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Veröffentlicht: 04.08.2012, 19:22 Uhr

Geschlechterklischees Eine Kindheit ganz in Pink

Prinzessinnen für Mädchen, Dinosaurier für Jungs: Beim Spielzeug werden schon sehr früh Geschlechterklischees bedient. Die seien eben da, sagt die Industrie. Wo führt das hin?, fragen Eltern dagegen.

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© Dieter Rüchel „Geeignet ab Geburt“: Teil des Sets „Meine erste Handtasche“ eines amerikanischen Herstellers

Die Plakate sind so groß, dass sich fast die Frage stellt, ob es sich um eine Verheißung oder eine Drohung handelt. „Ei love Rosa“ steht auf haushohen Transparenten, die neuerdings in den deutschen Innenstädten hängen; Litfaßsäulen in der Grundfarbe von Erdbeereis sind mit Herzen und Blumen in Fliedertönen dekoriert, darauf prangen - gigantische Überraschungseier. Aufschrift: „nur für Mädchen“.

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Wirklich überrascht ist keiner. Selbst Mütter und Väter, die in den Siebzigern in identischen rot-blauen Nickipullovern auf Bäume geklettert sind, stehen vor dem Phänomen, dass der eigene Nachwuchs im 21. Jahrhundert konsequent Geschlechterklischees zelebriert: Vierjährige Jungen spielen wahlweise Tyrannosaurus, Tiger oder Torwart, während die von der Oma geschenkte Puppe unten in einer Kiste schmort. Fünfjährige Mädchen bestehen bei der Wahl ihres ersten Fahrrads partout auf dem blassrosa Modell von „Prinzessin Lillifee“. Undenkbar, so ein Rad an den jüngeren Bruder weiterzureichen. Nicht einmal die Hosen seiner Schwester kann er auftragen. Die Schnitte sind einfach zu verschieden.

„Gender-Apartheid in der Spielwarenwelt“

Wer seinem Erstklässler dieser Tage einen Schulranzen kaufen will, stellt fest: Entweder ist ein Tornister blau-grün-schwarz mit Motorrädern, Raumfahrern oder Superhelden darauf. Oder er ist rot-pink-orange mit Pferden, Glitzer, Feen. Die Kategorie „Kind“ hat ausgesorgt, es gibt nur noch Jungen und Mädchen. Selbst nach dem einzigen neutralen Ranzen im Kaufhaus, gelb und mit Disneys „König der Löwen“ verziert, haben laut Verkäuferin bisher nur Jungs gegriffen. Aber der steht auch zwischen Sauriermotiven und Spiderman.

“Wir haben einen Riesen-Backlash“, schimpft Stevie Schmiedel und hebt an zu einer Tirade gegen eine Entwicklung, die sie „Pinkifizierung“ nennt. Bisher hatte man den Eindruck, dass sich selbst Eltern mit einer Abneigung gegen die Farbe Rosa fast widerstandslos ergaben, wenn sich die Zimmer ihrer Töchter zunehmend in Himbeerhöllen verwandelten. Jetzt hat die Hamburgerin Schmiedel „Pinkstinks Germany“ gegründet. Vorbild ist eine britische Initiative, die seit knapp drei Jahren mit großer Resonanz den Geschlechterwahn bei Kinderprodukten anprangert. Derzeit weist die englische Homepage darauf hin, dass schon Babys mit Schminktäschchen und Werkzeugkoffern aus Plüsch beglückt werden sollen. Schmiedel spricht von „Gender-Apartheid in der Spielwarenwelt“. Sie sagt: „Rosa steht für niedlich, modebewusst und sexy. Das ist eine limitierte Version von Mädchensein.“

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Ferrero versucht, solche Kritik zu entkräften. Der Presseerklärung zum neuen Ü-Ei sind Statements des Marktforschers Axel Dammler beigefügt. „Ja - es ist rosa“, heißt es da entschuldigend, „die Überraschungen umfassen natürlich auch stereotype Mädchen-Themen. Aber das ,Mädchen-Ei’ bietet coolen Mehrwert.“

Dammler, Chef von Iconkids & Youth, erforscht seit zwanzig Jahren die Vorlieben von Kindern und Jugendlichen. Er kennt aber auch die Bedürfnisse des Spielzeugmarkts, der, so Dammler, schon immer stark zwischen Jungen und Mädchen unterschieden habe - Autos für die einen, Puppen für die anderen. Was zugenommen habe in den vergangenen zehn Jahren, seien geschlechtsspezifische „Designcodes“. „Das ist die Konsequenz eines gesättigten Marktes“, sagt Dammler am Telefon: Wo der Kuchen verteilt sei, setzten Unternehmen auf alters- und geschlechtsspezifische Nischen, um doch ein Stück zu ergattern. So kommt es, dass im Kaufhausregal mit Sandspielzeug zwischen gelben Eimern und blauen Schippen ein Buddelset in Brombeer steht: Bestimmt findet’s irgendeine Tante süß und kauft’s. „So läuft dann die Prägung ab“, sagt Dammler.

Frei nach dem Schema einer Daily Soap

In der unendlichen Debatte über angeborene versus anerzogene Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen vertritt der Marktforscher den verbreiteten, für die Industrie bequemen Standpunkt: Sie sind einfach da. Jungs gehe es um Status. Sie wollten sich messen, liebten physische Präsenz und Stärke und identifizierten sich deshalb mit Actionhelden. Mädchen hingegen könnten mit Einzelkämpfern nichts anfangen. Ihre Lieblingsfiguren seien Teamplayer und reflektierten die eigene Rolle.

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