil er so schwere Hausaufgaben auf hat, dass er sie nicht allein bewältigen kann“, sagt sie, „und ich fühle mich moralisch verpflichtet, meinem Kind zu helfen.“ Und doch findet sie die Situation unbefriedigend, und zwar für die ganze Familie. „Es ist schade, es ist so wichtig, dass die Kinder draußen spielen, aber das tut Lennart viel zu selten. Er musste in den Ferien 130 Seiten lesen, eine Englischarbeit vorbereiten und für seinen Deutsch-Förderunterricht lernen. Am Ende sagte er: ,Mama, weißt du was, ich hab gar keine Zeit mehr, über mein Leben nachzudenken.’ Da hat er recht.“

Und noch etwas bleibt auf der Strecke, wenn das Kind Hausaufgaben und Klassenarbeitsvorbereitung mit Hilfe der Eltern macht: die Eigenverantwortlichkeit. „Die Eltern nehmen dem Kind die Möglichkeit, Eigenständigkeit und Selbstvertrauen zu lernen und die Konsequenzen seines Handelns zu spüren. Damit nehmen sie ihm eine wichtige Chance der Entwicklung auf dem Weg zum Erwachsenwerden“, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Kohler. Professor Trautwein ist ebenfalls überzeugt, dass Hausaufgaben den Zweck haben, „dass man selbstregulativ mit seinen schulischen Aufgaben und Zumutungen umgeht und die Arbeitsphasen selbständig plant. Vereinfacht gesagt: Wenn einem da immer jemand reinquatscht, wird das unmöglich.“

Viele Eltern sehen indes gar keine andere Möglichkeit, als ihr Kind außerschulisch zu unterstützen: „Alle Eltern helfen doch“, heißt es dann, „wenn unser Kind als eines der wenigen keine Unterstützung bekommt, kommt das einer Wettbewerbsverzerrung gleich.“ Das stimmt, auch wenn das niemand wahrhaben will. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Direktor eines Gymnasiums im niederbayerischen Vilsbiburg, klagt: „Wenn sich alle Eltern dran halten würden, den Kindern bei den Hausaufgaben nicht zu helfen - das wäre gut.“

In Rundbriefen und auf Elternabenden predigt er das, immer verbunden mit dem Hinweis, dass Hausaufgaben schließlich nicht benotet würden, und dass die Lehrer ein falsches Bild vom Wissensstand der Kinder bekämen, wenn die mit „geschönten“ Hausaufgaben in den Unterricht kämen. Allein, nützen tut es wenig. Meike Bergmann jedenfalls kann nur „laut und bitter lachen“, wenn sie hört, dass sich alles von selbst regeln werde, sofern sie sich einfach heraushalte.

Auch ohne Hausaufgabenhilfe aber können Eltern einiges dafür tun, um ihr Kind für die Schule zu stärken: ihm vermitteln, dass es positive Folgen hat, wenn es sich anstrengt, und ihm Selbstvertrauen geben. Forschungsergebnisse zeigen, dass eine positive Einstellung zur Schule neben der Intelligenz des Kindes mitentscheidend für schulischen Erfolg ist. „Elternunterstützung ist dann wirkungsvoll, wenn sie das Kind motiviert, sich anzustrengen: Es sollte eine überfachliche Förderung und Begleitung sein“, sagt Markus Neuenschwander, Professor für pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Wer hingegen zu viel fachlichen Druck auf das Kind ausübe, werde scheitern: „Man kann ein Verhalten erzwingen, also ein In-die-Bücher-Starren. Aber nicht das Lernen. Das Kind kann sich immer verweigern.“

„Das Kind funktioniert nur noch“

Machen also alle Eltern etwas falsch, die ihren Kindern regelmäßig bei den Hausaufgaben und bei der Vorbereitung von Klassenarbeiten helfen? „Nein“, sagt Michael Borg-Laufs, Professor für psychosoziale Arbeit mit Kindern an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Zwar denkt auch er, dass die Kinder ihre schulischen Arbeiten allein regeln sollten. Aber nicht alle Kinder seien gleich, manche müssten „da herangeführt werden“, nicht nur nach der Einschulung, sondern gerade auch nach einem Wechsel in die weiterführende Schule, wenn sie sich an neue Herausforderungen gewöhnen müssten. „Manche Kinder brauchen mehr Struktur und Orientierung und mehr Bestätigung von außen als andere. Diese Kinder brauchen Eltern, die helfen, wenn sie Hilfe brauchen. Es wäre für sie eine Überforderung, wenn man sie allein ließe, und das hat nichts damit zu tun, dass sie den schulischen Stoff nicht verstehen“, sagt er. Davon, die Hilfe aufzudrängen, hält er allerdings ebenfalls nichts.

Von dem permanenten Druck haben manche Familien jedenfalls genug. Petra Veith und ihr Mann überlegen ernsthaft, ob Lennart im Sommer nicht auf die Realschule wechseln soll. „Wir sind da gerade in einem Prozess. Das mache ich so jedenfalls nicht bis zum Abitur“, sagt sie. „Das Kind funktioniert nur noch, das ist doch keine Kindheit.“

Auch Meike Bergmann liebäugelt mit einem Schulwechsel, und zwar ins Ausland: „Wenn sich nichts ändert, werden wir Sophie anbieten, das Land in Richtung Amerika oder England zu verlassen, damit sie ihren Schulabschluss dort machen kann. Der Sohn einer Freundin hat das kürzlich getan. Er war des deutschen Systems überdrüssig und hat sich in England zu einem hochmotivierten und zufriedenen Spitzenschüler gemausert.“ Dem deutschen Schulsystem wirft sie vor, es fördere jene, die ohnehin privilegiert sind, und vernachlässige die, deren Eltern weder Zeit noch Geld haben, um Bildung zu fördern.

Doch gibt es natürlich auch Kinder, die ganz unabhängig von den Eltern ihren Weg gehen: Der zwölfjährige Malte Schäpermeier aus Münster etwa schreibt nur Einsen, er lernt gern und freiwillig, zwei Stunden am Tag. „Noch nie“ hat seine Mutter Bianca Oelck mit ihm gelernt oder „irgendwas nachgeguckt“. „Es könnte daran liegen, dass wir überhaupt keinen Druck ausüben“, vermutet Oelck. Für wahrscheinlicher aber hält sie etwas anderes: dass Malte hochbegabt ist.

* Die Namen der Familienmitglieder wurden geändert.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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